kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Lieber Allah, das Elend stinkt nach Arsch! 11. März 2013

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 19:24

Die französisch-marokkanische Autorin Saphia Azzeddine hat einen deftigen Roman geschrieben: „Zorngebete“. Es geht um viel Sex – als Schicksal und Ausweg aus der Einöde einer Ziegernhirtenfamilie.

 

 

Für einen Granatapfeljoghurt macht Jbara die Beine breit. Und zwei Schokokekse gibt’s auch noch dazu. Immerhin besser als gar keine Bezahlung. Der Hirte Miloud vögelt sie von hinten, grunzt wie ein Schwein und macht dazu ein saudummes Gesicht. Er stinkt, sie selbst stinkt auch, das gleicht sich aus, irgendwie. „Einmal, als ich ihm einen geblasen habe, bin ich mit der Nase in die Falte seiner Eier geraten, und fast hätte ich gekotzt“. Drastischer kann man Ekel kaum vergegenwärtigen. Ja, erwartet bloß keine Poesie, wo keine drin ist. Jbara, die in diesem kleinen, aber extrem heftigen Roman der 1979 geborenen, in Frankreich lebenden Marokkanerin Saphia Azzeddine spricht, ist 16 Jahre alt. Ihre „Zorngebete“ an Allah sind vulgär, wütend, rotzig, derb, manchmal auch mädchenhaft und bescheiden. Denn Allah, dem sie all das erzählt für den Fall, dass er doch nicht alles sieht, ist bei aller Allmacht doch nicht an dem ganzen Elend schuld.

 

Jbara lebt mit ihrer brutal armen und rückständigen Familie in einem Ziegenlederzelt am Arsch der Welt. Zweimal die Woche kommt ein Bus vorbei. In ihm sitzen arme Schlucker wie sie, einmal auch Touristen, die aussetigen und die pittoerske Armut fotografieren. In diesem Bus fährt Jbaras Sehnsucht, dieser ganzen Scheiße zu entkommen. Habe ich ein Schicksal?, fragt sie Allah einmal. Einmal eine Wahl zu haben! Als ein rosaroter Rollenkoffer mit dem Aufdruck „J’taime d’Dior“ vom Bus fällt mit einer kompletten Nuttenausstattung drin, liegt dem schönen Hirtenmädchen die Zukunft vor den Füßen. Da sie schwanger wird vom stinkenden Miloud, jagt ihr Vater sie fort. Was soll er sonst tun in dieser dummen Welt? „Der Vater ist ein Ignorant und weiß es nicht. Er ist eine Plage auch für sich selbst.“ Er rennt ins nächste Kaff zu einem „Fkih“, der Dorfdepp im Allgemeinen, der sich Imam nennt und auf Kosten der Armen durchfrisst. Jbaras liebste Ziege wird ihm geopfert. Wieso, fragt sie sich, bin ich die Einzige, die diesen Schwachsinn durchschaut, den der Hurensohn von einem Fkih von sich gibt?

 

In der Stadt wird Jbara Dienstmagd, auch dort vom Hausherrn „ein bisschen vergewaltigt“, und als dieser ihr einmal die eigene Lust gewährt, trifft sie ihre Wahl. Sie wird Edelnutte, tanzt in einem Nachtclub, verdient so viel, dass sie ihren Vater gnädig stimmt mit einem Fernseher, vor dem die Geschwister dumpf kleben. Das Ziegenlederzelt bekommt eine Satellitenschüssel, und Jbara zahlt einen zu hohen Preis. Sie kommt für drei Jahre wegen Prostitution ins Gefängnis, verliert zwei Zähne und wird am Ende als dritte Frau ausgerechnet eines Imams so etwas wie zufrieden. Sie hat ihre Wahl getroffen, auch wenn es die falsche war. Allah ist nicht verantwortlich. Zorn ist deshalb ein sehr guter Anfang von Rebellion. {Quelle: www.fr-online.de – Saphia Azzeddine: Zorngebete. Aus dem Französischen von Sabine Heymann. Wagenbach, Berlin 2013. 120 Seiten, 16.90 Euro}

 

 

 

AVIVA-BERLIN.de im März 2013:   Saphia Azzeddine – Zorngebete.

Buchpremiere am 11. März 2013 im Institut français Julia Lorenz

 

Jbara will Joghurt und bietet dafür Sex.

Sie ist eine Sünderin – zumindest, wenn es nach ihrem Vater geht. Und allen anderen Männern. Wäre da nicht Allah, der zwar eine Menge um die Ohren hat, …aber immer Zeit für ihre wütenden, hoffnungsvollen, unverblümten Anrufe findet.

 

Jbara Ait Goumbra ist schön, sie weiß es nur nicht. Denn dort, wo sie aufwächst – in Tafafilt, einem ärmlichen Dorf, umgeben von Wüste, Bergen und Schafen – hat Schönheit keine Bedeutung. Im Zweifelsfall ist alles haram, Sünde, „Selbst ich bin haram“, meint Jbara, „aber auch das weiß ich nicht“. Es gilt das Gesetz ihres Vaters, den sie verachtet, und das Wort Allahs, der ihr einziger Vertrauter inmitten der Einöde ist. Für Jbara schmeckt das gute Leben nach Granatapfeljoghurt – ein kleiner Luxus zwischen Armut, Schmutz und Gottesfurcht – den sie sich mit körperlichen Diensten bei dem Hirten Miloud verdient. Die einzige Verbindung zur Welt außerhalb Tafafilts ist ein Bus, der zweimal wöchentlich das Dorf passiert. Eines Tages fällt der Koffer einer amerikanischen Touristin vom Dach des Gefährts, den Jbara daraufhin wie einen Schatz hütet und der ihr Begleiter auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt wird: Von Miloud geschwängert, wird sie von ihrer Familie verstoßen und begibt sich auf die Suche nach Erfolg und Eigenständigkeit. Dabei wird sie zu Scheherazade und Khadija, arbeitet als Dienstmädchen und Prostituierte, hadert mit Allah und sich selbst, verliert jedoch nicht ihren Glauben.

