kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Die Toleranz im islamischen Spanien ist ein Mythos 27. Mai 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 22:52

Es bleibt eine verlockende Idee: eine tolerante Gesellschaft, in der Völker mit verschiedenen Sitten, Sprachen und Religionen friedlich zusammenleben. Gerade in unserer Zeit hat sie eine außerordentliche Anziehungskraft. Dabei herrscht die weit verbreitete Vorstellung, daß sich im mittelalterlichen Spanien eine solche geradezu ideale multikulturelle und gemischtreligiöse Gesellschaft herausgebildet habe, in der drei Kulturen, die christliche, die muslimische und die jüdische, in relativer Harmonie zusammenlebten. Dort habe es, anders als im homogenen (gleichgesinnten) und monolithischen (einheitlichen) christlichen Europa nördlich der Pyrenäen, Toleranz und Verständnis füreinander gegeben.

       Nicht wenige Politiker und Intellektuelle sehen darin ein Modell, um den wachsenden Problemen der Integration von Einwanderern aus anderen Kulturkreisen zu begegnen. Obwohl es Ansätze dafür auch in den christlichen spanischen Reichen gegeben hat, glaubt man dieses geradezu idyllische Profil vor allem im muslimischen (süd-spanischen) Andalusien vorzufinden. Doch diese Vorstellung einer Gesellschaft dreier verschiedener, sich gegenseitig respektierender Kulturen ist ein Mythos, ein Gemeinplatz, der nicht der historischen Realität entspricht. Auf den ersten Blick deutet manches im mittelalterlichen Spanien tatsächlich auf eine „convivencia – ein friedliches Zusammenleben“ zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen hin. Die politische Struktur im muslimischen Spanien ermöglichte es Christen und Juden, ihre Identität auch unter muslimischer Herrschaft zu bewahren. Eine gewisse Teilhabe der Unterworfenen an den Geschicken des Landes innerhalb der muslimischen Verwaltung war weiterhin möglich. Diese Haltung gegenüber den religiösen Minderheiten basierte auf dem Koran, der Muslimen vorschreibt, die Mitglieder der monotheistischen Religionen (Christentum und Judentum) zu respektieren. Christen und Juden galten somit als geschützte Minderheiten, als sogenannte „Dhimmis – ein Dhimmi ist ein nichtmuslimischer „Schutzbefohlener“ bzw. Untergebener“.

Der politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Status der Christen und der Juden in Alandalus war aber dennoch von Ausgrenzung und Minderwertigkeit geprägt. Entscheidende Positionen, beispielsweise Führungsaufgaben im Heer oder in der politischen Administration, blieben Christen und Juden verwehrt. Wenn gegen diese Regel verstoßen wurde, kam es mitunter zu Protesten der muslimischen Bevölkerung, die zur Absetzung, manchmal sogar zum Tod des Emporkömmlings führen konnten. Insbesondere das Steuerrecht spiegelte die gesellschaftliche Benachteiligung wider: Christen und Juden zahlten spezifische Steuern (die Dschizya = Tribut oder Kopfsteuer), eine Individualsteuer, und eine Grundsteuer, die sehr viel drückender waren als diejenigen Steuern, die den Muslimen auferlegt waren. {Die Erhebung der Dschizya von der unterworfenen nichtmuslimischen Bevölkerung, sofern es sich um so genannte Schriftbesitzer (Bibel), also um Juden und Christen, handelt, gründet sich auf den Koran: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören, von denen, die die Schrift erhalten haben, (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten“ (Sure Altauba:29)}.

