kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Das Verschwinden, die Zwangsbekehrung und die Zwangsverheiratung 27. November 2011

Filed under: Entführung minderjähriger Koptinnen — Knecht Christi @ 21:49

Von koptischen Frauen in Ägypten

 

VORWORT: Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts gab es mit zunehmender Häufigkeit Berichte aus Ägypten über muslimische Männer, die koptisch-christliche Frauen und Mädchen entführen, mit ihnen Zwangsehen eingehen und sie zur Konversion zum Islam zwingen. Die Muster aus Gewalt, Betrug und Zwang entsprechen den Definitionen des Menschenhandels der Vereinten Nationen und des US-Außenministeriums. Die Vereinten Nationen bezeichnen Menschenhandel als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Die vorherrschende Stellung kultureller Normen in Ägypten scheint diese Verletzungen fundamentaler Menschenrechte zu begünstigen. Die Normen ihrerseits wurzeln häufig in islamischen Traditionen und legitimieren Gewalt gegen Frauen und Nichtmuslime. Zu diesen Menschenrechtsverletzungen trägt auch ein stillschweigendes Einverständnis der Regierung bei. Es zeigt sich an ihrer mangelnden Bereitschaft, Vorwürfe von Vergewaltigungen, Entführungen und Misshandlungen ernsthaft untersuchen zu lassen. Ebenso wenig sind die Regierenden bereit, Maßnahmen in Kraft zu setzen, um Ägypterinnen vor Zwangsbekehrungen zu schützen, indem potenzielle Konvertiten über die volle Tragweite eines Religionsübertritts aufgeklärt werden.

 

Einzelheiten über den Handel mit Koptinnen erreichen den Westen oft über verzweifelte Verwandte der Opfer. Wenn die ägyptische Polizei die Opfer von Entführungen, Zwangsverheiratung und Zwangsislamisierung nicht findet und zurückbringt – und oft nicht einmal nach ihnen sucht –, bringen einige ihrer Angehörigen den Mut auf, Informationen und Fotos von ihren verschwundenen Familienmitgliedern an koptische Menschenrechtsorganisationen in der Diaspora weiterzuleiten. Bei der schweren Misshandlung koptischer Frauen und Mädchen im Zusammenhang mit Zwangsverheiratung und -islamisierung handelt es sich nicht um ein völlig neues Phänomen. Der Patriarch der koptisch-orthodoxen Kirche, Papst Schenuda III., protestierte 1976 dagegen. Damals sagte er: „Es wird Druck ausgeübt, um koptische Mädchen zum Islam zu bekehren und sie unter Anwendung von Terror an muslimische Männer zu verheiraten.“2 Doch nun hat das Problem innerhalb der koptischen Gemeinschaft Ägyptens den Siedepunkt erreicht. So stand vor kurzem in der renommierten ägyptischen Wochenzeitung Al-Ahram Weekly: „Auseinandersetzungen um die angebliche Konversion und Zwangsverheiratung koptischer Mädchen mit muslimischen Männern rufen größte Emotionen hervor.

 

Allein im Juli (2009) fanden drei voneinander unabhängige Vorfälle ein großes Presseecho. Die Pharmakologie-Studentin Rania Tawfik Asaad wurde angeblich in Giza entführt und gezwungen, einen Muslim zu heiraten. Drei weitere Fälle, jene von Marian Bishai, Amira Morgan und Injy Basta, gerieten ebenfalls in die Schlagzeilen.“ Trotz der Anhäufung glaubwürdiger Indizien und der Bekundung großer Sorge über diese Entwicklung seitens des altehrwürdigsten Führers der koptischen Gemeinschaft wurde dieser Aspekt des Menschenhandels von den weltweit mächtigsten Menschenrechtsinstitutionen kaum berücksichtigt – nicht einmal von denen, die sich mit dem Thema Menschenhandel besonders befassen. Daher beschlossen die Koptische Menschenrechtsstiftung und Christian Solidarity International (CSI), Michele Clark, eine Spezialistin im Bereich des Kampfes gegen den Menschenhandel, sowie United Nations Office on Drugs and Crime.

 

Nadia Ghaly, eine koptische Anwältin für Frauenrechte, mit mit einer ernsthaften Untersuchung der angeblichen Entführungen, Zwangsehen und Zwangskonversionen zum Islam in Ägypten zu beauftragen. Beide leisteten eine hervorragende Pionierarbeit und interviewten dabei die Opfer und ihre Verwandten, Rechtsanwälte, Priester und andere Verantwortungsträger der koptischen Gemeinschaft. Im Bericht werden Dutzende von Einzelfällen dokumentiert. Es werden bestimmte Muster nachgewiesen, wie sie von den Urhebern, den Opfern, der Regierung, den Gesetzesorganen und den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaften in Ägypten angewandt werden. Der Bericht schließt ab mit einer wertvollen Zusammenstellung praktischer und kritischer Empfehlungen an die koptische Gemein-schaft, die ägyptische Regierung sowie die internationale Gemeinschaft. Die Ergebnisse von Frau Ghaly und Frau Clark sind zutiefst beunruhigend. Sie sollten Menschen-rechtsaktivisten und Institutionen insbesondere in den Bereichen Frauenrechte und Menschenhandel ermuntern, weitere Untersuchungen anzustellen hinsichtlich dieser Form sexueller und religiös begründeter Gewalt gegen koptische Frauen und Mädchen in Ägypten.

 

DANK UND ANERKENNUNG: Die Koptische Menschenrechtsstiftung und Christian Solidarity International möchten Nadia Ghaly und Michele Clark als Hauptverantwortliche der für diesen Bericht unternommenen Recherchen wie auch für die Abfassung des Berichts ihren Dank aussprechen. Als Koptin und führende Fürsprecherin der koptischen Minderheit hat uns Nadia Ghaly einen vertieften Zugang zur ägyptischen Kultur verschafft und uns ebenfalls ein dynamisches Verständnis dafür geschenkt. Dankbar sind wir auch für Michele Clarks entscheidende Beiträge zu diesem Projekt angesichts ihrer Erfahrung im internationalen Menschenrechtsbereich. Wir sind Mamdou Nakhla vom Al-Kalema-Menschenrechtszentrum (Al-Kalema Center for Human Rights) in Kairo, Ägypten, ferner Dr. Naguib Gibraeel von der Menschenrechtsvereinigung der Ägyptischen Union (Egyptian Union Human Rights Organization) und anderen Personen, die aus Sicherheitsgründen unerwähnt bleiben müssen, für ihre Unterstützung und die im Bericht enthaltenen Einsichten ebenfalls sehr zu Dank verpflichtet. Nicht zuletzt möchten wir auch Elliott Daniels für seine Beiträge und redaktionelle Arbeit an diesem Bericht unsere dankbare Anerkennung aussprechen.

 

EINFÜHRUNG UND HINTERGRUND: Der Anteil der Christen in Ägypten beträgt 20 Prozent bei einer Gesamtbevölkerung von fast 80 Millionen Einwohnern. Die Mehrzahl der Christen gehört der koptisch-orthodoxen Kirche an.4 Trotz ihrer vergleichsweise bedeutenden Anzahl führen die Kopten das Leben einer marginalisierten und benachteiligten Religionsminderheit. Ägypten ist ein islamischer Staat. Der Islam ist „Staatsreligion“; das islamische Gesetz – die Scharia – gemäß der ägyptischen Verfassung „Hauptquelle der Gesetzge-bung“.5 Die Marginalisierung der Christen spiegelt sich in bemerkenswerter Weise wider: Es sind kaum Kopten in jenen politischen Ämtern vertreten, deren Inhaber gewählt oder ernannt wurden. „Christen fungieren weder als Präsidenten noch als Dekane an öffentlichen Hochschulen, und sie wer-den selten von der Regierung nominiert, um sich bei den Wahlen als Kandidaten der Nationalen Demokratischen Partei (NDP) aufzustellen.

