kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Wer hat Feisal getötet? 7. November 2011

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 20:21

Traurig für USA, traurig auch für Israel

 

Ein Wüstenkönig, der die Industriestaaten herausforderte; ein frommer Moslem, der die Friedensmission des Juden Kissinger abdeckte; ein aufgeklärter Despot, der seinem Land Wohlstand bescherte: Feisal blieb bis zu seinem Tod ein Herrscher voller Widersprüche, aber auch eine stabilisierende Kraft im Konfliktraum Nahost.

In dem ganzen großen Königreich Saudi-Arabien tragen nur drei Gräber Namen: die des Propheten Mohammed (gestorben 632), des Mohammed-Schwiegervaters Abu Bekr (gestorben 634) und des Kaufen Omar (ermordet 644). Das Grab des Königs Feisal (ermordet 1975) wird, nach dem Brauch der in Saudi-Arabien herrschenden wahhabitischen Islam-Richtung, ohne Namen, Daten oder Schmuck der Wüste preisgegeben sein, so wie das Grab seines königlichen Bruders Saud. Auch die Saudi-Banner gingen nirgends auf halbmast an jenem historischen 25. März 1975: Auf ihnen steht das Glaubensbekenntnis des Islam — und das heilige Wort des Koran darf nicht auf halbmast gehen, nur weil ein Mensch, sei er Sklave oder König, ins Jenseits abgetreten ist. Als dieser ferne, fromme Wüsten-Monarch starb, dessen stets leidende Gesichtszüge mehr Distanz erzwangen als Mitgefühl weckten, brach in der Welt der Regierungspaläste und Staatskanzleien eine das üblich-offizielle Maß sprengende Trauer aus. Arabische Diplomaten weinten bei der Todesnachricht. Die britische Regierung titulierte den Toten „großer Araber, großer Moslem, großer Weltführer“. Ein israelischer Diplomat sah „Schockwellen um die Welt laufen“ und Henry Kissinger — ach, Henry Kissinger.

Der Außenminister der USA, soeben nach 16tägigem Nahost-Frondienst heimgekehrt und von seinem Präsidenten väterlich in den Arm geschlossen, nahm nach eigenen Worten von Feisals Tod „mit größter Sorge“ Kenntnis und sah „eine Zeit großer Gefahr“. Denn, drole d’histoire, der offiziell für geisteskrank erklärte Königsmörder Prinz Feisal Ibn Musaid komplettierte im Palast zu Riad mit beinah grausamem Timing das Trümmerfeld, das die Außenpolitik des intelligentesten Außenpolitikers der westlichen Welt derzeit darbietet: Indochina fast verloren (siehe Seite 89), Nato-Land Portugal fast eine Volksdemokratie, der Nahe Osten fast wieder im Krieg. Gestärkt durch den Erfolg seines ersten Disengagement-Abkommens auf Sinai und Golan und den Blick immer stracks an Indochina vorbei gerichtet, hatte der Rationalist Kissinger zu seinem alten Optimismus zurückgefunden, daß die Konflikte hienieden „manageable“ sein müßten. Und er hatte dafür gekämpft — gegen die Araber bis hin zu der ausgesprochenen Drohung einer militärischen Intervention in Richtung Ölquellen, gegen die Israelis bis hin zu der ausgestreuten Indiskretion, Syriens Assad habe ihm erklärt, Israels Schicksal sei ohnehin besiegelt, denn Washington werde es in drei bis vier Jahren genauso fallenlassen wie jetzt Kambodscha.

Und tatsächlich — am vorletzten Freitag brach Kissinger seine Nahost-Mission erfolglos ab: „Ein trauriger Tag für Amerika, ein trauriger Tag auch für Israel.“ Samstag flog er — düsterer Abschluß — als Geschichtstourist auf die Bergfeste Masada am Toten Meer, einen Ort dürrer, stolzer Schönheit, wo vor 1902 Jahren die jüdische Garnison unter dem Ansturm der Weltmacht Rom Kollektiv-Selbstmord verübte. „Masada darf nicht wieder fallen“, schwören hier Israels Offiziersanwärter. Schwitzend sah Kissinger in die flimmernden Weiten der Wüsten Juda und Moab. Am Samstag dann, nach Kissingers Abreise, wuchs in Jerusalem die Beklemmung, Amerika werde ohnehin schließlich die Araber wählen, die 2,5 Prozent der Weltbevölkerung stellen, neun Prozent der festen Erdoberfläche besitzen, 16 Prozent der Uno-Stimmen und rund 60 Prozent der Erdölreseryen: Israel hatte ein neues Kriegsrisiko den Angeboten Kissingers vorgezogen.

Feisal lebte noch, da sprach Ägyptens Sadat, erstmals wieder seit Monaten, vom Heiligen Krieg, machten die Araber Washington für den Zusammenbruch der Kissinger-Mission verantwortlich. Die Position des Israel-Ausrüsters USA bei den arabischen Israel-Feinden aber schien nicht schlecht — dank jenes aufgeklärten Despoten und Moslem-Eiferers Feisal, der den Juden Kissinger auf jeder seiner Nahost-Runden {* Im Jeep Präsident Sadat (r.)} zwar nicht gerade wie Kollege Sadat in Kairo umhalste, ihm aber doch herzlicher als zu erwarten die Hände schüttelte. Der Hüter der heiligen Stätten von über 500 Millionen Moslems zwischen Marokko und Indonesien, der Eigentümer auch von rund 165 Milliarden Erdöl-Barrels in seinem Boden, war, in der von Emotionen und Revolten geschüttelten arabischen Welt, ein Faktor der Stabilität, ohne den eine weitsichtige Nahostpolitik der USA nicht auskommen konnte, ohne den sie nun freilich auskommen muß: Nur mit Feisals Segen hatte Sadat sich auf Kissingers Politik der kleinen Schritte einlassen können. Selbst wenn Feisals Nachfolger, König Chalid, nicht Front gegen Washington macht — er kann, vorerst jedenfalls, Washingtons und Kairos Friedensbemühungen nicht mit der gleichen Autorität abdecken, wie Feisal dies tat.

