kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Der Exodus – Teil 3 – Deutschland 28. März 2011

Filed under: Christenverfolgung — Knecht Christi @ 16:47

Für viele Christen ist Deutschland das endgültige Ziel ihrer jahrelangen Flucht. Im europäischen Vergleich leben hier die meisten Iraker – sehr viele von ihnen illegal.

 

Fadea Fakhriy-Eliya und Yousif Moeed-Butros bewarben sich nicht. Nicht für Amerika. Nicht für Australien. Sie wollten nach Europa, ohne Umweg. Das ist nur mit Schleusern möglich. Und es ist lebensgefährlich. Das Ehepaar lebte mit zwei Söhnen in Mossul, in einem großen Haus. In der Nachbarschaft wohnten Muslime und Christen, man verstand einander gut, Religion spielte keine Rolle. Sie arbeitete als Lehrerin, unterrichtete Englisch und Geschichte, er besaß eine Autowerkstatt. Die Familie führte ein gutes Leben. Bis 2003. Neben ihrem Glauben wurde Fadea Fakhriy-Eliya ihr Beruf als Englischlehrerin zum Verhängnis. Kollegen und Schüler mobbten sie. Sie stehe auf der Seite des Feindes, vertrete die westlichen Werte, trage kein Kopftuch. Sie sei eine Verräterin. Einmal versuchten Terroristen Fadea Fakhriy-Eliyas Bruder zu entführen, doch sie, ihr Mann und Nachbarn zogen ihn wieder aus dem Entführerauto.

 

Trotz aller Gefahr wollte die Familie den Irak lange nicht verlassen. Das Land ist ihre Heimat. Die Verwandten leben dort, die Freunde, Fadea Fakhriy-Eliyas Vater wurde hier beerdigt. Die Lage, hofften sie, bessere sich irgendwann. 2009 erkannten sie, dass sie sich zuspitzte. Sie mussten flüchten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie den Irak noch nie verlassen.

 

„Als Eltern dürfen sie nicht an sich, sie müssen an ihre Kinder denken“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. An Yousif, vierzehn Jahre, und Ferand, elf Jahre alt. Sie sollten im Leben eine Chance haben und nicht von vornherein keine. „Der Norden war ausgeschlossen, wir sprechen kein Kurdisch, die Aussicht auf Arbeit ist schlecht“, sagt Yousif Moeed-Butros. Er ist ein ganzes Stück größer als seine zarte Frau, die Gesichtszüge sind weich, die deutsche Sprache ist ihm noch fremd. Fadea Fakhriy-Eliya spricht gut Deutsch, mit fester Stimme. Man hat den Eindruck, dass er ihren Schutz mehr benötigt als sie seinen.

 

Schleuser zu engagieren ist nicht nur lebensgefährlich, es ist auch teuer: 100.000 Dollar, die Hälfte vor Antritt der Fahrt, die andere nach Ankunft. „Die Schleuser“ nehmen das Geld, aber sie geben keine Informationen“, sagt Yousif Moeed-Butros. Nicht über die Route. Nicht, wie lange es dauern wird. Nicht, wohin in Europa die Reise führt. Vielleicht nach Österreich, Schweden, Deutschland. Ein Glücksspiel. In der Nähe von Mossul, bei Nacht, bestiegen sie einen Lkw. Der Lkw hatte Kekse geladen, außer in seiner Mitte, wo für vier Menschen Platz war, eine Art Höhle, in der sie sitzen konnten, aber nicht liegen. Es gab Essen und Trinken. Gerade genügend, um nicht zu sterben. „Wir konnten nur das Geld, ein paar Fotos und Dokumente mitnehmen“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. Ihr Haus ließen sie zurück, möbliert, einzugsfertig, unmöglich, es zu verkaufen. Jetzt wohnen Muslime darin. „Umsonst“, sagt Yousif Moeed-Butros.

