kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Arabischer Frühling, ägyptischer Herbst 17. Oktober 2011

Filed under: Koptenverfolgung — Knecht Christi @ 23:02

In Ägypten droht der demokratische Aufbruch zuschanden zu gehen, zerrieben zwischen islamistischem Fundamentalismus und den Macht-Ränken des Militärs.

Besonders zu leiden haben darunter die Kopten, die ägyptischen Christen.

Ein Gespräch mit zwei von ihnen, die bei uns leben.

 

Ein Demonstrantenzug koptischer Christen – viele junge Leute, auch Frauen und Kinder – machte sich auf zum staatlichen Fernsehgebäude. „Sie haben Kerzen getragen“, Kreuze und Ikonen. Bereits auf dem Weg „haben islamistische Fanatiker sie mit Steinen beworfen und beschimpft“. Als die Gruppe auf dem Platz vor dem Sender ankam, „war die Armee dermaßen präsent – sie war vorher nie zu finden“ bei solchen Aufmärschen. „Sie waren schon vorbereitet“, als wüssten sie, was nun folgen würde. „Dann kamen junge Leute mit Knüppeln, haben sich in die Menge gemischt und angefangen, um sich zu schlagen.“ Unruhe gärte auf – und das Militär fuhr mit brachialer Wucht drein: Panzer walzten mitten durch die Menge, Schüsse, Tränengas, zerquetschte Leiber. Mindestens 24 Menschen starben. Das staatliche Fernsehen, von der Regierung kontrolliert, verkündete, das Militär werde angegriffen von einem christlichen Mob – „geht und helft unseren Truppen!“

 

Alexander Rizk steht nicht allein mit seiner Sicht, Menschenrechtsorganisationen und internationale Zeitungen schildern den Ablauf ganz ähnlich. Auch sie berichten, dass sogenannte Baltagiyya, organisierte Prügeltrupps, die Eskalation gezielt heraufbeschworen haben. Es spricht vieles dafür, dass dieser Tag einem Drehbuch gehorchte: Unterwanderung einer friedlichen Demonstration ägyptischer Christen durch Provokateure, die dem Militär einen Grund liefern sollten, brutal durchzugreifen. Um zu erklären, weshalb es dazu kam, muss man weit ausholen. Ein Gespräch: zwei höfliche ältere Herren mit sanfter Sprachmelodie und von einer melancholischen Höflichkeit. Kalil Salib hat Geologie und Physik studiert und jahrzehntelang als Radio-Fernseh-Techniker gearbeitet. Er lebt seit 37 Jahren im Remstal, „es ist so gemütlich hier. Da werde ich niemals weggehen.“ Alexander Rizk, Diplom-Ingenieur im Ruhestand: Er hat in Deutschland studiert, gearbeitet und „eine liebe deutsche Frau“ gefunden, „wir sind seit 40 Jahren verheiratet, sie hat’s mit mir ausgehalten bis jetzt.“ Ein Blick ins Zimmer: Schrankwand, Polstergarnitur, Bücher, „Expeditionen ins Tierreich“, „Inseln der Adria“. An der Wand steht eine Heimorgel, im Hintergrund läuft das Radio, SWR1. Viel deutscher kann eine Wohnstube nicht aussehen. Aber in diesen Tagen pocht auch in so harmonisch Assimilierten wild das besorgte Herz für die alte Heimat. Salib und Rizk sind koptische Christen, sie stammen aus Ägypten. Und was derzeit dort geschieht, wühlt sie im Innersten auf. Sie ringen um Dezenz, sie wollen keine Gräuelszenen ausmalen. „Das muss man nicht unbedingt schreiben“, mäßigt Rizk sich immer wieder, „das bringt nur noch mehr Hass.“ Aber manches will einfach herausbrechen.