So ist zu erklären, daß hohe US-Beamte Feisals Tod als „schweren Schlag gegen die US-Politik“ beklagten und Israels führender Militär-Kommentator General Herzog ihn gar als möglichen Ausgangspunkt für „eine verschärfte Konfrontation der Weltmächte in diesem Gebiet“ sah. Freilich, wenn denn Krieg und Frieden von einem König Feisal abhängen — oder doch mit abhängen -, da hat sich die Weltvernunft schon eine seltsame Repräsentanz ausgesucht: jenen Mann, der wie kein anderer noch vor über einem Jahr Symbol war für die Herausforderung, die Wüstenpotentaten des Morgenlandes per Ölboykott und Ölpreiserhöhung an die westlichen Industriegesellschaften richteten und die seinerzeit das Ende des Wohlstands einzuleiten schien; jenen Mann auch, für den nicht Wirtschaft und Weltverkehr ersprießliche Werte zu sein schienen, sondern Religion und Meditation; den Chef der — von Israel abgesehen — letzten bedeutenden Theokratien des 20. Jahrhunderts; den einzigen König unter den Ölscheichs vom jählings zum Weltzentrum aufgestiegenen Persischen Golf, den Ölscheich par excellence.

Als Feisal – sein Name bedeutet „Schwert“ – 1905 in Riad als dritter von insgesamt 42 Söhnen des Wahhabiten-Königs Abd el-Asis III. „Ibn Saud“ geboren wurde, war dieser Ort nichts weiter als ein befestigtes Wüstendorf. Erst wenige Jahre zuvor hatte der 2,08 Meter große Vater Feisals Riad dem Stamm der Raschids abgejagt. Von den Briten auf die Schlachtfelder des Weltkriegs geschickt. Die Erziehung der Königssöhne war hart. „Zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufstehen“, berichtet die Feisal-Biographin Ruth Seering, „bei größter Hitze über heißen Sand und glühende Felsen barfuß laufen, wenig essen und trinken.“ Als Feisals Mutter starb, kam der Siebenjährige in die priesterliche Obhut eines Großvaters mütterlicherseits. Schon früh erwies sich, daß der König seinen dritten Sohn — der erste starb 1919 — dem zweiten, Saud, vorzog. Als die britische Regierung den König nach London einlud, schickte er Feisal, damals 14, scheu, schlank, schön wie ein Prinz aus 1001 Nacht. England bekränzte den Knaben aus dem Morgenland mit Lilien und schickte ihn nach Cambridge und Wales, nach Dublin und nach Birmingham in die Autofabrik Wolseley, aber auch, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, auf die Schlachtfelder Belgiens und Frankreichs.

Fünf Jahre später, Teenager noch, zog Feisal selbst in die Schlacht, um die 30 Tage Wüstenritt entfernte Provinz Assir zu erobern, die damals dem Imam des Jemen gehörte. Siegreich, im Galopp einen Speer schwingend, kehrte er heim auf den Paradeplatz von Riad. Und in den folgenden Jahren ritt und kämpfte er an der Seite seines Vaters, als dieser den König Hussein, den Urgroßvater des jetzigen Jordanier-Königs, samt seiner verhaßten Haschernite-Familie aus Mekka und Medina vertrieb. Sein Vater konnte sich daranmachen, die eroberten Teile Saudi-Arabiens zu konsolidieren — Feisal, der brillante Sohn, ging auf Reisen. Er besuchte Amerika, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges Großbritannien, er fuhr nach Frankreich, in die Sowjet-Union, die Türkei, wo er Iffat, seine vierte und — seit der Ehe — einzige Frau, Mutter von 8 seiner 15 Kinder, kennenlernte.

„Nieder mit den Thronen der Vergangenheit“: 1945 nahm er in San Francisco an der Gründungsversammlung der Vereinten Nationen teil. Vor diesem Forum, bei der Sondersitzung über Palästina, widersetzte er sich 1947 vergeblich dem Plan, Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat zu teilen. Als der 73 Jahre alte König im Herbst 1953 den Tod nahen fühlte, war sein von Allah durch Öl und Pilger doppelt gesegnetes Land bereits unermeßlich reich geworden. Der Monarch kannte die Laster des erbberechtigten Saud: schöne Frauen, edle Rösser, fette Tafeln. Folgerichtig stellte er dem Nachfolger den Bruder Feisal als Thronfolger, Vizekönig von Mekka und Medina, Vorsitzender des Ministerrats und Außenminister zur Seite und schloß, Vertrauten zufolge, die Augen erst, nachdem die Brüder ihm geschworen hatten, sich niemals zu befehden.

Die Fehde war unvermeidlich. Innerhalb von fünf Jahren hatte Saud mit seiner hemmungslosen Verschwendungssucht und Luxusgier das Land trotz seines Ölreichtums an den Rand des Staatsbankrotts gebracht. Der Scheich der Provinz al-Hasa drohte, sein Gebiet aus dem Königreich zu lösen — die Quelle des Reichtums, das Öl, wäre mit ihm dahin gewesen. Von außen wütete ein Propagandakrieg arabischer Brüder. Das Ägypten Gamal Abd el-Nassers und die linksnationalistischen Baath-Regime in Syrien wie. dem Irak forderten die Saudis auf: „Nieder mit den Thronen der Vergangenheit!“ In dieser Situation trotzte die königliche Familie zusammen mit der Geistlichkeit dem König Saud die Geschäftsführung ab — er durfte König bleiben, mußte die Regie aber an Bruder Feisal übergeben, der nach neun Monaten ärztlicher Behandlung seines Magenleidens aus Amerika heimkam. Er, der Asket, dem jede Genußsucht zuwider war, sorgte für Austerity, indem er die Einfuhr von Luxusgütern verbot und die Apanagen der vieltausendköpfigen Königsfamilie kappte.

