kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Was wird das für ein Ostern? 19. April 2020

Filed under: Spiritualität — Knecht Christi @ 18:38

Das Heilige Licht am gestrigen Samstag, dem 18. April 2020, aus dem Heiligen Grab unseres Heiland in der Grabskirche.

So viele Gewissheiten und schöne Freizeitgewohnheiten brechen weg, so viel Alltag geht uns in diesen Wochen verloren: Und dann muss auch noch das schönste Fest der Christenheit so seltsam begangen werden, so verborgen, als fiele es aus; so still, als bliebe uns allen das Halleluja im Hals stecken. Deutlich leiser wird es sein auf den Straßen und Plätzen; der Verkehrslärm einer ansonsten mobilen Gesellschaft wird einer ungewohnten Stille weichen.

 

 

 

 

 

 

Viele sind auf sich zurückgeworfen und erleben unfreiwillig ein ruhiges, stilles Fest. Auf Stille und Alleinsein sind wir vielleicht nicht vorbereitet. Fertige Glaubensantworten und Osterlieder gehen uns in dieser Zeit nicht leicht von den Lippen. Die Kirchen stehen leer, und wir üben uns in „Hauskirche“, feiern am Küchentisch, auf dem Sofa oder auf der Bettkante das unglaublichste Fest. Die Stille des Karsamstags ist in diesem Jahr ohrenbetäubend und prägt unsere Osterstimmung. Und manche fragen: Hält auch Gott Abstand von seiner Welt? Ist Er gegenwärtig in den leeren Kirchen? Bleibt Er dieser Welt treu, die so aus den Fugen gerät? Werden wir dem Auferstandenen ganz neu begegnen, wird Er uns anatmen und ‚anstecken‘ mit seiner Lebenskraft?

 

 

 

 

 

Von ferne“ (Mt 27,55) sahen die Frauen zu, als Christus starb, als man ihm die Dornenkrone (Corona) aufdrückte. Auch die Frauen wurden auf dem Golgotha-Hügel zu einem Sicherheitsabstand gezwungen; sie konnten nicht eingreifen, nicht trösten, nichts verhindern. Klein war die Schar derer, die das erste Ostern begingen auf dem Friedhof vor den Toren der Stadt Jerusalem. Das Evangelium berichtet von zwei oder drei Frauen – mehr nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ostern beginnt ganz klein und allmählich. Bei Jesu Auferstehung sind keine Zuschauer dabei, die Applaus spenden; der erste Ostermorgen ist nur ein kleiner Frauengottesdienst unter freiem Himmel vor einem leeren Grab. Das erste Ostern ereignet sich draußen – und wir sitzen drinnen. Ostern für zwei oder drei Frauen, denen „der Engel der Frühe“ (Peter Huchel) erschien (Mt 28,1; Mk 16,1).  Wo zwei oder drei mit ihren Salbgefäßen traurig und ratlos zusammen sind, wo diese Kleingruppe nach Christus sucht und Ihn vermisst, da ist Er mitten unter ihnen. Wir nehmen uns zurück, um die Gefährdeten unter uns zu schützen.

Jesus legt Maria Magdalena gebieterisch nahe: Halte Abstand! Fass mich nicht an, komm mir nicht zu nahe, halte mich nicht fest (Joh 20,17)! Fass mir nicht in die Seitenwunde, umarme mich nicht!

 

 

 

 

 

 

Das leere Grab – die leere Kirche, verborgenes Ostern. Auch das Brot, das der Auferstandene mit den Jüngern teilt, wird uns fehlen. Wir vermissen so vieles und werden doch nicht leer ausgehen. Es bleibt uns sein Wort und die ‚geistliche Kommunion‘.  So dringend bräuchten wir dieses Fest und den Engel, der Licht am Ende des Tunnels verkündet! Kleinlaut und stotternd begehen wir Ostern – und doch auch ein wenig trotzig, im Geist des „Jetzt erst recht“! Mit brennenden Kerzen in den Fenstern und brennenden Fragen auf dem Herzen!

