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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Dr. Tartsch: Islam, Islamismus und Gegengesellschaft 23. Mai 2012

Filed under: Pater Zakaria & co. — Knecht Christi @ 18:08

Hätten Sie Osama bin Laden erklärt, er missbrauche den Islam„?

 

 

Politikwissenschaftler Dr. Thomas Tartsch

stellt sich den Fragen von Michaela Thanheuser

(Teil II)

 

 

Derzeit verteilen gewaltbereite Salafiten deutschlandweit an Wochenenden den Koran. Werden sie dabei gestört, scheuen sie nicht zurück, auch Polizisten lebensgefährlich anzugreifen. Sicherheitskreise und Politik äußern Besorgnis und Unverständnis. Wer sich jedoch mit der historischen Verbreitung des Islams beschäftigt, weiß, dass die derzeitigen Entwicklungen ganz normal sind. Sie stellen den Übergang von der (weitestgehend friedlichen) Bekehrung (Da’wa) zum gewaltsamen Jihad, der Verbreitung des Islams mit allen Mitteln dar. Im Citizen Times Interview erklärt der Politikwissenschaftler Dr. Thomas Tartsch warum diese Fundamentalisten ebenfalls „echte“ Muslime sind, wieso die Trennung zwischen Islam und Islamismus nicht gewinnbringend ist und wieso gerade Muslime in Parallelgesellschaften leben (siehe auch der erste Teil des Interviews).

 

Citizen Times: Herr Tartsch, womit können Muslime denn den vielbesagten Jihad überhaupt legitimieren?

Thomas Tartsch: Insgesamt gesehen legitimieren sich die Veröffentlichungen des Jihadismus zu gut 90 Prozent durch die Zitierung einschlägiger Suren und Verse des Korans. Hinzu kommen die sich mit dem Jihad befassenden Ahadith der Sunna und Texte von den ’Ulama wie den Hanabli Reformer Ibn Taimīya, den etwa Abdullāh Yūsuf ’Azzām ausführlich in seiner Verteidigung der islamischen Länder als höchste persönliche Pflicht zitiert hat, um den Jihad in Afghanistan gegen die sowjetischen Truppen als fard al-ayn (individuelle und nicht delegierbare Pflicht für jeden Muslim islamisches Land durch den Jihad zu verteidigen oder zurückzuerobern) zu propagieren, womit global muǧāhidīn (die den Jihad ausüben) angeworben wurden. ’Azzām war einer der geistigen Wegbereiter für al-qā’ida und dessen global ausgerichteten Jihad, der als Verteidigugnsjihad propagiert wird. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie der Jihadismus nicht die Religion missbraucht, sondern das ausübt, was in den sogenannten Heiligen Quellen und in anderen Werken wie den Rechtsbüchern angemahnt  und ausführlich beschrieben wird.

 

Citizen Times: Was meinen wir tatsächlich, wenn wir von „Islam“ sprechen? Welche Rolle spielt er im privaten Leben des Gläubigen, wie auch auf staatlicher Ebene?

Thomas Tartsch: Wenn wir „von dem Islam“ oder „der Islam“ sprechen, meinen wir damit in globaler Perspektive eine Ausprägung der Religion durch eine vorher nicht gekannte Islamisierung bestehender und eroberter Gebiete bis ins 10 Jahrhundert, die auch heute noch propagiert wird und quantitativ die vorherrschende Religionsauslegung darstellt. Damit wird nicht nur das Leben des einzelnen Gläubigen, sondern auch der Staat total erfasst, womit es nicht um die persönliche spirituelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen geht, sondern um einem aus dem Ritenvollzug sich ergebenden Regelanspruch, der nach shari’atischem Recht Din und Daula, Ritenausübung und weltlichen Staat umfasst. Die Umma wird nach traditioneller islamischer Vorstellung durch das von Allah den Menschen auferlegte Gesetz (Shari’a) errichtet und aufrechterhalten, welches diesen in Form von Koran und Sunna  übergeben wurde. Damit besteht die einzige Daseinsberechtigung des islamischen Gemeinwesens in der Gewährleistung der Erfüllung der Ge- und Verbote als Annäherung an die medinensische Ur-Umma, wozu auch die Ausübung des Jihad zählt, was man nicht oft genug wiederholen kann.