Die Staatsfinanzen gesundeten allmählich, Feisal selbst nicht. 1960, als Feisal zur Magenbehandlung in der Schweiz weilte, setzte Saud den tüchtigen Bruder voreilig ab. Doch am 31. Oktober 1964 beschlossen die Rechtsgelehrten, die Ulema, zusammen mit den 40 Königsbrüdern Feisal die Königswürde anzutragen und Saud die Wahl zwischen Exil und Hausarrest freizustellen. Feisal nahm an, Saud wählte das Exil. Er starb 1969 in Athen. Als Feisal am 3. November König wurde, wehte der erste Hauch jenes Fortschritts durch den Äther, den er seither seiner Nation halb überzeugt, halb widerwillig beschert hat. Über Funk erreichte die Stimme eines Königs erstmals die mit Transistorradios ausgerüsteten Beduinen in abgelegenen Oasen. „Alles, was der einzelne oder die Gesellschaft braucht“, pflegte Feisal zu sagen, „steht im Koran.“ Seinen Untertanen verkündete der Wüstenherrscher aber auch: „Wir müssen unseren Platz in der modernen Welt suchen.“

Für sich selbst suchte Feisal ihn — nach seinen Kräften. Nie sah man den König anders als im traditionellen Gewand. 16 Stunden pro Tag arbeitete der Monarch — aber nur, weil er unfähig war, selbst kleine Entscheidungen zu delegieren. Sogar sein tüchtigster Mann, Ölminister Jamani „mußte letztlich die Weisungen seines Königs peinlich befolgen. Jede Woche am Dienstag hielt er allgemeine Audienz, bei der auch einfache Untertanen ihn sprechen oder eine Bittschrift überreichen konnten. „Unsere Form der Demokratie“, spottete ein Prinz. Scheinbar unnahbar, von seiner Leibwache streng abgeschirmt, verbat er sich doch die Anrede „Majestät“. Er ließ seine Wagenkolonne anhalten, wenn ihm Bittsteller mit dem Ruf „Ja Feisal“ („0 Feisal“) entgegentraten. „Bruder“ oder „Feisal“ genannt zu werden, war ihm recht. Die Anrede Majestät, meinte er, gezieme nur Allah.

Mit dem Straßenkreuzei zum Gebet in die Wüste: Feisal lebte asketisch, allerdings zwangen ihn auch Magengeschwüre dazu. So ernährte er sich jahrelang fast nur von Kamelmilch, Brei und Reis-Speisen. Für orientalische Verhältnisse ungewöhnlich auch war, daß er nicht einmal die vom Koran gestatteten vier Ehefrauen nahm, sondern strikt monogam lebte. Kein Vergleich zu seinem Vater Abd el-Asis, der, als er in einer Schlacht verwundet worden war, befahl: „Bringt mir ein Mädchen!“ Vor aller Augen bewies dann Abd el-Asis, daß seine Manneskraft noch nicht geschwunden war. Erleichtert nahmen seine Offiziere den Kampf wieder auf — und siegten. Der Sohn suchte lieber Kraft in der Religion. Fünfmal des Tages, wie der Koran befiehlt, betete er zu Allah. Zusätzlich ließ er sich in einem amerikanischen Straßenkreuzer, oft mehrmals täglich, in die Wüste chauffieren. An einer einsamen Stelle rollten Diener den Gebetsteppich aus und zogen sich in ihre in respektvoller Entfernung geparkten roten Jeeps zurück, damit der Herrscher ungestört beten konnte. Um seine Augen gegen die brennende Sonne zu schützen, ließ er sich täglich Mandelruß. Kohal, auf Lider und Augenränder auftragen. Einsamkeit war ihm ein Bedürfnis, und doch lud er bei seinen regelmäßigen Moschee-Besuchen andere Gläubige in seinen Palast ein -~ zu einer privaten Gebetsstunde, während der kein privates Wort gewechselt wurde.

Durch die Religion suchte Feisal indes nicht nur Seelenheil zu erlangen. Sie brachte auch Geld. Mehr als eine Million Pilger reisen jedes Jahr in sein Reich, zur Hadsch nach Mekka. Über sechs Milliarden Mark flossen allein 1974 in die Kassen des „Hüters der heiligen Stätten von Mekka und Medina“. Feisal managte die Glaubensstätten in großzügigem Stil. Er sorgte für Autobahnverbindungen, Sozialeinrichtungen, die modernste Quarantäne-Anlage der Welt, für Reinlichkeit durch Müllabfuhr und moralische Sauberkeit durch öffentliche Auspeitschung der Prostituierten. Weitherzig nur legte der Herrscher den Inhalt der Koransuren aus, wenn es darum ging, seinem Land die Errungenschaften der modernen Technik zukommen zu lassen. Gegen den anfänglichen Widerstand der Ulema, der orthodoxen wahhabitischen Rechtsgelehrten, ließ er ein Fernsprechnetz im Lande installieren. Die Koranausleger seines Hofes redeten so lange auf die Geistlichen ein, bis sie endlich zugestanden, daß Telephone doch kein „Teufelswerk“ seien.

