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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Rund 200.000 Straßenkinder leben derzeit in Kairo, Tendenz steigend 20. Januar 2011

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 22:19

Straßenkinder zählen in Ägypten zur ärmsten Bevölkerungsschicht. Sie wurden von ihrer Familie enttäuscht, von der Bevölkerung verstoßen und von der ägyptischen Regierung als Straffällige verurteilt und stark ausgegrenzt. Und dies, obwohl Kinder in der ägyptischen Gesellschaft geschätzt und verehrt werden. Sozioökonomische Faktoren wie die zunehmende Armut seit Beginn des Strukturanpassungsprogramms Anfang der 90er Jahre, zerbrechende traditionelle Familienstrukturen und ein mangelhaftes Schulsystem mit fragwürdigen Unterrichtsmethoden sowie eine starke Ausgrenzung von Kindern aus mittellosen Familien bilden die Hauptursachen für das Phänomen.

 

Faragh ist 15, sagt er. Doch er sieht viel älter aus. Sein Traum: in einem Zimmer zu wohnen und nicht mehr vor der Polizei flüchten zu müssen. Er kommt aus Ezbalt El Bagour. Seit drei Jahren lebt er auf der Straße, meistens in Helwan. Dort putzt er Autos und verdient rund 3-4 LE pro Tag. Täglich rauche er Zigaretten, doch Klebstoff schnüffle er nicht, meint er. Wie viele Straßenkinder sieht auch Faragh schmutzig aus. Er trägt eine graue Galabiya. Jeden Tag erhält er zusammen mit ca. 40 anderen Straßenkindern eine warme Mahlzeit in der Tagesstätte in Helwan. Er wäscht sich dort, sieht sich eine Videofilm an und betet mit den anderen Kindern. Am Abend muss er jedoch wieder zurück auf die Straße. Faragh zeigt seinen Schlafplatz, der kleine „Garten“ hinter der Tagesstätte. Wie viele Straßenkinder, so ist auch Faragh von zu Hause weggelaufen. Seine Eltern seien geschieden und hätten sich nicht mehr um ihn gekümmert, erzählt er. Nach der Scheidung seiner Eltern begann seine Mutter ihn zu schlagen. Sein Vater arbeite und lebe seitdem in Libyen, zusammen mit einer anderen Frau, berichtet er traurig.

 

 

Dies ist keine Einzelschicksal. Faraghs Leben ist beispielhaft für Straßenkinder in Kairo, obwohl die Straßenkinderproblematik relativ jung ist; erst Ende der 80er Jahre fand sie zum ersten Mal öffentliche Beachtung. Seitdem ist die Zahl der Straßenkinder drastisch angestiegen. Täglich kämpfen diese Kinder mit Hilfe von Gelegenheitsjobs um ihr Leben. Im letzten Jahr lebten laut Soziologen vor Ort rund 200.000 Straßenkinder in Kairo, Tendenz steigend. Folgen der wachsenden Zahl an Straßenkindern sind Kinder- und Jugendkriminalität sowie Kinderarbeit. Nach Angaben ägyptischer NGOs (Non Government Organisation) arbeiten etwa zwei Millionen Kinder in ganz Ägypten.

 

Wie alles Straßenkinder: Klebstoff schnüffeln

Wie alles Straßenkinder: Klebstoff schnüffeln

Obwohl der ägyptische Präsident Hosni Mubarak dieses Jahrzehnt (2000-2010) zum zweiten Male zum Jahrzehnt des Kindes erklärt hat, müssen den Worten auch Taten folgen. Seitens der Regierung werden zaghafte Schritte im Kampf gegen die Ausweitung der Straßenkinderproblematik unternommen, wie beispielsweise die Gründung des „National Council for Motherhood and Childhood“. Dieses hat zur Verminderung der Kinderarbeit ein Familienprogramm ins Leben gerufen. Sozial schwachen Familien sollen Darlehen und Zuschüsse gewährt und arbeitenden Kindern eine Schulausbildung und Gesundheitsversorgung zugesichert werden.

 

Andererseits werden Straßenkinder immer noch als Straffällige angesehen. Es wurden Kinder- und Jugendheime errichtet, die Straßenkinder in einer Art Ghetto, fernab der Gesellschaft, halten. Viele Nichtregierungsorganisationen plädieren für die Integration der Straßenkinder in die ägyptische Gesellschaft: Grundleistungen wie ein Zuhause, Nahrung und eine Gesundheitsversorgung sollten ihnen nicht verwehrt werden. In den bisher bestehenden Tagesstätten in Kairo können allerdings nur zwischen 300 und 500 Kinder betreut werden.

 

Ein Anstieg der Zahl der Straßenkinder in den kommenden Jahren scheint nach Angaben der von mir interviewten Experten vor Ort bereits vorhersehbar. Das Straßenkinderphänomen ist wie eine tickende Zeitbombe. Um zunehmenden Unmut und auch Aggressionen in der jungen Bevölkerung zu verhindern, sollte die Regierung zusammen mit Nichtregierungsorganisationen, Familien und auch Kindern ein langfristiges Konzept erarbeiten. Oberstes Ziel sollte es immer wieder sein, Straßenkinder aktiv in die ägyptische Gesellschaft zu integrieren und sie menschenwürdig und mit Achtung zu behandeln.

 

Manuela Gutberlet studierte Angewandte Wissenschaftssprachen und internationale Unternehmensführung an der Hochschule Bremen und schrieb über das Thema „Straßenkinder in Kairo“ ihre Diplomarbeit. Sie lebte neun Monate in Kairo, arbeitete als freie Reporterin für das deutsche Magazin Nil Express und für die Middle East Times, wo im Juni 2000 ihr Artikel „The forgotten children“ erschien. Manuela Gutberlet lebt als freie Journalistin in Bremen. {www.papyrus-magazin.de – von Manuela Gutberlet}

 

One Response to “Rund 200.000 Straßenkinder leben derzeit in Kairo, Tendenz steigend”

  1. halloibims Says:

    wie ist die allgemeine Situation in Ägypten bezüglich der Straßenkinder


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