 

Permanenter Dunkelheit ausgesetzt, verliert man das Zeitgefühl. Ist es noch Tag, schon Nacht oder wieder Tag? Und in der Enge schmerzt alles. Der Rücken. Die Beine. Der Kopf. Manchmal weinten die Söhne. Einmal wechselten sie auf einem Parkplatz den Lkw. „Es muss in Griechenland gewesen sein oder der Türkei“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. Die Fahrt dauerte eine Woche. Eine Woche Ungewissheit. Eine Woche Angst. Dann hielt der Lkw.

 

Am 19. März 2009 landete in Hannover ein Flugzeug aus Damaskus mit 122 Kontingentflüchtlingen an Bord. Politiker hatten sich nach langem Hin und Her im November 2008 auf europäischer Ebene geeinigt, irakischen Flüchtlingen zu helfen und 10.000 von ihnen aufzunehmen. 2500 sollten in Deutschland leben und arbeiten. Wolfgang Schäuble war damals Innenminister, er nannte die Situation im Irak „dramatisch“, der Mossuler Erzbischof Paulos Faraj Rahho war gerade ermordet worden. Schäuble setzte sich für die verfolgten Christen ein und gegen Widerstände innerhalb der CDU durch, in der manche befürchteten, als Christen getarnte Islamisten könnten auf diese Weise einreisen. Im europäischen Vergleich ist 2500 eine hohe Zahl, im Vergleich dazu, wie viele Menschen aus dem Irak flüchten, ist es nur eine symbolische Geste. Die Politiker klopften einander trotzdem auf die Schultern.

 

Die Kontingentflüchtlinge erhielten eine Aufnahmezusage für drei Jahre, die in eine unbefristete übergehen sollte. Deutschland war nicht nur eine Etappe, es war ihr neues Zuhause, das Land hieß sie willkommen. Da es die Regierung nicht dem Zufall überlassen wollte, wen sie willkommen hieß, wählte das UNHCR die Flüchtlinge nach Kriterien aus. Zum Beispiel, ob sie einer verfolgten religiösen Minderheit angehören und in absehbarer Zeit nicht in ihr Land zurückkehren können. Auch alleinstehende Frauen mit Kindern wurden berücksichtigt und Schwerkranke. Wichtig war auch ihre Integrationsfähigkeit, also Bildung, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung. Es sollte nicht noch einmal geschehen, was im Zuge des Balkankriegs geschah, nämlich dass sich die Amerikaner die gebildeten Flüchtlinge aussuchten, während nach Deutschland kam, wer eben kam.

 

Die 2500 Iraker wurden im ehemaligen Grenzdurchgangslager Friedland einquartiert, das heute Integrationszentrum heißt. Von dort verteilte man sie gemäß des Königsteiner Schlüssels auf die Bundesländer. 48,3 Prozent von ihnen waren Christen, der Rest Mandäer, Yeziden, Sunniten, Schiiten.

 

Das Grenzdurchgangslager Friedland ist ein Ort, der mit dem tatsächlichen Leben in Deutschland nichts zu tun hat. Er liegt in der Nähe von Göttingen, umrahmt von Feldern und Wiesen, er ist ein Teil des Ortes Friedland, in dem 300 Menschen leben. Das Lager ist ihnen seit langem vertraut. Die Bundesrepublik gründete es 1945 auf Anweisung der Siegermächte. Der Name geht auf seine Lage zurück, die Grenze der britischen, russischen und amerikanischen Besatzungszone verlief hier, später die zwischen West- und Ostdeutschland. Die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs fanden in Friedland Zuflucht, dann Ungarnflüchtlinge, Aussiedler, Spätaussiedler, Chilenen, die vietnamesischen Boatpeople, Tamilen, Albaner, jüdische Zuwanderer, Libanesen, Iraker.

 

Sechzehn langgezogene Gebäude verteilen sich über das Gelände, ausgestattet mit Zwei- bis Achtbettzimmern, Küchen, Spielecken, Aufenthalts-, und Unterrichtsräumen. Es gibt einen Jugendclub, einen Sportplatz, einen hellen Speisesaal, einen Fahrradverleih. Eine Kleiderkammer stellt das Nötigste bereit. Schmutzige Wäsche können die Flüchtlinge abgeben und gereinigt wieder abholen. Wohlfahrtsverbände wie die Caritas und das Rote Kreuz sind mit Büros vertreten, ebenso die Behörden, die Fragen zur Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung beantworten und zu allem möglichen anderen.