 

Citizen Times: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sich die meisten Muslime unabhängi von ihrer Nationalität vor allem als Muslim fühlen. Warum führt dies zu solch starker Abschottung von der westlichen Gesellschaft?

Thomas Tartsch: Durch die Sakralisierung aller Lebensbereiche, die persönliche, soziale und politische Sphäre zu einer Monokratie nach dem Vorbild der Ur-Umma verklammern soll, wird im Inneren ein archaisch-paternalistisches Kontroll- und Ordnungssystem mittels vormoderner Glaubenssätze konserviert, welches in der Diaspora vermehrt zur sozialen Identitätsbildung und Bindung an tribale Vergemeinschaftungsformen führt, die die Bildung paralleler Strukturen neben und gegen die Aufnahmegesellschaft nach außen vorantreibt, was man auch als eine Form des Jihad charakterisieren kann. Solange sich diese Ausprägung nicht der rational-historisierenden Deutung bezüglich des Handelns des Propheten öffnet und elementare Stellen der Überlieferungen im Koran und Sunna, die zum gewaltsamen Jihad aufrufen, für eine Privatisierung, Rationalisierung und Individualisierung außer Kraft gesetzt werden, wird sie auch nicht zu integrieren sein. Denn nach dieser Ausprägung muss der Jihad gegen das Dār al-Harb (Haus des Krieges) bis zur endgültigen Einverleibung in das Dār al-Islām (Haus des Islam)  oder bis zum jüngsten Tag ausgeübt werden.

 

Citizen Times: Und warum entwickeln sich diese islamischen Parallel- oder Gegengesellschaften wie Ghettos bzw. nur in bestimmten Stadtteilen europäischer und deutscher Städte?

Thomas Tartsch: Am besten kann man das vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung am Beispiel einzelner Stadtteile verdeutlichen. Während es in den letzten Jahrzehnten zu einer sektoralen sozialen Segregation kam, da der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führte, kann man heute die Weiterentwicklung einzelner Stadtteile hin zu einer mehrkernigen ethnisch-religiösen Segregation beobachten, die sich immer mehr zu Vierteln der klassischen orientalischen Stadt entwickeln, wo Stadtteile nach ethnischen, religiösen Merkmalen und tribalen Verbindungen getrennt sind. Hier gilt vermehrt der Grundsatz al-walā’ wal-barā’a.“ Gemeint ist damit, sich von allen Nichtmuslimen fernzuhalten und die Nähe von Muslimen zu suchen und diese im Notfall gegen Nichtmuslime zu unterstützen. Schon heute zeigt die Alltagsrealität in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh oder Städten wie Bergkamen die Zukunft von immer mehr urbanen Gegenden, wo archaisch-patriachalische und rigide religiöse Verhaltensweisen und normative Erwartungshaltungen den öffentlichen Raum dominieren. Und die Zahl dieser islamischen Submilieus mit eigener Werte- und Rechtsordnung wird in Zukunft stetig anwachsen, was langfristig das soziale Gefüge in Deutschland erodieren wird. Und das nicht nur, weil der Staat hier sein Monopol der legitimen physischen Gewaltsamkeit (Max Weber) kampflos aufgibt, womit rechtsfreie Räume entstehen.

 

Citizen Times: Wo liegen die Wurzeln und Vorbilder der starken Gemeinschaft der Muslime?

