kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Alles tot auf dem Nil 24. Mai 2012

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 17:33

Zuerst kommt die Demokratie, dann die Archäologie: Die Sphinxallee am Karnaktempel

Sechshundertfünfzig Sphinxstatuen und keine Schlange

 

 

Ein Jahr nach dem Ende der ägyptischen Revolution

kämpft besonders der Kreuzfahrttourismus

auf dem Nil immer noch mit dem schlechten Image des Landes.

 

 

Während der ITB im März, deren Partnerland Ägypten war, sorgte ein Hinterbänkler im Bundestag für Aufsehen mit dem Rat, aus ethischen und Sicherheitsgründen sollten Urlauber nicht in das islamische Land fahren. Zur selben Zeit fragte am Flughafen Hamburg jemand eine Stewardess am Abfluggate nach Hurghada neugierig, wo das denn liege. Am Roten Meer, da, wohin man jetzt nicht fliegt, lautete die flapsige Antwort. Gut ein Jahr nach dem Volksaufstand trägt das nordafrikanische Land noch immer schwer an den Folgen der Revolution Anfang des Jahres 2011. Um ein Drittel sei der Fremdenverkehr zurückgegangen, gab der zuständige Minister in Berlin zu. Das Schlimmste sei aber überstanden. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Während sich viele Urlauber in gut bewachten Strandhotels offenbar wieder recht sicher wähnen, sind Kreuzfahrten auf dem Nil, einst Inbegriff des Kulturtourismus mit Flair, um fünfundsiebzig Prozent eingebrochen.

 

 

Braucht man Mut, um hierherzukommen?

 

Nach der Landung in Luxor haben Urlauber also nicht nur leichte Sommerkleidung, sondern auch schwere Vorurteile im Gepäck. Viele berichten, man habe sie zu Hause ungläubig angeschaut, als sie ihr Ferienziel nannten. Noch vor kurzem wäre es ein Traumurlaub gewesen. Tempel, Pharaonen, Tod auf dem Nil mit Peter Ustinov als Hercule Poirot – kaum etwas regt die Phantasie so sehr an wie eine Reise auf dem berühmtesten Strom Afrikas. Nun scheint all das wie weggeblasen. Auf der kurzen Fahrt im Bus durch die Halbmillionenstadt flirrt Sonnenlicht durch Palmenkronen auf Luxors Alltag. Autos hupen, Handwerker arbeiten in ihren Werkstätten, Eselskarren ziehen vorbei. Nur wenige Menschen sind zu Fuß unterwegs, Ordnungskräfte kaum zu sehen. Alles ist ruhiger als früher. Braucht man wirklich Mut, um jetzt hierherzukommen? Hesham Hammad lächelt ein wenig gequält. Natürlich nicht, versichert der Reiseleiter auf der „Nile Smart“ und reicht den gerade auf dem Nilschiff Angekommenen einen Willkommenstrunk. Gewalt und Tote habe es nur in Kairo gegeben. Am Oberen Nil habe man von allem kaum etwas mitbekommen. Hier sei es so friedlich wie immer. Aber man könne sich ja nun selbst ein Bild machen auf der einwöchigen Reise. Die geht von Luxor nilauf nach Assuan und zurück. Der deutsche Veranstalter Phoenix, einer der Großen der Branche, hat neben der „Nile Smart“ vier Schiffe der Premiumklasse unter Vertrag. Ein weiteres Dutzend musste er allerdings erst einmal stilllegen. Der Klassiker, die eintausendsechshundert Kilometer lange Nilreise von Kairo nach Assuan, wurde vor einem Jahr eingestellt. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes sei der Todesstoß für die Hauptstadt gewesen, sagt Volkher Kirchhoff, Phoenix-Repräsentant in Ägypten. Doch ab September werde der vierzehntägige Törn von Kairo wieder aufgelegt. Dann hoffe man auf Rückkehr zur Normalität.

