kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Zentralafrikanische Republik: „Gott, steh uns bei“! 17. Januar 2014

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 21:36

In der Zentralafrikanischen Republik bekriegen sich Christen und Muslime aufs Blutigste. Wir baten zehn Einwohner der Hauptstadt Bangui, zu berichten, wie sie im Chaos überleben.

 

 

Wir leben in Angst

 

 

Wenn Sie mich fragen, wer mein Feind ist: Ich habe keinen Feind außer denen, die mich zu ihrem Feind erklären. Ich lebe in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, in einem Viertel namens Boy-Rabe. Als Priester der katholischen Saint-Bernard-Kirche erlebe ich den Religionskonflikt der letzten Wochen hautnah: Unsere Gemeinde wurde von Rebellen geplündert, die mir auch mein Auto weggenommen haben. In ganz Bangui patrouillieren seit fast einem Jahr, seit dem 24. März 2013, schwer bewaffnete Männer auf Lastwagen. Wir Zivilisten leben in ständiger Angst und müssen uns verstecken, damit wir nicht von Querschlägern getroffen oder gekidnappt werden. Schwer zu sagen, wer hier gegen wen kämpft. Wir hören die Schusswechsel, aber wissen nicht, was vor sich geht. Greifen die muslimischen Seleka an? Oder die christlichen Anti-Balaka? Aus meiner Sicht hat die Kirche in dieser Krise nur eine Aufgabe: Sie muss Frieden predigen und alle Menschen, insbesondere die Christen, davor warnen, zur Waffe zu greifen. Ich predige trotz der vielen Toten Versöhnung. Das Strafen liegt bei Gott. Ich hoffe auf eine Versöhnungskommission wie in Südafrika. Ich versuche, denen zu vergeben, die uns Leid zufügen, auch wenn es schwerfällt.

Ich sehe die Opfer

 

 

Religion soll eigentlich die Menschen einen. Doch jetzt hat ein Religionskonflikt unsere Gemeinschaft zerstört und das Leben zum Stillstand gebracht. Ich wohne im Viertel Mandoba und arbeite im städtischen Krankenhaus. Ich sehe Opfer von Vertreibungen, Überfällen, Plünderungen. Aber für das, was jetzt geschieht, fehlen mir die Worte. Menschen werden verschleppt, gefoltert, getötet. Schwangere werden vergewaltigt, Kinder massakriert. Ich fürchte mich. Aber dank meines Glaubens halte ich aus. Ich wehre mich durch meine friedliche Haltung, leider zählt das nicht. Wenn ich die Macht hätte, würde ich dafür sorgen, dass die Gewalt ein Ende nimmt. Meine Hoffnung ist, dass der Geist der Toleranz die Herzen meiner Mitmenschen erfasst.

 

Bitte helfen Sie uns!

 

Ich habe gesehen, wie Unschuldige mit Macheten getötet, Häuser gebrandschatzt und geplündert wurden. Es ist elend. Eigentlich komme ich aus dem Viertel Miskine, bin aber wegen der Kämpfe in ein anderes Viertel geflohen. Diesem Konflikt liegt nicht die Religion zugrunde, sondern die Politik. Die Religion kam ins Spiel, als islamistische Rebellen am 24. März 2013 in Bangui einfielen und Christen angriffen. Vorher waren wir Brüder und lebten in Harmonie. Der Erzbischof und der Imam von Bangui tun jetzt gemeinsam alles dafür, dass Frieden wird. Sie haben uns Jugendliche aufgefordert, uns nicht von der Politik beeinflussen zu lassen. Besonders schlimm finde ich, dass Politiker die Jugend aufhetzen. Meine Familie wurde an unterschiedliche Orte vertrieben. Wegen der Gefahr kann man weder zur Arbeit gehen noch zur Schule. Oft haben wir nichts zu essen oder zu trinken. Wer kämpft gegen wen? Ich würde sagen: Muslime gegen Christen. Das alte Staatsregime gegen das neue. Die ehemaligen Seleka gegen die Anti-Balaka. Zentralafrikanische Muslime gegen das französische Militär. Ich habe keine Mittel, um mich zu verteidigen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Ihnen zu schreiben. Bitte helfen Sie uns, Zentralafrika wieder sicher zu machen. Wenn Sie mir oder meiner Familie helfen, egal wie, wären wir glücklich. Wir haben sonst keine Zukunft.

„Das Wort Konflikt ist zu schwach,

um zu beschreiben, was wir erleben“!