Thomas Tartsch: Vorbild bleiben die Taten des Propheten seit der Hidschra 622 n.Chr. mit der sich nicht nur in der medinensischen Stärkephase die islamische Religion ausgebildet hat, sondern eine neuartige Glaubens- und Kampfgemeinschaft etablierte. Diese neuartige Vergemeinschaftungsform ersetzte die bisherigen tribalen und verwandtschaftlichen Loyalitäten durch den unbedingten Glauben und Einsatz an und für Allah, womit Rechten und Pflichten durch die Angehörigkeit zur sozialen Kategorie Muslim-Sein determiniert wurden. Der Jihad selbst entwickelte sich aus den damals üblichen Raub- und Beutezügen der vorislamischen Beduinenstämmen seit 623 n.Chr., die neben der Zahlung der Zakah der materiellen Versorgung der Gemeinschaft diente. Erst mit dem überraschenden Sieg der sich aus einem Karawanenüberfall entwickelnden Schlacht bei Badr 624 n.Chr., wo die Muslime den Mekkanern zahlenmäßig ca. 1:3 unterlegen waren, erhielt der Jihad als imperial-expansives Mittel der Ausbreitung islamischen Rechts und islamischen Herrschaftsgebietes seine ersten Konturen, deren Kampfdoktrinen durch die islamische Jurisprudenz ausgearbeitet wurden. Seinen Niederschlag fanden diese Ereignisse bei Badr in der 8. Sure, die wie der größte Teil des Korans eine Reflexion zu damaligen Ereignissen darstellt, womit man den Koran als historisches Dokument aus sich selbst heraus interpretieren muss, wobei es unerlässlich ist, auch andere Werke wie die Prophetenbiographie hinzuzuziehen. Heute pendelt das Bild des Propheten zwischen den Polen Vergöttlichung und Verdammung, was beides die Romantik der Gefühle anspricht, uns aber nicht weiterhilft, will man die Religion für eine Modernisierung öffnen, was die Muslime selbst vollziehen müssen.

 

Citizen Times: Wie könnte denn eine solche gesellschaftliche, wirtschaftliche und (sozial-)politische Modernisierung des Islams aussehen?

Thomas Tartsch: Würde eine Reformierung erfolgen, müsste man sich fragen, ob es dann überhaupt noch „der Islam“ wäre. Oder etwas ganz anderes, was ja auch für einen wie immer gearteten „Euro Islam“ gelten würde, da dieser nicht einfach durch eine Aufsplittung der Shari’a in den Bereich der Ritenausübung (al-’ibadat) und den Bereich der Rechtsbeziehungen (al-mu’āmalāt) entstehen würde, was schon Atatürk versucht hat durchzusetzen. Derzeit sollte man darauf keine großen Hoffnungen setzen, da keine Anzeichen für eine aus dem Inneren kommende Reformierung zu erkennen sind, die eine breite Massenwirkung erzielen könnte. Und das nicht nur wegen der nicht gegebenen Existenz einer übergeordneten religiösen Autorität, die für Sunniten und Schiiten sprechen könnte. Von den vielfältigen anderen islamischen Ausprägungen ganz zu schweigen, die oft von anderen Strömungen nicht anerkannt werden. Auch diese Frage mit ihren weitreichenden Folgen wird in Deutschland fast nicht thematisiert.

 

Citizen Times: Schon in Ihrer Dissertation haben Sie die westliche Dichotomie Islam-Islamismus als irreführend herausgearbeitet. Warum ist das so?

Thomas Tartsch: Man muss grundlegend Eines klarstellen: Die westliche Dichotomie, einen Islam und einen die Religion missbrauchenden Islamismus zu unterscheiden, bringt keinen Erkenntnisgewinn, um daraus Handlungsmaximen ableiten zu können. Es ist vielmehr eine westliche Projektion aus Unkenntnis, da schon das Wort „Fundamentalismus“ keine Entsprechung im Arabischen besitzt, womit man sich mit Lehnübersetzungen behilft, um überhaupt eine Definition an der Hand zu haben, da vielfältige Ausprägungen der Religion existieren, die sich im Innenverhältnis durch eine ausgeprägte Binnendifferenzierung auszeichnet. Ich nenne das den „Apfel-Birnenkuchen Schwindel“, da man den Menschen zwei Apfelkuchen mit der Aufschrift „Islam“ und „Islamismus“ präsentiert, wobei der Islamismus Apfelkuchen als Birnenkuchen deklariert wird, da etwa der gewaltsame Jihadismus nichts mit der Religion zu tun habe soll, was der Unwahrheit entspricht. Vielmehr gibt es nur einen großen Apfelkuchen, dessen einzelne Stücke islamische Ausprägungen darstellen. Sie hätten mal versuchen müssen, Usāma Ibn Lādin zu erklären, er wäre ein die Religion missbrauchender Islamist. Er würde Ihnen wohl seine Kalaschnikow an die Schläfe setzen, da auch er ein gläubiger Muslim ist, der einer bestimmten Auslegung der heiligen Quellen folgt, die man bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Das muss man anerkennen, wenn man Ursachenforschung über den Zusammenhang zwischen der Religion und religiös-rechtlich legitimierter Gewalt betreiben will. Auch in einem Dialog, der seinen Namen verdient, muss erst das Trennende benannt werden, um dann einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, auf dem aufgebaut werden kann. Schon Platon hat sich hierzu treffend geäußert: „Also muss jemand, der einen anderen täuschen will, ohne dabei selbst getäuscht zu werden, die Ähnlichkeit der Dinge und ihre Unähnlichkeiten genau auseinanderhalten” .