 

Die Christen, die 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, haben weniger als zwei Prozent aller Sitze in der Volksversammlung und im Shura-Rat inne. Seit dem 30. Juni 2008 gehörten sechs Christen (fünf ernannt, einer gewählt) der 454-köpfigen Volksversammlung an; sechs Christen (alle ernannt) waren Mitglieder des 264-köpfigen Shura-Rats; zwei Christen gehörten dem Ministerkabinett von 32 Mitgliedern an; und einer der 28 Gouverneure des Landes war Christ. Wenige Christen dienen bei den oberen Chargen der Sicherheitskräfte und der Armee. Öffentliche Gelder kommen muslimischen Imamen, nicht jedoch christlichen Klerikern zugute. Was die Regierungspraxis angeht, so wurden Christen diskriminiert. Sie wurden benachteiligt bei der Suche nach Stellen bei der Beamtenschaft oder an den staatlichen Hochschulen. Ebenso wurden Christen vom Studium an der (mit öffentlichen Mitteln finanzierten) Alazhar-Universität ausgeschlossen.“ Infolge ihres Mangels an politischer Macht ist die koptisch-christliche Bevölkerung gegenüber den vielfältigen Formen ausgeübter Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt weitgehend schutzlos. Diese Formen beinhalten „missbräuchliche Praktiken seitens lokaler Polizei- und Sicherheitskräfte, die Weigerung von Sicherheitskräften, die Opfer zu verteidigen oder ihre Angreifer strafrechtlich zu verfolgen sowie systematische und diskriminierende Praktiken seitens der ägyptischen Regierung“.

 

Als spezifische Form der Gewalt gegenüber der koptischen Gemeinschaft darf wohl das Verschwinden koptisch-christlicher Frauen gelten, dessen Folgen Zwangsbekehrungen und Zwangsehen sind. Die Regierung der USA berichtete über junge koptische Frauen, die zum Übertritt zum Islam und zur Ehe mit muslimischen Männern gezwungen wurden. Gemäß dem Bericht 2008 über Internationale Religionsfreiheit gab es „Berichte von Zwangskonversionen koptischer Frauen und Mädchen zum Islam durch muslimische Männer. Die Berichte sind umstritten und schließen oft hetzerische Beschuldigungen und die kategorische Leugnung von Entführungen und Vergewaltigungen mit ein.“ Ein bemerkenswerter Fall, der zu landesweiten Protesten der koptischen Gemeinschaft führte, war die mutmaßliche Entführung und Zwangsislamisierung von Wafaa Constantine Messiha, der Frau eines ägyptisch-koptischen Priesters, im Jahre 2006.10 Nach Aussagen von Emil Zaki, Vizepräsident der U.S. Coptic Association (US-Koptenvereinigung), „hinderte die ägyptische Regierung ausländische Journalisten daran, an den (Protest)-Kundgebungen teilzunehmen. Einzig staatliche und arabische Netzwerke durften von den Protestorten aus berichten. Al-Jazeera als einziges Medium mit Filmmaterial zu den Protesten berichtete sogar, dass Messiha nicht entführt worden, sondern aus freiem Willen zum Islam übergetreten und mit ihrem Mann weggelaufen sei.“ Recherchearbeit per Internet machte dann deutlich, dass in der Tat zu diesem Fall keine Berichte im Bereich der größeren internationalen Medien zu finden waren. Fälle von Entführung, Zwangsbekehrung und Zwangsheirat werden normalerweise von Gewaltakten begleitet. Die Gewalt schlisst Vergewaltigungen, Schläge, Nahrungsentzug und andere Formen von physischer und psychischer Misshandlung mit ein. Als Ergebnis von Gesprächen mit Mitgliedern des koptischen Klerus, die sich in ihren Gemeinden mit solchen Fällen befassen, lässt sich feststellen, dass die meisten Fälle nicht an die lokalen Behörden weitergeleitet wurden. In jenen seltenen Fällen, in denen Berichte über Entführungen und Anschläge tatsächlich aktenkundig wurden, gab es für die Urheber dieser Untaten nie rechtliche Konsequenzen.

 

Das Phänomen von Entführungen, Zwangsbekehrungen und Zwangsehen koptischer Frauen mit muslimischen Männern bleibt vergleichsweise wenig dokumentiert. Es ist auch für die Presse meistens kein Thema und wird im Allgemeinen von der internationalen Menschenrechtsgemeinschaft ignoriert. Für diesen Mangel an Aufmerksamkeit sind komplexe soziale, religiöse und politische Faktoren ver-antwortlich, wie z.B.:

= das Zögern der Opfer, denen es gelingt, den Misshandlungen zu entrinnen, später gegen die Schuldigen offiziell Anklage zu erheben. Diese Zurückhaltung der Opfer ist bedingt durch ihre Angst vor Racheakten an ihnen oder an ihren Familien;
= der Mangel an Verurteilungen von Entführern oder Vergewaltigern, falls tatsächlich Anklage erhoben wird;
= ein Gefühl von Scham und Schande, welches das Opfer und dessen Familie befällt und häufig eine Begleiterscheinung von Verbrechen wie Vergewaltigung und sexueller Misshandlung ist;
= die falsche Annahme, wonach koptische Frauen aus freien Stücken sexuelle Beziehungen mit muslimischen Männern eingehen und somit als mitschuldig anzusehen sind.

 

Wir werden uns im Rahmen dieses Berichts mit jedem einzelnen Faktor befassen. Es gibt noch eine weitere Ursache, die dazu führt, dass die internationale Menschenrechtsgemeinschaft zu wenig handelt: Der islamischen Welt fehlt es an der Bereitschaft, die in ihrem Bereich auftretende Diskriminierung und Gewalt gegen Nichtmuslime öffentlich zuzugeben. Vielmehr bleiben derartige Missbräuche der Außenwelt unter einem Mantel des Schweigens und der stillschweigenden Duldung verborgen, obwohl es sich um Verletzungen verfassungsmäßig garantierter Grundrechte handelt. Sobald Nichtmuslime die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf derartige Menschenrechtsverletzungen lenken, werden sie oft als islamophob gebrandmarkt. Das Leben koptischer Frauen, die zu Zwangsehen und Zwangsbekehrungen gedrängt wurden, bleibt selbst nach ihrer Flucht vor ihren muslimischen Ehemännern und deren Familien von Problemen sozialer und rechtlicher Natur derart überhäuft, dass sie sozusagen kein normales Leben mehr führen können. Wegen ihrer Konversion zum Islam bekamen die Frauen nämlich neue Identitätskarten, in denen ihnen eine Religionszugehörigkeit zum Islam bescheinigt wird. Während es ihnen zwar gelingen kann, sich von ihren muslimischen Ehemännern scheiden zu lassen, können sie ihre abgeänderte Religionszugehörigkeit kaum rückgängig machen. In einem Bericht von Human Rights Watch heißt es unter anderem: „Es gibt Hunderte bekannter Fälle koptischer Christen, die zum Islam übertraten, sich später jedoch dazu entschieden, zum Christentum zurückzukehren.

 

Die Gründe, weshalb sich Christen zum Islam bekehren, sind vielfältig: Sie schließen den Willen, zu heiraten oder sich scheiden zu lassen, ebenso ein wie die Aussicht auf verbesserte soziale und wirtschaftliche Perspektiven oder ernsthafte religiöse Überzeugungen. Christen haben keinerlei Schwierigkeiten, wenn sie zum Islam konvertieren und sich um Identitätspapiere bemühen, welche diesen Religionsübertritt dokumentieren. Indessen steht die Zivilstatus-Abteilung (CSD) des Innenministeriums jenen Christen ablehnend und feindlich gegenüber, die nach der erfolgten Konversion zum Islam wieder zum Christentum zurückkehren wollen.“ Der Übertritt zum Islam wird als unumkehrbar betrachtet. Jeglicher Versuch, zu der Religion zurück-zukehren, in die man hineingeboren wurde, gilt als Form des Glaubensabfalls – nach islamischem Recht ein Kapitalverbrechen. Weil die Rückkehr zum ursprünglichen Glauben nicht gestattet ist, ist es für koptische Frauen, die wieder Christinnen geworden sind, unmöglich, neue Identitätskarten zu erhalten. Identitätskarten mit dem Eintrag der Religionszugehörigkeit einer Person sind in Ägypten obligatorisch und erforderlich bei Anstellungen, für den Zugang zu Ausbildungsstellen oder für die Inanspruchnahme öffentlicher Dienstleistungen.