 

Urchristen – Die Kopten in Ägypten
 

Ägypten hat eine lange christliche Geschichte. Jesu Religion fasste hier bereits im ersten Jahrhundert Fuß und wurde zur dominierenden Glaubensströmung, die ägyptischen Kirchengemeinden gehören zu den ältesten der Welt. Die „Kopten“: In römischer Zeit bezeichnete der Ausdruck jene Einwohner des Landstrichs, die ägyptisch sprachen. Im 7. Jahrhundert brach der Islam sich Bahn als militärische Eroberungsbewegung, Ägypten wurde arabisiert. Der Begriff „Kopten“ bürgerte sich ein für die Christen der koptischen Kirchen. Wie viele Christen es heute in Ägypten gibt, ist umstritten. Islamisch geprägte offizielle Angaben gehen von fünf bis acht Millionen Menschen aus, das wären sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung. Die Kopten selber schätzen ihre Zahl doppelt so hoch ein. Der „Fischer Weltalmanach“ vermutet die Wahrheit irgendwo dazwischen. Sicher ist: Die Kopten sind keine winzige, versprengte, entwurzelte Minderheit, sondern ein traditionsreicher, prägender Teil dieser Weltgegend. Urchristen, Urägypter.

 

Mit Problemen haben sie schon lange zu kämpfen, erzählt Alexander Rizk. Gehobene Positionen bleiben ihnen meist verbaut. Gewalttätige Ausschreitungen gab es immer wieder: 2001 wurden bei Massakern in El Kosheh 21 Kopten getötet; 2009 erschossen Attentäter sechs Christen vor einer Kirche in Nag Hammadi, 2010 Polizisten einen 19-Jährigen, der gegen das Bauverbot einer Kirche in Kairo demonstriert hatte; 2007 nahm die Polizei in Armant zwei koptische Familien fest, die Brandanschläge auf ihre Häuser anzeigen wollten – laut der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ wurden die Christen gezwungen, ein Protokoll zu unterzeichnen, wonach sie die Gebäude selbst angezündet hätten. Die Liste ließe sich verlängern – und doch: In vielen Landstrichen funktionierte das Zusammenleben ordentlich, sagt Rizk. „Man wusste schon, der ist Moslem, der ist Christ. Aber man hat friedlich miteinander gelebt und einander die Hand gereicht.“ In den vergangenen Monaten hat sich die Lage dramatisch verschärft.

 

Drei Lager – Ägyptische Frontverläufe

Der arabische Frühling, der im Februar 2011 zum Sturz des Diktators Mubarak führte, war „eine Bewegung von jungen Leuten, die das alte Regime satthatten“, sagt Alexander Rizk: getragen von Studenten, Akademikern mit Internet-Zugang, die aber keinen angemessenen Job fanden und darunter litten, dass „Lebensmittel immer teurer“ wurden und eine korrupte Führungsclique das Land nach den Regeln der Vetternwirtschaft unter sich aufteilte. Bei den Demonstrationen im Januar und Februar gingen Muslime und Christen gemeinsam auf die Straße, verschiedene Motive flossen zusammen – die Kopten inspirierte auch der Zorn darüber, wie ihre Religionsfreiheit blutig missachtet wurde; am Neujahrstag waren bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria mehr als 20 Menschen ermordet worden. Die Regierung hatte sich bei der Aufklärung des Attentats vornehm zurückgehalten.

 

Es ging bei der ägyptischen Revolution um „Freiheit“, sagt Rizk, um gleiche Rechte, für Frauen, für Christen. All „die jungen, weltoffenen Leute“ – Rizk beobachtete die Entwicklung „mit großer Hoffnung“. Bald mischten sich andere Unterströmungen in den Fluss der Dinge. Als der arabische Frühling seine ersten Keime ausgetrieben hatte, waren islamistische Gruppen zunächst kaum in Erscheinung getreten. „Als sie gesehen haben, dass es klappt, haben sie mitgemacht.“ Bei den letzten, entscheidenden Demonstrationen auf dem Tahrirplatz in Kairo hätten schon viele Teilnehmer „Fahnen von Saudi-Arabien“ geschwenkt. Mittlerweile seien viele Islamisten, die unter Mubarak das Land verlassen hatten, „aus Afghanistan oder Saudi-Arabien zurückgekehrt“ und hätten eine starke fundamentalistische, von saudischem Geld gespeiste Bewegung aufgebaut. Nach dem Sturz des Diktatoren profilierte sich das Militär als stabilisierender Faktor – de facto aber ist diese „Übergangsregierung“ durchzogen von alten Mubarak-Seilschaften. „Die Armee ist sehr privilegiert in Ägypten. Das Volk hat nichts zu nagen – aber die Armeeangehörigen haben eigene Häuser, Einrichtungen, Fabriken; ihnen stehen alle Türen offen. Ein Staat im Staat.“ Eine echte demokratische Erneuerung wäre für diese Schichten „eine schlimme Sache – die Privilegien wären alle weg.“