 

Citizen Times: Also müssten wir das von Politikern, Wissenschaftlern und Meinungsbildnern so gerne und viel zitierte Schlagwort Islamismus aus unserem Wortschatz streichen?

Thomas Tartsch: Ich würde eher sagen, ich beende eine sinnlose Diskussion bezüglich der Trennung in Islamismus und Islam. Islamismus besitzt als nichtwissenschaftlicher Begriff nur zwei Funktionen. Zum einen stellt er einen Arbeitsbegriff zur Aufgabenerfüllung der Sicherheitsbehörden des administrativen Verfassungsschutzes dar, die zwischen „militanten“ und „taktischen“ Islamismus unterscheiden. Und er kann als Abgrenzungsbegriff innerhalb der neueren islamischen Historie dienen, als Atatürk 1924 fast genau 1.300 Jahre nach Badr neben dem Sultanat auch das Kalifat abschaffte, was trotz der realen Bedeutungslosigkeit zu einem Identitätsverlust in der islamischen Welt und zu Gründungen von Reformbewegungen wie der ägyptischen Muslimbruderschaft führte. Die Bruderschaft propagiert auch heute noch die globale Errichtung einer islamischen Ordnung, wozu sie durch eineIslamisierung von unten wie in Ägypten die Beteiligung an der politischen Macht anstrebt, um eine „Islamisierung von oben“ durchzuführen. Auf der anderen Seite will sie durch Infiltration sozialer Netzwerke und Kontrolle über Moscheen islamische Submilieus innerhalb von westlichen Gesellschaften installieren. Diese Strategie wird auch von dem Mitte Januar 2010 gewählten achten „al-murshid al-’amm“ (obersten Führer) der Muslimbruderschaft Dr. Muhammad Badie (geb. 1943) weitergeführt werden, der sich offen für die Orientierung der MB an den „konservativen Idealen“ von Sayyid Qutb ausgesprochen hat. Nicht verwunderlich, da Dr. Badie zu der Generation gehört, die durch die Verfolgung der Muslimbrüder durch das Regime von Ǧamāl ʿAbd an-Nāṣir geprägt wurden und für die Qutb schon durch seine Hinrichtung  1966 einen Märtyrerstatus besitzt. Ebenso hat die palästinensische Hamas ihre Unterstützung für Dr. Badie erklärt, wobei die beiden Organisationen durch ein Fundraising-Network verwoben sind, durch das der karitative und der jihadistische Arm der Hamas finanziert wird.

 

Ab dem arabischen Aufstand von 1936-1939 (und nicht erst seit 1948) fand dann etwa auch der eliminatorische Judenhass, der den religiösen Antagonismus ideologisch auflud, weite Verbreitung in islamischen Kreisen, der Schnittmengen mit Hitlers rechten und linken Erben in Form des klassischen biologistischen Antisemitismus und dem politisch motivierten Antizionismus besitzt, da abseits aller akademischer Wortklauberei im Elfenbeinturm alle drei Ausprägungen die Auslöschung Israels befürworten und anstreben. Schon durch den als „Großmufti von Jerusalem“ bekannten Muḥammad Amīn al-Ḥusainī, der unter anderem für die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ (kroatische Nr. 1) muslimische Freiwillige rekrutierte, ergab sich eine Zusammenarbeit zwischen Nationalsozialismus und eliminatorischen Judenhass, da al-Ḥusainī nach einem Sieg des Nationalsozialismus die Shoah in Palästina durchführen wollte, was viele nicht wissen. Wie die muslimischen Hassdemonstrationen Anfang 2009 gegen die Militäroperation der Zahal gegen die Hamas gezeigt haben, breitet sich dieser eliminatorische Judenhass auch in Deutschland immer mehr in der islamischen Teilgesellschaft aus, was in Israel sehr genau beobachtet wird.