 

Die beharrliche Weigerung der ägyptischen Regierung, diese Praxis zu ändern, zeitigt dramatische Folgewirkungen für jene Frauen, die wieder als Christinnen leben möchten: „Die Weigerung des CSDs, Identitätskarten auf nationaler Ebene herauszugeben, in denen die christliche Identität jener Personen anerkannt wird, die vom Islam wieder zum Christentum übergetreten sind, zwingt diese Personen zu einem Doppelleben: Sie sehen sich selber als Christen, gelten jedoch in den Augen des Staates und vieler Teile der Gesellschaft als Muslime. Sie haben Schwierigkeiten zu heiraten, zumal ihre potenziellen christlichen Partner Angst haben, wegen der Ehe mit einem Muslim von der Kirche exkommuniziert zu werden. Ferner befürchten sie, dass sie muslimischem Persönlichkeitsrecht unterworfen und ihre Kinder automatisch als Muslime klassifiziert werden.“

 

ABSICHT UND METHODIK: Betroffen von der Häufigkeit dieser oft von Gewalt und Missbrauch begleiteten Fälle gaben Christian Solidarity International (CSI) und die Koptische Menschenrechtsstiftung eine Untersuchung hinsichtlich dieser Zwangsehen und Zwangsbekehrungen von koptischen Frauen und Mädchen in Auftrag. Die Untersuchung sollte die Tragweite des Problems sowie die Glaubwürdigkeit der damit zusammenhängenden Aussagen eruieren und die internationale Menschenrechtsgemeinschaft auf die Not koptischer Frauen aufmerksam machen. Zwei separate Reisen nach Ägypten (im März 2005 und im November 2008) wurden unternommen, um Opfer von Missbräuchen zu identifizieren und um Fälle von Zwangsbekehrungen und Zwangsehen zu dokumentieren. Der jetzige Bericht schließt Folgendes mit ein:

 

= Interviews mit Frauen, die entführt wurden oder in Beziehungen/Ehen mit muslimischen Männern hineingelockt und danach zum Übertritt zum Islam gezwungen wurden, wie auch Interviews mit Familienangehörigen der Opfer. Die Interviews wurden von den Rechtsanwäl-ten der Frauen vermittelt. Dabei ist es an dieser Stelle wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich bei den interviewten Personen lediglich um eine kleine Anzahl aller überhaupt existierenden Fälle handelt. Darüber hinaus ist die vorliegende Auswahl der Fälle dadurch begrenzt, dass nur solche Frauen einbezogen wurden, welche die Kosten für einen Rechtsanwalt bestreiten konnten. Diese Frauen werden mit dem Vornamen erwähnt.

= Interviews mit dem Bischof eines Klosters. Dieser fungiert als Administrator von zwei geschützten Wohnstätten für junge Frauen, die aus Zwangsehen und Zwangskonversionen zurückgekehrt sind; und ein weiteres Interview mit der Nonne, welche die Wohnstätten überwacht (November 2008). Aus Sicherheitsgründen werden die wirklichen Namen der Interviewten nicht genannt.

= Interview mit einem Priester, der über die Fälle von Zwangsehen und Zwangskonversionen in seiner Gemeinde beunruhigt ist und Fälle, auf die er aufmerksam wurde, dokumentiert. Um seine Privatsphäre zu schützen, wird sein wirklicher Name nicht genannt.
= Interviews mit Menschenrechtsanwälten
= Schilderung von Fällen, die von Menschenrechtsanwälten und Mitgliedern des koptischen Klerus zur Verfügung gestellt wurden. Dieser Bericht wurde von Nadia Ghaly und Michele Clark verfasst. Die Autorinnen möchten insbesondere den Mut jener Frauen anerkennen, die zu einem Interview für diese Studie bereit waren.

 

 

HAUPTERGEBNISSE:

 

III.1 Koptische Frauen und Mädchen werden mit betrügerischen Mitteln zu Ehen mit muslimischen Männern und zu Konversionen zum Islam gezwungen.

 

Die dokumentierten Fälle zeugen von der Zwangskonversion koptischer Frauen und Mädchen zum Islam und von ihrer Zwangsverheiratung mit muslimischen Männern. Vater P. teilte mit, dass es allein in seiner (koptischen) Pfarrgemeinde während des ganzen Jahres bis zu unserem Interview mit ihm über 50 derartige Fälle gab. Bischof M., dessen Kloster zwei Häuser zum Schutz für junge Frauen eingerichtet hat, denen es gelungen war, sich aus der Zwangsehe zu befreien, sagt: „Wir haben nur ein Kloster und 45 Frauen wohnen bei uns.“ Diese Ehen und Konversionen werden unter Zwangsbedingungen vollzogen. Häufig schließen sie auch Entführung und physische Misshandlung mit ein. Die in diesem Bericht aufgeführten Beispiele sind Auszüge aus Interviews mit Opfern und aus Fällen, die von Menschenrechtsanwälten zur Verfügung gestellt wurden. Sie sind im Appendix A dieses Berichts zusammengefasst. H. war mit einem muslimischen Mädchen befreundet gewesen, dessen Bruder sie dann vergewaltigte. Aus Scham, ihrer eigenen Familie etwas über den Vorfall zu erzählen, blieb sie bei der Familie des Mannes, der sie vergewaltigt hatte. Während dieser Zeit wurde sie von der Mutter des Muslims überredet, zum Islam überzutreten und ihren Sohn zu heiraten. Jeden Tag wurde H. in ihrer Wohnung eingeschlossen, nachdem ihr Mann zur Arbeit gegangen war. Sie durfte nur in Begleitung ihrer angeheirateten Verwandtschaft die Wohnung verlassen. Der Zugang zum Telefon wurde ihr verwehrt; beim Verlassen der Wohnung musste sie sich verhüllen und wurde häufig geschlagen. (Fall 1)

 

Der Vater einer jungen entführten Frau schreibt an Präsident Mubarak, Frau Susan Mubarak und andere hochrangige Regierungsleute. Er bittet sie um Hilfe bei der Suche nach seiner Tochter: „Sehr geehrter Würdenträger: Meine Tochter wurde am 2. Februar 2005 von einem muslimischen Jungen entführt. Dieser wohnt im Dorf Balak al Dakoor, einem Vorort Kairos. Meine Tochter ist erst 18 Jahre alt und könnte niemandem ein Leid antun. Ich flehe Sie an, mir bei der Suche nach meiner Tochter mitzuhelfen. Sie bedeutet alles für mich und könnte niemandem Schaden antun“ (Fall 23). Die Opfer von Entführungen halten sich zurück, Anklage gegen die Schuldigen zu erheben. Wenn jedoch Anklage erhoben wurde, gibt es keine Nachweise, dass die Schuldigen verurteilt wurden. Frau W. ist die Mutter einer jungen Frau, die während des Ramadans 2006 beim Einkaufen entführt wurde. Anhand von Nachrichten auf dem Handy ihrer Tochter konnte die Familie den Entführer identifizieren. Die Familie benachrichtigte die Polizei, was zur Festnahme des Täters führte. Allerdings wurde dieser kurz danach freigelassen. Es wurde keinerlei Anklage erhoben. Die Mutter bekam einige Telefonanrufe von ihrer Tochter im Laufe des ersten Jahres nach der Entführung. Doch seit über einem Jahr hat sie nichts mehr von ihr gehört. Frau W. ist sehr besorgt um ihre Tochter, zumal sie an rheumatischem Fieber und schwerer Anämie leidet. Frau W. befürchtet, dass sie sterben wird, falls sie keine entsprechende medizinische Betreuung erhält. Frau W. hat das Verschwinden ihrer Tochter öffentlich publiziert. Dennoch ist bis heute nichts über ihren Aufenthaltsort bekannt. (Fall 3)

 

Junge Frauen unter 18 Jahren sind eine Zielgruppe für Zwangskonversionen und Zwangsheiraten. Der Bericht des US-Außenministeriums von 2008 über Religionsfreiheit (2008 Religious Freedom Report) enthält folgenden Satz: „Gemäß den Anweisungen der (ägyptischen) Regierung für öffentliche Notare, die für die Anwendung des Gesetzes Nr. 114 aus dem Jahre 1947 zuständig sind, dürfen Personen ab 16 Jahren ohne elterliche Zustimmung zum Islam übertreten.“ Diese Bestimmung wird dazu benutzt, um die Konversion von Minderjährigen zu rechtfertigen. R. war 17. Sie war mit einem muslimischen Mädchen aus ihrer Nachbarschaft befreundet. Dieses Mäd-chen machte sie mit einem muslimischen Mann namens Amir bekannt. Amir begann, ihr den Hof zu machen. Eines Tages ging R. mit ihrer Schwester einkaufen. R. wurde unter Drogen gesetzt und entführt. Als sie aufwachte, befand sie sich in der Gefangenschaft von Amir und einiger seiner Freunde und Familienmitglieder. R. musste zum Islam konvertieren und wurde mit Amir verheiratet. Als sie sich weigerte, mit ihrem neuen Ehemann sexuell zu verkehren, vergewaltigte er sie. Sie wurde wieder-holt geschlagen. Das eintätowierte koptische Kreuz auf ihrem Handgelenk wurde mit Säure weggeätzt. (Fall 5)

 

III.2 Zwangsehen und Zwangskonversionen gelten bei den ägyptischen Behörden im Allgemeinen nicht als Straftatbestände. Es wird angenommen, dass die jungen Frauen bei den entsprechenden Hochzeits- und Konversionsvorbereitungen bereitwillig mitmachen.

