kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Treffen der “muslimischen Schwesternschaft” in Kairo 6. Juli 2011

Filed under: Moslembrüder — Knecht Christi @ 12:19

Wer verstehen will, warum sich die Muslimbruderschaft in den 1960er Jahren  teiweise  bis zu den dschihadistischen Abspaltungen radikalisiert hat, sollte wenigstens einmal in die von mir verlinkte englische Übersetzung von „Ayyam min hayyati“ reinlesen, weil die Politik des Regimes von Ǧamāl ʿAbd Al-Nāṣir auch dafür mitverantwortlich war, was ein eigenes Thema darstellt, welches hier den Rahmen sprengen würde. {Dr. Thomas Tartsch}

 

In Kairo haben sich unter Teilnahme der Enkeltöchter des Gründers der Muslimbruderschaft Ḥasan Aḥmad ʿAbd Al-Raḥmān Al-Bannā und den Ehefrauen der derzeitigen Führungsriege der ägyptischen Muslimbruderschaft die “muslimische Schwesternschaft” (die Frauenabteilung der Muslimbruderschaft) nach 60 Jahren zu einer Konferenz mit dem Titel “Women from Revolution to Renaissance” getroffen. Hintergrund ist die größere Rolle, die Frauen innerhalb der MB bei der nach den anstehenden Wahlen angestrebten und propagierten Umwandlung Ägyptens in einem auf Grundlage des Gesetzes (Scharia) “reformierten” islamischen Staates spielen sollen. Näheres kann hier nachgelesen werden.

 

Die in Ägypten „nicht mehr“ verbotene Muslimbruderschaft wird zu den ersten Wahlen nach der Regierung von Muḥammad Ḥusnī Mubārak im September als Partei antreten und voraussichtlich zumindest an der notwendig werdenden Regierungskoalition beteiligt sein. Damit wird die Strategie der “Islamisierung von Oben” als Grundlage des Umbaus von Staat und Gesellschaft nach der Vorstellung der MB erste Erfolge erzielen. Ob dieses von Dauer sein wird, bleibt fraglich, da auch die MB nicht die gewaltigen sozio-ökonomischen Problemlagen bewältigen kann, die Ägypten kennzeichnen.

 

Somit werden der MB zwei Möglichkeiten bleiben

(1.) Beharrung auf der religiösen Ideologie der Einheit von “ganzheitlicher islamischer Lebensweise und weltlichem Staat”; auch: “die Entsprechung des Religiösen und Politischen im Islam”, die reale Probleme nicht lösen kann, womit eine weitergehende Radikalisierung durch Verstärkung und Erzeugung alter und neuer Feindbilder zur Ablenkung verbunden sein würde. Denn die bisherige Losung der MB: “Der Islam ist die Lösung” würde alleine nicht mehr die Kraft besitzen, Mitglieder und Anhänger an die Organisation zu binden.

(2.) Anpassung an die parlamentarische Realität über die bisher im Außenverhälntis vermittelte Pragmatik bezüglich bestehender politischer Strukturen, womit die MB sich wandeln müsste, was aber die Loslösung von der bisherigen Ideologie beinhalten würde. Dann wäre aber eine zukünftige MB nicht mehr die heutige MB.

 

Insgesamt gesehen kann man derzeit keine Prognose abgeben, wie sich die MB in Ägypten entwickeln wird. Was man aber aus der Diaspora- Perspektive der globalen Ableger der MB vorhersagen kann, ist die Weiterverfolgung der Strategie der Ausnutzung aller Rechtslücken im jeweiligen Land, um das eigene Islamverständnis zu verbreiten. Vorbild für die “muslimischen Schwestern” wird hier wohl die “Gemeinschaft der muslimischen Damen” sein, die bis zu ihrer staatlich verordneten Auflösung 1964 offiziell nie mit der MB verbunden war.

 

Wie vieles bei der MB, kann man auch hier aufgrund der undurchsichtigen Strukturen und der verwickelten Historie nicht genau sagen, ob die Frauenabteilung eine Weiterführung der “muslimischen Damen” darstellt. Gründerin der im Westen weitgehend unbekannten “Jamaa’at Al-Sayyidaat Al-Muslimaat” (Gemeinschaft der muslimischen Damen) war زينب الغزالي (Zaynab Al-Ghazali; 02.01 1917 – 08.08 2005), die bis zu dessen Ermordung am 12.02.1949 als dessen Weggefährtin in engem persönlichen Kontakt zum Gründer der Muslimbruderschaft stand. Al-Ghazali hielt im Rahmen der Aktivitäten der ca. 1935 – 1937 von Ihr gegründeten “muslimischen Schwestern” unter anderem Veranstaltungen für Frauen mit 3000 – 5000 Besucherinnen in der Ibn Tūlūn Moschee in Kairo ab, während die “muslimischen Damen” unter anderem auch im karritativem Bereich für arme Familien tätig waren. Die “muslimischen Damen” vertraten den Standpunkt, Ägypten muss auf Grundlage des Koran regiert werden.

 

Al-Ghazali, die 1948 formelles Mitglied der MB wurde, wurde wegen ihrer Aktivitäten unter dem Regime von Ǧamāl ʿAbd Al-Nāṣir 1965 zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber schon 1971 unter der Regierung von Muḥammad Anwar Al-Sādāt begnadigt. Unter dem Eindruck der Haft und der dort erlittenen Folterungen verfasste Al-Ghazali das eher in Fachkreisen bekannte Buch “Ayyam min Hayyati” (ungefähre Übersetzung: “Tage meines Lebens”), welches unter dem Titel “Rückkehr des Pharos” in englischer Übersetzung erschien und hier eingesehen werden kann.

 

Der Begriff des “Pharao” verweist hierbei auf die “Jahiliyyah” (Zeit der vorislamischen Barbarei), einen der Schlüsselbegriffe islamistischer Ideologie, da reformistische Bewegungen wie die MB die Jahiliyya in Form der “ungläubigen” islamischen und aller westlichen Regierungen beenden wollen, was in einer letzten Endes globalen Perspektive nur durch die Errichtung einer “reinen” und auf Grundlage der Scharia regierten islamischen Gemeinschaft geschehen kann. Das umfasst bei Gewalt affinen reformistischen Gruppierungen, wie man sie etwa am äußersten Rand innerhalb des salafitschen Islam verorten kann, auch den gewaltsamen kleinen Dschihad, wenn den Forderungen nicht nachgegeben wird.

 

Al-Ghazali war neben ihren Aktivitäten für die MB eine bekannte Autorin für Zeitungen und Zeitschriften wie “Al-Dawah” (Zeitschrift der MB) und kann als bisher einziges weibliches Mitglied der ägyptischen MB eingestuft werden, die eine führende Rolle innerhalb der Hierachie der MB einnahm. Es empfiehlt sich, zumindest etwas in “Ayyam min hayyati” reinzulesen um zu verstehem, wie sich die MB vor dem Hintergrund der neueren Geschichte Ägyptens auch durch die Politk des jeweiligen ägyptischen Regimes radikalisiert hat, bis es zur Abspaltung salafitisch-dschihadistischer Gruppen wie “Jamaa`Al-Takfīr wa Al-Hiǧra” (Gemeinschaft der in den Unglauben entlassenden und ausziehenden) kam, die durch die Schriften des am 29.08. 1966 hingerichteten und bis heute wirkenden Theoretikers Saiyid Quṭb inspiriert wurden, der ein eigenes Thema darstellt.  {Quelle: www.tooltest.info}

 

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