 

 

Kein Schubsen vor den Hieroglyphen

 

Die ist auch dringend nötig. Etwa dreihundert Kreuzfahrtschiffe gibt es. Zwei Drittel von ihnen dümpeln momentan nutzlos am Pier. In großen Städten wie Luxor und Assuan liegen sie oft zu viert oder zu fünft nebeneinander bis weit hinaus im Nilwasser. Deren Angestellte reihen sich ein ins Heer der Arbeitslosen. Ohne die Devisenbringer aus Europa und Nordamerika steht die Wirtschaft im Landesinneren nahezu still. Als James Bond durch Karnak zum Showdown mit dem Beißer schlich, war die größte Tempelanlage Ägyptens menschenleer – für Ägypten-Kenner ein völlig unglaubwürdiger Anblick. Viele Tausende Touristen schieben sich seit Jahrzehnten täglich durch die mächtigen Säulengänge des Amun-Re-Tempels, trotten in Pulks an der Phalanx der Widdergottstatuen vorbei, drängen sich vor Granitobelisken. Heute dagegen können Besucher eine Erfahrung machen, wie sie wohl den frühen Reisenden im Land der Pharaonen vorbehalten war. Denn der Ansturm auf die berühmten Ausgrabungsstätten ist überall überschaubar. Kein Schlangestehen vor Monumenten, kein Schubsen vor Hieroglyphentafeln. Und das nicht nur in der Anlage nördlich von Luxor, sondern in ganz Oberägypten.

 

 

Die Menschen lassen sich nichts mehr bieten

 

Yasser Adel, einer der drei hervorragend geschulten Guides der „Nile Smart“, besuchte das Goethe-Institut in Kairo und erklärt seiner Gruppe in geschliffenem Deutsch die zurzeit wichtigste Ausgrabungsstätte Ägyptens. Pharao Amenhotep III. baute die Sphinxallee, die von Luxor nach Karnak führt, vor 3400 Jahren. Die zweieinhalb Kilometer lange Straße wurde im Lauf der Jahrtausende unter Saharasand begraben. Über ihr wucherte die Stadt. Erst vor sechs Jahren begann die Freilegung. Sechshundertfünfzig Sphinxstatuen wurden bis heute ausgegraben und können besichtigt werden. Die Allee reicht bis zum berühmten Luxortempel. Allerdings stehen die Arbeiten, die längst abgeschlossen sein sollten, seit 2011 still. Um die Ausgrabung voranzutreiben, hatte das alte Regime die Bewohner der Gebäude darüber kurzerhand zwangsenteignet und begonnen, deren Häuser abzureißen. Nun fordern die Besitzer im Zuge demokratischer Reformen Schadensersatz vom Staat. Der ist allerdings pleite. Erste Konsequenz: die Abrissbirnen schweigen. Ob und wann das Leuchtturmprojekt jemals fertiggestellt wird, steht in den Sternen. Die Sphinxallee ist das Paradebeispiel für den Konflikt zwischen autoritärer Vergangenheit und der neuen Freiheit der Menschen, die sich nichts mehr bieten lassen. Denn während bei uns noch davor gezittert wird, ob radikale Salafisten das politische Steuer in Ägypten in die Hand nehmen, geht es den meisten Bewohnern im Land um etwas viel Schlichteres: die Anerkennung ihrer Bürgerrechte. Die wurden seit Jahrzehnten mit Füßen getreten von Mubaraks Regime und dessen Handlangern in Polizei und Militär. Das sei auch der Grund, sagt Fremdenführer Yasser, weshalb die Staatsmacht fast vollständig aus dem Alltag verschwunden ist. Deren Posten, die überall wie kleine Hochstände aus Beton an Straßen und Kreuzungen stehen, sind verwaist. Nur an strategischen Orten, die wie Fernstraßen oder der Assuan-Staudamm die nationale Sicherheit berühren, patrouilliert Militär. Ebenso bei touristischen Zentren wie Abu Simbel und dem Tal der Könige.