 

Die Machetenhiebe

 

 

Ich bin Zeuge entsetzlicher Vorgänge. Ich habe in Bangui niedergemetzelte Menschen gesehen, verstümmelt durch Machetenhiebe. Geschäfte wurden geplündert und Wohnungen angezündet. Frauen und Kinder flohen in alle Himmelsrichtungen. Ich höre von Unerträglichem, vom Aufschlitzen schwangerer Frauen und von Kannibalismus in bestimmten Vierteln Banguis, etwa in Gobongo, Fou, Boy-Rabe. Das sollen christliche Anti-Balaka-Milizen gewesen sein. Deshalb schließe ich mich den ganzen Tag ein und bin die Nacht über in Alarmbereitschaft. Wenn ich Schüsse höre, rufe ich meine Eltern an, ob sie noch am Leben sind. Früher gab es keine religiösen Spannungen in unserem Land. Es heißt, Rebellen der Anti-Balaka – sogenannte christliche Milizen – kämpfen gegen die Seleka – sogenannte muslimische Milizen –, die derzeit an der Macht sind. Es gibt keine organisierten Truppen, die sich gegenüberstehen. Die Männer der Seleka sind im Moment durch das Einschreiten der internationalen Truppen (Misca) und der französischen Armee (Sangaris) eingeschüchtert. Nun greifen die Anti-Balaka die muslimische Zivilbevölkerung offen an. Wir Muslime versuchen, uns zu verteidigen. Schlimm ist, dass die Anti-Balaka in Zivil agieren und in der Bevölkerung untertauchen. Ich bin in ein Selbstverteidigungskomitee meines Viertel eingetreten, wo Christen und Muslime einander helfen. Wir wollen dafür sorgen, dass Gewalttäter sich nicht bei uns einnisten. Ich hoffe, dass alle zur Vernunft kommen. Aus diesem Chaos kann niemand als Sieger hervorgehen.

 

Flucht in die Kirche

 

 

Der Interimspräsident und seine Unterstützer sind wahre Henker der Zivilbevölkerung. Seitdem sie am 24. März 2013 in Bangui einzogen, begehen sie Folterungen, Vergewaltigungen, bewaffnete Diebstähle, willkürliche Verhaftungen … Der Interimspräsident hat keinerlei Macht über die, die ihm an die Macht verhalfen, und kann sie nicht stoppen. Ich arbeite in Bangui für die Vereinten Nationen und erlebe ein Land, das sudanesischen Söldnern ausgeliefert ist. Sie haben ihre Landsmänner bewaffnet, die in der Zentralafrikanischen Republik lebten und dort Handel trieben. Die Zentralafrikaner kämpfen nun ihrerseits. Ich bin extrem wachsam. Als Familienvater muss ich stark bleiben. Wir bewegen uns mit äußerster Vorsicht. Nachts gibt es Ausgangssperren. Tagsüber gehen die Leute in ihre Wohnungen, aber nachts fliehen alle in die Kirchen, die durch internationalen Truppen der Misca gesichert werden. Ich selber kämpfe friedlich, indem ich das Wort Gottes befolge. Ich trage keine Waffe. Aber wenn ich die politische Macht hätte, würde ich die Söldner entwaffnen und vor ein internationales Gericht bringen. Ich würde Korruption, Nepotismus, Hass, Ungerechtigkeit und Armut beenden. Zentralafrika war ein pazifistisches Land. Wir wollten keinen Krieg.

 

Die Feinde aller

 

 

Ich wohne im Viertel Boy-Rabe und arbeite als Metzger. Ich habe Plünderungen und Ermordungen durch die Seleka erlebt. Obwohl ich selbst Muslim bin, wurde ich von ihnen angegriffen. Weder Seleka noch Anti-Balaka sind meine persönlichen Feinde. Sie sind die Feinde aller. Ich bitte die Vereinten Nationen darum, für die Sicherheit in Zentralafrika zu sorgen. Ich flüchte ins Gebet. Gott, steh uns bei!

 

 

 

 

 

 

 

Entwaffnet sie!

 

Das Wort Konflikt ist zu schwach, um zu beschreiben, was wir erleben. Wir mussten widerlichen Grausamkeiten beiwohnen, blutigen Gewalttaten, systematischer Zerstörung. Ich kann nicht mehr essen. Unsere Kinder hungern, wir schlafen auf dem nackten Boden. Ich fürchte, dass jeden Augenblick alles zusammenbricht. Ich wohne im Viertel Walingba, im 5. Bezirk von Bangui, und studiere eigentlich Literatur, außerdem arbeite ich am Katholischen Zentrum meiner Universität. Am 5. Dezember kam es zu einem großen Gemetzel, bei dem 17 Jugendliche aus meinem Viertel ermordet wurden. Das ganze Viertel war leer, alle suchten Unterschlupf in Saint Sauveur, einer katholischen Kirche – auch ich werde mit meiner Familie dorthin fliehen. Viele meiner Nachbarn wurden obdachlos, als am 2. Januar ihre Wohnungen angezündet wurden. Militante Muslime jagen junge Christen und behaupten, alle Christen seien Komplizen der Anti-Balaka. Aber das stimmt nicht. Der Erzbischof und einige Priester haben zusammen mit mehreren Imamen eine Mittlerrolle übernommen. Im Augenblick sind die von der Seleka mit Waffen ausgestatteten Muslime unsere Feinde. Sie brennen Häuser nieder und schneiden jungen Christen die Kehle durch. Wenn ich könnte, würde ich als Erstes die internationalen Streitkräfte beauftragen, alle Stadtviertel Haus für Haus nach Waffen zu durchsuchen. Dann sollten sich Muslime und Christen an einen Runden Tisch setzen. Wir müssen uns einigen, um zu überleben.