 

Laut einem Bericht der ägyptischen Regierung heiraten und konvertieren die Frauen freiwillig. „Gemäß dem im März 2008 verfassten vierten Bericht des mit der Regierung liierten Nationalen Menschenrechtsrats bekam der Menschenrechtsrat 35 Klagen seitens christlicher Familien, wonach ihre Töchter vermisst würden. Der Menschenrechtsrat leitete die Berichte an das Innenministerium weiter. In den meisten Fällen gab das Ministerium seinerseits in seiner Antwort zu verstehen, dass die Frauen mit muslimischen Männern weggelaufen seien. Sie seien freiwillig zum Islam übergetreten und hätten es aus Furcht vor Repressalien seitens ihrer Familien vorgezogen, diese ohne vorherige Benachrichtigung zu verlassen.“ Es wird also angenommen, dass viele junge Frauen freiwillig mit einem männlichen Bewerber von zuhause fliehen. Damit wollen sie angeblich einem strengen Familienregime oder einer von der Familie arrangierten Ehe mit einem Mann entkommen, den sie nicht lieben. Diese Behauptung verdient es, innerhalb des breiteren Kontexts anerkannter krimineller Verhaltensweisen insbesondere im Bereich des Menschenhandels erwähnt zu werden. Betrügerische Heiratspraktiken mit dem Ziel, Frauen und Mädchen zu missbrauchen und auszunutzen, sind nicht nur für Ägypten typisch.

 

Experten im Kampf gegen den Menschenhandel realisieren zunehmend, dass Zwangsverheiratung ein Motiv für den Menschenhandel sein kann.15 Die Definitionen der Aktionen, Mittel und Zwecke – wie sie in Artikel 3 des Uno-Protokolls zur Vorbeugung, Unterdrückung und Bestrafung des Menschenhandels insbesondere bei Frauen und Kindern als Ergänzung zur Uno-Konvention gegen transnationales organisiertes Verbrechertum für den Bereich Menschenhandel zutreffen – lassen sich auch auf Entführungen mit dem Ziel der Zwangsverheiratung koptischer Frauen mit muslimischen Männern anwenden. Die Praktiken, Frauen in Beziehungen mit Männern zu locken mit dem Ziel ihrer Zwangsverheiratung, sind, sofern sie mit Gewaltanwendung, Betrug oder Zwang verbunden sind (wie in den bereits geschilderten Fällen entführter koptischer Frauen), den Praktiken des Menschenhandels gleichzusetzen.

 

Zum Beispiel beschreibt der Bericht der US-Regierung von 2008 Menschenhandel in den Niederlanden wie folgt: „In den Niederlanden werden die Opfer – junge Frauen und Mädchen – oft von so genannten ,jungen Liebhabern entführt – Männer, die junge Frauen und Mädchen verführen und in die Prostitution treiben.“16 Die Regierungen sowohl der USA als auch der Niederlande erkennen, dass eine Rekrutierungsform für den Menschenhandel darin besteht, dass Männer junge Frauen entführen, um sie in die Prostitution zu zwingen. Die internationale Gemeinschaft gegen den Menschenhandel anerkennt dieses Muster von Betrug im Zusammenhang mit der Anknüpfung von Beziehungen zwi-schen Männern und Frauen und ihrer Ausnutzung als eine Schlüsselkomponente bei vielen Fällen von Menschenhandel. Sie hat Vorbeugungs- und öffentliche Aufklärungsstrategien konzipiert, um gegen diese Praktiken anzugehen. In gleicher Weise zeigen die in diesem Bericht dokumentierten Fälle ein Muster von Anlockungsstrategien auf. Diese scheinen auf den ersten Blick ehrlich gemeint zu sein, in Wirklichkeit jedoch sind sie auf Ausbeutung, Zwangsheirat und Zwangskonversion ausgerichtet. Es ist wichtig zu verstehen, dass solche Fassaden romantischer Beziehungen, deren eigentliche Ziele Betrug und Ausbeutung sind, allgemeine Muster von Verbrechen gegen Frauen und Mädchen, nämlich Menschenhandel, darstellen.

 

Wenn auch einige Frauen in eine romantische Beziehung eingewilligt haben, heißt dies nicht, dass sie auch mit dem nachfolgenden Identitätsverlust, der Isolation und der Zwangsbekehrung zum Islam einverstanden sind. Gemäß Artikel 3 des Uno-Protokolls über den Menschenhandel wird der Faktor „Freiwilligkeit“ bei der Beurteilung eines Verbrechens als Menschenhandel dann hinfällig, wenn Gewalt, Betrug oder Zwang im Spiel sind, wie dies für die in unserem Bericht beschriebenen Fälle zutrifft. Die Einwilligung in eine Beziehung impliziert daher keines-wegs auch die Zustimmung zu der danach folgenden Ausbeutung, Zwangsheirat oder Zwangsbekehrung, zumal es sich bei Zwang, Betrug, Ausbeutung und Ausnutzung einer Schwachstelle um Verhaltensmuster handelt, die von den Vereinten Nationen als Menschenhandel definiert werden.

 

Die in diesem Bericht dokumentierten Fälle zeigen deutlich jene betrügerischen Beziehungen und Zwangsehen, die in eine extreme Ausbeutung ausarten: 15 Vgl. zum Beispiel “Effectiveness of Legal Frameworks and Anti-Trafficking Legislation” (Die Wirksamkeit rechtlicher Rahmen-bedingungen in Zusammenhang mit der Gesetzgebung gegen den Menschenhandel). Es handelt sich hierbei um einen Hintergrundbericht, der für das Wiener Forum für den Kampf gegen den Menschenhandel (13–15. Februar 2008) verfasst wurde, sowie um die Proceedings of the First Meeting of the Association of Trafficking in Persons Scholars (Verhandlungen des Ersten Treffens des Vereins von Rechtsgelehrten im Bereich des Menschenhandels), vorgetragen am 10. November 2008 anlässlich des Dritten Symposiums der ökonomischen Aspekte des Menschenhandels an der John Hopkins University School of Advanced International Studies, 10.09.08, www.state.gov/g/Tipp/rls/tiprpt/2008/105388.htm

 

Die 17-jährige R. bekam einen Telefonanruf. Der höfliche junge Mann stellte sich als Amir vor und sagte, er sei ein Verehrer von ihr. Er wollte sie in einer Kirche treffen. R. wurde unter Drogen gesetzt und entführt. Als sie aufwachte, sagte ihr Amir, in Wirklichkeit heiße er Wali … Er gab ihr den Namen Fatima. Sie wurde jeden Tag geschlagen, wurde gezwungen, einen schwarzen Schleier zu tragen und musste schließlich einen Mann namens Mahmoud heiraten, den sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich weigerte, mit Mahmoud sexuelle Kontakte zu haben, wurde R. von seiner Familie festgehalten, während er sie vergewaltigte. Sie begann heftig zu bluten. Als Folge dieser Vergewaltigung kann R. keine Kinder mehr haben. (Fall 5)

 

Die 17-jährige S. wurde immer wieder mit Beruhigungsmitteln betäubt, bis ihre Konversion und Ehe vollzogen waren. Drei Jahre lang hörte ihre Familie nichts von ihr. Die Polizei sagte ihren Eltern, sie sei wahrscheinlich von zuhause weggelaufen und eine Beziehung mit ihrem Entführer eingegangen. In Kairo arbeitete S. als Hausmädchen der ersten Frau des Mannes, der sie entführt hatte. Sie erhielt für ihre Arbeit keinen Lohn und bekam stattdessen nur eine sehr kleine Geldsumme, um ihre Kinder zu ernähren. S. und ihre Kinder durften nicht zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Haushalts essen. Dazu schliefen sie in einem Keller, wo es weder Fenster noch elektrische Anschlüsse noch Lüftung gab. (Fall 20)

 

III.3 Die Entführung und/oder das Verschwinden koptischer Frauen und Mädchen folgt bestimmten Mustern.

 

Diese Untersuchung zeigt auf, dass bei den Anlockungsversuchen zum Eingehen von Beziehungen, die zu Konversionen und Ehen führen, sowohl Frauen als auch Männer involviert werden, um Vertrauen aufzubauen und Widerstände auszuräumen. Die meisten in diesem Bericht erwähnten Fälle begannen mit einer Beziehung in einer Atmosphäre des Vertrauens. Diese Beziehung führte jedoch im Laufe der Zeit zum Verschwinden oder zur Entführung und schließlich zur Ehe mit einem muslimischen Mann sowie zur Konversion zum Islam. Bei diesen Freundschaften kann es sich um einen Schulkollegen oder Gleichaltrigen handeln; um eine ältere Frau, welche eine Mutterrolle einnimmt, um einen muslimischen Freund oder um einen wohlwollenden Patron. Die Beziehungen vermitteln ein Gefühl von Zugehörigkeit, Kameradschaft und emotionaler sowie finanzieller Unterstützung. In einigen Fällen bieten sie auch lebenswichtige Dienste und konkrete Hilfe für den Notfall. Diese angeblichen neuen Freunde beuten jedoch die Schwäche junger koptischer Frauen aus mit dem Ziel, sie zwangszuverheiraten und zu bekehren.