       Hinzu kamen allerlei Herabsetzungen und Schikanen. So war es den christlichen und jüdischen Gemeinden verboten, ihre Religion öffentlich sichtbar auszuüben z.B. durch das Läuten der Glocken und das Abhalten von Prozessionen oder durch den Bau neuer Gotteshäuser. Strikt verboten war ihnen, ihre Ansichten über Religion öffentlich zu äußern. Kleidervorschriften dienten dazu, die „Dhimmis“ in der Öffentlichkeit eindeutig von den Muslimen zu unterscheiden. {Die Dhimmis durften keine Waffen tragen, sie waren wehrunfähig, somit keine vollwertigen Männer. Christen und Juden mussten besondere Farben oder Kleidungsstücke tragen. Diese Diskriminierung führte zum Judenstern, um als „Dhimmi“ (Schutzbefohlener) kenntlich zu sein. Sie durften nicht auf Pferden reiten, sondern nur auf Eseln, damit sie ständig an ihre Erniedrigung erinnert wurden. (Im 19. Jahrhundert durften ägyptische Kopten zwar Pferde benutzen, aber nur wenn sie rückwärts aufsaßen, mit dem Gesicht nach hinten)}. Sie zahlten einen Tribut (Jizya bzw. Dschizya), den sie persönlich entrichteten, wobei sie einen Schlag an den Kopf erhielten. Sie mussten sich von Muslimen schlagen lassen, ohne sich wehren zu dürfen. Schlug ein „Dhimmi“ zurück, dann wurde ihm die Hand abgehackt, oder er wurde hingerichtet. Die Zeugenaussage eines „Dhimmi“ galt nicht gegen Muslime. Diese brauchten für Vergehen an einem „Dhimmi“ nur die halbe Strafe zu tragen. Wegen eines solchen Unterworfenen konnten sie nicht hingerichtet werden. Umgekehrt waren grausamste Hinrichtungsarten überwiegend den „Dhimmi“ vorbehalten.

Unklar ist, ob diese Bestimmungen in der Zeit des Kalifats (929-1031) durchgesetzt wurden. Doch für das 12. Jahrhundert ist belegt, daß Christen und Juden einen Gürtel, den sogenannten „Zinnar“, tragen mussten, während den Juden im islamischen Granada eine gelbe Mütze oder eine andere gelbe Kennzeichnung sowie besondere Kleidung vorgeschrieben war. Jede auch nur äußerliche Unterordnung eines Muslimen gegenüber einem Christen oder Juden war verboten, wie sich auch Christen und Juden keinerlei Zeichen eines höheren Ranges wie z.B. Waffentragen oder auf einem Pferd Reiten anmaßen durften. Ehen zwischen muslimischen Männern und christlichen Frauen waren erlaubt, aber die Kinder dieser Verbindung galten als Muslime. Umgekehrt war die Ehe zwischen einem christlichen Mann und einer muslimische Frau untersagt. Es ließen sich weitere Beispiele für diskriminierende Sanktionen und entehrende Bilder aufzählen. Manchmal wurden Christen und Juden mit Aussätzigen verglichen.

       Auch wenn viele dieser diskriminierenden Gesetze nicht strikt befolgt wurden: Die pure Existenz dieser Vorschriften zeugt von einem grundsätzlichen Misstrauen, von Geringschätzung, Feindseligkeit und Vorurteil der Muslime gegenüber dem „Anderen“ (Ungläubigen). Während der Herrschaft der nordafrikanischen Almoraviden* und Almohaden* über das muslimische Spanien im 11. und 12. Jahrhundert mündete diese Grundhaltung sogar in Zwangsbekehrungen, in Deportationen (Verbannung, Ausweisung) und in massenhaften Emigrationen (Flucht, Auswanderung) in das (nord-spanische) christliche Spanien (Asturien). {Die Almoraviden sind eine nordafrikanische Berberdynastie in Mauretanien, Marokko und Algerien. Sie drangen 1086 auf Ersuchen der muslimischen Fürsten von Andalusien in Spanien ein, die vom christlich spanischen König Alfonso VI. zur Rückeroberung, der Reconquista, Spaniens angegriffen wurden. Die Almoraviden besiegten die spanischen Christen und verankerten bis 1090 ihre Herrschaft und die malikite islamische Schule im islamischen Al-Andalus. Die Almohaden waren eine Berber-Dynastie (1147–1269) im Maghreb (Tunesien, Algerien und Marokko, teilweise auch Libyen und Mauretanien) und im spanischen Al-Andalus. Die Almohaden eroberten unter dem Kalifen Abd Al-Mumin im Jahre 1148 Al-Andalus und stürzten damit die Dynastie der Almoraviden}.

