kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Im Exil heimisch geworden 12. Januar 2013

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 18:23

Auf Sendung – Mission im Wandel: Taiwan!

 

 

Bruder Augustin Büchel, seit 1963 in Taiwan, bei der Lektüre im Lesezimmer in Taitung.

 

Jahrzehntelang wirkte die Missionsgesellschaft Bethlehem in Taiwan. Doch ihre Mitglieder schwinden, ein Ende ist absehbar. So weit als möglich wird die Arbeit in lokale Hände übergeben. Und manch einer ist froh, wenn der letzte Missionar weg ist.

 

Es ist ein fröhliches Grüppchen älterer Herren, das sich am großen runden Tisch zum Essen zusammengefunden hat: die Priester Gottfried Vonwyl, Josef Eugster, Karl Stähli, Ulrich Scherer sowie die Brüder Augustin Büchel und Laurenz Schelbert. Das Tischgebet spricht der Regionalobere Ernst Gassner. Der geräumige Speisesaal mit mehreren großen runden Tischen zeigt, dass das Regionalhaus der Missionsgesellschaft Bethlehem in Taitung in Taiwans Südosten einmal für mehr Menschen gebaut worden war. Die 7 Männer, zwischen 72 und 81 Jahre alt, sind die letzten von insgesamt 36 Priestern und Brüdern, die für die Mission in Taiwan gewirkt haben. In den sechziger, siebziger Jahren war das dreistöckige Haus voller Leben, vor kurzem, so wird im Gespräch nebenbei bemerkt, habe zum ersten Mal einer allein hier übernachtet.

 

 

Einsatz mit dem Leben bezahlt

 

Die Priester und Brüder in Taitung sind die letzten «China-Missionare» der Missionsgesellschaft, denn eigentlich ist es ein Betriebsunfall, dass sie in Taiwan sind. Oder viel mehr ein Resultat der bewegten Geschichte Chinas. Das erste Wirkungsfeld der noch jungen Gesellschaft wurde 1924 das Gebiet um Tsitsihar, heute Qiqihar, in Chinas nordöstlicher Provinz Heilungkang (heute Heilongjiang). Die Missionare betreuten ein Gebiet rund zwölfmal so gross wie die Schweiz, das zweieinhalb Millionen Einwohner zählte. Das Leben der insgesamt 49 nach China ausgesandten Priester war prekär: 12 von ihnen bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben, bei Überfällen, Anschlägen, Unfällen oder durch Krankheit. Ab 1939, als der Krieg zwischen Japan und China auch das Missionsgebiet erreichte, verschlechterte sich ihre Situation markant. Japan verlor den Krieg, die Kommunisten übernahmen das Zepter. Die Missionare wurden unter Hausarrest gestellt, verhaftet, vielfach gefoltert und ausgewiesen. 1953 verließen die Letzten von ihnen China.

 

 

Warten auf Rückkehr

 

In der Zentrale der Missionsgesellschaft in Immensee im Kanton Schwyz machte man sich Gedanken, wie man die China-Missionare einsetzen könnte. Da war die Einladung des nach Taiwan geflohenen päpstlichen Gesandten willkommen, nach Formosa zu kommen, wie die Insel damals vorwiegend genannt wurde. Die katholische Kirche sah Taiwan als Stützpunkt für die spätere Rückkehr nach China an, gleich wie die vom Festland nach Taiwan geflüchtete Kuomintang-Regierung. «Ich konnte also wieder nach China zurück», beschrieb Jakob Hilber später seine Freude, die er empfand, als er in Immensee den Auftrag erhielt, in Taiwan die Mission zu eröffnen. Auch andere ehemalige China-Missionen liessen sich auf der Insel nieder, aus der Schweiz die Congrégation du Grand-Saint-Bernard, die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz mit Sitz in Ingenbohl-Brunnen und die Ilanzer Dominikanerinnen. Hilbers Vorfreude auf das neue Missionsgebiet erhielt aber beim ersten Augenschein einen Dämpfer. Was er sah, war «nicht gerade erfreulich. Rechts und links hohe Berge mit Urwald, dazwischen ein armseliges Tal, das voller Geröllhalden und kilometerbreiter Flussbetten war», schrieb er in die Heimat. Ein anderer Pionier berichtete, dass er drei Monate im gleichen Raum mit einer Familie aus Grosseltern, Eltern und Kindern wohnte, bis er sich eine Notwohnung zimmern konnte. Und wenn er in den Bergen Ureinwohner besuchte, erhielt er zum Dank auch einmal einen Reh- oder Schweineschenkel zugesteckt.