 

 

Kein Rückfall in archaische Zeiten

 

Nachts, wenn die Nilschiffe am Pier liegen, werden nun ein, zwei private Sicherheitskräfte angeheuert, um deren Zugang zu bewachen. Unsicherheit spürt der Reisende dennoch nie und schon gar keine Feindseligkeit. Wer sich bei Passagieren umhört, warum sie gerade jetzt diese Reise machen, bekommt daher als häufigste Antwort: Warum nicht? Hier sind nicht die Mutigsten der Furchtlosen an Bord. Es ist eher das Jedermannpublikum, ältere Semester meist. Nicht nur Bildungsbürger, sondern viele, die schon immer einmal hierherkommen wollten und bei denen es jetzt gerade passte. Yassers Kollege Sami Shalan, der ebenfalls auf der „Nile Smart“ arbeitet, ist zuversichtlich. Es sei völlig illusorisch, dass strenge islamische Gesetze die Menschen wieder knebeln könnten. Es wisse jeder Ägypter, dass ohne das Geld, das viele Frauen mitverdienen, keine Familie überleben könne. Einen Rückfall in archaische Zeiten hält er für ausgeschlossen. Yasser und Sami sprechen die gesellschaftlichen Aspekte der veränderten politischen Situation auch in ihren Führungen an. Dadurch bekommt der Besuch der Altertümer, der früher oft etwas Museales hatte, neue Spannung und Aktualität. Hat die „Nile Smart“ erst einmal abgelegt, entfaltet sich an Bord das für Kreuzfahrtschiffe typische Eigenleben. Zwischen den überaus komfortablen Kabinen, Sonnendeck, Bars und Restaurant oszilliert ein Vollpensionsrhythmus auf Höchstniveau. Der Bordalltag läuft mit einer Präzision ab, wie man sie nicht ohne weiteres in Ägypten erwartet. Der Service der ausschließlich männlichen Crew ist makellos. Wer will, kann sich zwischen Frühstück, Mittag- und Abendessen ganz der Entspannung auf den drei Freizeitdecks hingeben, im Pool baden, in den Korbsesseln der Cafeteria bei Zimttee ein Buch lesen, auf den Polsterliegen die vorbeiziehende Landschaft betrachten.

 

 

Bunte Tücher für Heidi und Claudia

 

Nur gelegentlich sieht man Fischerboote auf dem Fluss. Stattdessen reichen auch die noch verbliebenen Nilschiffe, die enge Fahrrinne des Flusses zu füllen. Aufgezogen wie an einer Perlenschnur sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich: schwimmende weiße vierstöckige Container, die im Zickzack den Untiefen des Flusses ausweichen. Am Ufer ist dagegen wenig los. Fellachen arbeiten sporadisch auf den Feldern. Mais und Bananen werden angebaut. Kornkammern ergrünen dort nicht. Seit dem Staudammbau vor über vierzig Jahren überschwemmt kein Nilschlamm mehr die Ufer. Der Grüngürtel beiderseits des Flusses ist auf maximal fünf Kilometer Breite geschrumpft. Die Anbauflächen reichen gerade für den Eigenverbrauch der Menschen. Nun rächt sich, dass frühere Regierungen ganz auf den Fremdenverkehr setzten, der gerade darniederliegt.

 

Nicht zu leugnen ist daher, dass sich, seitdem sie keine Angst vor den Autoritäten haben, die schon früher aufdringlichen Straßenhändler bei Landgängen nun völlig enthemmt wie Kletten an die Kreuzfahrer hängen. Vor allem am Hatschepsut-Tempel, in der dem Falkengott Horus geweihten Anlage von Edfu und im Tal der Könige ist es nahezu unmöglich, die Souvenirverkäufer abzuschütteln. Zum Spießrutenlauf werden auch Shoppingausflüge in den Basaren, die nur hartgesottene Stoiker ohne Wutausbruch bewältigen. Besonders bizarr ist die Durchfahrt der Schleusenanlage bei Esna. In kleinen Kähnen rudern schwimmende Händler der „Nile Smart“ entgegen, rufen männlichen Passagieren oben an der Reling ein herzhaftes „Ali Baba“ und „Rambo“ zu, um deren Aufmerksamkeit zu erregen, den Frauen ein schmeichelndes „Heidi“ und „Claudia“ in Anspielung an deutsche Fotomodelle. Sie schwenken wild Teppiche und Galabijas, das traditionelle Männerkleid, schleudern bunte Tücher an Bord, brüllen in bester Geiz-ist-geil-Manier: „Ein Euro, ein Euro“, schäkern, feilschen, zetern, betteln, als ginge es um ihr Leben.