 

Saphine Azzeddines Jbara ist kein fragiles Wüstenpflänzchen, das sich selbstmitleidig durch ihre Underdog-Geschichte lamentiert, sondern ein ein angry young girl im wahrsten Sinne des Wortes: Sie poltert, flucht und stellt gleich zu Beginn klar: „Ich werde keine Poesie hineinlegen, wo keine ist“. Lakonisch, direkt und gnadenlos ehrlich teilt sie ihr Schicksal mit Allah, der für sie nicht jener zornige, strafende Gott ist, der ihre Mutter in die totale Unmündigkeit drängt, sondern ihr Verbündeter, dessen Urteil für sie größte Relevanz hat – ohne jedoch über ihren eigenen Bedürfnissen zu stehen. Ihre Liebe entspringt keiner Furcht, keinem aus Angst geborenem religiösen Fanatismus, sondern ihrem Grundvertrauen in Allahs Beistand. Instinktiv lehnt sie formelhaften, blinden Gehorsam ab und fordert: „Hört auf, um die Kaaba herumzulaufen, lauft lieber um die Welt herum. Lauft um die Anderen herum, lauft um euch selbst herum!“ Glauben und autonomes Denken stellen für Jbara keinen Widerspruch dar.

 

Autorin Saphia Azzeddine selbst wuchs in Marokko laut eigenen Angaben behütet „in einer Art arabischen Version von ´Unsere kleine Farm´“ auf und emigrierte mit neun Jahren nach Frankreich. Die Existenzangst ihrer Protagonistin, ihre ohnmächtige Wut über ihr Schicksal dürften ihr also fernliegen. Jedoch ist „Zorngebete“ nicht nur die Geschichte einer jungen Frau am Rande der Gesellschaft, die von sozialem Aufstieg, Produkten aus Werbeanzeigen und Jennifer Anistons Haaren träumt: Azzeddine beschreibt vor allem die Emanzipation von gesellschaftlichen und religiösen Zwängen. Jbara ist weit gekommen: Sie begreift intuitiv, dass sie sich – entgegen aller restriktiven Moralvorstellungen von außen – zuallererst vor sich selbst rechtfertigen muss. Mit Sex als Dienstleistung kann sie leben, mit einer Vergewaltigung ihres reichen Hausherren hingegen nur schwer – das passt nicht zusammen? In einer Welt, in der Frauen nicht selbst bestimmen dürfen, was mit ihrem Selbstverständnis vereinbar ist, natürlich nicht.

 

AVIVA-Tipp: Junges Mädchen aus dem Maghreb verlässt ihr Elternhaus und versucht, autonom und frei zu leben – hat frau schon tausendmal gelesen? So bestimmt nicht. Saphia Azzeddines Debutroman ist eine Ohrfeige: Uneitel, schamlos und ohne Larmoyanz schildert Protagonistin Jbara ihre Tour de Force und fragt dabei nicht nach Absolution, sondern nach Halt und Hoffnung. Ein kraftvoller Beitrag zur Debatte um Frauenrechte im Islam.

Zur Autorin: Saphia Azzeddine, Tochter einer französisch-marokkanischen Mutter und eines marokkanischen Vaters, wurde 1979 in Agadir/ Marokko geboren. Im Alter von neun Jahren zog sie nach Frankreich. Azzeddine, die mittlerweile Mutter ist, möchte nicht auf ihre orientalische Herkunft reduziert werden und identifiziert sich stark mit ihrer französischen Heimat. Sie studierte Soziologie, verlebte ein Jahr in Texas und arbeitete als Diamantschleiferin in Genf, bevor sie sich als Journalistin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin in Paris einen Namen machte, wo sie noch heute lebt. Ihr Debutroman „Zorngebete“ wurde in Avignon als Theaterstück umgesetzt und bereits ins Spanische, Italienische, Hebräische und Schwedische übersetzt. Die Verfilmung ihres zweiten Romans „Mein Vater ist Putzfrau“, bei der sie selbst Regie führte, war auch in den deutschen Kinos zu sehen.

 

Buchpremiere unter Anwesenheit der Autorin – nicht verpassen! Montag, 11. März 2013, 19 Uhr Eintritt: frei Veranstaltungsort: Institut français Kurfürstendamm 211 10719 Berlin Um Voranmeldung unter presse@wagenbach.de wird gebeten. Weitere Infos unter: www.institutfrancais.de

Saphia Azzeddine Zorngebete Originaltitel: Confidences à Allah, erschienen 2008 bei J´ai Lu Aus dem Französischen von Sabine Heymann Wagenbach Verlag, Berlin, erschienen 2013 128 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag 16,90 Euro ISBN 978-3803132482

Weitere Infos unter:

www.wagenbach.de

Weiterlesen auf
AVIVA-Berlin:

Rachida Lamrabet – Frauenland

Necla Kelek – Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und
die Frauen – eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko

Artikel 475 des marokkanischen Strafgesetzbuches abschaffen –
Avaaz ruft zur Unterzeichnung einer Petition gegen Zwangsehen von Opfern mit
ihren Vergewaltigern in Marokko auf

{Quelle: www.aviva-berlin.de}

 

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