Als Feisal jedoch seine Untertanen auch mit dem Fernsehen beglücken wollte, konnten selbst die geschicktesten Schriftgelehrten des Königs die Priester nicht davon überzeugen, daß dies im Einklang mit dem Koran stehe. Triumphierend verließen Geistliche den königlichen Palast und erschraken. Ihre klimatisierten Limousinen waren verschwunden. „Im Koran“, so ließ der König den Bestürzten sagen, „steht auch nichts von Autos mit Klimaanlagen.“ Die Geistlichen gaben darauf klein bei. Auf Konferenzen saß der König meist in sich gekehrt auf seinem Platz, erweckte den Eindruck, als registriere er nicht, was um ihn herum vorging. Seine Freunde aber behaupteten, er folge nur seinem Motto: „Allah gibt dem Menschen zwei Ohren, aber nur eine Zunge, damit wir zweimal hören und nur einmal reden.“ Das Land, das er wie ein Herrscher des Mittelalters regierte, ist ein Land voller Widersprüche: Saudi-Arabien besitzt die größten bekannten Erdölvorräte auf dem Globus, seine Devisenreserven (1975 voraussichtlich über 15 Milliarden Dollar) sind umfangreicher als in jedem anderen Land der Dritten Welt, seine wirtschaftliche Wachstumsrate (1972 zum Beispiel 16 Prozent) übertraf in den vergangenen Jahren zeitweise die jedes anderen Staates. Aber erst kürzlich ergab eine Volkszählung: Das Land hat nicht — wie bisher geschätzt — fünf bis acht Millionen Einwohner, sondern weniger als vier Millionen. Bis heute ist die südliche Grenze des Reiches (rund neunmal so groß wie die Bundesrepublik) nicht genau definiert. Und noch immer kann der größte Teil der Einwohner weder schreiben noch lesen, haust mindestens eine Million Menschen in Zelten — Beduinen, die von Oase zu Oase ziehen.

Parlament und Parteien gibt es nicht: Das Land, das mit seinen Ölmilliarden die halbe westliche Welt aufkaufen könnte, besitzt keine andere geschriebene Verfassung als den über 1300 Jahre alten Koran — und dessen Gesetze werden strikter befolgt als selbst im Lande des libyschen Eiferers Gaddafi. Mörder werden noch immer öffentlich mit dem Schwert hingerichtet, treulose Ehefrauen gesteinigt, Dieben wird die rechte Hand amputiert — wenngleich heute zumeist unter Aufsicht eines Arztes und erst nach dem dritten Mal. Alkohol, öffentliche Tanzveranstaltungen und Kinos sind verboten, das Fernsehen wird scharf zensiert — Kußszenen zwischen Mann und Frau zum Beispiel sind stets tabu. Frauen dürfen keine Autos lenken und keine Berufe ausüben, bei denen sie auf irgendeine Weise in Kontakt mit Männern kommen könnten. Zwar besuchen über 210 000 Saudi-Araberinnen inzwischen Schulen — Mädchenschulen -, doch dürfen sie dort nur von Frauen unterrichtet werden. Eine spezielle Sittenpolizei, die „Mutawwiin“ (wörtlich: Freiwillige) wacht mit unerbittlicher Strenge über die Einhaltung der Koranregeln — so achtet sie darauf, daß alle Geschäfte während der fünf täglichen Gebetspausen ordnungsgemäß ihre Pforten schließen; noch vor wenigen Jahren konnten die Mutawwiin sogar ohne weiteres in Privathäuser eindringen, um zu kontrollieren, ob auch niemand etwa heimlich Alkoholisches trank.

Parlament und Parteien gibt es nicht in dieser feudalistischen Männergesellschaft. Eine Demokratie westlichen Stils hielt Feisal — wohl mit Recht — für ungeeignet. „Wenn sich jemand schlecht behandelt fühlt“, pflegte der Monarch westlichen Diplomaten zu erklären, „dann hat er selbst schuld, wenn er nicht zu mir kommt und mir davon erzählt.“ Feisal, der zugleich sein eigener Premier, Außenminister und Oberbefehlshaber der 42 000-Mann-Armee war, regierte das Ölscheichtum vielmehr nach den Prinzipien eines Stammeshäuptlings: mit Hilfe der etwa 3000 Prinzen seines Familienclans. Unter ihnen suchte er sich seine Minister aus — zumindest die Titularminister; hinter diesen stehen freilich häufig Männer, die mit dem Clan nichts zu tun haben, aber die eigentliche Arbeit tun -, durchweg Absolventen einer berühmten westlichen Universität, zumeist sehr gebildet und sehr fleißig. Musterbeispiel dieses Ministertyps ist Ölminister Jamani. Das unerschöpfliche Reservoir der Brüder, Halbbrüder, Söhne und Onkel diente Feisal auch auf andere Weise: Er ließ sie in alle bedeutenden Stämme des Landes einheiraten, besonders in die traditionell ungebärdigen Beduinenstämme der Grenzgebiete, die auf diese Art neutralisiert wurden.

Zusätzliches Instrument zur Absicherung der eigenen Macht ist die von Feisal geschaffene, 10 000 Mann starke Nationalgarde. Sie rekrutiert sich vor allem aus Stämmen des Nedschd, dem ursprünglichen Kerngebiet der Wahhabiten, auf die Feisals Dynastie zurückgeht. Die Offiziere der Nationalgarde stammen fast ausschließlich aus Jordanien, eine eigens ausgewählte Gruppe britischer Militärexperten übt Beratertätigkeit aus. Ein Bruder Feisals, Prinz Abdallah, ist der Oberkommandeur der Nationalgarde. Wichtiger noch ist die integrierende Stärke des Mannes an der Spitze, der — wie kaum noch in einem anderen großen Land — vor allem kraft seiner Persönlichkeit regiert. Obwohl es in Saudi-Arabien keine Guerilla-Bewegung, keine Kommunisten und keine politisch formierte Opposition gibt, ließ sich Feisal gut schützen. Stets begleiteten vier knallrote Landrover mit aufmontiertem MG und heulender Sirene seinen Staats-Cadillac. Feisals eben fertig gewordene Residenz nahe der Pepsi-Cola-Fabrik von Dschidda ist mit Zelten umgeben, in denen treue Beduinen-Truppen Wache hielten. Zwei verschiedene Geheimdienste werten die ausländische Presse aus, überwachen alle Ausländer, einschließlich der Hunderttausende arabischer Pilger, von Jemeniten bis zu Palästinensern, und zensieren die Post.

