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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Rebellen zwischen Wüstensand und Trikolore 27. März 2011

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 17:05

Stamm gegen Stamm – Die Geschichte hinter Libyens Bürgerkrieg

 

Rot, Schwarz und Grün prägen die Bilder aus dem schwer umkämpften Libyen. Die Rebellen kämpfen unter der Trikolore des alten Königreichs gegen die grünbetuchten Gaddafi-Anhänger. Um die komplizierte Lage des libyschen Bürgerkriegs zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Zeit der Monarchie. Seit die internationale Militärallianz in Libyen auf Seiten der Aufständischen eingegriffen hat, ist der Ausgang der Kämpfe wieder offen. Am Mittwochmittag ließen regierungstreue Truppen offenbar von einem Angriff auf die von Rebellen gehaltene Stadt Misrata ab, nachdem westliche Kampfjets eine Gegenattacke geflogen hatten. Gleichzeitig berichten Augenzeugen, Diktator Muammar al-Gaddafi setze Scharfschützen gegen ein Krankenhaus in Misrata ein. Die Kämpfe um Rebellenstädte wie Misrata, Ras Lanuf und vor allem Bengasi werden erbittert geführt, es droht ein anhaltender Bürgerkrieg – oder gar die Teilung des Landes: In Libyen gibt es viele Sollbruchstellen.

Die Rebellen feiern Erfolge mit ihrer rot-schwarz-grünen Flagge: Der einfarbig grünen Fahne des Gaddafi-Staates setzen sie die Trikolore des alten Königreichs entgegen. Auch Porträts von König Idris I. halten die Aufständischen hoch – dabei werden die wenigsten ernsthaft die Monarchie zurückhaben wollen. Die Wahl ihrer Symbole ist ein Rekurs auf die Zeit vor der Herrschaft Muammar al-Gaddafis, die Zeit vor dem Putsch 1969. Ein Blick in diese Zeit lohnt sich, um die komplizierte Lage in Libyen zu verstehen.

 

Bengasi ist nicht ohne Grund die Hochburg der Rebellen: Die zweitgrößte Stadt Libyens war zur Zeit der Kolonialherrschaft Italiens, das 1911 zunächst Tripolitanien unterwarf, das Zentrum des Widerstandes des Sanussi-Ordens. Diese islamische Sufi-Bruderschaft führte unter dem bis heute als Volksheld verehrten Omar Muchtar in den 1920er Jahren einen ausdauernden Guerilla-Kampf gegen die Italiener. Deren brutale Unterwerfungskampagnen kosteten hunderttausende Libyer das Leben und tragen bis heute zum Widerstandswillen in der Kyrenaika, dem Landesteil im Osten, bei – aber auch dazu, dass ausländische Einmischung mit gemischten Gefühlen betrachtet wird.

 

Nach der Niederlage Italiens im Zweiten Weltkrieg wurde Libyen an Weihnachten 1951 unter dem von den Briten eingesetzten König Idris unabhängig. Nun diente Bengasi, Hauptstadt der Kyrenaika, abwechselnd mit Tripolis, der Hauptstadt Tripolitaniens, als Hauptstadt des Vereinigen Königreichs Libyen. Die föderale Aufteilung der Regierungsaufgaben zwischen den Kyrenaika im Osten, Tripolitanien im Norden und Fessan im Westen erwies sich allerdings als zu umständlich. 1963 entstand der libysche Zentralstaat.

So richtig geeint war dieser Staat nie. König Idris, zugleich Oberhaupt des Sanussi-Ordens, hatte stets vor allem die Kyrenaika im Blick. Erst die Offiziere um Muammar al-Gaddafi, die ihn 1969 aus dem Amt warfen, werteten Tripolitanien auf. Zu Lasten der anderen Landesteile: Bis heute ist die Infrastruktur in der Kyrenaika unterentwickelt, obwohl hier die größten Erdölvorkommen liegen. Der widerständige Landesteil war Gaddafi immer suspekt. Zur Kolonialzeit boten Familienverbände und Stämme den Libyern Schutz vor den Übergriffen der Italiener. Gaddafi hat viel versucht, um die Stammesbeziehungen durch ein gesamtlibysches Nationalbewusstsein zu ersetzen. Er veränderte administrative Grenzen und förderte mit den Öl-Einnahmen die Infrastruktur. Die drei durch Wüstengebiete getrennten Provinzen kamen einander näher; die Städte gewannen an Bedeutung.

