kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Christentum ist die meist unterdrückte Religion 13. März 2011

Filed under: Christenverfolgung — Knecht Christi @ 22:45

Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner bei der Ökumenischen Passionsandacht in der evangelischen Johanneskirche in Düsseldorf am 12. März.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

1. Als Papst Pius XI. Priesteramtskandidaten nach den Merkmalen der katholischen Kirche fragte, gaben sie die richtige Antwort, indem sie sagten: „Die Kirche ist einig, heilig, katholisch und apostolisch“. Der Papst aber fügte hinzu: „Es gehört noch ein fünftes Merkmal dazu: Die Kirche ist immer verfolgt.“ Vergessen wir nicht: Vor dem Ostersieg steht das Karfreitagskreuz. Schon die Bergpredigt kündigt die Verfolgung der Nachfolger Jesu wie selbstverständlich an. Und wirklich: Die Verfolgung ist dem Christentum eingestiftet, weil es Gott die alleinige Priorität einräumt, sodass alles Menschliche sekundär wird. Das erlebte Jesus schon, als sein Vorläufer Johannes der Täufer enthauptet wurde, weil dieser zu König Herodes gesagt hatte: „Du hattest nicht das Recht, die Frau deines Bruders zur Frau zu nehmen“ (Mk 6,18).

 

Schon bei der Darstellung Jesu im Tempel prophezeit der greise Simeon über dieses Kind, dass es gesetzt ist zum Fall und zur Auferstehung für viele in Israel (vgl. Lk 2,34). Und im Hinblick auf Maria sagt er: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35). Die Kirche ist also von vornherein als ein Zeichen des Widerspruchs konzipiert, da sie nicht den Menschen und der Welt nach dem Mund zu reden hat, sondern vielmehr Gott. Die Kirche ist in der Welt, aber nicht von der Welt. Das kann ihr die Welt oft nicht verzeihen. Und darum stellt die jeweilige Weltsituation eine besondere Herausforderung an die Kirche dar.

 

2. Das zeigte sich schon sehr bald in den Frühzeiten des Christentums, als sich die Herrscher und Kaiser vergöttern ließen und von allen Untertanen die Verehrung oder die Anbetung forderten. Weil die Christen das nicht konnten, gerieten sie sofort mit der Staatsautorität in Konflikt. Um das Jahr 155 n. Chr. wurde in der Stadt Smyrna der Bischof Polykarp verhaftet. Er war noch ein Jünger des Apostels Johannes gewesen. Der Prokonsul drängte ihn öffentlich: „Schwöre, und ich gebe dich frei! Verfluche Christus!“ Polykarp entgegnete: „Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir nie ein Leid getan; wie könnte ich meinen König und Erlöser lästern?“ (Martyrium des hl. Polykarp n. 9). Daraufhin wurde Bischof Polykarp auf dem Scheiter-haufen verbrannt.

 

Entscheidend ist, dass diese Verfolgung wirklich um des Glaubens willen über uns kommt. Es gibt auch ei-ne berechtigte Kritik, wie wir das durch die Missbrauchsfälle erfahren mussten. Petrus preist – wie einst Jesus selbst – diejenigen selig, die wegen des Namens Christi beschimpft werden, setzt aber ausdrücklich hinzu: „Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt. Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu diesem Namen bekennt“ (1 Petr 4,15-16). Die Verfolgung der Christen erwächst aus ihrem Anspruch, Gott immer und überall die absolute Priorität einzuräumen und alles andere dann sekundär erscheinen zu lassen. Das passt meistens den Menschen nicht, und ganz besonders nicht den so genannten Herrschern dieser Welt.

 

Meinen wir nicht, das seien alles Phänomene von gestern und vorgestern. Das Christentum ist auch heute noch die am häufigsten unterdrückte Religionsgemeinschaft: 80 Prozent der Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Weltweit werden etwa 100 Millionen Christen in über 50 Ländern wegen ihres Glaubens nicht nur diskriminiert, sondern sogar mit Verfolgung und Todesstrafe bedroht. Ich erinnere hier blutenden Herzens an die Ermordung des einzigen Christen im pakistanischen Parlament durch islamistische Extremisten vor wenigen Tagen. Christsein scheint gefährlich zu sein und zu werden.

 

3. Und wir? – Wird man auch uns festnehmen und verfolgen und uns um Christi Namens willen Gerichten übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Stadthalter bringen, wie es Christus im Lukasevangelium seinen Jüngern angekündigt hat (vgl. Lk 21,12)? Vermutlich nicht! Aber wir müssen mit polemischer Kritik, hier und da vielleicht auch mit der Zurücksetzung im beruflichen und gesellschaftlichen Leben, wie es die europäische Politik schon demonstriert hat, rechnen.