 

Heinrich Hörnschemeier leitet das Integrationszentrum, er ist einer von etwa dreihundert Angestellten, seit zwanzig Jahren arbeitet er in Friedland. Er sagt: „Wir versuchen, den Flüchtlingen den Start ins neue Leben so einfach wie möglich zu machen.“ Dazu trägt auch die Bevölkerung bei, sie ist offen, freundlich, hilfsbereit. Das Fremde ist ihnen vertraut. Friedland ist ein Schutzraum. Seit Anfang des Jahres beherbergt er auch Asylbewerber, 120 derzeit, die meisten aus Syrien, Libanon, dem Irak. Unter den Irakern sind keine Christen, zumindest im Moment. Niemand von ihnen weiß, ob sie hier eine Zukunft haben oder abgeschoben werden.

 

„Die Asylbewerber müssen hoffen und bangen. Die Kontingentflüchtlinge hatten Glück“, sagt Heinrich Hörnschemeier. Sie hatten nicht nur die Aufenthaltsgenehmigung, eine Arbeitserlaubnis und damit eine Perspektive, sie erhielten auch Sprach- und Integrationskurse und die Kinder Unterricht. Dem Staat lag daran, dass sie ihm in Zukunft mehr einbringen, als sie ihn kosten. Die irakischen Asylbewerber durchlaufen das normale Asylverfahren, das Monate dauert. So lange steht ihr Leben still. Dass sie das Schicksal mit den Kontingentflüchtlingen teilen, ändert nichts an ihrem Status. Sie hatten einfach Pech. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort oder erfüllten die Kriterien nicht. 5555 Iraker stellten allein im vergangenen Jahr einen Asylantrag. Der Hälfte von ihnen wurde Asyl gewährt, 92 Prozent davon waren Christen.

 

Sie dürfen in Deutschland bleiben, vorerst:

Obwohl sich nach wie vor ein Exodus irakischer Christen und anderer Minderheiten vollzieht, ist es unwahrscheinlich, dass Deutschland abermals Flüchtlinge im Rahmen eines Kontingents aufnehmen wird. Ausgeschlossen ist es aber nicht, sagt Erika Steinbach. Die Menschenrechtsbeauftragte der CDU glaubt nicht, dass erhöhter Druck auf die irakische Regierung die Lage der Christen verbessern würde. „Genauso wenig, wie es die Regierung fertigbringt, zwischen Schiiten und Sunniten einen manifesten Frieden herzustellen, gelingt es ihr, in Bagdad und anderen schwierigen Regionen einen Schutz für Christen zu gewährleisten.“ Damit spricht sie der Regierung jegliche Macht ab; und sagt nichts anderes, als dass der Irak in Anarchie versinkt.

 

Erika Steinbach legt auf eine Vokabel besonders Wert: Christenverfolgung. Europa müsse sich am meisten um die Christen kümmern, weil sie in muslimischen Ländern ausgegrenzt würden. „Sie haben dort keine Chance, Fuß zu fassen.“ In Syrien nicht, im Libanon nicht, in Ägypten nicht und auch nicht in der Türkei. Für Erika Steinbach ist jedes muslimische Land gleich. Vielleicht liegt das daran, dass sie ungern reist, sie war seit Jahren nicht in Polen, den Irak hat sie nie besucht. „In Deutschland gibt es viele Gemeinden, die sich rührend um ihre Glaubensschwestern und -brüder kümmern“, sagt sie. Für die Christen spreche außerdem, dass wir mit ihnen gute Integrationserfahrungen gemacht hätten. Sie stammten aus der Mittelschicht, seien gebildet, willig, lernten die Sprache. Es gab wiederholt Streit darüber, ob man zwischen Christen und Nichtchristen unterscheiden dürfe. Widerspricht das nicht der christlichen Ethik? „Nein“, sagt Erika Steinbach.