 

Heute lebt lediglich eine Viertelmillion unter den sechseinhalb Millionen Einwohnern noch traditionell nomadisch. Dennoch prägt das Stammesbewusstsein Libyen entscheidend. Gaddafi selbst versucht, das zur Festigung seiner Macht zu nutzen: Er sei Revolutionär und Beduine, sagt er von sich selbst. Sein Residenz-Zelt steht, wenn er nicht gerade damit nach Kairo, Rom oder Paris reist, in der Heimatregion seines Stammes, der Gaddafa. Die Gaddafa sind ein relativ kleiner Stamm, doch unter dem „Revolutionsführer“ erhielten sie Schlüsselpositionen im Staat. Auch deshalb stehen Teile der Sicherheitskräfte so fest auf seiner Seite. Insbesondere in seinen Eliteeinheiten und in der gut ausgebildeten Luftwaffe, die ihm bis zur Einrichtung der Flugverbotszone den Nachschub an Söldnern sicherte, hat Gaddafi Stammesbrüder untergebracht.

 

Lesen Sie im nächsten Teil, welche Stämme Gaddafi verstoßen haben und wie er die anderen auf seine Seite ziehen könnte. Gaddafi versucht, sich zum Ober-Scheich zu stilisieren; zu seinen selbst gewählten Titeln gehören „Brüderlicher Führer“, „Imam der Imame“, „König aller Könige“. Allerdings beruht die Führungsrolle der Beduinen-Scheichs traditionell eher auf gegenseitigem Beistand innerhalb der Clan-Struktur und auf Pflichtgefühl als auf blindem Gehorsam. Akram al-Warfalli, Scheich der Warfalla, erklärte recht früh während des Aufstandes dem „Bruder Muammar“, er sei kein Bruder mehr und möge das Land verlassen. Die Warfalla sind ein Machtfaktor, dem Stamm gehören nach verschiedenen Angaben zwischen einer halben und einer Million Libyer an. Der Scheich nutzte die moderne Medienmacht von Al Dschasira, um im alten Bezugsrahmen der Stämme zum Ausdruck zu bringen: Gaddafi sollte verstoßen werden.

 

Welche der rund 140 großen und kleinen Stämme Gaddafi wie verbunden sind, lässt sich schwer sagen. Peter Scholl-Latour, ein alter Kenner der Region, weist darauf hin, dass man Loyalität auch kaufen könne. So habe Gaddafi die kampferprobten Tuareg auf seine Seite gezogen. Auch unter den Aufständischen ist die Lage unübersichtlich. Eine säkulare Opposition kam unter Gaddafis autokratischer Herrschaft nie zustande. Militante islamistische Gruppen wie der Al-Kaida-Ableger Islamic Fighting Group spielten in jüngster Vergangenheit kaum eine Rolle. Die libyschen Muslimbrüder haben der Gewalt abgeschworen.

 

Viele Libyer, vor allem im Osten des Landes, stehen der Sanussi-Bruderschaft nahe. Die wurde zwar 1837 vom Großvater von König Idris, Muhammad al-Sanussi, als puritanisch-konservative Bewegung gegründet, den Salafisten verwandt. Später fanden aber Elemente aus dem Sufismus Eingang in ihre Glaubenswelt, einer mystischen und eher toleranten islamischen Richtung. Im Nationalrat, der von den Rebellen aufgestellten Interimsregierung, sitzt Ahmad al-Zubair al-Sanussi. Den heute 77-Jährigen sperrte Gaddafi von 1970 bis 2001 ein, weil er dem Sanussi-Orden angehörte und mit der Königsfamilie verwandt ist.

 

Der von Exilmonarchisten als legitimer Thronerbe betrachtete Enkel von König Idris, Muhammad al-Rida as-Senussi, kehrte vergangene Woche nach Libyen zurück. Er hat sich gegen Gaddafi gestellt und verlangt ein Referendum über die künftige Staatsform. In einem Gastbeitrag für die Washington Times schrieb er, die Monarchie solle aber auf keinen Fall wieder errichtet werden. Die alte Landesflagge vereint einen Streifen Grün für Tripolitaniens, einen Streifen Rot für Fessan und einen breiteren schwarzen Streifen mit Stern und Halbmond für die Kyrenaika. Sie ist ein Symbol des geeinten Libyen – für eine Teilung, wie sie aufgrund der militärischen Lage droht, steht sie nicht. {Quelle: CICERO: von Volker Schmidt}

 

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