Als weiteres Argument für die Vorstellung, daß es im mittelalterlichen Spanien eine tolerante und offene Gesellschaft gegeben habe, gelten die Kulturleistungen. Zwischen iberischen Christen und Muslimen, und in geringerem Umfang zwischen diesen und der jüdischen Bevölkerung, hat es einen intensiven kulturellen Austausch gegeben. Dazu gehören der fruchtbare Einfluss des Arabischen auf die kastilische Sprache sowie der Einfluss der islamischen Kunst auf die christliche, der zu einer eigenen Kunstrichtung führte, dem sogenannten „Mudejar-Stil“. Doch es ist ein Irrtum, kulturellen Austausch mit „convivencia – friedlichem Zusammenleben“ und Toleranz gleichzusetzen. Gleichheit oder Respekt sind dafür keine zwingende Voraussetzung. Die Herrschaft einer Gemeinschaft über eine andere, die Marginalisierung (Ausgrenzung), Intoleranz oder sogar Verfolgung und Versklavung einer Gruppe (der Juden und Christen) waren niemals ein Hindernis für kulturellen Austausch.

Ähnlich verhält es sich mit den Institutionen, die im mittelalterlichen Spanien einer friedlichen Lösung von Konflikten zwischen den Nachbarn verschiedener Religion auf beiden Seiten der Grenze dienten. Denn wir dürfen nicht die wahre Natur der Beziehungen verkennen, die jene Institutionen zu normalisieren versuchten: Wenn es friedliche Vermittlungsinstanzen gab, dann eben deshalb, weil Aggression, Raub, Verschleppung und Versklavung sowie Mordtaten an der Tagesordnung waren. Von daher erscheinen jene Institutionen viel weniger ein Argument für die Existenz guter nachbarschaftlicher Beziehungen, als vielmehr für die gewalttätige Natur der Beziehungen, die sie zu regeln versuchten. {Mir hebt der Autor etwas zu sehr das friedliche Miteinander hervor. Schließlich trug das Verhältnis der Muslime zu den Nichtmuslimen sehr despotische Züge, die stets von Unterdrückung, Ausbeutung und brutalen Überfällen auf christlichen Städte gekennzeichnet waren. Die Zwangsbesteuerung der christlichen und jüdischen Ureinwohner Spaniens durch die Muslime erreichte ein derart hohes und unerträgliches Niveau, dass sich Hunderttausende Christen und Juden zum Islam bekehrten, um dem Joch des existenzbedrohenden Steuertributs zu entgehen}.

Von Al-Andalus aus lancierten arabische Truppen und Banden regelmäßige Razzien (Raubzüge) bis tief ins Hinterland der christlichen „Barbaren“. Sie plünderten sich wiederholt durch das Rhonetal, terrorisierten Südfrankreich, besetzten Arles, Avignon, Nîmes, Narbonne, welches sie 793 in Brand setzten, verwüsteten 981 Zamora und deportierten 4.000 Gefangene. Vier Jahre darauf brannten sie Barcelona nieder, töteten oder versklavten sämtliche Bewohner, verwüsteten 987 das portugiesische Coimbra, welches daraufhin sieben Jahre lang unbewohnt blieb und zerstörten Leon mitsamt Umgebung. Verantwortlich für die Zerstörung von Leon war der Amiriden-Herrscher Al-Mansur, „der Siegreiche“ (981–1002), bekannt geworden dafür, dass er alle philosophischen Bücher, deren er habhaft werden konnte, verbrannte, und der während seiner Regentschaft rund fünfzig Feldzüge anführte, regelmäßig einen im Frühling und einen im Herbst. Sein berühmtester wurde jener von 997 gegen die heilige Pilgerstadt Santiago de Compostela. Nachdem er sie dem Erdboden gleichgemacht hatte, traten ein paar tausend christliche Überlebende den Marsch in die Sklaverei an.