 

Wenn erst einmal Vertrauen entstanden ist, kann die Einladung, von zuhause wegzugehen, auch als Gelegenheit angesehen werden, den Familienproblemen zu entfliehen, sich mit Gleichaltrigen zu arrangieren oder schlicht, um Spaß zu haben. Eine solche Einladung zu einer Romanze oder zur Freundschaft wird also nicht zwangsläufig als Bedrohung oder Gefahr aufgefasst. H. war mit einem muslimischen Mädchen aus ihrer Nachbarschaft befreundet. Dieses Mädchen stellte sie ihrem Bruder vor. Danach vergewaltigte sie der Bruder. Aus Scham und Angst, zu ihrer Familie zurückzukehren, ließ H. sich dazu überreden, ihren Vergewaltiger zu heiraten und zum Islam überzutreten (Fall 1),  M. war während der Schulzeit mit einem muslimischen Jungen befreundet. Diese Freundschaft wurde von ihrer Nachbarin im unteren Stockwerk unterstützt, einem gleichaltrigen muslimischen Mädchen, das auch in ihrer Schulklasse war. M. wurde später unter Drogen gesetzt, entführt und mehr als sechs Monate gefangen gehalten (Fall 2). R. war mit einem muslimischen Mädchen aus ihrer Nachbarschaft befreundet. Diese stellte sie einem muslimischen Mann vor, der begann, ihr den Hof zu machen. Eines Tages ging sie mit der Schwester des Mannes einkaufen. Bei dieser Gelegenheit wurde sie unter Drogen gesetzt und entführt (Fall 4).

 

Folgende Muster lassen sich bei Fällen von Zwangskonversionen und/oder Zwangsehen von koptischen Frauen mit muslimischen Männern immer wieder beobachten:

 

= Koptische Mädchen und muslimische Mädchen, die Schulkolleginnen oder Nachbarinnen sind, befreunden sich miteinander. Die Musliminnen stellen dann das koptische Mädchen ihren Familien vor. Dabei kommt es zur Begegnung mit einem muslimischen Mann.
= Eine ältere muslimische Frau befreundet sich mit koptischen Frauen und Mädchen. Sie übernimmt dabei eine Art Mutterrolle und wird zur Vertrauensperson. Sie gibt später materiellen und emotionalen Beistand in Notlagen und stellt das koptische Mädchen einem muslimischen Mann vor.
= Frauen und Mädchen werden von einem muslimischen Wohltäter bzw. einer muslimischen Wohltäterin angesprochen. Diese bieten Dienste und Hilfe an.
= Sobald das Vertrauen hergestellt ist, werden die Frauen und Mädchen an einen einsamen Ort gelockt und vergewaltigt. Nach der Vergewaltigung empfinden koptische Frauen Scham und Angst vor der Reaktion der eigenen Familie. Sie sind daher eher bereit, einen Verbleib bei der muslimischen Familie in Betracht zu ziehen und ihre Entführer zu heiraten. Zu solchen Ehen gehört für gewöhnlich der Übertritt zum Islam, da die Familie des Entführers darauf besteht. Eine neue islamische Identitätskarte wird vom Staat gewöhnlich unverzüglich ausgestellt.

 

= Einmal verheiratet, werden die Mädchen verschiedensten Formen psychischer und physischer Misshandlung ausgesetzt. Diese reichen von Vergewaltigung und Schlägen bis hin zum Eingesperrtwerden in ihrer Wohnung und zur Isolation von ihren Familien.
= Frauen berichten, dass das neue Ehepaar materielle Vergünstigungen erhält, sobald die Ehe vollzogen wird. Dies kann eine neue Wohnung und Möbel sowie eine Arbeitsstelle für den erwerbslosen Ehemann beinhalten.
= Es ist beinahe unmöglich für die Frau, ihre christliche Identitätskarte zurückzubekommen. Die Identitätskarte ist jedoch unerlässlich und gehört zu den Grundfreiheiten jedes ägyptischen Bürgers.

 

Der Islam verbietet einer muslimischen Frau, einen Nichtmuslim zu heiraten. Umgekehrt darf ein muslimischer Mann eine nichtmuslimische Frau heiraten, ohne dass diese zum Islam übertritt. In den in diesem Bericht behandelten Fällen finden Konversionen und Ehen in der Regel gleichzeitig oder das eine nach dem anderen innert weniger Tage statt. Dabei wird das Konversionsverfahren nicht vom koptischen Mädchen selber initiiert. In vielen Fällen protestieren die jungen Frauen sogar gegen einen Islam-Übertritt; um ihre Einwilligung zu erwirken, werden die Frauen oft vergewaltigt, geschla-gen und manchmal unter Drogen gesetzt. Diese Handlungen werden vom Mann, der schliesslich ihr Ehemann wird, und/oder von Mitgliedern seiner Familie begangen. Es ist daher notwendig, weitere Nachforschungen durchzuführen, weshalb Zwangsehen koptischer Frauen mit muslimischen Män-nern von solchen Bekehrungen begleitet sind.

 

III.4 Sitzungen zur Beratung mit Mitgliedern des eigenen Klerus, traditionellerweise Teil der Übertrittsprozedur zum Islam, sind für potenzielle Islam-Konvertiten nicht mehr möglich.

 

Die Prozedur des Übertritts eines Nichtmuslims beinhaltete traditionellerweise eine Sitzung zur Beratung. Daran beteiligt waren der angehende neue Konvertit und ein Mitglied des Klerus seiner/ihres ursprünglichen Glaubens sowie muslimische Kleriker. An derartigen Sitzungen konnte der potenzielle Konvertit Vertreter beider Religionen anhören. So konnte er/sie eine sachkundige Entscheidung hinsichtlich des Religionsübertritts treffen. Die Regierung hat die Praxis jedoch gestoppt, „beratende und begleitende Sitzungen praktisch ohne Vorwarnung oder Debatte“ zu verlangen. Diese begleitenden Sitzungen waren ausschlaggebend gewesen, um sicherzustellen, dass dem Übertrittswilligen die Konsequenzen einer Konversion voll bewusst waren. Am 23. Februar 2008 beantragte der Menschenrechtsanwalt Naguib Gibraeel vor Gericht, dass die Beratungssitzungen entsprechend der üblichen Praxis in der Vergangenheit wieder vom Innenministerium angeordnet würden. Dr. Gibraeel wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es sich dabei um ein faires Vorgehen gehandelt habe mit der Intention, einem potenziellen Konvertiten die volle Tragweite seiner/ihrer Konversion bewusst zu machen. Dr. Gibraeel fügte hinzu, dass die ägyptische Regierung keine klare Rechtfertigung für die Beendigung der Beratungssitzungen geliefert habe. Viel-mehr verstärke die Aussetzung dieser Praxis den Mangel an echter Religionsfreiheit in Ägypten noch. Dr. Gibraeels Antrag wurde im September 2008 abschlägig beantwortet.

 

Gemäß Bischof M. ist es problematisch, dass die Kirche mit den jungen Frauen vor ihrer Bekehrung zum Islam nicht mehr sprechen kann, um sie über die Konsequenzen einer solchen Entscheidung zu informieren. Während der Ehe mit dem Andersgläubigen kann der Entscheid für die Frau die Abweisung durch die Familie und Gemeinde ihres Herkunftsortes zur Folge haben. Für Frauen, die eine muslimische Ehe mit Wissen des Ehemannes beenden oder denen mit Hilfe der eigenen Familie eine Flucht gelingt, können die Konsequenzen den Verlust der christlichen Identität, des Sorgerechts für die eigenen Kinder, Schwierigkeiten hinsichtlich einer späteren Ehe und sogar die Vorenthaltung eines christlichen Begräbnisses beinhalten, da sie rechtlich als Muslime registriert worden sind. Vater P. weist darauf hin, dass die Anzahl der Übertritte von koptischen Mädchen zum Islam in seiner Pfarrgemeinde zugenommen haben, seit die Beratungssitzungen ausgesetzt wurden.