 

Langer Rede, kurzer Sinn:

Man sollte den Begriff „Islamismus“ nur in diesen zwei Fällen verwenden

und ihn ansonsten vermeiden,

da er etwas konstruiert, was in der Realität nicht existiert. 

{Quelle: www.citizentimes.eu}

 

One Response to “Dr. Tartsch: Islam, Islamismus und Gegengesellschaft”

  1. Bazillus Says:

    Michaela Thanheuser im Gespräch mit Dr. Thomas Tartsch über Islam, Jihad und Dialog

    Innenminister Hans-Peter Friedrich beim Plenum der DIK – Bild: Dirk Enters / Deutsche Islam Konferenz

    Heute tagt das alljährliche Plenum der Deutschen Islamkonferenz (DIK). Doch während die DIK mehr oder weniger sinnvolle Studien herausbringt und Erklärungen gegen häusliche Gewalt und Zwangsverheiratung abgibt, sehen immer mehr Kritiker den Dialog des deutschen Staates mit den Islam-Verbänden als wirkungs- und bedeutungslos. Im Citizen Times Interview erklärt der Politikwissenschaftler Dr. Thomas Tartsch woran der Dialog scheitern muss, was es mit dem Jihad auf sich hat und wieso der Islam Parallelgesellschaften fördert. 1

    Citizen Times: Herr Tartsch, was halten Sie vom derzeitigen Dialog der Kulturen?

    Thomas Tartsch: Es wird nirgendwo mehr gelogen als bei Jubiläen, Beerdigungen und im Dialog der Kulturen, der von einer Minderheit muslimischer „Dialogpartner“ beherrscht wird, während die Gegenseite sich zu Steigbügelhalter erniedrigt hat. Schon über die Übersetzung von „Islam gleich Frieden“ braucht man kein Wort verlieren. Aber auch eine Diskussion um die Bedeutungen „Unterwerfung“ oder „Ergebung in den Willen Allahs“, da man aufgrund der verschiedenen Gottesbilder im Christentum und Islam Allah nicht Gott nennen sollte, ist wenig hilfreich.

    Citizen Times: Ist der Islam denn eine solch tolerante Religion, dass er sich unserem westlichen Wertesystem und unserer Religionsfreiheit und -ausübung anpassen kann?

    Thomas Tartsch: Vielmehr muss man den Islam sowohl als individuelle spirituelle Gotteserfahrung als Religion, als auch eine von Allah selbst gestiftete und die ganze Lebenspraxis überformende Handlungsanleitung ansehen, die dem gläubigen Muslim die Entscheidung über die Folgen seiner Handlungen abnimmt, da die Ratio auf ein vom Koran und Sunna limitiertes Handlungsfeld beschränkt wird. Die Orthopraxis der Ritenausübung als Annäherung an die beste Gemeinschaft, die das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet (Sure 3, Vers 110) wird damit zum einzigen Lebenszweck erhoben, was auch den Jihad umfasst, der eben nicht nur gewaltsam ausgeübt werden kann, wenn etwa Da’wa (Missionierung) eher zur Zielerreichung führt.

    Der gläubige Muslim selbst, der kritiklos und unhinterfragbar die Ge- und Verbote der auf Koran und Sunna basierenden Scharia als Annäherung an die medinensische Ur-Umma erfüllt, verdeutlicht die einzige von Allah dem Menschen zugedachte Daseinshaltung, indem er sein Gesicht unentwegt und in ewiger Dankbarkeit auf Allah ausrichtet (Sure 3, Vers 20 und Sure 30, Vers 30). Dieser beobachtet den Gläubigen jeden Augenblick seiner irdischen Existenz, was die als Thronvers bekannte Sure 2, Vers 255 explizit aussagt, da er alles in jedem Augenblick nach seinem Ratsschluss bestimmt. Damit erlangt nur der Anhänger der islamischen Religion ein Anrecht auf die Heilswirksamkeit und Heilsmächtigkeit, die durch die quasi Vergöttlichung des Propheten verdeutlicht wird, dessen Wirken als übergeschichtliche Wahrheit sich überall da einfügt, wo das kulturell-religiöse Langzeitgedächtnis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Überlegenheit des Islam gegen andere Religionen propagiert, die nicht als gleichberechtigt gesehen werden. Diese Janusköpfigkeit des Islam als spirituelle Individualerfahrung und als total zu charakterisierende Handlungsanweisung wird im bisherigen „Dialog“ weitgehend ausgeblendet.