Doch so archaisch die Herrschaftsstruktur in dem weltabgeschiedenen Wüstenkönigtum ist, so unleugbar ist der Wandel, den der Ölreichtum brachte: Von 1960 bis 1970 stiegen die Ausgaben für das Bildungswesen um 272 Prozent, wurden mehr als 6600 Kilometer Asphaltstraßen gebaut. Alle Studenten und Fachoberschüler erhalten vom Staat ein üppiges Stipendium und werden bei genügender Begabung auf Schulen im Ausland geschickt. In modernen Krankenhäusern werden Saudis auf Staatskosten behandelt, und jeder Bürger des Landes ist automatisch in einer Pflichtversicherung, die sechs Prozent des Lohnes ausmacht; Arbeitgeber zahlen einen Anteil von sieben Prozent. Lebensmittel werden vom Staat subventioniert und sind relativ billig, staatliche Wohnungsbau-Darlehen gibt es ohne größere Schwierigkeiten. Der Lärm der Autos und Baumaschinen übertönt in Dschidda fast den Ruf des Muezzins, der auch in der pulsierenden Wirtschaftsmetropole Saudi-Arabiens noch fünfmal am Tage zum Gebet ruft. Im Basar gehen dann zwar wie eh und je die Rolläden herunter, und die meisten Menschen pilgern zur Moschee. Aber die Mutawwiin, die an ihren grünen Turbanen erkennbaren Sittenwächter von der orthodox-islamischen „Gesellschaft zur Verhinderung des Bösen und zur Förderung des Guten“, sind jetzt kaum noch zu sehen: Sie haben Nachwuchssorgen.

Der Bodenpreis hat sich in zwei Jahren verzehnfacht: Es gibt noch immer keine Kinos, dennoch werben Dutzende von Läden mit großen Originalplakaten für die im Nahen Osten so beliebten Filme aus Ägypten und Indien: Niemand hindert sie daran, Acht-Millimeter-Kopien zu verleihen oder zu verkaufen, die dann in den Privathäusern gezeigt werden. Dschiddas malerische Althäuser müssen Hochhäusern Platz machen, der Bodenpreis hat sich in den letzten zwei Jahren verzehnfacht. Wohnraum ist knapp. Ägyptische Techniker fahren täglich vom 70 Kilometer entfernten Mekka zum Arbeitsplatz in Dschidda. Professoren der Abd-el-Asis-Universität reisten wieder ab, nachdem sie monatelang keine Wohnung fanden. Die neureichen Bauherren kennen den Wert ihrer Ware teilweise besser als die englische Sprache. So offeriert eine Tafel vor einem Neubau in der Airport Road „Appartements and Sweets“ (statt „suites“). Als Architekten aber sind oft die besten gerade gut genug: Kein Geringerer als Oscar Niemeyer soll Dschiddas große Strandpromenade planen.

Die Bauwut scheint zuweilen plan- und hemmungslos, denn Geld gab es ja in Saudi-Arabien von Monat zu Monat mehr, und die Grenzenlosigkeit des Wachstums konnte niemand absehen. In den letzten Jahren gebaute Durchgangsquartiere für Mekka-Pilger wurden abgerissen. neu aufgebaut und müssen jetzt schon wieder aufgestockt werden. Eine Zementfabrik an der Straße nach Medina muß verschwinden und anderswo neu errichtet werden, denn ihre dunklen Schmutzwolken ziehen ausgerechnet in jene Ebene, in der Saudi-Arabiens neuer Großflughafen entsteht — ein Milliardenprojekt für die deutsche Firma Hochtief. Immer mehr Saudis reisen und studieren im Ausland, 3000 Offiziere etwa werden derzeit an amerikanischen Militärakademien ausgebildet. Daß es im jahrzehntelang abgeschirmten Saudi-Staat unter Feisal noch nicht zu nennenswerten Konflikten mit der neuen technischen Elite gekommen ist, liegt vor allem an den phantastischen Karrieren, die den wenigen einheimischen Spezialisten eröffnet werden. Ein Absolvent einer US-Universität: „Wir ziehen es vor, Geld zu verdienen statt Politik zu machen, und dem orthodoxen Mief entfliehen wir durch häufige Auslandsreisen.“ Durch den Ölboom stieg die Nachfrage nach Arbeitskräften derart, daß im Land längst Vollbeschäftigung herrscht. Die Einfuhr von Autos verdreifachte sich innerhalb des vergangenen Jahres. Ungefähr 300 000 Saudis besitzen bereits einen Fernsehapparat, acht Sendestationen gibt es schon.