Nicht zuletzt waren die Weltanschauungen, die auf beiden Seiten den kriegerischen Zusammenprall rechtfertigten und belebten, der Djihad (Heilige Krieg) auf der islamischen und die „Reconquista“ (die Rückeroberung des christlichen Spanien) auf der christlichen Seite, totalitäre Konzeptionen, die darauf angelegt waren, den Feind zu zerstören und nicht darauf, mit ihm zu paktieren oder zusammenzuleben [Der Autor tut gerade so, als ob der Islam ein Interesse an einer Zusammenarbeit mit den Christen gehabt hätte. Der Islam will die Weltherrschaft, das sagt schon Sure 9,29 aus: „kämpft gegen sie, bis sie kleinlaut aus der Hand den Tribut entrichten“. Schließlich waren die Muslime nicht als geladene Gäste nach Spanien gekommen, sondern als Eroberer, die Spanien dem Islam unterwarfen und die Nichtmuslime als Menschen zweiter Klasse betrachtete und behandelte]. Die militärischen Unternehmungen des cordobesischen Herrschers Almanzor im 10. Jahrhundert oder die Djihad-Expeditionen der fundamentalistischen Almoraviden und Almohaden im 12. Jahrhundert gegen die christlichen Gebiete waren eine Entsprechung zu den Kreuzzügen der Christen in ihrem Kampf gegen den Islam. {Wenn der Autor sagt, dass die Kreuzzüge der Christen eine Entsprechung der militärischen Unternehmungen der Almoraviden und Almohaden im 12. Jahrhundert waren, dann vergisst er zu sagen, dass die Christen das Recht hatten, sich gegen die militärische Besetzung ihrer Heimat zur Wehr zu setzen. Er vergisst auch zu erwähnen, dass die muslimische Kolonisation insgesamt 1300 Jahre währte, nämlich von 600 n. Chr. bis in die Mitte der 1960er Jahre. Die westliche Kolonisierung in der Nähe von muslimischen Ländern dauerte dagegen nur 130 Jahre, ungefähr von 1830 bis 1960. Die Sklaverei lernten die Christen also von den Muslimen}.

Die christlichen Kreuzzüge fanden erst statt, nachdem die Muslime mehr als 400 Jahre lang christliche Länder überfallen hatten. Sie ermordeten die Christen oder zwangen sie, den Islam anzunehmen. Dabei überfielen muslimische Truppen Palästina, Syrien, Jordanien, Israel, Marokko, Ägypten, Tunesien, Algerien, Libyen, Iran, Irak, Spanien, Portugal, Teile Frankreichs, Sizilien, Griechenland, Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien, Armenien, die Türkei (Byzanz), Zypern, Indien, China und Pakistan.

Aus alledem läßt sich schließen, daß die Beziehungen zwischen Christen, Muslimen und Juden in ihrer Gesamtheit kaum von Toleranz zeugen, zumindest nicht im Sinne des Verständnisses, das wir heutzutage von diesen Konzepten haben. Unbestreitbar hat es kulturelle Anleihen und Einflüsse und friedliche wirtschaftliche Beziehungen gegeben, aber keine Beziehungen auf der Basis von Gleichheit und voller Akzeptanz der Unterschiede. Die Koexistenz (das friedliche aber unabhängige Nebeneinander) der verschiedenen Gemeinschaften war relativ, denn zugleich wurden die persönlichen, familiären und politischen Kontakte zwischen ihnen immer wieder behindert oder sogar verhindert. Vor diesem Hintergrund wirkt die idyllische Vorstellung eines muslimischen Spaniens als Treffpunkt dreier Kulturen eher wie die Antwort auf ein aktuelles Bedürfnis. Die Modelle für interkulturelle Beziehungen, die unsere Gesellschaft benötigt, sollten nicht im Mittelalter gesucht werden. Denn was man dort findet, ist die Kehrseite: eine Politik der Ausgrenzung, die schließlich in Gewalt und Vertreibung mündete.

Der Autor ist Professor Francisco Garcia Fitz für Mittelalterliche Geschichte an der Universität von Extremadura in Cáceres (Spanien). Übersetzung: Alexander Bronisch.

 

2 Responses to “Die Toleranz im islamischen Spanien ist ein Mythos”

  1. Georg Reime Says:

    Hervorragender, sehr sachlich gehaltener und gut übersetzter Artikel, der allen Verkündern des „friedlichen, harmonischen und von gegenseitiger Achtung geprägten Zusammenlebens verschiedener Religionen“ im mittelaterlichen Al Andaluse zugänglich gemacht werden sollte! Ich denke dabei besonders an einige unserer „öffentlich rechtlichen Sender“, allen voran Phoenix, die neuerdings in ihren Dokumentationssendungen das zwar erstrebenswerte aber bisher nie realisierte Märchen von Al Andaluse als authentische Historie vermitteln.

    • Tanja Says:

      Sachlich? „Die Sklaverei lernten die Christen also von den Muslimen.“ Ich würde das eher unangenehm tendenziös nennen.
      „Schließlich waren die Muslime nicht als geladene Gäste nach Spanien gekommen, sondern als Eroberer, die Spanien dem Islam unterwarfen und die Nichtmuslime als Menschen zweiter Klasse betrachtete und behandelte.“ Ja, da fällt mir das ein oder andere Land in Afrika und Lateinamerika ein, das so etwas auch von uns Christen sagen könnte…


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