 

 

Mehr als 50-mal Kirche

 

Und dann war da noch die Konkurrenz. Andere christliche Kongregationen hatten ihre Missionen früher gestartet und machten nur ungern Platz. Die Presbyterianer trichterten den Ureinwohnern ein, dass der Katholizismus des Teufels sei. Als Hilber etwa einen Bergbauern ansprach, sagte dieser, dass die katholische Kirche nicht gut sei, wer ihr folge, komme in die Hölle. In seiner Serie «Bitteres und süsses Missionsleben auf Formosa» berichtete Hilber auch von stundenlangen Religionsgesprächen, die nichts fruchteten: «Ich rief daher die heiligen Engel an, damit die ausgestreuten Wahrheiten doch einmal zu ihrer Zeit Frucht bringen.» Und bei den bereits ansässigen Katholiken stiess der sonntägliche Gottesdienstbesuch auf Widerstand. Früher war einmal im Jahr ein Priester vorbeigekommen, nun klagten die Gemeindemitglieder: «Ha, der Neue will, dass wir jeden Sonntag zur Kirche kommen! Mehr als fünfzigmal! Welch ein Unterschied»!

 

 

Herausforderung Sprachen

 

Bei denjenigen, die zuerst in China gearbeitet hätten, habe man schon gespürt, dass sie Taiwan vielfach nur als Zwischenstation empfänden, erinnert sich Augustin Büchel, der 1963 in Taiwan ankam: «Die meinten, das seien ja alles Chinesen hier.» Die Realität war eine andere, denn an Taiwans Ostküste, die den Schweizer Missionaren zugewiesen worden war, leben viele Ureinwohner. Das mühsam erlernte Chinesisch erwies sich im Kontakt mit ihnen als unbrauchbar; sie verstanden es nicht. Weiter kamen jene Missionare, die Japanisch sprachen, denn unter der fünfzigjährigen japanischen Kolonialisation war Japanisch Amtssprache in Taiwan. Unter der nun herrschenden Kuomintang war Japanisch allerdings verboten. Um das Wort Gottes zu verkünden, mussten die Missionare die Sprachen der Ureinwohner lernen. Da es keine Bücher und meist auch keine Schrift für diese Sprachen gab, entwickelten die Missionare diese selber. Dazu kam das Taiwanisch jener Bevölkerung, die vor Jahrhunderten von Südchina eingewandert war; der Kontakt zur offiziellen Kirche und zu den Behörden lief auf Hochchinesisch. Die hohen sprachlichen Anforderungen der Taiwan-Mission waren auch im Seminar in Schöneck, Beckenried, bekannt. «Ich bin kein guter Sprachschüler und wollte keinesfalls nach Taiwan», erinnert sich Josef Eugster. Aber einer der älteren Missionare habe bloss gesagt: «Wenn du die Menschen gern hast, so lernst du jede Sprache.» Lachend erzählt Ulrich Scherer von seiner erste Messe auf Taiwanisch. Als er einen Gläubigen fragte, wie ihm die Predigt gefallen habe, meinte dieser: «Sie war sehr schön. Bloss verstanden habe ich nichts». Das in den Anfangsjahren noch erklärte Ziel, möglichst viele Ungläubige zu taufen, wurde sehr pragmatisch angegangen. 1964 wies einer der Priester, der als Präfekt ein Studentenheim leitete, auf seinen Erfolg hin, in acht Jahren 70 Studenten getauft zu haben. Bereits Missionsgründer Hilber erkannte aber, dass man etwas für die arme Bevölkerung tun musste, wenn man sie für den Glauben gewinnen wollte. Anfänglich verteilten die Missionare noch Hilfsgüter aus den Vereinigten Staaten, bald aber setzten sie auf Hilfe zur Selbsthilfe.

 

 

Durch Laien ersetzt

 

Ein Beispiel dafür ist die Handwerkerschule in Taitung, die jungen Menschen, vor allem Ureinwohnern, eine Berufsausbildung bietet. Denn diese fanden lange Zeit fast nur als Taglöhner Arbeit und wurden entsprechend ausgenutzt. Lange Jahre haben Missionare und ihre Laienhelfer aus der Schweiz die Schule geführt und auch dort unterrichtet. Heute steht sie mit ihren rund 1600 Schülern auf eigenen Füssen. «Die hoch motivierte Lehrerschaft trägt den Gedanken von Hilber weiter», sagt Ernst Gassner. Auch in der Pastoralarbeit gingen die Bethlehemiten pragmatisch vor. Da die wenigen Priester immer mehrere Gemeinden betreuten, setzten sie stark auf Laien. Auf der Orchideeninsel zum Beispiel, die zum Arbeitsgebiet der Bethlehemiten gehört, ist Gassner als Pfarrer nur etwa eine Woche pro Monat vor Ort. Zwischen seinen Besuchen führen Laien die Gemeinden. Je älter die Priester werden, desto mehr Aufgaben übertragen sie an Laien.

 

Die Schweizer bezweifeln, dass nach ihrer Zeit die Laien ihre Stellung behalten können. «In der hiesigen Kirche gibt es einige, die bloss warten, bis wir gehen», sagt Josef Eugster leicht konsterniert. Taiwanische Priester seien deutlich konservativer, wollten «Chef» sein. Vielleicht seien sie aus Sicht der Kirchenführung zum Teil etwas weit gegangen mit den Laien, meint der Regionalobere Gassner selbstkritisch. Dass sie zum Beispiel Laien auch die Kommunion spenden ließen, passe manchem taiwanischen Priester nicht. Auf das Priesterseminar und damit die Ausbildung der jungen Priester in Taiwan haben die Bethlehemiten keinen Einfluss mehr, dort haben konservative Kräfte das Sagen. Doch längerfristig, sagt Gassner, habe die Kirche wohl keine andere Wahl, als auf Laien zu setzen: «Die ältesten einheimischen Priester sind fast so alt wie wir, und wie in Europa zeichnet sich ein Priestermangel ab.» Eugster vergleicht die Zukunft mit den fünfziger Jahren, als die ersten Missionare kamen: «Ein paar wenige Priester werden für große Landstriche zuständig sein».