„Der Zionismus ist die Mutter des Kommunismus: Waren noch vor wenigen Jahren die Pilgerfahrten praktisch einziger Wirtschaftszweig und einzige Einnahmequelle des Staates, so sollen in den nächsten fünf Jahren riesige Geldmengen in die Entwicklung eigener Industrien gesteckt werden: in Petrochemie und Stahlherstellung, Schiffbau und Düngemittelproduktion. Und neben den traditionellen Geldbringern, den Mekkapilgern, taucht nun eine andere Art von Pilgern auf — Geschäftsleute aus Europa und Amerika, die sich ihr Stückchen vom Ölboom sichern wollen — auch fragwürdige: So versuchen zwei Münchner seit einigen Wochen, den Saudis den Steglitzer Kreisel zu verkaufen. Wenn in Saudi-Arabien bisher überhaupt Ausländer bekannt waren, dann die Amerikaner: Eine vorwiegend von ihnen beherrschte Firma, die gemeinsam von Saudi-Arabien, der Texaco, Exxon, der Mobil und der Standard Oil of California betriebene „Arabian American Oil Company“ (Aramco), ist mehr als 40 Jahre lang das größte und einflußreichste Unternehmen des Landes gewesen. Die Kinder reicher Saudis studierten an renommierten amerikanischen Universitäten.

Von den Amerikanern ließ sich Feisal seine Armee ausrüsten und ausbilden, Amerikaner sicherten ihm 1963 — während des Bürgerkriegs im Jemen — seinen Haupthafen Dschidda: Als Ägyptens Nasser, im Jemen-Krieg erbitterter Gegner Feisals, saudiarabische Ortschaften an der Grenze zum Jemen bombardierte, entsandten die USA Flotteneinheiten ins Rote Meer. Allein ihre Präsenz zwang den Hitzkopf Nasser zur Mäßigung. Vor allem aber respektierte der Monarch die USA — die er zweimal, 1961 und 1971, als Staatsgast bereiste — als das stärkste Bollwerk gegen den von ihm immer und immer wieder primitiv verteufelten Weltkommunismus. Seine Abscheu gegen die Lehren von Marx und Engels wurde nur noch übertroffen von seinem Haß gegen Israel und den Zionismus. „Der Zionismus“, so Feisal Ende 1970, „ist die Mutter des Kommunismus. Er trug zur Verbreitung des Kommunismus überall in der Welt bei. Jetzt versucht er, die USA zu schwächen. Und wenn dieser Plan Erfolg hat, wird ihnen eines Tages die Welt gehören.“

Radikale Araber-Führer wie der Libyer Gaddafi oder die Baathisten im Irak hielten solche Erklärungen jedoch für Heuchelei. Sie sahen in Feisal vor allem einen Komplicen der „Neokolonialisten“, der zwar flammende Reden gegen Israel hielt, zugleich aber Israels wichtigsten Verbündeten, die USA, weiter mit Öl belieferte. Vergebens warnte Feisal in der Wochenschrift „Al-Hawadith“ vor einer Verführung der Araber, „mit ihrer stärksten Waffe, dem Erdöl, zu pokern“. Denn: „Niemand fragt uns, wo wir das Geld hernehmen werden, um unseren Brüdern im Kampf mit Israel beizustehen, wenn wir den Ölfluß unterbrechen.“ Anfang 1973 aber war der Druck auf den König so stark geworden, daß sein Ölminister Jamani bei einem Besuch in Washington dezent drohte: Wenn die USA ihre pro-israelische Politik nicht änderten, werde Saudi-Arabien seine Ölproduktion nicht mehr „wesentlich“ erhöhen und somit auch nicht in der Lage sein, Amerikas steigenden Ölbedarf zu befriedigen. Wenig später vertraute Feisal selbst dem Aramco-Präsidenten Frank Jungers an, er könne es sich nicht mehr lange leisten, in der arabischen Welt als einziger Freund der USA zu gelten.

Im August verschärfte er seine Warnung noch. „Binnen sechs Monaten“, so erklärte er dem Aramco-Vizepräsidenten Michael Ameen, werde ein neuer Nahostkrieg ausbrechen. Die Araber seien bereit, „50 000 Mann Verluste“ in Kauf zu nehmen, und ihm bliebe dann keine andere Wahl als „der Einsatz des Öls als Watte“. Das State Department in Washington jedoch hielt diese Worte für leere Drohungen; Richard Nixon warnte im Fernsehen, die Araber sollten sich besser nicht so aufbiasen, sie liefen sonst Gefahr, ihre Ölmärkte zu verlieren.

„Es tut mir sehr leid, was gegenwärtig in Europa geschieht“: Doch Ägyptens Sadat gab seinen Truppen den Angriffsbefehl — abgesichert durch Feisal, der sich zuvor schon bereit erklärt hatte, den größten Teil der ägyptischen Kriegskosten zu übernehmen. Zum Dank dafür und für zusätzliche Wirtschaftshilfe hatte Sadat die russischen Militärberater aus dem Land gejagt und dem Feisal-Feind Gaddafi eine klare Absage für die zwischen beiden Ländern geplante Fusion erteilt. „Wir stehen mit allen unseren Möglichkeiten an eurer Seite“, telegraphierte der König dem Präsidenten nach Ausbruch des Kampfes. Als die Amerikaner statt dessen ihren Nachschub für Israel so verstärkten wie die Russen ihren für die Araber, machte Feisal seine Drohung wahr. Saudi-Arabien und die anderen ölproduzierenden Staaten der arabischen Welt verhängten ihren Lieferboykott gegen die USA und die Niederlande, in kurzer Zeit sank die Ölproduktion um 28 Prozent, in Amerika bildeten sich lange Schlangen an den Tankstellen, in Europa schossen die Benzinpreise in die Höhe, an mehreren Sonntagen mußten Millionen Europäer vollends auf ihr liebstes Spielzeug, das Automobil, verzichten.