 

Wir müssen uns jedoch darüber im Klaren sein, dass es heute nicht nur Gefährdungen unseres Glaubens gibt, sondern einen regelrechten Kampf gegen das Christentum und seine Lebensform. Trotz aller litaneiartigen Beschwörungen, dass man für die Religionsfreiheit und Toleranz eintrete, tobt heute – so glaube ich – in der Öffentlichkeit ein erbitterter Kampf gegen Gott, gegen Jesus Christus, gegen die Christen und ihre Lebensweise. Letzteres nennt man oft abschätzig: die christliche Moral. Wer sich heute zu Jesus Christus inmitten seiner Kirche bekennt, macht fast schon den Eindruck eines Menschen von vorgestern, mit dem man heute nicht mehr zu rechnen braucht.

 

a) Angegriffen wird der Glaube heute oft durch eine kämpferische, so genannte atheistische Wissenschaft. Augenblicklich erfolgt der Kampf durch die Ideologen des Neodarwinismus. Die Repräsentanten dieser Atheismusform berufen sich auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Die Welt ist nach ihrer Theorie das Produkt der Selbstorganisation der Materie. Und damit basta! Ein typischer Vertreter dieser Richtung, der Engländer Richard Dawkins, hat in seinem Buch „Der Gotteswahn“ den Versuch unternommen, alle Gläubigen als Leute hinzustellen, die einem Wahn verfallen sind. Man kann sie nicht ernst nehmen, und man sollte sie auch aus dem öffentlichen Leben heraushalten, weil sie nach seiner Meinung die Realität nicht zur Kenntnis nehmen.

 

b) Ein weiteres Kapitel, in dem sich Verfolgung und Ablehnung der Frohen Botschaft äußern, ist der Bereich des Lebensschutzes. Weil der Mensch hier nur als biologisches System gesehen wird, ist der Embryo nicht im Vollsinn Mensch, sodass man über ihn verfügen kann und die Aussortierung und die Abtreibung eine reale Möglichkeit des Menschen beinhaltet. Weil der Mensch nicht töten darf und schon gar nicht seine Mitmenschen, müssen die Christen gegen diesen gesellschaftlichen Skandal aufstehen – auch wenn sie dafür verhöhnt und verspottet werden. Und etwas Ähnliches wird auf uns verstärkt zukommen in einer so genannten straffreien Assistenz der Ärzte bei der Selbsttötung kranker Menschen. Der Mensch soll doch nach Gottes Willen an der Hand seines Mitmenschen sterben, aber nicht durch seine Hand.

 

c) Was uns ebenfalls mit einer großen Sorge erfüllt, ist weithin die Christenverfolgung in muslimisch geprägten Ländern. Hier sei nur kurz an die letzten Vorgänge in der Türkei erinnert. Um es gleich zu sagen: Dass in den europäischen Staaten Religionsfreiheit herrscht, sodass auch Muslime hier ihren Glauben leben und organisieren können, das wollen wir als Christen gern akzeptieren.

 

Aber wir müssen auch darauf hinwirken, dass sich unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihren Heimatländern dafür einzusetzen haben, dass den Christen dort Gleiches widerfährt. Hier sei nur an die jahrelangen Bemühungen um die Pauluskirche in Tarsus/Türkei erinnert, die uns – trotz aller Versprechungen – nicht als Gotteshaus zurückgegeben worden ist. Ein wirkliches Ärgernis ist auch das jüngste Urteil eines Gerichtes in Ankara, das dem syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel Eigentumsrechte abspricht. Ich bin froh und dankbar, dass die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland einmütig und gemeinsam gegen dieses Skandalurteil protestiert haben.

 

4. Ich könnte noch viele einzelne Punkte aufzählen, aber sie zeigen alle dasselbe: dass der Christ wie ein Fremdkörper in unserer Gesellschaft empfunden und definiert wird. Ich persönlich habe das jahrzehntelang im so genannten real existierenden Sozialismus der DDR erfahren. Der Kirchenkampf bestand dort darin, die Christen an die Peripherie der Gesellschaft zu drängen, um sie dort auszutrocknen. Im Grunde genommen liegen dem heutigen Kirchenkampf ähnliche Strategien zugrunde. Das Christentum provoziert ja gerade diejenigen Menschen zur Verfolgung, nach denen es nur Gegenwart, d.h. natürlich immer Gegenwart ohne Gott, geben darf. Und diese Gegenwart ist dann „aus“ mit dem Tod. Unser Glaube sagt aber: Der Tod ist nicht das Letzte, das Leben geht weiter. Und dieses zukünftige Leben ist jetzt schon gegenwärtig.