 

Ich irre herum

 

Ich habe Eltern, Freunde und Bekannte verloren, ich wurde allen Besitzes beraubt, ich irre herum. Eigentlich wohne ich im Viertel Nguitte im 4. Bezirk von Bangui und arbeite bei der zivilen Luftfahrtbehörde. Seit der Machtübernahme der Seleka im vergangenen März wurden Verwaltungsgebäude und Kirchen zerstört, Gottesdiener ermordet, Zivilisten ebenso wie Soldaten attackiert. Ich habe gehört, dass die gewaltsame Islamisierung der Zentralafrikanischen Republik von Katar, Saudi-Arabien, dem Sudan und dem Tschad aus geplant wird. Das ist der radikale Islam. Wir brauchen Hilfe von der Afrikanischen Union, der Europäischen Union und den Vereinten Nationen.

 

Das ewige Morden

 

Die Anwohner meines Viertels erleben den neuesten Konflikt, der seit dem 25. Dezember andauert, in Bitterkeit und Verzweiflung. Ich wohne im Viertel Gbagondja im 5. Bezirk von Bangui und studiere Lehramt an der Hochschule École Normale Supérieure. Am Morgen des Heiligen Abend, gegen sieben Uhr, hatte ein muslimischer Händler und ehemaliger Seleka mit Namen Aliko angekündigt, er werde am Weihnachtstag vier Christen töten, um den christlichen Angriff zu rächen, den die Muslime durch die Anti-Balaka erlitten. Am selben Tag um 12.45 Uhr haben Muslime unseres Nachbarbezirks die Straße PK 12 zwischen der Moschee und dem Miskine-Markt verbarrikadiert. Ein Taxifahrer wurde zusammengeschlagen. Dann kamen zum Glück französische Truppen. Am 25. Dezember gegen 14 Uhr griffen dann radikalislamische Warlords die benachbarten Viertel Walingba, Yassimandji, Gbakardja und Ngoucimen sowie das Viertel Adan an. Das Morden wird täglich mehr, ebenso das Niederbrennen von Häusern. Ich habe mit meiner Frau und meinem Kind bei den Jesuiten Unterschlupf gefunden. Manchmal trauern Muslime und Christen gemeinsam.

 

Mit Blut besudelt

 

Ich wünschte, ich könnte wirklich alles erzählen, was ich gesehen habe. Ich kann es nicht. Es ist unmenschlich. Ich bin ein Flüchtling im eigenen Land und habe 20 Lager für Vertriebene durchlaufen. Seit dem 24. März 2013 bin ich nicht mehr ich selbst, schon das geringste Geräusch erschreckt mich. Mittlerweile überrascht es mich, wenn ich einen ganzen Tag lang keine Schüsse höre und keine Toten am Straßenrand liegen sehe. Ich kann die Ursache für das Grauen nicht genau benennen. Es ist wohl so, dass hier die ehemalige Regierung gegen die jetzige Regierung kämpft. Viele Zentralafrikaner sagen, das Problem sei kein religiöses, weil sie vorher in Liebe zusammengelebt hätten. Ich kämpfe nicht. Aber ich schütze mich, indem ich darauf achte, nie allein zu sein. Ich meide Risikozonen. Ich sage kein Wort zu viel. Wissen Sie, wie das ist, wenn man mit Blut besudelt wird, weil neben einem jemand abgeschlachtet wird? Mir ist oft übel. Ich schlafe nicht. Ich habe Panik. Dass ich noch lebe, verdanke ich wohl Gott. Ich bete, dass eines Tages Frieden in ganz Afrika herrscht. {Quelle: www.zeit.de – Übersetzung aus dem Englischen und Französischen von Myriam Alfano}

 

One Response to “Zentralafrikanische Republik: „Gott, steh uns bei“!”

  1. thomas Says:

    Und wenn Europa noch weiter durchmischt wird, haben wir dann ähnlichen Konflikte.


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