kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Der Hiob aus Backnang 21. März 2013

Filed under: Werte für Jugend — Knecht Christi @ 18:00

Es ist ein Schicksal, das sprachlos macht: Walter Schüle hat bei der Brandkatastrophe von Backnang seine Existenz verlorenvier Jahre nachdem Amokläufer Tim K. in Winnenden seine Tochter erschoss.

 

Bitte entschuldigen Sie die Unordnung“, sagt Walter Schüle, 56, als er ins Wohnzimmer bittet. Ein Dutzend Aktenordner liegen auf dem Teppich, Briefe, Versicherungspolicen, einige Schuber mit Papieren. Irritierend, dass er auf diese winzige Unordnung hinweist, während in seiner Firma, ein paar Kilometer entfernt in der Wilhelmstraße 33 in Backnang, tatsächlich das Chaos herrscht. Im Verkaufsraum stehe das Löschwasser, Teile der Decke seien heruntergebrochen, alles sei verrußt und verdreckt. Im Obergeschoss des langgestreckten Hauses ereignete sich in der Nacht zum vergangenen Sonntag eine furchtbare Tragödie. Bei einem Brand starben die Nachbarin Nazli Ö. und ihre sieben Kinder. Walter Schüle lebt. Aber es ist ein vom Schicksal gezeichnetes Leben, das durch den Brand noch düsterer geworden ist. Die Getränkehandlung, die Schüle im Erdgeschoss betrieb, wurde zerstört. Seine Firma ist nur noch ein Handy, auf das er Anrufe umgeleitet hat, sein Büro ist der Couchtisch. Er notiert mit ruhiger Stimme Bestellungen, als wäre nichts passiert. „WS-Getränkecenter, Schüle, Grüß Gott“. Frau P. bestellt eine Kiste Hirschquelle, eine andere Kundin Kräuter-Bionade und Apfelsaft. „Wollen Sie Glas oder Plastik“?

 

 

„Walter, das Haus brennt“!

 

 

Zwischendrin schluckt Schüle Tabletten gegen Kopfschmerzen. Er hat wenig geschlafen seit Sonntag früh. Kurz vor fünf Uhr morgens klingelte sein Handy auf dem Nachttischchen. Es war der Wirt der Gaststätte, die sich auf der anderen Seite des Gebäudes befindet, in dem er sein Lager und den Verkaufsraum hat. „Walter, das Haus brennt!“ Drei Menschen hatte der Wirt noch retten können, aber nicht Nazli Ö. und ihre Kinder. Schüle kannte die quirligen Kinder, die oft Süßigkeiten bei ihm kauften: „Der Nachbar sagte mir, alle sind tot,“ berichtet er und hat Tränen in den Augen. Schüles Handy klingelt schon wieder, alle paar Minuten nimmt er an seinem Couchtisch eine neue Bestellung auf. Er versucht, Ordnung zu schaffen in diesem Leben, das schon lange keine Ordnung mehr kennt. Nicht mehr, seit vor vier Jahren seine Tochter Sabrina starb. Sabrina Schüle war 24 Jahre alt, Referendarin an der Albertville-Realschule in der Nachbarstadt Winnenden. Sie hatte sich mit ihren Schülern im Chemieraum eingeschlossen, als sie Schüsse hörte. Amokläufer Tim K. schoss von außen durch die Tür des Chemiesaals. Die Kugel traf die junge Lehrerin. Hinter dem Aktenberg im Wohnzimmer steht das Bild der lächelnden Tochter. Eine Kerze und ein Kreuz daneben.

 

 

 

Die Kämpfe finden in seinem Inneren statt

 

 

„Es geht nicht mehr weiter, wir sind am Ende“, sagte seine Frau, als sie von der Brandkatastrophe erfuhr. Wie Hiob fühle er sich, sagt Walter Schüle, „dem alles genommen wurde“. Hiob, den Gott prüft, der seine Kinder und sein Haus verliert und der aufbegehrt. Hiob soll die Katastrophen als Strafe für seine Verfehlungen annehmen, doch er ist sich keiner Schuld bewusst und wehrt sich dagegen, dass ihm zum Leid auch noch Schuld zugeschoben wird. Keiner schiebt Walter Schüle Schuld zu. Die Kämpfe finden in seinem Inneren statt. Seine Zweifel an einer gerechten Ordnung, an einen Schöpfer, der über allem die Hand hält, die trägt er mit sich selbst aus. Tim, dem Mörder seiner Tochter, konnte er schon nach einem halben Jahr verzeihen, er hat es sich abgerungen. Das heißt nicht, dass er dem Vater Jörg K. verzeihen kann, obwohl er doch am Anfang auch Mitleid mit der Familie des Täters hatte. Doch inzwischen, nach zwei Prozessen und der Ankündigung der Anwälte des Vaters, nochmals in Revision zu gehen, sind die Fronten verhärtet. „Ich will ihm nicht mehr verzeihen, und da hab ich ein echtes Problem“, sagt er. Denn sein Glaubensverständnis – er ist seit einigen Jahren Mitglied der Neuapostolischen Kirche – verlangt ihm genau dieses ab. „Sie können nicht beim Abendmahl beten: Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – und es dann selbst nicht tun“.