 

Entgegen ihrer Zielsetzung zerstört die Verfolgung die Gemeinschaft der Christen jedoch nicht, sondern breitet diese vielmehr aus. Als die erste schwere Verfolgung über die Jerusalemer Urgemeinde hereinbricht, werden „alle in die Gegenden von Judäa und Samarien zerstreut“ (Apg 8,1). Was aber hat das zur Folge? – „Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort“ (Apg 8,4), sodass Samarien das Wort Gottes annahm (vgl. Apg 8,14). Die Kirche wächst und überwindet Grenzen, weniger trotz als gerade wegen der Verfolgung.

 

Nun weiß auch der Teufel, dass er mit dem Zuckerbrot viel mehr ausrichtet als mit der Peitsche. Das spüren wir derzeit in der von Krisen geschüttelten Christenheit in Deutschland nur zu deutlich. Ich wünsche mir ganz gewiss nicht Verfolgung und Leid herbei. Es erschüttert mich jedoch immer wieder aufs Neue, zu sehen, wie wir uns weithin vom Wesentlichen unseres Glaubens entfernt haben, wie wir uns in Strukturen verlieren, wo geistliches Leben und Wort gefragt wären. Wo wir um der politischen Korrektheit willen Quisquilien diskutieren, wo es gilt, die Frohe Botschaft zu verkünden.

 

In einer solchen Situation droht der Blick auf das Martyrium zu einer Theateraufführung zu werden, die man von seiner Loge aus wohlig verfolgt, weil man weiß, dass man nicht in die Handlung involviert ist. Aber jene Kirche, deren Haupt der Gekreuzigte ist, kann in unserer Welt gar nichts anderes sein als verfolgte Kirche. Diejenigen Menschen, deren Himmelreich allein ihr eigener Wille ist, werden die Frohe Botschaft vom angebrochenen Reich Gottes zwangsläufig als Droh-botschaft verstehen und entsprechend reagieren. Folgerichtig ist auch heute noch das Christentum, wie bereits am Anfang erwähnt, die meistunterdrückte Religionsgemeinschaft der Welt.

 

Haben wir dennoch keine Angst! Der Herr sagt uns: „Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Lassen Sie mich schließen mit dem bekannten Gebet von Kardinal Newman: „Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch – nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit, nie war sein Kommen deutlicher, nie seine Nähe spürbarer, nie sein Dienst köstlicher als jetzt. Darum lasst uns in diesen Augenblicken des Ewigen, zwischen Sturm und Sturm in der Erdenzeit zu ihm beten: ‚O Gott, Du kannst das Dunkel erleuchten. Du kannst es allein’. Amen.“

 

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

Düsseldorf (www.kath.net/ pek)

 

3 Responses to “Christentum ist die meist unterdrückte Religion”

  1. bazillus Says:

    „…Es erschüttert mich jedoch immer wieder aufs Neue, zu sehen, wie wir uns weithin vom Wesentlichen unseres Glaubens entfernt haben, wie wir uns in Strukturen verlieren, wo geistliches Leben und Wort gefragt wären. Wo wir um der politischen Korrektheit willen Quisquilien (ich kannte die Bedeutung dieses Wortes nicht: Bedeutungen: Kleinigkeit, Nichtigkeit) diskutieren, wo es gilt, die Frohe Botschaft zu verkünden.“

    Eine gute, ein breites Spektrum der Christenverfolgung aufzeichnende Predigt, der ich in allen Punkten zustimmen kann.

  2. bazillus Says:

    Einer der wenigen Kirchenvertreter im deutschsprachigen Raum, die die Wahrheit nicht in rosarote Watte packen und den Islam nicht aus seiner Verantwortung lassen.

    „… Nun weiß auch der Teufel, dass er mit dem Zuckerbrot viel mehr ausrichtet als mit der Peitsche. “ So nennt man den Islam in der Minderheit.

  3. stefanus1m Says:

    Super-Predigt. Wo sind die anderen Kirchenvertreter, die so etwas sagen, so etwas denken und leben ? Gibt wohl nicht mehr viele hierzulande und die wenigen, die noch da sind, werden auch bald aussterben. Schade.
    Danke Kardinal ! Das ist so ein wahres und wichtiges Wort. Was kann man noch sagen ? Amen.


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