kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Der Schleier ist für jene Frauen ein Thema, die keinen tragen 23. Dezember 2011

Filed under: Pater Zakaria & co. — Knecht Christi @ 14:54

Frauen spielten beim arabischen Frühling eine zentrale Rolle. Die algerische Professorin und Frauenrechtlerin Chérifa Bouatta sagt, sie hätten damit eine Verschlechterung ihres Status verhindern wollen.

 

Frau Bouatta, was ging Ihnen durch den Kopf, als im arabischen Raum ein diktatorisches Regime nach dem anderen fiel?
Diese Revolutionen haben in der arabischen Welt grosse Hoffnungen geweckt. Denn die Diktatoren waren seit Jahrzehnten an der Macht. Die Hoffnung war darum sehr gross, dass aus diesen Staaten endlich echte Demokratien werden. Für uns waren die Aufstände in Tunesien und Ägypten historische Momente.

Wieso blieb es in Algerien ruhig?
Wir haben auch in Algerien ein Komitee auf die Beine gestellt, dem die verschiedensten politischen Parteien, aber auch feministische Organisationen angehörten. Auch in Algerien sollte etwas in Bewegung kommen. Und wir wollten ausserdem aufzeigen, dass wir das aktuelle Regime nicht mehr akzeptieren. Daraus ist bisher leider keine Massenbewegung geworden. Aber wir bleiben dran.

 

Ist der Leidensdruck in Algerien weniger gross als in den anderen Maghreb-Staaten?
Man kann Algerien nicht mit Tunesien unter Ben Ali vergleichen. In Algerien haben die Menschen ein Recht auf freie Meinungsäusserung und sie dürfen auch Organisationen auf die Beine stellen. Die Proteste in Algerien hatten darum in erster Linie keinen politischen Hintergrund. Es ging um soziale und wirtschaftliche Forderungen. Algerien hat aufgrund seiner Einnahmen aus dem Erdölgeschäft die Möglichkeit, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Das können Tunesien und Ägypten nicht. Sie sind wirtschaftlich schwächer als Algerien.

 

Haben die Proteste in Ägypten und Tunesien zu einer Verbesserung der Lebenssituation in diesen Ländern geführt?
Die Menschen in Tunesien oder Ägypten sind meiner Meinung nach heute ein wenig desillusioniert. Die politischen Ideen jener, welche diese Revolutionen durchführten, sind praktisch inexistent.

Warum spielen die Frauen im arabischen Frühling eine zentrale Rolle?
Es gab vor allem in Tunesien eine starke Mobilisierung der Frauen. In Tunesien haben die Frauen Rechte wie sonst in keinem arabischen Land. Viele Frauen haben sich dort engagiert, um diese Rechte bewahren zu können. Sie hatten Angst, dass die Islamisten an die Macht kommen und die Rechte der Frauen dann wieder beschneiden.

 

Konnten sie diese Rechte bewahren?
Es hat sich eigentlich nicht sehr viel geändert. In Ägypten sind immer noch die gleichen Gesetze in Kraft wie zu Zeiten der Diktatur. In Tunesien haben die Frauen grosse Angst, dass nach dem Sieg der Islamisten bei den Wahlen die Rechte der Frauen eingeschränkt werden.

Haben die Islamisten einen starken Rückhalt in den Maghreb-Staaten?
Sie haben in Ägypten und Tunesien die Wahlen gewonnen. Man darf aber diese islamistische Gruppen nicht alle in den gleichen Topf werfen. Es gibt unterschiedliche Strömungen. Die Islamisten, die zum Beispiel in Tunesien die Wahlen gewonnen haben, sagen von sich, sie seien gemässigt. Sie sagen auch, dass sie die Rechte der Frauen und die Organisation des Staates nicht infrage stellen. Sie wollen eine Staatsführung, wie sie die Türkei heute pflegt. Es gibt aber auch in Tunesien andere Gruppen, die eine radikalere Auslegung des Islam fordern. In Ägypten haben radikale Islamisten 25 Prozent der Stimmen erreicht. Sie geben sich kompromisslos.

 

Hat sich die Revolution für die Frauen am Ende nicht ausgezahlt?
Das ist durchaus möglich. Die Wahlsiege von radikalen Islamisten werden früher oder später dazu führen, dass der aktuelle Status der Frauen in diesen Ländern weiter verschlechtert wird.

Auch in Algerien?
Es gibt auch islamistische Parteien in Algerien.

Meinen Sie den Front islamique du salut (FIS)?
Den FIS gibt es nicht mehr. Er wurde von den algerischen Machthabern eliminiert. Es gibt aber islamistisch geprägte Parteien, welche der Regierung angehören. In Algerien entstehen zudem heute auch neue islamistische Parteien. Wenn in Ägypten und Tunesien solche Gruppen die Wahlen gewinnen, dann bekommen sie auch in Algerien Auftrieb. Dies kann die Politik des Landes völlig verändern. Und es kann auch grossen Einfluss haben auf die Freiheitsrechte – insbesondere auf jene der Frauen.