 

 

 

 

 

Ostern – der Tag, den Gott gemacht hat, kann zwar von keiner Menschenmacht abgesagt und keinem viralen Feind zunichte gemacht werden. Aber unserer Festesfreude sind die Hände gebunden. Manche hatten zwar gehofft, dass ‚es‘ Ostern vorbei sein wird. Aber nein, wir können kein Ablaufdatum für diese Phase der Pandemie nennen, die uns allen zugemutet wird und das Leben so vieler akut bedroht. Wir müssen leben mit dem Unvorhersehbaren, mit der unsichtbaren Bedrohung. Niemand von uns hatte die Pandemie ‚auf dem Schirm‘, als wir vor Monaten Osterliturgien und Erstkommunionfeiern, Wallfahrtsjubiläen und (Pilger)Reisen, Sportevents, Familienfeiern und Konzerte planten. Alles abgesagt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Bruch, diese Passivität müssen wir aushalten und akzeptieren. Viele unter uns sind Zeitgenossen, die vorplanen wollen, die alles im Griff haben und weit im Voraus organisieren möchten, die am liebsten alles Unvorhersehbare ausschalten würden. Und nun müssen wir ein Ereignis verkraften, das so noch nie da gewesen ist und über dessen Verlauf wir keine verlässlichen Auskünfte wagen können. Wir müssen uns der nackten Wahrheit stellen, dass wir nicht unverwundbar sind. Wir haben nicht nur eine unsterbliche Seele; wir ‚bewohnen‘ einen sterblichen Leib. Und dieser Leib hat eine ‚Achillessehne‘; und er kann zum ‚Wirt‘ werden für einen gefährlichen unsichtbaren, ansteckenden Gegner; deshalb können sich die Allernächsten gefährlich werden.

 

 

 

 

 

Draußen ist es Frühling geworden; wir haben das Osterlied des Heinsberger Dichterpriesters Wilhelm Willms auf den Lippen: „Alle Knospen springen auf, fangen an zu blühen“. Ja, es wird wieder blühen („Andrá tutto bene“ – „Alles wird gut“, wie sich die Italiener zusprechen) – aber wir müssen uns gedulden und momentan diese „gebrechliche Einrichtung der Welt“ (H. von Kleist) erleiden. Uns fehlt so vieles: Nähe, Normalität, Lebensfreude. Wir brauchen dich! Wir möchten sie hören: die gute Nachricht von Ostern.

 

 

 

 

 

Am Fest der Auferstehung Jesu wollen wir Gott und seinen Osterwind einatmen – und das in der Gemeinschaft aller Atmenden. „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe“, heißt es in einem modernen geistlichen Lied. Einer, der uns nahekommen darf, unendlich nahe, und der uns ansteckt mit seiner österlichen Lebenskraft. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Distanz ist die heilbringende Nähe. Das müssen wir lernen; das ist auch eine paradoxe Wahrheit von Ostern und Himmelfahrt. Der Herr ist ‚unfassbar‘ und geht auf Distanz zu seinen Aposteln, um gerade so aller Welt heilbringend nahe zu sein. Kann ich das glauben: Auch wenn ich mit mir allein bin, bin ich mit Ihm zusammen? Diese tief verborgene, in uns atmende Gegenwart Gottes wollen wir glauben.

 

 

 

 

 

 

Wir brauchen die Auferstehung dessen, der das Leben ist, der ganz tief hinabsteigt zu uns und damit das tödliche Risiko der Sterblichkeit mit uns teilt; mit dem, der sich den Tod holt für uns. Wir brauchen die Auferstehung dessen, der nicht wie der germanische Held Siegfried von der eigenen Unverletzbarkeit träumt, sondern sich tödlich verletzen lässt und gerade so unserer wunden Existenz nahe ist.

