kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Das Ende eines selbstinszenierten Mythos 6. März 2013

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 18:53

Hugo Chávez hat sein Land autokratisch regiert und geführt. Doch seine politischen Erben sind zerstritten. Die Zukunft Venezuelas ist nach seinem Tod mehr als ungewiss.

 

Es war eine gespenstische Stimmung, als der geschäftsführende venezolanische Vizepräsident Nicolás Maduro vor dem fast vollständigen Kabinett und Mitgliedern der Streitkräfte eine lange Rede hielt, in der er mehrfach von einer feindlichen „Verschwörung gegen das Vaterland“ sprach und wie zum Beweis dafür ankündigte, dass zwei Attachés der amerikanischen Botschaft ausgewiesen würden, weil sie Pläne zur Destabilisierung des Landes gehegt hätten. Mit versteinerten Mienen vernahmen seine Zuhörer aus seinem Mund auch noch die These, dass die schwere Krebserkrankung, an der Präsident Hugo Chávez seit Mitte 2011 litt, ihm von fremden Mächten „eingeimpft“ worden sei. Zu diesem Zeitpunkt musste Maduro darüber informiert gewesen sein, dass Chávez nur noch kurze Zeit zu leben hatte. Drei Stunden später trat er wieder vor die Fernsehkameras und gab das Ableben des Präsidenten bekannt.

 

Aus den Mutmaßungen Maduros sprach die ganze Hilflosigkeit der Hinterbliebenen, die nun das „bolivarische Erbe“ verwalten sollen. In schwierigen Situationen hatte auch Chávez immer wieder Komplotte und die Gefahr einer Intervention von außen beschworen, um seine Gefolgschaft zu einen und bei der Stange zu halten. Maduro und die anderen Regierungsmitglieder hatten die Illusion aufrechterhalten, dass Chávez das Land bis zuletzt vom Sterbebett aus regiert habe. Nun lässt sich nicht mehr vertuschen, dass die chavistische Erbengemeinschaft, allen Einigungsappellen zum Trotz, zerstritten ist. Sie muss auch ihre Anhängerschaft vor dem Auseinanderfallen bewahren. Nichts ist dabei nützlicher als ein klares Feindbild. Nur so lässt sich der Auftritt Maduros in der Todesstunde des Präsidenten erklären.

 

 

 

 

 

Schillerndste und einflussreichste politische Gestalt

Chávez hat zwar, kurz bevor er im Dezember zu seiner vierten Krebsoperation nach Kuba flog, Maduro als seinen Wunschkandidaten bei Neuwahlen empfohlen. Doch hat er weder ihn noch andere zu Lebzeiten als Nachfolger aufgebaut. „El Comandante“ hatte in den 13 Jahren, in denen er Venezuela regierte, seine Herrschaft zu einem autokratischen System ausgebaut, in dem kein Platz für andere war. „Es gibt nur einen Comandante“, hatten seine Vasallen auch dann noch gebetsmühlenartig wiederholt, als Chávez durch die Krankheit seiner wichtigsten Gabe beraubt war: seiner mitreißenden Redekraft. An den Kondolenzbotschaften der Präsidenten aus allen Weltteilen ist abzulesen, wie groß die Lücke ist, welche die schillerndste und einflussreichste politische Gestalt Lateinamerikas hinterlässt. Dies spüren nicht nur die Profiteure seiner Politik, sondern auch diejenigen, die sich an ihm abgearbeitet haben. Chávez hinterlasse „eine Leere im Herzen, in der Geschichte und in den Kämpfen in der Region“, schrieb die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff. Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos, mit dem Chávez anfänglich verfeindet war, sich später aber mit ihm aussöhnte, rühmte seine „Hingabe und seinen grenzenlosen Einsatz“ im Friedensprozess Kolumbiens mit der Guerrilla.