 

Sie selber sind Mitglied der Nationalen Koordination für den Wandel und die Demokratie in Algerien. Werden die Anliegen der Frauen in dieser Bewegung ernst genommen?
Wie schon gesagt: Dieses Komitee ist heute in Algerien nicht sehr einflussreich. Wir haben stets betont, dass wir die Besserstellung der Frau nicht erst morgen angehen wollen, sondern jetzt sofort. Also nicht zuerst Demokratie und dann die Frauenrechte. Unsere Forderung lautet: die Demokratie und die Frauenrechte gleichzeitig.

Inwiefern partizipieren heute Frauen in der Politik Algeriens?
Es gibt ein paar Frauen im Parlament. Aber es sind sehr wenige. Es sind wohl mehr Marionetten und Alibifrauen. Mit diesen Frauen wollen die Machthaber zeigen, dass sie nicht gegen Frauen sind und dass sie einen offenen Kurs steuern. Viele Frauen lassen sich aber nicht für solche Zwecke einspannen, weil sie Algerien für ein undemokratisches Land halten. Ausserdem spielt das Parlament in einem solchen undemokratischen System generell keine grosse Rolle. Alles, was die Regierung vorlegt, wird kritiklos abgesegnet. Das Parlament ist bloss eine demokratische Fassade.

 

Kann man Algerien überhaupt mit anderen arabischen Ländern vergleichen?
Es lässt sich am ehesten mit Syrien vergleichen. Man darf nicht vergessen, dass Algerien sehr lange ein sozialistisches Land war. Die Chancengleichheit bei der Ausbildung und der Zugang zu medizinischer Versorgung war unmittelbar nach dem Befreiungskampf ein zentrales Anliegen der damaligen Machthaber.

Trotzdem werden die Frauen heute auch in Algerien diskriminiert?
Die Diskriminierung der Frauen in Algerien geschieht heute vor allem im familiären Umfeld. Die Gewalt gegen Frauen ist hier ein grosses Problem. Frauen können auch nicht in ein öffentliches Lokal gehen. Sie werden aber auch am Arbeitsplatz stark diskriminiert, weil bei Beförderungen meistens Männer zum Zug kommen. In Algerien ist es heute für eine Frau sehr schwierig, eine Kaderstelle zu bekommen.

 

Was ist der Grund, dass es im familiären Milieu häufig zu Gewalt gegen Frauen kommt?
Gemäss Gesetz ist der Mann das Familienoberhaupt. Die Frau hat innerhalb der Familie eine zweitrangige Rolle. Es gibt aber auch viele Übergriffe von Gruppen auf Frauen, weil man ihnen unterstellt, einen unsittlichen Lebenswandel zu führen.

Werden die Frauen zu Hause eingesperrt?
Sie werden sicher nicht eingesperrt wie zum Beispiel in Afghanistan. Aber es kommt auch in Algerien vor. Es gibt in meinem Land eine sehr patriarchale Sicht, wie Familien funktionieren sollen. Die Männer müssen zum Beispiel ihr Einverständnis geben, wenn sich die Frau beruflich engagieren will. Sagt er Nein, darf sie keinen Job annehmen.

 

Wie verhält sich der algerische Staat den Frauen gegenüber?
Wir haben ein Familiengesetz, in dem die Frauen als minderwertig dargestellt werden.

Das müssen Sie uns schon genauer erklären!
Es ist einfacher für Männer, sich scheiden zu lassen. Der Mann kann auch mehrere Frauen haben. Das allein ist ein deutlicher Hinweis, dass die Frau in Algerien nicht als gleichberechtigt angeschaut wird. Die Frau kann ihre Nationalität auch nicht auf ihre Kinder übertragen.

Gibt es Unterscheide zwischen Stadt und Land?
Natürlich. In der Stadt haben die Frauen mehr Möglichkeiten, beispielsweise sich weiter zu bilden. Auf dem Land stehen sie unter strikterer Kontrolle der Männer. Auf dem Land ist es sehr schwierig für die Frauen, ein normales Sozialleben zu führen, Bekannte zu treffen usw.

 

Im Westen geben vor allem Schleier und Burka zu reden. Was sagen Sie dazu?
Im Westen sind Frauen, die einen Schleier tragen, häufig Migrantinnen, die aufgrund ihrer Herkunft stigmatisiert und diskriminiert werden. Der Schleier kann eine Form sein, die eigene Identität zu betonen. In Algerien bekommt der Schleier heute ein immer stärkeres politisches Gewicht. Ich glaube, dass der Druck der Islamisten viele Frauen dazu bringt, einen solchen zu tragen.

Sind Sie selber gegen das Schleiertragen?
Persönlich bin ich der Auffassung, dass jede und jeder sich so kleiden soll, wie er es für richtig hält. Mich stört es aber, wenn den Frauen dieser Schleier aufgezwungen wird und sie dadurch in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Damit wird den Frauen ein Verhalten diktiert. Das macht mir schon ein wenig Angst.