    Citizen Times: Kann der Islam mit anderen Religionen und Ländern, wie beispielsweise Israel, im Dialog stehen und diese anerkennen?

    Thomas Tartsch: Derjenige Muslim, der den Ruf zum Jihad annimmt, kann schon nach den einschlägigen Suren und Versen des Korans andere Religionen nicht als gleichberechtigt ansehen. So haben Poly- und Atheisten nach dem Schwertvers (Sure 9, Vers 5) nur die Wahl zwischen Konversion oder Jihad. Juden, Christen und andere „Buchbesitzer“ die Wahl zwischen Konversion, gegen Zahlung der ǧizya (Kopfsteuer) einen inferioren Status als ḏimmī (Schutzbefohlenen) neben der islamischen Gemeinschaft oder Jihad. So die als Kopfsteuervers bekannte Sure 9, Vers 29. Daran ändert auch das immer zitierte Satzfragment aus Sure 2, Vers 256 „keinen Zwang in der Religion“ nichts, da schon Sure 2, Vers 257 den Ungläubigen das ewige Höllenfeuer prophezeit. Hier ist kein westliches Verständnis der Religionsfreiheit „von“ und „zu“ einer Religion gemeint, sondern höchstens die Feststellung, man kann niemanden zur Annahme des Islam zwingen kann, was in der frühen Expansionsphase bis zur zweiten Dynastie der al-‘Abbāsīyūn Mitte des 8. Jahrhunderts auch nicht gewollt war, da die neue Religion rein arabisch bleiben sollte und es um Beute- und Sklavengewinnung ging.

    Wird die Herrschaft des Islam nicht anerkannt oder konvertiert, gelten die beiden angeführten Verse, wobei nach Meinung nicht weniger islamischer Gelehrter seit dem Mittelalter der Schwertvers alle „milden“ Aussagen gegen Juden und Christen aus der mekkanischen Schwächephase abrogiert hat. Sure 9, Vers 5 findet sich in einem großen Teil jihadistischer Veröffentlichungen als Legitimation zum Kampf gegen die Ungläubigen, was sowohl Nichtmuslime als auch Muslime meint, die mit den Zielen des Jihadismus nicht übereinstimmen. Durch den hohen Bodycount von Muslimen durch Anschläge des gewaltsamen Jihadismus verliert dieser an Zustimmung in der islamischen Welt, was aber nicht für den Jihad zur Vernichtung Israels gilt, der breite Zustimmung auch in den westlichen islamischen Diasporagemeinden findet.

    Citizen Times: Was meinen wir tatsächlich, wenn wir von „Islam“ sprechen? Welche Rolle spielt er im privaten Leben des Gläubigen, wie auch auf staatlicher Ebene?

    Thomas Tartsch: Wenn wir „von dem Islam“ oder „der Islam“ sprechen, meinen wir damit in globaler Perspektive eine Ausprägung der Religion durch eine vorher nicht gekannte Islamisierung bestehender und eroberter Gebiete bis ins 10 Jahrhundert, die auch heute noch propagiert wird und quantitativ die vorherrschende Religionsauslegung darstellt. Damit wird nicht nur das Leben des einzelnen Gläubigen, sondern auch der Staat total erfasst, womit es nicht um die persönliche spirituelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen geht, sondern um einem aus dem Ritenvollzug sich ergebenden Regelanspruch, der nach schariatischem Recht Din und Daula, Ritenausübung und weltlichen Staat umfasst. Die Umma wird nach traditioneller islamischer Vorstellung durch das von Allah den Menschen auferlegte Gesetz (Scharia) errichtet und aufrechterhalten, welches diesen in Form von Koran und Sunna übergeben wurde. Damit besteht die einzige Daseinsberechtigung des islamischen Gemeinwesens in der Gewährleistung der Erfüllung der Ge- und Verbote als Annäherung an die medinensische Ur-Umma, wozu auch die Ausübung des Jihad zählt, was man nicht oft genug wiederholen kann.