Aus dem wenige Monate zuvor noch hart bedrängten konservativen Außenseiter wurde plötzlich ein Held der arabischen Welt, einer ihrer unumstrittenen Sprecher. Die Wirtschaft des Westens taumelte währenddessen in ihre größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, und zunehmend litten auch die von den Arabern umworbenen Staaten der Dritten Welt unter den Folgen des Ölboykotts. Als erster erkannte Harvard-Absolvent Jamani, daß der Einsatz der Ölwaffe nicht nur stolze Erfolge, sondern auch Probleme mit sich brachte. Im Dezember 1973 bereits beteuerte er in einem SPIEGEL-Gespräch: „Es tut mir sehr leid, was gegenwärtig in Europa geschieht … es macht mich unglücklich.“ Jamani war es auch, der sich nach Beendigung des Embargos erbittert gegen die von den anderen ölproduzierenden Staaten geforderte gigantische Preiserhöhung für Rohöl zur Wehr setzte. Der Ölminister des Wüstenkönigs Feisal hatte begriffen, daß ein überhöhter Rohölpreis zu massiven Schwierigkeiten in den westlichen Industrieländern und zu einer Schrumpfung des Welthandels führen müsse. Auf eine funktionierende westliche Industriewirtschaft aber ist vor allem Saudi-Arabien angewiesen, will es den Milliardensegen an Öldollars gewinnbringend und sicher anlegen.

Auf mehreren Rundreisen durch westliche Wohlstandsländer präsentierte sich der Minister als besorgter Hüter der Weltwirtschaft und versicherte, es sei niemals die Absicht Saudi-Arabiens gewesen, „irgend jemandem zu schaden. Wir können das zwar, aber wir haben es nicht getan, weil uns an der Weltwirtschaft insgesamt gelegen ist“. Die Saudis konnten sich jetzt plötzlich auch konzilianter zeigen, weil die USA, anders als in der Vergangenheit, {* Wegen Beleidigung Allahs} nicht mehr bedingungslos die israelische Position vertraten, im Gegenteil, Friedensmacher Henry Kissinger scheute nicht davor zurück, auch den Judenstaat unter Druck zu setzen. Möglicherweise verbuchte Feisal das sogar als unmittelbaren Erfolg seiner Ölpolitik. Auf jeden Fall besann er sich nun wieder auf seine einstmals so guten Beziehungen zu Amerika und wurde Gesprächspartner Kissingers bei dessen Suche nach einem Nahostfrieden. So überredete er beispielsweise die widerborstigen Syrer dazu, dem von Kissinger vorbereiteten Abkommen mit Israel über ein Auseinanderrücken der Truppen auf den Golanhöhen zuzustimmen. „Der König ist eine Art moralisches Gewissen für viele arabische Führer“, lobte Kissinger. Im Juni 1974 empfing der König gar den amerikanischen Präsidenten Nixon.

Der Monarch, seine Berater und Minister empfingen Hunderte von Amerikanern, die ins Land strömten, um möglichst viele jener Petro-Dollars wieder abzuholen, die Feisals Staat seit dem Jom-Kippur-Krieg einstrich: im Austausch gegen Erzeugnisse der amerikanischen Zivilisation. Besonders erfolgreich war dabei die US-Regierung selbst. Sie verkaufte dem Wüstenstaat, der mittlerweile zu den größten Kunden der amerikanischen Verteidigungsindustrie zählt, militärisches Gerät und militärische Unterweisung im Wert von 335 Millionen Dollar. Mit 76,9 Millionen Dollar beteiligte das Pentagon sogar eine Privatfirma, die Vinell Corporation aus Kalifornien, am großen Saudi-Arabien-Geschäft. Für diesen Betrag verpflichtete sich das Unternehmen, im Reiche Feisals unter anderem drei neue Infanterie-Bataillone und ein Artillerie-Bataillon von je 1000 Mann ausbilden zu lassen (SPIEGEL 8/1975). Die Verträge mit den USA hatte jener Bruder Feisals abgeschlossen, der nach dem König als einflußreichster Mann in Saudi-Arabien galt: Prinz Fahd Ibn Abd el-Asis, 53. Er schien vielen bereits der mutmaßliche Nachfolger Feisals zu sein.

Doch der Familienrat des Königshauses beschloß, an der offziellen Thronfolge festzuhalten. Kaum zwei Stunden nach dem Königsmord rief er den Feisal-Bruder Kronprinz Chalid Ibn el-Asis, 62, zum neuen Herrscher Saudi-Arabiens aus. Weich und liebenswürdig, ist Chalid nach Meinung mancher Diplomaten „wahrscheinlich der netteste Mann im Königreich“. Politisch aber hielt er sich stets im Hintergrund. Nie äußerte er sich öffentlich zum Konflikt mit Israel, zur Ölpolitik oder zum Bündnis mit den USA. Zwar hatte er Feisal in früheren Jahren häufig nach England, Amerika und auf anderen Dienstreisen begleitet. Nach einem Zusammentreffen mit Hitler im März 1939 zeigte sich Chalid stark beeindruckt. Doch zunehmend widmete er sich lieber seinen privaten Neigungen: dem Gespräch in Beduinenzelten etwa, der Gärtnerei. Kamelrennen, der Falknerei, der Jagd vor allem. Tigerköpfe, Elefantenstoßzähne und andere Safari-Trophäen sowie eine der wertvollsten Gewehrsammlungen der Welt schmücken seine Villa im Arheiterviertel Ruweiss von Riad.