 

Als der Lkw-Fahrer die Tür öffnete, sagte er nur: „Sie sind jetzt in Deutschland.“ Fadea Fakhriy-Eliya, Yousif Moeed-Butros und die Kinder krochen aus der Dunkelheit ins Licht. Sie standen auf einem Düsseldorfer Hinterhof. „Als ich Kind war, habe ich davon geträumt, Deutschland zu sehen“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. Die Realität hatte allerdings nichts mit dem Traum zu tun. Fadea Fakhriy-Eliya fragte sich auf Englisch bis zu einem Asylheim durch. Dort blieb die Familie wenige Stunden, man schickte sie nach Dortmund, Oldenburg, später nach Emsbüren. Fünf Monate insgesamt, zu viert in winzigen Zimmern. Fadea Fakhriy-Eliya kaufte sich ein Wörterbuch und lernte Deutsch. Irgendwann hörte sie von einer christlich irakischen Gemeinde in Essen.

 

2300 Iraker leben in Essen, in Deutschland sind es insgesamt etwa 80.000, es gibt keine Angaben darüber, wie viele davon Christen sind. Raad Sharafana ist Priester der chaldäischen Kirche in Essen-Katernberg. Er kommt aus Bagdad, wo er Pfarrer der Holy Family Church war. Terroristen entführten und folterten ihn, sie forderten Lösegeld, 200.000 Dollar. Vierundzwanzig Stunden hatte er Zeit, das Geld zu besorgen. „Sterben oder fliehen waren die Möglichkeiten“, sagt er. „Früher hatten wir im Irak einen Saddam, jetzt haben wir viele.“ Neulich suchten ihn Iraker muslimischen Glaubens auf, sie wollten zum Christentum übertreten, nannten aber keine Gründe. Sie müssten die Bibel studieren, einen Test schreiben, es dauere ein Jahr, sagte der Priester. Sie kamen nicht wieder. „Sie hatten keine Aufenthaltserlaubnis und dachten, als Christen bekommen sie eine.“

 

Raad Sharafanas Gemeinde fing schon viele irakische Christen auf, nun auch Fadea Fakhriy-Eliya und ihre Familie. Landsleute halfen ihnen, eine Wohnung zu finden, drei Zimmer, Küche, Bad. Fadea Fakhriy-Eliya lief von Behörde zu Behörde, erzählte ihre Geschichte von Vertreibung und Flucht, stellte Anträge. Und tatsächlich erhielt nach einem Dreivierteljahr jeder von ihnen einen blauen Pass. „Wollen Sie ihn sehen?“, fragt Fadea Fakhriy-Eliya. Gemäß Genfer Konvention sind sie damit politisch Verfolgte. Sie dürfen in Deutschland bleiben und arbeiten, vorerst.

 

Nur haben Fadea Fakhriy-Eliya und Yousif Moeed-Butros keine Arbeit. Zehn Monate kümmerte sie sich um Kinder einer Kita. Ihre Unterlagen liegen beim Jobcenter, ihre Zertifikate werden hier nicht anerkannt, sie muss mindestens ein Jahr studieren, um unterrichten zu dürfen. Ohne Ausbildung kann Yousif Moeed-Butros nicht als Automechaniker arbeiten. Sie sind zwar in Sicherheit, aber sie müssen noch einmal von vorne anfangen. Fadea Fakhriy-Eliya sagt: „Dieses Land schenkt uns eine Zukunft. Dafür bin ich dankbar.“ Ihren Kindern sagt sie: „Ihr müsst dieses Land lieben.“ Manchmal fragen Fadea Fakhriy-Eliya und Yousif Moeed-Butros einander: „Glaubst du, wir haben die richtige Entscheidung getroffen?“ – „Ja, das haben wir.“ Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Aber während sie sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen, geht im Irak die christliche Kultur zugrunde. {Quelle: www.faz.netVon Melanie Mühl}

 

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