 

Die Abhängigkeit vom Geld der Touristen sei jetzt, wenn viel weniger kommen, eben noch größer, sagt Hesham ratlos. Es sind solche Momente, in denen ein Anflug von Verzweiflung zu spüren ist. So bewarfen die Kutschfahrer von Edfu Touristenbusse mit Steinen, um die Transfers von den Schiffen zur Horusanlage unter ihre Kontrolle zu bekommen – und sorgten für miese Presse im Ausland und noch weniger Kunden. Inzwischen wurde der Konflikt gelöst mit Pauschalpreisen und einem Turnus für alle Pferdedroschken. Solch notwendige Übungen in Demokratie sind neben den Pharaonentempeln zurzeit in Ägypten zu erleben. Sie machen neugierig, Angst machen sie nicht. {Quelle: www.faz.net – Von Sven Weniger}

 

5 Responses to “Alles tot auf dem Nil”

  1. Emanuel Says:

    ..und keine Schlange…????? Da wäre ich mir nicht so sicher !!!!!

  2. saphiri1 Says:

    Braucht man Mut, um hierherzukommen?

    Ägypten-Touristen bleiben weiterhin aus
    Preis der Revolution

    Während Reiseführer noch empfehlen, wie man Warteschlagen an ägyptischen Sehenswürdigkeiten umgehen kann, haben Touristen die Pyramiden für sich. Seit der Revolution vor einem Jahr fehlen in Ägypten die Urlauber. Für die Menschen dort ist das eine Katastrophe, dennoch meinen manche: „Für uns ist es schwer, für unsere Kinder gut.“

    Gunther—-sagte
    schreibt Schade eigentlich
    ´Schade vor allem der Verlust der unschätzbaren Kulturgüter Ägyptens für die Weltbevölkerung.
    Aber warum sollte ich bitte Urlaub in einem Land machen das mich als Ungläubigen bezeichnet, von meiner Frau verlangt sich nach mittelalterlichen Sittenvorstellungen zu kleiden (kein Bikini!) und für mein Herkunftsland nur Verachtung empfindet.
    Da möchte ich lieber niemanden in Gewissenskonflikte bringen und bleib zu Hause oder gehe in ein Land in Urlaub das mich willkommen heisst

    http://www.dw.de/dw/article/0,,15787180,00.html

    Viele Touristen meiden derzeit ÄgyptenÄgypten hat auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) um mehr Besucher aus Deutschland geworben. Doch die Sicherheitslage und Diskussionen über Alkohol- und Bikini-Verbote erschweren das Bemühen.

    „Nur wenn es da draußen ruhig ist, gibt es für uns Arbeit“, sagt Rami Badr und wirft einen Blick durch die Glasfassade seines Reisebüros auf den Tahrir-Platz. Überall in seinem Geschäft hängen bunte Poster mit preiswerten Reiseangeboten, aber keiner greift zu: Der lang ersehnte Ansturm der Touristen bleibt auch heute wieder aus.

    • Emanuel Says:

      Vor allem .. die „Gastfreundschaft“ der ägyptischer Moslems ist doch vollkommen verlogen !!! Sie lachen dich an und denken in ihrem Herzen “ Diesem ungläubige Schwein sollte man die Kehle durchschneiden “ .. Na prost Mahlzeit in den 5-Sterne Hotels … jeder Bedienstete sieht in Wahrheit in den Touristen ihren Todfeind

      Das gilt wohl auch für Marokko, Tunesien und bedingt auch für die Türkei …

      • Emanuel Says:

        sorry .. muss mich korrigieren .. „seinen Todfeind“ !!!

      • saphiri1 Says:

        da sieht man eben die Ehre und den Stolz jener Menschen die in Islamische Länder reisen—purer Egoismus –
        dass sich viel Leid dahinter verbirgt da werden beide Augen feste verschlossenn—-
        und wie hilfreich Sie zu den Verfolgten sind!
        Gute Einnahmen für den Islam zu sorgen ist teuflisch—egal wie schön diese Länder sind-
        mann sollte sie meiden -dann würden sie schon gukken wenn das Geld der Touristen fehlt-oder??


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