 

 

„Du bist ein total verbitterter alter Sack“

 

Die Welt ist nicht mehr wie bei Hiob im Alten Testament. Und doch, in Backnang taucht sie wieder auf, die Frage nach der Schuld und vor allem nach den Schuldigen. Noch ist nicht klar, was die Ursache der Katastrophe war, die zum Erstickungstod von Mutter und Kindern führte. Walter Schüle aber will für sich darin keine Strafe des Himmels sehen. Er sagt: „Ich nehme es als Unglück“. Getränkehändler rufen an, die ihm Hilfe anbieten. Er braucht schnell Räume, damit seine Kunden nicht abwandern. Das Mitgefühl nach dem Amoklauf half ihm, es hilft ihm auch heute, so lange es kein Mitleid ist. Das kann er genauso wenig brauchen wie Selbstmitleid. Neulich, erzählt er, habe er sein Spiegelbild betrachtet und sich gesagt: „Du bist ein total verbitterter alter Sack.“ Doch da hatte er einfach einen schlechten Tag, sagt er. Und lächelt. {Quelle: www.stern.de – Von Ingrid Eißele, Backnang}

 

3 Responses to “Der Hiob aus Backnang”

  1. Gerade deshalb feiern wir ja Ostern.
    Die Kraft des Verborgenen
    Jesus‘ Auferstehung war ein vollkommen intransparenter Vorgang, rätselhaft, unwahrscheinlich und mysteriös. Das ist der Grund, warum sie den Stoff liefert für den Glauben. Es wäre schade, wenn das Dunkle verschwinden würde – nicht nur als Gegenpart zum Licht.
    .
    Es ist wichtig, daran zu erinnern. Nicht nur, weil Ostern ist. Sondern weil diejenigen, die die Kraft des Glaubens und des Geheimnisses hochhalten, heute unter Verdacht geraten. Das gilt für religiöse Menschen, besonders für Fromme, die sich um des Glaubens willen bedecken. Wo Enthüllung alles ist, wird der Schleier zum Feind. Verdächtig machen sich aber auch andere, die es irritiert, dass immer mehr vom menschlichen Leben, Lieben und Leiden im Internet sichtbar ist. Die es beunruhigt, dass immer mehr Informationen verfügbar sind, gespeichert auf Chipkarten, vernetzt in anonymen Datenbanken, abrufbar bei Facebook und Google. Denn Transparenz, Sichtbarmachen, Offenlegen wird zum Fetisch.

    Nichts gegen Aufklärung. Je mehr Informationen zugänglich sind, umso einfacher kann es sein, Kriminalität, Korruption und andere Missstände aufzudecken. Aber Transparenz ist kein Wert an sich. Aus der Transparenz, aus dem Offensichtlichen erwächst nichts. Es schürt höchstens Misstrauen und erhöht den Druck zur Anpassung. Wenn immer mehr auf einen Blick sichtbar ist, wer kann sich da noch einen Makel leisten? Das Wort „Transparenz“ setzt sich zusammen aus lateinisch „trans“ und „parere“. Parere bedeutete ursprünglich: auf jemandes Befehl hin erscheinen, parieren. Anders ausgedrückt: funktionieren.
    ..
    Aber der Mensch ist nicht perfekt, er ist mal klug, mal doof, er hat Stärken und Schwächen, er ist hässlich und schön und scheitert andauernd. Gerade das macht sein Menschsein aus. Und vor allem: Er kann sich verändern. Das ist sein großes Potenzial. Man weckt es aber nicht durch den Hinweis auf das Offensichtliche. Das zweite Gebot heißt wohl nicht zufällig: „Du sollst dir kein Bildnis machen“.

    .Erst durch den Glauben daran, dass die Welt mehr ist als das Sichtbare, entsteht etwas Neues. Wäre Fortschritt möglich, wenn Menschen nicht träumen und experimentieren würden und nicht überzeugt wären, dass alles ganz anders sein könnte? Das Vertrauen darauf, dass Unmögliches vielleicht doch möglich ist, setzt unglaubliche Energien frei, die Forschung, die Universitäten wären undenkbar ohne diesen Antrieb. Weil Menschen daran glauben, dass sich der andere verändern kann, ist Versöhnung möglich. Eine transparente Liebe? Wäre langweilig. Die „Liquid Democracy“ der Piratenpartei, wer will sie in ihren Verästelungen verfolgen? „Die Durchsichtigkeit ist keine Hellsichtigkeit“, hat ein Philosoph neulich geschrieben. Man muss nicht an die Auferstehung glauben, um zu verstehen, dass auch das Dunkle, Verborgene, Geheimnisvolle wichtig ist. Schade, wenn es verschwinden würde.

  2. Ralf Hummel Says:

    Mein Gott, das ist ja mein Glaubensbruder.

    • Uwe Knauf Says:

      Hallo Ralf, auch Du mein Glaubensbruder, hier in dieser internetten Welt……. ich freue mich, Dir zu begegnen!


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