 

III.5 Koptische Frauen erleiden sowohl vor als auch nach ihrer Konversion und Heirat körperliche und psychische Misshandlung.

 

Koptische Frauen erleiden häufig körperliche und psychische Misshandlung vor und nach der Ehe/Konversion. Die Misshandlung beinhaltet Vergewaltigung, Schläge, Zwangsisolierung und die Einschränkung der persönlichen Freiheit. Doch Fälle von Entführung, Vergewaltigung und körperlicher Gewalt kommen selten in die Gerichtsakten. Zu den Misshandlungen und Anwendungen von Zwang gehören folgende Praktiken: Die Frauen müssen Körper und Gesicht beim Verlassen des Hauses verhüllen; sie dürfen das Haus nicht verlassen, außer in Begleitung eines Verwandten oder einer Person, die das Vertrauen der Familie genießt; sie haben keinen Zugang zu einem Telefon oder anderen Mitteln, um ihre Familien zu kontaktieren; sie werden häufig geschlagen und vergewaltigt. R. wurde vergewaltigt und geschlagen, nachdem sie es abgelehnt hatte, mit ihrem neuen Ehemann sexuelle Beziehungen einzugehen. Das tätowierte koptische Kreuz auf ihrem Handgelenk wurde mit Säure weggeätzt (Fall 5).

 

J. wurde von ihrem Entführer vergewaltigt – und zwar mit Hilfe von dessen Mutter und Schwester, die eine Mitschülerin von J. war (Fall 14). M. war mit einer muslimischen Mitschülerin befreundet. Sie verließ ihre Wohnung und wurde zur Wohnung einer muslimischen Frau und ihres Sohnes gebracht, um dort mit ihnen zu leben. Dort wurde sie vom Sohn der Muslimin vergewaltigt. Das koptische Kreuz auf ihrem Handgelenk wurde chirurgisch entfernt. M. wurde mit ihrem Vergewaltiger verheiratet, der sich von ihr scheiden ließ, als sie 18-jährig wurde. Sie heiratete später ihren Anwalt, der sie seinen Freunden zur Prostitution übergab. Sie wurde schwanger und gebar ein Kind (Fall 17). S. verschwand und wurde später von ihren Entführern vergewaltigt. Sie wurde mit einem muslimischen Anwalt verheiratet und verbrachte bei ihm während fünf Jahren ein Leben als Hausmädchen unter sklavenähnlichen Bedingungen (Fall 20).

 

III.6 Koptische Frauen, die in ihre Heimatgemeinde zurückkehren, erhalten von der ägyptischen Regierung ihre rechtliche christliche Identität nicht zurück.

 

Gemäß Bischof M. ist die Wiederherstellung der christlichen Identitätskarten die größte Herausforderung für die Frauen, wenn sie aus der Situation einer Zwangsehe und Zwangskonversion zurück-kehren. Ohne die ursprünglichen Identitätskarten werden solche Frauen vom Staat als Musliminnen betrachtet. Oft können sie nicht mehr kirchlich heiraten. Bei jenen Frauen, die solchen Situationen nur ohne ihre Kinder entkommen können, bleiben die Kinder Muslime. Das Verlassen des Islams wird als Glaubensabfall betrachtet – selbst wenn es sich um eine Rückkehr zur Geburtsreligion handelt – und gilt somit als todeswürdiges Verbrechen. Drakonische Strafen drohen jenen, die sich dazu entscheiden, zum Christentum zurückzukehren. Es gibt rechtliche Präzedenzfälle, in denen die christliche Identität von Personen wiederhergestellt wurde, die vom Islam zu ihrer Geburtsreligion zurückkehren wollten. Doch dies kommt selten vor.

 

„Am 24. April 2007 entschied das Verwaltungsgericht, dass das Innenministerium nicht verpflichtet sei, die Rückkehr geborener Christ(inn)en zum Christentum anzuerkennen, die in der Zwischenzeit zum Islam übergetreten waren. […] Dieser Entscheid war nicht vereinbar mit den Urteilen, die inner-halb der letzten 3 Jahre von demselben Gericht zugunsten von 32 Konvertiten ausgesprochen wurden. Er war vielmehr daraufhin angelegt, eine Regierungspolitik zu unterstützen, die Konvertiten vom Islam zum Christentum das Recht vorenthält, ihre zivilrechtliche Stellung in Übereinstimmung mit ihrem neuen Religionsstatus zu bringen.“ Dies bedeutet, dass – obwohl in der Vergangenheit einige wenige Konvertiten zum Islam ihren christlichen Identitätsstatus wieder erlangen konnten – die ägyptische Regierung im Allgemeinen keine rechtlichen Präzedenzwirkungen anerkennt, wenn es darum geht, die Rechtsbegehren der meisten Frauen abzulehnen, die ihre christliche Identität zurückerhalten wollen.

 

Menschenrechtsanwalt Nagib Gibraeel führt gegenwärtig 101 hängige Fälle von Personen auf, die ihre christlichen Identitätskarten mit Hilfe eines Gerichtsurteils zurückzuerhalten versuchen. (Dabei handelt es sich jedoch nicht in allen Fällen um koptische Frauen, die mit Zwangsbekehrung und Zwangsheirat konfrontiert wurden.) Andere Menschenrechtler können Ähnliches vorweisen. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass sich diese Zahlen lediglich auf Personen beziehen, die sich einen Anwalt leisten konnten oder sich dazu entschieden, ihren Fall vor Gericht zu bringen. Die Mehrzahl aller koptischen Frauen stammt jedoch aus wirtschaftlich schlecht situierten Familien, und viele wurden durch Drohungen eingeschüchtert, dass man ihnen bzw. ihren Familien Schaden zufügen würde. Da-her stehen ihnen solche Möglichkeiten nicht offen. Selbst wenn neue Identitätskarten ausgestellt werden, bekommen Personen, die zu ihrer ursprünglichen Religion zurückkehren, einen dauerhaften Vermerk in diesen Identitätskarten: Sie müssen die Bezeichnung „Ex-Muslimin“ enthalten. Laut einem Menschenrechtsexperten wird damit „signalisiert, dass es sich bei den Frauen um Glaubensabgefallene handelt; so sind sie Verfolgungen und Anschlägen ausgesetzt.“

 

III.7 Koptische Frauen und Mädchen können wegen schwierigen Familiensituationen, wirtschaftlicher Not und abgeschirmten Lebensverhältnissen leicht betrogen bzw. betrügerischen Praktiken ausgesetzt werden.

 

Gesellschaftlicher Druck, besonders auch die zentrale Stellung der Ehe für die Identität der Frau, dazu die Unkenntnis der Gesetzgebung vieler koptischer Frauen sind die Hauptursache für den Entscheid, zum Islam zu konvertieren. Doch auch Familienkonflikte und finanzieller Druck tragen allgemein dazu bei, dass junge Frauen verleitet werden können, Konversion und Heirat als Mittel anzusehen, um unliebsamen Lebenssituationen zu entrinnen. Die meisten Frauen, die Zwangsbekehrungen und Zwangsehen ausgesetzt waren, stammen aus finanziell schlecht gestellten Familien und waren zum Zeitpunkt ihrer Konversion häufig minderjährig. Viele berichteten, dass sie in Familien aufge-wachsen seien, die unter extremen ökonomischen Schwierigkeiten, heftigem Streit oder dem Tod eines Elternteils oder Kindes litten. Mehrere Beispiele aus aktuellen Fällen zeigen, dass Versprechungen, der Armut entrinnen oder sich aus schwierigen Familienverhältnissen loslösen zu können, als Mittel dazu benutzt wurden, um Frauen zu Beziehungen außerhalb der üblichen Familienbande zu verleiten. Vater P. erklärt, es gebe normalerweise zwei Gründe, weshalb ein koptisches Mädchen den Nachstellungen eines muslimischen Mannes zum Opfer falle. Zum einen entstamme das Mädchen einer wirtschaftlich benachteiligten Familie. Die Ehe mit einem Muslim werde dann normalerweise als Möglichkeit präsentiert, gewisse finanzielle Vergünstigungen zu erlangen. Zum anderen könne ein Mädchen in ihrer Schule psychischem Druck von Gleichaltrigen ausgesetzt sein: Die koptischen Mäd-chen hegen den Wunsch, „wie alle anderen“ zu sein. Zu keinem Zeitpunkt wird den Mädchen mitge-teilt, dass sie irgendwann mit muslimischen Männern verheiratet und gezwungen würden, zum Islam überzutreten.