Der Theologe und Arzt Manfred Lütz sagte in der Rheinischen Post: Uns wird in diesen Tagen in Erinnerung gebracht: unser Herr ist kein „niedlicher Schönwetter-Gott“, sondern der gekreuzigte, mitleidende Gott, der uns nicht vor der Krise bewahrt, sondern gerade in der Krise ganz tief verborgen bei uns ist. Der Gekreuzigte ist der österliche Herr. Nein, der Osterjubel darf den Kreuzesschrei Jesu nicht übertönen. Der ungebrochene Lobpreis-Glaube und ein überschäumendes Halleluja-Christentum sind uns nicht möglich. Zurückhaltend und leise, suchend, fragend und klagend, bescheiden und demütig sind wir unterwegs zum österlichen Herrn.

 

 

 

 

 

 

Wir sprechen nun viel von ‚Zur Ruhe kommen‘, von ‚Innehalten‘, ‚Entschleunigung‘, auch von ‚Einsamkeit‘. Diese ungewohnte Lebensform wird nun auch einer betriebsamen Kirche zugemutet. Ich hätte mir diese Lehre für die Kirche anders gewünscht als durch einen Virus. Kirche wird in ihrem Tatendrang gestoppt und zur Demut bewegt, auch zur Untätigkeit verurteilt. Das von außen erzwungene Innehalten muss unsere Kirche nachdenklich machen. Vielleicht wird sie auf neue Weise kreativ. Denn oft bewegt sie sich in frommer Geschäftigkeit auf der Stelle; sie läuft heiß im Leerlauf, verfängt sich in Nebensächlichkeiten, rotiert zuweilen wie im Hamsterrad. Auch die Kirche ist endlich und zerbrechlich.

 

 

 

 

 

Manche fragen: ist sie ‚systemrelevant‘ oder eine verzichtbare Institution?

Diese ernste und strenge Zeit kann die Kirche zur Besinnung bringen; wir werden auf die „Essentials“ des Glaubens zurückgeworfen, auf das, was uns wirklich fehlt, was wir brauchen, wenn uns alles andere aus der Hand genommen wird; auf das,  was wir zutiefst vermissen und hoffentlich auch nach der Pandemie vermissen werden. Kirche muss sich bescheiden eingestehen: Wir sind es nicht, die Ostern gestalten. Wir sind nur Zeuginnen und Zeugen einer Liebe, die stärker ist als der Tod.

Wir feiern das, was wir in diesen schweren Wochen nur zweifelnd und stotternd bekennen: dass ER größere Möglichkeiten hat als wir, dass unsere Hoffnung weit über diese Erdenzeit hinausgeht. Nein, Ostern ist keine von der Kirche gemachte Veranstaltung; auch der Kirche wurde Ostern wie eine unverhoffte Nachricht ins Nest gelegt. Auf einmal sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, auf unsere nackte gebrechliche Existenz – und auf den Gott, aus dessen Händen wir kommen und der uns auffangen wird, wenn wir fallen.

 

 

 

 

 

 

Das Ostern, auf das wir hoffen, wird mehr sein als die Rückkehr zur Normalität, als Händeschütteln und Umarmen. Wir hören das ungeheure Versprechen des Ostertages. Uns allen ist Auferstehung versprochen. Es wird eine neue Osterwelt Gottes geben, ohne Schmerz und Leid und Tod. Schon jetzt begegnen uns „kleine Brüder und Schwestern“ dieser großen Auferstehung: in all den Zeichen der Solidarität und Rücksichtnahme, der Nachbarschaftshilfe, der selbstvergessenen Einsatzfreude für die Schwächsten, der Verarztung und Pflege an den Betten der Kranken, dem ‚Opfer‘ der Menschen, die einfallsreich und mit ihrer kleinen Kraft das Ganze der Liebe Gottes weiterschenken: an die Schwerkranken und Pflegebedürftigen.