    Citizen Times: Der gläubige Muslime fühlt sich seiner Umma, seiner Diaspora, seiner Scharia – also seinem eigenen Gesellschafts- und Wertegefüge – extrem zugehörig. Wieso schottet er sich deshalb von der westlichen Gesellschaft ab, und was hat das explizit mit dem Jihad zu tun?

    Thomas Tartsch: Durch die Sakralisierung aller Lebensbereiche, die persönliche, soziale und politische Sphäre zu einer Monokratie nach dem Vorbild der Ur-Umma verklammern soll, wird im Inneren ein archaisch-paternalistisches Kontroll- und Ordnungssystem mittels vormoderner Glaubenssätze konserviert, welches in der Diaspora vermehrt zur sozialen Identitätsbildung und Bindung an tribale Vergemeinschaftungsformen führt, die die Bildung paralleler Strukturen neben und gegen die Aufnahmegesellschaft nach außen vorantreibt, was man auch als eine Form des Jihad charakterisieren kann. Solange sich diese Ausprägung nicht der rational-historisierenden Deutung bezüglich des Handelns des Propheten öffnet und elementare Stellen der Überlieferungen im Koran und Sunna, die zum gewaltsamen Jihad aufrufen, für eine Privatisierung, Rationalisierung und Individualisierung außer Kraft gesetzt werden, wird sie auch nicht zu integrieren sein. Denn nach dieser Ausprägung muss der Jihad gegen das Dār al-Harb (Haus des Krieges) bis zur endgültigen Einverleibung in das Dār al-Islām (Haus des Islam) oder bis zum jüngsten Tag ausgeübt werden.

    Citizen Times: Ist der Islam für gesellschaftliche, wirtschaftliche und (sozial-)politische Herausforderungen unserer heutigen Zeit modernisierbar, reformierbar?

    Thomas Tartsch: Würde eine Reformierung erfolgen, müsste man sich fragen, ob es dann überhaupt noch „der Islam“ wäre. Oder etwas ganz anders, was ja auch für einen wie immer gearteten „Euro Islam“ gelten würde, da dieser nicht einfach durch eine Aufsplittung der Scharia in den Bereich der Ritenausübung (al-’ibadat) und den Bereich der Rechtsbeziehungen (al-mu’āmalāt) entstehen würde, was schon Atatürk versucht hat durchzusetzen. Derzeit sollte man darauf keine großen Hoffnungen setzen, da keine Anzeichen für eine aus dem Inneren kommende Reformierung zu erkennen sind, die eine breite Massenwirkung erzielen könnte. Und das nicht nur wegen der nicht gegebenen Existenz einer übergeordneten religiösen Autorität, die für Sunniten und Schiiten sprechen könnte. Von den vielfältigen anderen islamischen Ausprägungen ganz zu schweigen, die oft von anderen Strömungen nicht anerkannt werden. Auch diese Frage mit ihren weitreichenden Folgen wird in Deutschland fast nicht thematisiert.

    Citizen Times: Europäische, aber auch deutsche Städte, verändern sich – es entwickeln sich Ghettos und ortsspezifische Verkapselungen muslimischer Kultur. Was ist der eigentliche Grund für jene soziale, religiöse und wirtschaftliche Abschottung?

    Thomas Tartsch: Am besten kann man das vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung am Beispiel einzelner Stadtteile verdeutlichen. Während es in den letzten Jahrzehnten zu einer sektoralen sozialen Segregation kam, da der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führte, kann man heute die Weiterentwicklung einzelner Stadtteile hin zu einer mehrkernigen ethnisch-religiösen Segregation beobachten, die sich immer mehr zu Vierteln der klassischen orientalischen Stadt entwickeln, wo Stadtteile nach ethnischen, religiösen Merkmalen und tribalen Verbindungen getrennt sind. Hier gilt vermehrt der Grundsatz „al-walā’ wal-barā’a.“ Gemeint ist damit, sich von allen Nichtmuslimen fernzuhalten und die Nähe von Muslimen zu suchen und diese im Notfall gegen Nichtmuslime zu unterstützen. Schon heute zeigt die Alltagsrealität in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh oder Städten wie Bergkamen die Zukunft von immer mehr urbanen Gegenden, wo archaisch-patriachalische und rigide religiöse Verhaltensweisen und normative Erwartungshaltungen den öffentlichen Raum dominieren. Und die Zahl dieser islamischen Submilieus mit eigener Werte- und Rechtsordnung wird in Zukunft stetig anwachsen, was langfristig das soziale Gefüge in Deutschland erodieren wird. Und das nicht nur, weil der Staat hier sein Monopol der legitimen physischen Gewaltsamkeit (Max Weber) kampflos aufgibt, womit rechtsfreie Räume entstehen.