 

N. entstammte einer armen Familie und arbeitete als Hausmädchen. Sie weigerte sich, den Mann zu heiraten, der für sie ausgesucht wurde. Daher wurde sie von ihrer Familie zunehmend unter Druck gesetzt. Daraufhin ging N. von zuhause weg und wohnte danach bei der Eigentümerin des Hauses, in dem sie arbeitete. Während dieser Zeit leitete die Frau ohne N.s Wissen Schritte zu deren Übertritt zum Islam ein. N. bekam eine neue muslimische ID und wurde kurz danach mit einem Muslim verhei-ratet. Das tätowierte Kreuz auf ihrem Handgelenk wurde chirurgisch entfernt. Es wurde ihr nicht gestattet, ihre Familie zu sehen; auch die Wohnung durfte sie nur völlig verschleiert und unter Begleitung eines weiblichen Mitglieds der Familie ihres (muslimischen) Mannes verlassen (Fall 4).

 

In einigen Fällen verleitet ihre extrem heikle Lage Frauen und Mädchen dazu, nicht traditionelle Wege zu beschreiten, um Unterstützung in ihren Bedürfnissen zu erhalten: N. war zwölf Jahre alt, als sie mit einem christlichen Mann verheiratet wurde, der 26 Jahre älter war als sie. Innerhalb weniger Jahre bekam sie fünf Kinder. Das jüngste Kind litt unter schwerer Anämie und benötigte monatliche Bluttransfusionen. N. konnte für diese Kosten nicht aufkommen. Sie wurde angewiesen, zu einer Moschee zu gehen. Dort geriet sie unter die Obhut eines gewissen Shabaan, einem Hauswart. Einige Monate später schlug Shabaan N. die Heirat vor, doch N. lehnte ab. Sie wurde zwangsweise nach Alazhar gefahren und musste sich dort einem Konversionsverfahren unterziehen. Sie und ihre Tochter wurden danach gegen ihren Willen in einer Einrichtung festgehalten, wo für ihr Kind gesorgt wurde. N. wurde in einem abgesicherten Teil des Gebäudes festgehalten und unter Drogen gesetzt. Sie musste regelmäßig den (islamischen) Religionsunterricht besuchen (Fall 18).

 

III.8 Die koptische Kirche hat einige Zufluchtsstätten für (von Entführungen) betroffene Frauen und Mädchen eingerichtet.

 

Das Oberhaupt der koptischen Kirche, Papst Schenuda III., hat die Entführungen und Zwangsbekehrungen christlicher Frauen verurteilt.21 Bischof M.s Kloster unterhält zwei Zufluchtsstätten für Frauen, die Zwangsbekehrungen und Zwangsehen entflohen sind und nicht zu ihren Familien zurückkehren können. In einem der Häuser für unverheiratete Gewaltopfer ohne Kinder wohnten zum Zeitpunkt, als diese Untersuchung erstellt wurde, 25 junge Frauen. In einer anderen Bleibe für Frauen, die unter ähnlichen Umständen zu Opfern wurden und verheiratet waren, denen es jedoch gelang, zusammen mit ihren Kindern den Peinigern zu entkommen, war eine vergleichbare Anzahl junger Frauen untergebracht. Viele Frauen, die im ersten Heim untergebracht waren, waren zur Zeit ihrer Zwangsbekehrung und Zwangsheirat minderjährig; sie sind noch dabei, die Sekundarschule abzuschließen.

 

Es gab auch Frauen, die gemäß ihren Berichten zu Unterkünften in anderen Klöstern geschickt wurden. Doch es gibt keine genaue Dokumentation über die Anzahl von Zufluchtsstätten, die von der koptischen Kirche betrieben werden. Wegen ihrer Angst davor, dass die Unterkünfte von ägyptischen Behörden aufgespürt werden könnten, sind viele Kirchenleiter sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, Auskünfte über derartige Frauenhäuser zu geben. Zum Beispiel blieben unsere wiederholten Anrufe beim Bischof eines Klosters mit der Absicht, ein Interview für diesen Bericht zu erhalten, unbeantwortet. Im Bericht von 2009 über den Menschenhandel erwähnt das US-Außenministerium ausdrücklich, dass die ägyptische Regierung keine geeigneten Schutzvorkehrungen für Opfer von Menschenhandel bietet.22 Dieses schwerwiegende Manko zeigt sich insbesondere in den Erlebnissen jener Frauen, die in diesem Bericht dokumentiert sind. Die jungen Frauen, die in den Zufluchtsstätten untergebracht sind, werden von der Religionsgemeinschaft versorgt. Falls die Frauen die Schule noch nicht abgeschlossen haben oder ihre Ausbildung nach der Sekundarschulzeit fortsetzen wollen, belegen sie entsprechende Kurse an lokalen Schulen. Einige arbeiten für das Kloster als Köchinnen, als Hausmädchen oder beim Dienstpersonal. Andere sind Gärtnerinnen oder Näherinnen; die von ihnen hergestellten Erzeugnisse werden verkauft, um die Haushaltskosten zu bestreiten. Eine am Ort stationierte Nonne überwacht die Frauenhäuser und die jungen Frauen. Die Häuser, die wir besuchten, waren sauber und mit guten Möbeln ausgestattet.

 

Die Ordensangehörigen erachten es als Teil ihrer Pflicht, für diese Mädchen zu sorgen und ihnen eine sichere Bleibe zu verschaffen. Drohungen gegen die einer Entführung entkommenen Frauen sind häufig und die Sicherheitsbedürfnisse daher enorm. Die Frauen, die ohne Kinder zurückgekehrt sind, leben gewöhnlich in den Zufluchtsstätten, bis es der betreffenden Religionsgemeinschaft gelingt, andere Möglichkeiten für sie zu finden; dabei handelt es sich dann oft um eine arrangierte Ehe mit einem Mitglied der koptischen Gemeinschaft. Viele Frauen, besonders jene mit Kindern, bleiben jedoch für Jahre in den Schutzhäusern des Klosters. Sobald ein Mädchen in ein solches Haus kommt, darf sie den Ort nur dann verlassen, wenn sie heiraten oder zur Familie zurückkehren will. Doch viele koptische Familien nehmen ihre Töchter nicht wieder auf: zum einen aus Sicherheitserwägungen, da die Familien ebenfalls bedroht werden könnten; zum anderen auch deshalb, weil man innerhalb der koptischen Gemeinschaft das, was den Mädchen zugestoßen ist, als Schande empfindet.

 

Unser Bericht zeigt, dass einige koptische Frauen, die ihre muslimischen Ehemänner verlassen haben, von den eigenen Familien nicht wieder aufgenommen wurden. In solchen Fällen bitten die Frauen ihren Gemeindepriester um Hilfe. Diese schicken sie anschliessend zu einem koptischen Kloster mit Unterkunftsmöglichkeit. Aus Gründen der eigenen Sicherheit und des eigenen Schutzes wohnen die Mädchen nicht mehr in ihrer Heimatstadt oder ihrem Heimatdorf.

 

III.9 Koptischen Frauen, die aus einer Zwangsehe oder Konversion zurückkehren bzw. entkommen, fällt es sehr schwer, wieder ein normales Leben zu führen.

 

Für koptische Frauen ist es schwierig, nach ihrer Rückkehr ein normales Leben zu führen. Sie sind mit Hindernissen seitens der Regierung, ihrer Entführer und oft sogar seitens der eigenen Gemein-schaft konfrontiert. Sie gelten häufig als „gefallene Frauen“ und als „sündig“. Einige Familien nehmen ihre Töchter zwar wieder auf. Doch andere sind von der Überzeugung, dass die eigenen Töchter sich in unehrbare und schamhafte Dinge eingelassen haben, derart geprägt, dass sie sich dazu nicht in der Lage sehen. Wieder andere fürchten sich vor Repressalien der damaligen Entführer. H. will sich scheiden lassen und ihre christlichen Identitätspapiere zurückfordern. Sie und ihre Schwester bekommen immer wieder telefonische Drohungen. H. wechselt ständig ihren Wohnort, um nicht entdeckt zu werden. Sie verlässt das Haus nie ohne Begleitung von männlichen Angehörigen. (Fall 1). N. gilt offiziell als muslimische Frau. Sie ist jetzt mit einem koptischen Mann verheiratet und hat drei Kinder. Sie möchte ihre christliche Identität zurückerhalten. Ihr Mann findet keine Arbeit aufgrund dessen, was ihr zugestoßen ist. N. hat Angst vor den Reaktionen der Kinder, falls diese einmal von ihrer Vergangenheit erfahren (Fall 4). H. wohnt aus Angst um ihre Sicherheit nicht mehr in ihrem Heimatdorf. (Fall 16). N. versucht, ihre christlichen Identitätspapiere zurückzubekommen. Sie und ihre Kinder leben von kirchlichen Spenden und wechseln ständig ihren Wohnort, aus Angst, dass die Kinder entführt werden könnten (Fall 18). Der Vater von S. wurde festgenommen, während drei Wochen inhaftiert und geschlagen. Damit versuchten die Behörden den Aufenthaltsort seiner Tochter nach ihrer Flucht herauszufinden. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis floh S.s Vater aus Ägypten. Die Mutter und der Bruder von S. leben in ständiger Angst, und S. ist untergetaucht. (Fall 20)