 

 

 

 

 

 

Kleine Osterspuren ahnen wir in der Erfahrung der Genesung, in der Sehnsucht und Vorfreude, uns nach dieser schweren Zeit wiederzusehen, uns zu umarmen, den Leib des Herrn gemeinsam zu teilen und zu kosten. Wir beten um den rettenden Einfall im Forschen der Wissenschaftler, im erhofften Durchbruch in der Seuchenbekämpfung … Eines meiner Lieblingslieder aus dem Gotteslob ist „Der Mond ist aufgegangen“ (GL 93). Manche singen das Mondlied abends auf dem Balkon. Da heißt es in der letzten Strophe: „Verschon uns, Gott, mit Strafen/ und lass uns ruhig schlafen/ und unseren kranken Nachbarn auch.“

 

 

 

 

 

 

Als Bittsteller stehen wir vor dem Auferstandenen: Bitten wir wie die Emmausjünger:

Bleib mit uns“ (Lk 24, 29)! Gehe nicht auf Abstand zu dieser deiner Welt! Geh nicht weiter! Bleibe unser Gast, denn es will Abend werden! Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Welt!

Bleibe bei den Alten und Kranken und Gefährdeten! Bleibe bei denen, die mit dem Tod ringen! Bleibe bei den Hoffnungslosen und Ratlosen, die nun einen Engel der Frühe brauchen, der sie aufrichtet!

 

 

 

 

 

 

Bleibe bei den Einsamen, die nun noch einsamer werden. Bleibe bei den Ängstlichen, die nun noch ängstlicher werden. Bleibe bei den Gefährdeten, die jetzt noch gefährdeter sind.

Bleibe bei denen, die nun stark sind und sein müssen in dieser schweren Zeit, bei den Helden und Heldinnen dieser Zeit: den Ärzten und Krankenschwestern und Pflegerinnen, den Sicherheitskräften, den Verkäuferinnen, den Politikern und Wissenschaftlern.

Bleibe auch bei denen, die nun nicht stark sind, die nicht stark sein können und auch nicht stark sein müssen, bei den Hoffnungslosen, den Überforderten, den Depressiven.

Bleibe bei denen, die Gott nicht verstehen, denen die Kraft zu glauben vergangen ist; bleibe bei denen, die nach neuen Worten und Wegen suchen, das schwere Geheimnis Gottes zu bezeugen!

 

 

 

 

 

Bleibe bei denen, die uns Zuversicht schenken in dieser Zeit, bei denen, die uns in diesen schweren Tagen aufmuntern und uns zum Lächeln bringen!
Bleibe bei den Kindern und allen die fragen: Wie lange noch? Bleibe bei den Irritierten und Hilflosen.

Bleibe bei uns endlichen Geschöpfen und deiner Kirche – und lass uns hoffen auf den neuen Himmel und die neue Erde, auf den Ostermorgen, den du auch uns bereiten wirst.

 

 

 

 

 

 

Ich kann nicht in Eure Herzen schauen, möchte Euch aber etwas in mein Herz schauen lassen. Neben Sorgen und Ängsten, treibt mich vor allem die Sehnsucht nach Gemeinschaft um. Die Gemeinschaft mit Euch und die Gemeinschaft mit unserem Seelenbräutigam, Jesus Christus. Vor allem die Einschränkungen beim heiligen Abendmahl machen es so deutlich, wie wichtig uns der Kontakt zu Jesus ist und wie wertvoll die Gottesdienste sind.

 

 

 

 

 

Wer ist Jesus für mich?

-Der geliebte Bräutigam?

-Der Heiland meiner Seele?

-Der Sohn Gottes?

-Mein Erlöser?

 

 

 

 

Bei solchen Gedanken sollte schon eine innere Regung zu spüren sein. Dann lasst uns die Gelegenheit auch nutzen und darüber sprechen. Und wenn jemand gerade feststellen muss, dass sein Glaube geschwächt und in Gefahr ist, dann möchte ich auf das Wort Jesu hinweisen: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre (Lukas 22,32). Welch ein Trost?! Die Corona Krise macht uns für die Zukunft auch klar, dass wir in die Gottesdienste, die Singstunden, die Unterrichte, …… dürfen und nicht müssen!

 

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