 

Chávez war schon zu Lebzeiten zu einem Mythos geworden. Daran hatte er durch Selbstinszenierung kräftig mitgewirkt. Selbst wenn sich seine Erben nicht zu einigen vermögen, wird der „Chavismus“ ähnlich wie der „Peronismus“ in Argentinien als eine karibische Sonderform des Sozialismus noch eine ganze Weile überleben. Ob sich Chávez dergleichen bereits ausgemalt hat, als er am 4. Februar 1992 gegen die damalige demokratisch gewählte Regierung des Präsidenten Carlos Andrés Pérez putschte, mag dahingestellt bleiben. „Por ahora“, einstweilen, hatte er damals gesagt, sei sein Staatsstreich gescheitert. Er musste ins Gefängnis, wurde unehrenhaft aus dem Militär entlassen. Aber er kam wieder. Bei den Wahlen im Jahre 1998 wurde er selbst zum Präsidenten gewählt. Von diesem Zeitpunkt an durchlebte nicht nur Venezuela, sondern ganz Lateinamerika einen politischen Wandel, wie es ihn seit der kubanischen Revolution im Jahre 1959 und dem Ende der Diktaturen in den achtziger Jahren nicht mehr gegeben hatte. Mit seiner „bolivarischen Revolution“ beendete Chávez in Venezuela die Vorherrschaft einer korrupten politischen Kaste, die das mit großen Ölvorkommen gesegnete Land jahrzehntelang regiert und systematisch ausgenommen hatte.

 

 

Vor allem auf den persönlichen Vorteil aus

Dass Chávez an die Macht kommen konnte, war die Folge dieser Politik zweier Parteien, die sich ein ums andere Mal an der Regierung abwechselten und deren Politiker sich nur wenig oder gar nicht um die immer brennender werdenden sozialen Probleme gekümmert hatten. Sie waren vor allem auf ihren persönlichen Vorteil aus. Die sozialdemokratische AD (Acción Democrática) und die christlich-demokratische Partei Copei waren Repräsentanten der von Chávez geschmähten Oligarchie. Dieser rechnete Chávez zuletzt all jene zu, die nicht bei seiner „Revolution“ mitmachten. Sein Staatsmodell untermauerte er schon kurz nach seinem Amtsantritt mit einer neuen Verfassung. Fortan hieß das Land „Bolivarische Republik Venezuela“. Chávez fühlte sich zeitlebens als Reinkarnation Simón Bolívars, des Unabhängigkeitskämpfers im 19. Jahrhundert und Nationalhelden vieler südamerikanischer Länder. Er wollte dessen Idee eines geeinten Lateinamerikas umsetzen. Schon früh hatte er sich für Bolívar begeistert, 1982 gründete er die Bolivarische Revolutionäre Bewegung (MBR), aus der später seine Partei „Bewegung für eine fünfte Republik“ (MVR) hervorging. Dass Bolívar kein Revolutionär war und der wohlhabenden Schicht angehörte, darüber sah Chávez großzügig hinweg. Im Militär war er über den Rang eines Oberstleutnants nicht hinausgekommen. Als Staatschef, noch dazu in der Pose Bolívars, konnte er jedoch unangefochten die Rolle des Feldherren spielen.

 

Chávez behauptete stets, dass „das Volk“ die Macht ausübe und die einfachen Leute an den Beschlüssen seiner Regierung beteiligt seien. Tatsächlich jedoch behielt er sich die Entscheidungsgewalt selbst über kleinste Details vor. Er machte sich die Justiz untertan und baute ein staatliches Medienimperium auf, in dem er die einzige bestimmende Figur war. Der politische Erfolg von Chávez ist ohne sein unbestreitbares Talent als begnadeter Kommunikator und Komödiant nicht zu erklären. Es verging zumindest in der Zeit, in der ihn seine Krebserkrankung noch nicht heimgesucht hatte, kaum ein Tag, an dem er nicht in Rundfunk oder Fernsehen aufgetaucht wäre. Seine mehrstündige sonntägliche Fernsehsendung „Aló Presidente“ – Rekordsendezeit: mehr als acht Stunden ohne Unterbrechung – war legendär. Sie war Ersatz für Kabinettsitzungen und Pressekonferenzen, war Podium für Ankündigungen und komödiantische Showeinlagen. Chávez sang, scherzte, rezitierte Gedichte, interviewte illustre Gäste, maßregelte Minister oder lobte sie. Hugo Chávez Frías stammte aus dem am Fuß der Anden gelegenen Bundesstaat Barinas. Am 28. Juli 1954 wurde er in der Kleinstadt Sabaneta geboren. Als zweites von sechs Kindern eines Lehrerehepaars wuchs er zunächst bei der Großmutter auf. Mit 17 Jahren trat er in eine Kadettenschule ein und absolvierte anschließend eine Ingenieurausbildung an einer Militärakademie. Schließlich war er Kommandant der Fallschirmjägereinheit in Maracay. Seine enge Bindung an das Militär seit früher Jugend war bestimmend für seine Politik. Letztlich war seine Regierung ein zivil-militärisches Regime, eine große Zahl von Ministern und Staatsdienern rekrutierte er aus den Streitkräften.