 

 

Brücke nach China

 

«Heilungkang ist die erste Liebe unserer Gesellschaft», schrieb einer der Chronisten der Gesellschaft 1971. Nach China zurück gingen die Bethlehemiten im Gegensatz zu andern Missionsgesellschaften nie. Kontakte zur damals gegründeten Gemeinde sind spärlich, deren Situation ist im kommunistischen China zu unsicher. Immerhin, und das erfüllt die Missionare mit Genugtuung, die Gemeinde besteht noch, Jahrzehnte nachdem ihre Mitbrüder von dort fliehen mussten. Seit ein paar Jahren organisieren die Bethlehemiten Weiterbildungskurse für Schwestern und Priester aus China – allerdings fast immer ausserhalb der Volksrepublik. Diese Kurse seien zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein, meint Bruder Laurenz, der das Projekt leitet: «Doch für mich ist das die Brücke zurück zu den Ursprüngen unserer Mission.» Für eine eigentliche Mission hätten die Bethlehemiten heute auch gar nicht mehr die nötigen personellen Ressourcen. Im Gegensatz zu einem Orden will eine Missionsgesellschaft nämlich nicht vor Ort rekrutieren, und in der Schweiz findet sich niemand mehr, der in die Mission einsteigen möchte.

 

 

In die Schweiz oder nicht?

 

Am runden Tisch im Speisesaal in Taitung ist sich die Gruppe einig: In den Gemeinden arbeitet man auf Ablösung, die Mission geht zu Ende. Für die Missionare selber stellen sich grundsätzliche Fragen, etwa, ob die jährlichen Exerzitien, zu denen sie sich zusammengefunden haben, für ihre kleine Gruppe noch sinnvoll sind. Auch wenn alle noch sehr rüstig sind, das Alter macht sich bemerkbar. Soll man in die Schweiz zurückkehren, wenn die Gesundheit nachlässt, wo die Gesellschaft für einen sorgt, oder doch lieber in Taiwan bleiben, wo man mittlerweile zu Hause ist? Auch wenn es nicht direkt ausgesprochen wird, zwischen den Zeilen, in den Sprechpausen ist Wehmut zu spüren – darüber, dass niemand ihre Missionsarbeit weiterführt, dass keine Nachfolger da sind. Ulrich Scherer meint dann aber: «Ich bin froh, dass ich noch nach Taiwan durfte. So habe ich während meiner Zeit mit den Ureinwohnern auf der Orchideeninsel mehr für meinen Glauben erhalten als in den sieben Jahren im Priesterseminar».

 

 

Von Immensee in die ganze Welt

 

1895 gründet Pierre Marie Barral das Institut Bethlehem, ursprünglich mit dem Ziel, Söhne armer Familien für den Missionsauftrag auszubilden. Daraus entsteht später das Gymnasium Immensee. 1921 wird durch ein päpstliches Dekret die Missionsgesellschaft Bethlehem (SMB) gegründet, drei Jahre später reisen die ersten Priester nach China aus. 1938 folgt Simbabwe, das damalige Südrhodesien, später kommen Japan, Kolumbien, Taiwan, Sambia, Peru, Ecuador, Kenya, die Philippinen und Bolivien dazu. Ab 1925 werden Brüder aufgenommen, vorwiegend für die Administration, Schulen und Betriebe. Ab den sechziger Jahren arbeiten immer mehr Laien in den Projekten der SMB mit, gestützt auf die Aufwertung der Laienarbeit durch das Zweite Vatikanische Konzil. 1998 übergibt die SMB die Verantwortung für die missionarische Tätigkeit dem «Verein Bethlehem-Mission Immensee». Dieser wird heute vollumfänglich von Laien getragen. Das Gymnasium in Immensee, aus dem lange Jahre der Priesternachwuchs für die Gesellschaft vorwiegend hervorging, ist 1995 in eine private Stiftung übergeführt worden. {Quelle: http://www.nzz.chPatrick Zoll, Taitung}

Neue Zürcher Zeitung

 

 

2 Responses to “Im Exil heimisch geworden”

  1. Lucas Chen Says:

    Danke fuer die lange Geschichte von der Mission Immensee aus der Schweiz in Taitung. Ich kenne Brueder Augustin Buechel, und wuensche ihm herzlich, dass er gesund und gut geht. moechte gern mit e-mail wieder mit ihm verknuepfen koennen, deshalb habe ich nach ihm mit dem Rechner gesucht, und erst diese Webseite gefunden.

    Mit herzlichem Gruss ! und gruessen Sie bitte auch Bruder Augustin Buechel von mir !

    Lukas Chen
    Maryland, USA


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