    Citizen Times: Warum ist die westliche Welt gegenüber den Gefahren des permanent existenten Jihad so blind und unvorbereitet?

    Thomas Tartsch: Auch andere Länder haben die Gefahr durch den Jihadismus viel zu lange nicht ernst genommen. So war Daniel Pipes einer der wenigen, der schon 1995 vor der Kriegserklärung des „militanten Islam“ an Europa und die Vereinigten Staaten gewarnt hatte. Der 11. September 2001 hat den Westen vollkommen unerwartet getroffen, obwohl man seit dem zweiten Golfkrieg die sich anbahnende Gefährdung durch den Afghanistanveteranen Usāma Ibn Lādin hätte erkennen können, bevor er nach dem zweiten Golfkrieg von Saudi Arabien über den Sudan wieder nach Afghanistan ging, wo er 1998 zusammen mit Aiman aẓ-Ẓawāhirī den Grundstein für das Terrornetzwerk al-qā’ida legte.

    Es hat sich bitter gerächt, dass man 1989 Afghanistan seinem Schicksal überlassen hat, nachdem die muǧāhidīn die sowjetischen Truppen, durch das Brechen der Lufthoheit durch von Amerika gelieferte Stinger Flugabwehrraketen, besiegen konnten. Der amerikanische Politikwissenschaftler Chalmers Johnson hat das „Blowback“ genannt, womit er die unbeabsichtigten Folgen politischer Maßnahmen gemeint hatte, die vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurden.

    Citizen Times: Welche Rückschlüsse lassen sich denn aus den Ereignissen des 11. September 2001 ziehen?

    Thomas Tartsch: Den 11. September 2001 kann man als „Rückstoß“ der früheren Unterstützung der muǧāhidīn bis 1989 und das Fallenlassen von Afghanistan nach 1989 charakterisieren, da man sich anscheinend keine Vorstellungen gemacht hat, welche Folgen dieser Sieg, im Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges, für die zukünftige globale Sicherheitslage haben würde. Denn 1989 ist nicht das auch von Fukuyama so nicht mehr vertretene Ende der Geschichte eingetreten, sondern das Gegenteil: der schwindende Einfluss des westlichen Normen- und Wertesystems und der Verheißung der Marktwirtschaft, mit ihren Versprechungen von Demokratie und Wohlstand, vor der Folie neuer Konfliktherde, von denen die Bedrohung durch den Jihadismus nur eine von vielen darstellt, da der Jihadismus sowohl den inneren Jihad gegen die eigenen islamische Regierungen und den äußeren Jihad gegen den Westen und insbesondere Israel führt.

    Aber in einer globalisierten Sicherheitslage haben Entwicklungen in der islamischen Welt unmittelbare Auswirkungen auf den Westen, der immer mehr in die Defensive gerät. Auf der anderen Seite tragen auch die islamischen Länder eine ebenso große Schuld am virulenten Jihadismus, da sie die „Araber Afghanen“ nach 1989 nicht in die jeweilige Gesellschaft re-integriert haben, die dann zum Grundstock des globalen Jihadismus wurden. Man hätte Ibn Lādin frühzeitig eliminieren müssen. Das hat man unterlassen und muss nun mit den Folgen leben, da es nur noch um Eindämmung geht. Und nicht mehr um einen vollständigen Sieg über den Jihadismus.

    Das aktuelle Buch von Dr. Thomas Tartsch: Ǧihād aṣ-saġīr, Legitimation und Kampfdoktrinen bietet eine verständlich geschriebene Einführung in grundlegende sunnitisch Lehren des Jihad und des islamischen Kriegs- und Fremdenrechts (Siyar), die sich seit dem 7. Jahrhundert entwickelt haben und auch heute noch vom virulenten Jihadismus befolgt und ausgeübt werden. Diese Lehren sind selbst den meisten Muslimen unbekannt.


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