Seit langem kränklich, ließ sich Chalid vor drei Jahren von US-Spezialisten im Cleveland (Ohio) das Herz operieren; sein Gesundheitszustand verschlechterte sich seither eher noch. Aber: Dem Familienrat schien der legitime Kronprinz, trotz Krankheit und politischem Desinteresse, am besten geeignet, den Zusammenhalt der von manchen sogar auf 70 000 Mitglieder geschätzten Herrschersippe zu sichern: die Basis des Regimes. Denn ein Abweichen von der vorgesehenen Nachfolgeregelung konnte, so fürchtete der Rat, Machtkämpfe unter Chalids Brüdern, wenn nicht gar unter den übrigen 3000 Prinzen, entfachen und alte Rivalitäten zwischen den angeheirateten Stämmen anheizen. Noch ist nicht vergessen, daß Feisal nach der Absetzung des verschwendungssüchtigen Königs Saud mit der prassenden Sippschaft abrechnete, seinen Verwandten die Auslandskonten sperrte und die Apanagen kürzte. Mitglieder der Königsfamilie entdeckte man unter den Verschwörern, die im Herbst 1969 ein Komplott gegen Feisal vorbereitet hatten. Die Kraft, konkurrierende Familienclans wirklich unter Kontrolle zu halten, trauen Beobachter aber eher dem neuen Kronprinzen und Chalid-Halbbruder Fahd zu.

Die politische Führung, soviel scheint sicher, wird ihm zufallen, der schon als Innenminister unter Feisal die Rolle eines De-facto-Premiers ansteuerte. Nach Feisals Tod gilt er nun als der fähigste Kopf der Saud-Sippe und, schon jetzt, als möglicher Nachfolger Chalids. Seine Machtposition hatte Fahd vor allem als Führer einer — dominierenden — Gruppe von sieben Brüdern ausgebaut, die alle dieselbe Mutter aus dem Sudeiri-Clan haben. Erfolgreich schleuste er diese Bruder in Schlüsselstellungen, an die Spitze des Verteidigungsministeriums beispielsweise, ins Innenministerium und auf Gouverneursposten in Riad und Mekka. Vergehens suchten Fahd-Gegner in der Sippe, ihn zu stoppen: Sie schwärzten den Prinzen, der in einem Interview für Verwaltungsreformen, eine Demokratisierung und eine Verfassung plädiert hatte, als gefährlichen Progressiven an. Kurzfristig zwar mußte Fahd daraufhin vor dem Zorn Feisals nach Europa retirieren, doch seither stieg er in der Gunst des Monarchen. Immer häufiger betraute Feisal ihn — und nicht den Kronprinzen Chalid — mit wichtigen diplomatischen Missionen, etwa mit seiner Vertretung auf dem Opec-Gipfel in Algier.

Und nicht einmal die bei seinen Auslandsreisen publik gewordene Schwäche des Prinzen für schöne Frauen und das — vom Koran als „Werk des Teufels“ verdammte — Glücksspiel konnte ihm schaden: In den Kasinos von Deauville, Monte Carlo und Cannes hatte Fahd im vergangenen Herbst zusammen mit zwei prinzlichen Verwandten bei Einsätzen bis zu 300 000 Franc pro Abend — Millionen gewonnen und wieder verspielt. Politisch schwenkte Fahd ganz auf den aufgeklärten Absolutismus des Königs. Er spricht nicht mehr von Demokratie. Wie Feisal aber tritt Fahd für weitere Zusammenarbeit Saudi-Arabiens mit den USA und Europa ein sowie für eine maßvolle Ölpreispolitik: „Es ist nicht in unserem Interesse, die westliche Welt zu ruinieren.“ Gewiß nicht — sowenig wie im Interesse der arabischen Ölländer Algerien, Libyen und Irak, von den ölarmen Nahost-Kontrahenten Ägypten, Syrien und Israel nicht zu reden. Aber die Wahrnehmung verlorener Interessen hat in dem aufgeheizten Konfliktklima des Nahen Ostens stets hinter Obsessionen, Ängsten und Feindschaften zurückgestanden. Die Verhandlungs-Katastrophe, die Henry Kissinger vorletzten Freitag zwischen Jerusalem und Kairo erlitt, lag zum großen Teil daran, daß er, der Denker, Planer, Macher, zu den eher auf Ausschießen als auf Aushandeln drängenden Kräften des Nahen Ostens keinen Zugang hat und sie unterschätzte. Sonst hätte er sich nicht bei Beginn seiner jetzt gescheiterten Mission darauf festgelegt, er werde diesmal nicht abreisen, ohne ein Abkommen erreicht zu haben.

König Feisal von Saudi-Arabien hatte zwar den berühmten Spruch getan, er wolle nicht sterben, ohne im Felsendom zu Jerusalem, dem dritthöchsten Heiligtum des Islam, gebetet zu haben, was ihn den Israelis (Premier Rabin: „Er kann ja kommen“) als politischen Extremisten erscheinen ließ, während er wohl nur ein religiöser war. Daß der mittelalterlich wirkende Feisal aber für Kissingers Interessenpolitik, wie sein Stellungswechsel in der Ölfrage beweist, im Grunde mehr Verständnis hatte als mancher arabische Scharfmacher im modernen Revolutionsgewand, macht seinen Tod zum Schlag gegen die ohnehin kärglichen Friedenschancen in Nahost — was immer die Motive des Mörders waren. Die Gerüchte über dessen Person, Geisteszustand und mögliche Hintermänner gediehen vorige Woche in orientalischer Pracht: Hatte der Prinz wirklich für sich allein gehandelt, oder hatten ihn andere ferngesteuert? Und wenn, waren es Hofintriganten oder Palästinenser? Keine Version war ganz auszuschließen, für keine gab es sichere Indizien. Unwahrscheinlicher wurde lediglich die offizielle Behauptung, der Täter sei geisteskrank gewesen: In einem Bonner Behörden vorliegenden Dossier beispielsweise ist davon keine Rede. So blieb vorerst nur die Erkenntnis, daß der Tod Feisals ein schicksalhaftes Ereignis von noch ungewisser politischer Dimension ist. „Oh, mein Gott“, sagte ein Regierungsbeamter in Washington auf die Todesnachricht, „in einem schlimmeren Augenblick konnte es uns nicht treffen.“ {DER SPIEGEL 14/1975 – 31.03.1975 – www.spiegel.de}

 

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