 

Chaos schüren – Religion als Macht-Instrument

Die Demokratiebewegung, die Islamisten, das Militär – vor diesem Panorama widerstreitender Kräfte lassen sich die Ereignisse vom 9. Oktober besser verstehen: „Die Armee will, dass das Land ins Chaos stürzt“, glaubt Kalil Salib, „damit ein Schrei nach Schutz kommt.“ Je tumultuöser sich die Zustände zuspitzen, desto eher finden die Militärs Gehör, wenn sie sagen: Ihr braucht uns, wir sorgen für Ordnung! Die Militärs wollen keinen fundamentalistischen Gottesstaat, so wenig, wie Mubarak das wollte. Aber sie gehorchen demselben Prinzip, das schon Mubarak verfolgte: „die Konflikte schüren zwischen Christen und Moslems“ – und sich dadurch unentbehrlich machen. „Die Zeit“ drückt das in ihrer aktuellen Ausgabe so aus: „Die Religion ist wieder einmal bloß die Kulisse für ganz andere Absichten. Das Stück, das in Ägypten in Wirklichkeit gespielt wird, heißt: Machtsicherung.“

 

„In Mitteleuropa ist die Religion ziemlich weit nach hinten verdrängt worden“, sagt Rizk. „Die Menschen hier wissen nicht, was man aus einer Religion machen kann, wie man Menschen mit Religion steuern kann“, welch mächtigen Hebel sie bietet für Instrumentalisierung und Manipulation. In Ägypten dagegen gebe es „zwei Welten“: einerseits die Intellektuellen, durch Bildung und Zugang zu den globalen digitalen Informationsströmen immunisiert gegen die Fanatisierung; andererseits „die ganz einfachen Menschen“ – auf sie zielen Propaganda, Desinformation, Aufwiegelei. Derzeit herrsche in Kairo „totale Unsicherheit“, gesetzfreie Räume bilden sich, „in Nebenstraßen kann man nicht ohne weiteres alleine laufen“, Mädchen, „die ohne Kopftuch in die Schule gehen“, werden bepöbelt, christliche Läden boykottiert oder geplündert. Es gibt schon Stimmen, die sagen: Unter Mubarak, das war eine bleierne Zeit – aber besser als das hier.

 

„Wer zieht den Karren“, fragt Halil Salib, und wer sitzt auf dem Kutschbock? Lässt die Militärregierung die Islamisten gewähren, um Spannungen zu züchten und sich dann selber um so besser als starke Hand aufspielen und unentbehrlich machen zu können? Oder nutzen die Islamisten diese Duldungspolitik, um immer mehr Einfluss zu erobern, bis am Ende der Schwanz mit dem Hund wedelt? Klar scheint derzeit nur so viel: Die koptischen Christen sind zwischen die Mühlsteine geraten. „Es gibt viele islamische Intellektuelle“, sagt Salib, „Zeitungsverleger, Politiker, die sind selber entsetzt über das, was momentan in diesem Land geschieht.“ Dieser Tage hat bei Rizk ein Bekannter angerufen, ein Moslem, „er hat geweint und sich entschuldigt.“ Es werde, fürchten aufgeschlossene Muslime, noch schlimmer kommen. „Sie sagen: Heute will man die Christen vernichten und morgen die Intellektuellen.“ Aus dem arabischen Frühling ist ein ägyptischer Herbst geworden.

 

 Ein sehr guter Bericht der Rems-Murr Rundschau über die Situation der koptischen Christen in Ägyten – vom: 15.10.2011, Peter Schwarz – www.für-verfolgte-christen.de

E-MAIL: kreis@redaktion.zvw.de – ONLINE: www.zvw.de 

 

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