 

Die einzige Alternative für viele dieser jungen Frauen besteht darin, in der geschützten Unterkunft eines Klosters zu bleiben, wo sie und ihre Kinder den Mönchen als Bedienstete zur Hand gehen. Für junge Frauen, die von dort zurückkehren, ist es jedoch schwierig zu heiraten; sie müssen oft arrangierte Ehen mit älteren oder verwitweten Mitgliedern ihrer Gemeinschaft akzeptieren. Familien, die ihre Töchter wieder bei sich willkommen heißen, werden oft bedroht und drangsaliert. Viele meinen, Asyl zu suchen sei die beste Option, zumal sie nach der Rückkehr der Tochter kein normales Leben mehr führen können. Frauen, die zurückkehren und heiraten, sind dann damit konfrontiert, dass ihre Ehemänner keine Anstellung finden. Viele dieser Frauen verlassen ihre Familien und somit ihr natürliches soziales Netz bzw. sozialen Halt. Damit verstärken sich ihre Gefühle von Isolation und Scham.

 

IV SCHLUSSFOLGERUNGEN: Angaben und Einzelberichte, wonach junge koptisch-christliche Frauen zwangsweise konvertieren und an muslimische Männer zwangsverheiratet werden, wurden durch erste Untersuchungen genügend erhärtet, so dass weitere Abklärungen sowie gezielte Bemühungen zur öffentlichen Aufklärung, Informationssendungen und verstärkte Unterstützungs- und Hilfsanstrengungen gerechtfertigt sind. Darüber hinaus sind die von Menschenrechtsanwälten und Mitgliedern des koptischen Klerus gelieferten Dokumente umfangreich genug, um Behauptungen zu widerlegen, wonach es sich hierbei um Einzelfälle handeln soll.

 

Zwangskonversionen und Zwangsheiraten werden de facto von der ägyptischen Regierung unterstützt. Die Regierung hat die eigentlich erforderlichen Beratungssitzungen für angehende Konvertit(inn)en zum Islam ausgesetzt. Diese zuvor erforderlichen Sitzungen waren für die koptischen Frauen eine Hilfe, um sie vor Zwangskonversionen und deren traumatischen Konsequenzen zu schützen. Die Regierung weigert sich ebenfalls, zum Islam bekehrten Christ(inn)en, die zu ihrem ursprünglichen christlichen Glauben zurückkehren wollen, ihre christlichen Identitätskarten zurückzugeben, trotz einiger weniger Fälle aus letzter Zeit, in denen Frauen die Dokumente tatsächlich wieder zurückerhielten. Diese Verhaltensweise der Regierung trägt zu einem Klima religiöser Intoleranz bei. Der Ablauf bei Zwangsbekehrungen und Zwangsehen erfolgt offenbar immer nach bestimmten Mustern. Dabei werden junge Frauen aus heiklen Lebensumständen, bedingt durch wirtschaftliche Schwierigkeiten oder problematische Familienverhältnisse, in eine Beziehung hineingelockt, die sich für sie schädlich auswirkt. Gewaltakte mit Vergewaltigungen und anderen Formen körperlichen Missbrauchs wie auch psychischer Misshandlung sind dabei häufig.

 

V EMPFEHLUNGEN: Aus dieser Studie gehen drei Kategorien von Empfehlungen an jeweils unterschiedliche Adressaten hervor. Die erste Kategorie richtet sich an die ägyptische Regierung, zumal sie die Aufgabe hat, die Religionsfreiheit für alle Bürger zu erhalten und ihre Menschenrechte zu schützen. Dies schließt auch die religiösen Minderheiten mit ein. Die zweite Kategorie von Empfehlungen richtet sich an die koptisch-christliche Gemeinschaft in Ägypten sowie außerhalb des Landes. Schließlich wird mit der dritten Kategorie die internationale Gemeinschaft angesprochen.

 

V.1 Empfehlungen an die ägyptische Regierung

V.1.1 Die ägyptische Regierung sollte für diejenigen, die den Übertritt zum Islam erwägen, wieder Beratungssitzungen ermöglichen.
V.1.2 Die ägyptische Regierung sollte die Prozedur der Wiederbeschaffung von christlichen Identitätskarten für frühere Konvertiten zum Islam, die zu ihrem ursprünglichen christlichen Glauben zurückkehren wollen, beschleunigen. Schließlich existieren rechtliche Präzedenzfälle für solche Entscheidungen. Darüber hinaus sollte die ägyptische Regierung diese Identitätskarten vorurteilslos und ohne Erwähnung eines früheren Religionsübertritts wieder zur Verfügung stellen.
V.1.3 Die ägyptische Regierung sollte sämtliche Vorwürfe von Entführung und Vergewaltigung wie auch von anderen Gewalttaten gegen Frauen in Zusammenhang mit Zwangsehen und Zwangskonversionen untersuchen und gerichtlich verfolgen.

V.2 Empfehlungen an die koptische Kirche
Die koptische Kirche sollte gemeinsam mit ihren Partnern für interreligiöse Gespräche sowie ihren Partnern in der Ökumene, besonders mit dem Weltkirchenrat, moderne Aktionsprogramme erstellen zur Verhinderung von Zwangskonversionen und Zwangsehen sowie zum Schutz und zur Rehabilitation koptischer Frauen und Mädchen, die ihre Freiheit wiedererlangt haben. Diese Programme sollten Folgendes beinhalten:

 

V.2.1 Die Entwicklung von Ausbildungs- und Erziehungsprogrammen zur Information junger Mäd-chen über die potenziellen Gefahren von Zwangskonversionen und Zwangsehen. Auch sollten die Mädchen lernen, eventuelle Verlockungsmuster zu erkennen.
V.2.2 Die Einrichtung eines Netzwerks von Unterkünften, Zufluchtsstätten und Beratungszentren: Sie sollten jungen Frauen zugutekommen, die Missbrauch erlitten haben.
V.2.3 Die koptische Kirche im Ausland sollte Führungspersonal und Ressourcen für die Entwicklung von Ausbildungsprogrammen zur Verfügung stellen, die darauf ausgerichtet sind, Entführungen, Zwangskonversionen und Zwangsehen zu verhindern sowie Opfern solcher Verbrechen die soziale Rehabilitierung zu ermöglichen.

V.3 Empfehlungen an die internationale Gemeinschaft
V.3.1 Da die Gemeinschaft zur Bekämpfung des Menschenhandels Zwangsehen inklusive Betrug, Zwang und Ausbeutung als Menschenhandel einstuft, sollte das Schicksal der koptischen Frauen in Ägypten bei Diskussionen zum Thema Menschenhandel entsprechend eingestuft und mit einbezogen werden.
V.3.2 Internationale Organisationen, die sich für Religionsfreiheit einsetzen, sollten weiterhin entschlossen für koptische Frauen eintreten, indem sie Regierungsgremien ansprechen und öffentliche Kampagnen lancieren.

V.3.3 Organisationen und Regierungsstellen, die für die Rechte von Frauen eintreten, sollten das Thema des gewaltsamen Missbrauchs koptischer Frauen in Ägypten ernstnehmen und sich entschieden gegen diese Praxis aussprechen.
V.3.4 Internationale Nichtregierungsorganisationen und ihre nationalen Filialen in Ägypten sollten diese gravierende Menschenrechtsverletzung in ihre Aktionsprogramme aufnehmen.

V.3.5 Der Uno-Sonderberichterstatter zum Thema Menschenhandel sowie der Uno-Sonderberichterstatter zur Gewalt gegen Frauen und der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- oder Meinungsfreiheit sollten die tragischen Schicksale der verschwundenen, missbrauchten, zwangsverheirateten und zwangskonvertierten koptischen Frauen und Mädchen in Ägypten untersuchen.

 

Übersetzung aus dem Englischen – Ein Bericht im Auftrag von Christian Solidarity International Koptische Menschenrechtsstiftung – Zelglistrasse 64 Dufourstrasse 131 – 8122 Binz 8034 Zürich – Schweiz Schweiz

 

One Response to “Das Verschwinden, die Zwangsbekehrung und die Zwangsverheiratung”

  1. joe Says:

    Das selbe in Indien:


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s