 

 

Herrschaftssystem voller Widersprüche

Im Lauf seiner langen Regierungszeit hat Chávez mehrere Wandlungen durchlaufen. Anfänglich gab er sich gemäßigt, beteuerte immer wieder, dass er das private Kapital der Bevölkerung nicht antasten wolle. Doch jeden Einschnitt nutzte er, um sein nach kubanischem Vorbild gestaltetes Modell eines sozialistischen Staatsgebildes umzusetzen und auszubauen. Das folgenreichste Ereignis waren der gegen ihn gerichtete Putsch im April 2002 und der wochenlange Streik Ende desselben Jahres. Beide Versuche der Opposition, ihn aus dem Amt zu entfernen, waren gescheitert. Chávez’ populistisches Herrschaftssystem war voller Widersprüche. Bei den schätzungsweise mehr als tausend häufig willkürlichen Enteignungen von Privatbesitz ging er nicht zimperlich vor. Private Firmen haben mit seiner Regierung trotzdem gute Geschäfte gemacht. Seine Attacken auf die amerikanische Regierung hinderten ihn nicht, mit den Vereinigten Staaten einträgliche Geschäfte vor allem im Erdölgeschäft abzuwickeln. Korruption und illegaler Drogenhandel durchdrangen den gesamten Staatsapparat. Chávez gelang es nicht, die ausufernde Kriminalität zurückzudrängen. Mit dem Aufbau von teilweise bewaffneten Milizen, die seine „Revolution“ verteidigen sollten, leistete er der Gewalt sogar Vorschub. Den armen Bevölkerungsschichten, die von früheren Regierungen nicht wahrgenommen wurden, verschaffte Chávez Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Aber zugleich versäumte er es, mit den immensen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft – bei einem Preis, der bei seinem Amtsantritt noch 20 Dollar pro Fass betragen hatte und inzwischen auf mehr als hundert Dollar gestiegen ist – in seinem Land ein effizientes Wirtschaftssystem aufzubauen. Angesichts der Enteignungen, behördlichen Schikanen und einer ausufernden Bürokratie sank die Produktivität kontinuierlich. Trotz immer neuer Kampagnen, mit denen Chávez die Landwirtschaft zu fördern versuchte, muss Venezuela noch immer 80 Prozent der Lebensmittel einführen.

 

 

Das „geliebte Kuba“

Die Konfrontation mit einem tatsächlichen oder erfundenen Gegner war für Chávez wichtig, um seine Machtstellung auch in widrigen Phasen zu erhalten. Zu seinem Lieblingsfeind hatte er von Anfang an die Vereinigten Staaten erkoren. Unter Obama schien sich das Verhältnis etwas zu bessern, trotzdem setzte Chávez seinen antiamerikanischen Feldzug bis zuletzt fort. Konsequent baute er freundschaftliche Beziehungen zu jenen Staaten auf, die nicht nur in Washington einen üblen Ruf besitzen. Bis zuletzt stützte er den libyschen Diktator Gaddafi. Iran versuchte er, in Lateinamerika salonfähig zu machen. Vor allem jedoch pflegte Chávez enge Beziehungen zu Kuba. Ohne die venezolanischen Erdöllieferungen und andere Wohltaten wäre der Staat der Castro-Brüder längst zusammengebrochen. Die Verbindungen wurden so eng, dass Kuba zuletzt fast einem weiteren Bundesstaat Venezuelas glich. Chávez sprach, als er sich wegen seiner Krebserkrankung in Havanna behandeln ließ, immer wieder von seinem „geliebten Kuba“. Wie sich das Verhältnis zwischen beiden Ländern in Zukunft entwickeln wird, gehört zu den vielen Fragen, die sich nach dem Tod von Chávez stellen. {Quelle: www.faz.net – Von Josef Oehrlein, Buenos Aires}

 

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