Ist das Schleiertragen in den arabischen Ländern überhaupt ein Thema?
Es ist vor allem ein Thema für jene Frauen, die keinen Schleier tragen. Diese Frauen fragen sich, wieso jemand das tut. Frauen, die einen Schleier tragen, berufen sich hingegen auf den Islam, der den Frauen ein Verhalten vorschreibt. Für mich persönlich werden diese Frauen sehr stark beeinflusst durch saudiarabische Fernsehsender, welche Sendungen über islamkonformes Verhalten der Frauen ausstrahlen.

 

Haben Sie selber auch schon einen Schleier getragen?
Nein, nie. Es sind vor allem jüngere Menschen, die das tun. Von den Frauen meiner Generation gibt es wenige, die einen Schleier tragen.

Die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey hat einen Schleier getragen, als sie beim iranischen Herrscher Mahmoud Ahmadinejad zu Besuch war. Was sagen Sie dazu?
Es ist schwierig, dies zu beurteilen. Der Schleier gehört zur Kultur des Irans. Und diese Kultur muss man respektieren. Gleichzeitig unterstützt man aber damit die Politik der Mullahs gegenüber Frauen.

Soll man den Koran frauenfreundlicher auslegen oder wie im Westen Religion und Staat strikte trennen?
Es gibt heute schon eine frauenfreundliche Auslegung des Korans. Aber sie ist nicht sehr verbreitet. In der arabischen Welt ist der Wille nicht vorhanden, eine solche Auslegung den Frauen zugänglich zu machen. Eine frauenfreundliche Auslegung des Korans bedeutet aber noch lange nicht die Gleichberechtigung, wie sie heute in modernen Demokratien die Regel ist.

 

Und was ist mit der Trennung von Religion und Staat?
Das wäre zwar das Ideal. Aber das ist in den muslimischen Ländern heute keine sehr realistische Option. Es gibt einen starken Druck der Islamisten gegen jegliche liberale Auslegung des Korans.

Beeinflusst der Koran auch die Gesetzgebung Algeriens?
Er beeinflusst vor allem das Zusammenleben in der Familie durch das Familiengesetz, das es seit 1984 gibt. Diese Regelung wird von den Frauen seit ihrer Einführung bekämpft. Die jungen Frauen sind jedoch schwer für dieses Thema zu mobilisieren.

Wie sehen Sie die Zukunft in Algerien?
Entweder kommt es wie in anderen Staaten zu Aufständen oder die Islamisten werden mehr Macht erhalten. Es gab in der Vergangenheit sehr viele Tote in Algerien, nur um zu verhindern, dass die Islamisten die Macht ergreifen können. Und jetzt sieht es ganz danach aus, dass sie trotzdem an die Schalthebel kommen werden. Das ist eine Katastrophe.

 

Wieso finden andere politische Gruppierungen in der arabischen Welt so wenig Zustimmung?
Man kennt deren Vertreter kaum. Die Islamisten sind dagegen sehr gut organisiert. Ich glaube aber, dass die Islamisten sehr schnell mit der wirtschaftlichen und politischen Realität konfrontiert sein werden. Sie können nicht einfach ignorieren, was auf der Welt geschieht und sich einschliessen. Die Realität wird sie zu Konzessionen zwingen. {Quelle: www.tagesanzeiger.ch}

 

2 Responses to “Der Schleier ist für jene Frauen ein Thema, die keinen tragen”

  1. G.*K.* Says:

    Hallo lieber Knecht:so viele Fragen an Uns..aber regt an zum denken!!!

    Es ist sehr gut dass solche Meinungen

    von Leuten die es wirlklich erleben zu Wort kommen. Meine SIcht ist dass die Schilderung der Situation und des Geschehens in Algerien eine starke Bestätigung dafür sind, dass die Ängste der sogenannt islamophoben in Westeuropa nicht irrational sondern sehr sehr real begründet sind

  2. G.*K.* Says:

    Demokratie allein reicht nicht

    Diese Forderungen müssen durch das
    «Bündnis der Jugend für die Revolte des Zorns» erst noch aufgegriffen werden.

    Die Arbeiter_innen haben in den vergangenen Jahren gestreikt, weil wirtschaftliche Not und Armut zugenommen haben.

    Für sie ist das Ende des Regimes von Mubarak mit Demokratie allein nicht erreicht
    . Es geht auch um eine Abwendung von der neoliberalen Politik, die Verarmung brachte und das Alltagsleben zunehmend unsicher werden liess.

    Damit es zu solchen Veränderungen kommt, müssen Arbeiter_innen in den zukünftigen Mobilisierungen eine zentrale Rolle einnehmen.

    Das wäre wohl auch die beste Art sicherzustellen, dass der Sturz von Mubarak, wie bedeutend und entscheidend er auch war, nicht durch Mubarakismus abgelöst wird: durch eine Militärregierung oder Diktatur, die dieselbe neoliberale Politik fortsetzt, gegen die sich die Ägypter_ innen mobilisiert haben.


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