kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Die Wähler Allahs 21. Februar 2011

Filed under: Moslembrüder — Knecht Christi @ 01:31

Der Westen fürchtet sie, das ägyptische Regime hat sie verfolgt: Wer sind und was wollen die Muslim-Brüder?

 

Sie sind das Schreckgespenst des Nahen Ostens: die Muslim-Brüder. Ägyptens Ex-Herrscher Hosni Mubarak hat Amerika immer gewarnt: Wenn er nicht bleibe, kämen die Islamisten. Vizepräsident Omar Suleiman traf sich mit der verbotenen islamistischen Bewegung und schenkte ihr den Auftritt im Staatsfernsehen. „Seht her, sie kommen der Macht näher“!, war die Botschaft. Regimepropagandisten malen eifrig am Bild von der islamistischen Gefahr. Keine andere Begründung für den Erhalt der angeschlagenen Diktatur wirkt so überzeugend. So soll das Gespenst das Regime retten.

Die Propaganda wirkt. Im Westen ist die Begeisterung über die Aufstände in Ägypten, Jordanien, Jemen und den Nachbarländern verhalten. Selbst gegen die säkulare Revolution in Tunesien gibt es Vorbehalte. Da können die Demonstranten noch so oft nach Freiheit und Demokratie rufen. Da kann die Zahl der Bärtigen und Moralprediger eine Minderheit der protestierenden Bürger sein. Erinnerungen werden wach. An die iranische Revolution, die harmlos begann und dann im islamistischen Putsch versank. An den Wahlsieg der Islamisten in Algerien 1991. An die kühl kalkulierte Machtübernahme von Hamas in Gaza. Hier in Ägypten, im Kessel von Kairo, wirken diese Szenarien fern. Niemand weiß mit Sicherheit, ob das so bleibt. Wie stark sind die Muslim-Brüder wirklich? Was wollen sie? Und warum halten sie sich bisher so zurück in der Revolte?

 
Beim gläubigen Arzt muss man kein Bestechungsgeld zahlen: Ein Hauptquartier des islamistischen Protests liegt unweit der US-Botschaft im Kairoer Zentrum: das Haus des Ärzteverbandes in der Kasr-Alnil-Straße. Dort steht der Schreibtisch von Issam Al-Erian. Ein Arzt mit randloser Brille, kurz gestutztem Bart und offenen braunen Augen. Er war lange Zeit Schatzmeister der Muslim-Brüder, vor kurzem ist er in den Vorstand aufgestiegen. Nebenbei empfängt er seine Patienten – alles am selben Schreibtisch. In der ersten Woche der Revolte hatte das Regime ihn verhaftet und eingesperrt. Die Bevölkerung stürmte das Gefängnis und befreite die Verbrecher und die politischen Gefangenen, darunter auch ihn. Seither ist Issam Al-Erian frei und ruhelos. Er hetzt durch die Sitzungen der Revolte, fordert das Ende des Ausnahmezustands, ruft nach Änderung der repressiven Verfassung, besteht auf dem Rücktritt des Herrschers Mubarak. Doch ist es nicht seine Befreiung aus dem Gefängnis, nicht seine Position, die ihm sein Selbstbewusstsein gibt. Es ist der Unterbau der islamistischen Bewegung.

 

Ein Spaziergang durch das Mittelklasse-Viertel Dokki abseits des Zentrums von Kairo verdeutlicht den Einfluss der Bruderschaft leichter als jede Analyse der Revolte. Eine bunte Straße mit Krämerläden, einem Uhrengeschäft, Zeitungsständen. Hier eine Moschee, daneben ein Tempel der Wohltätigkeit: die Poliklinik von Dokki. Sie gehört zur Stiftung Dawat Al-Hak – arabisch für „Ruf der Gerechtigkeit“. Was Gerechtigkeit meint, darauf deutet eine Tafel am Eingang. Dort sind die Preise für die Leistungen der Ärzte und die Heilmethoden ausgehängt. Sie gelten auch noch, wenn man nach der Behandlung zur Kasse geht. Eine Rarität in Ägypten. Hier lassen sich staatlich bezahlte Mediziner gern einen Umschlag zustecken und fragen zusätzlich nach einer Gefälligkeit für die eigene Familie. Privatärzte schicken der Heilung eine Rechnung hinterher, die krank macht. In dieser Poliklinik sind die Preise durchsichtig und bezahlbar. Ob die wackligen Wartestühle aus Plastik sind und unter der Decke eine alte Neonröhre knistert, ist nebensächlich. Wichtiger ist das neue Röntgengerät. Arme bekommen Preisnachlass, reiche Islamisten schießen zu. Denn sie wissen, dass hier für Gesundheit und Seelenheil zugleich gesorgt wird.

 
Auf dem Flachdach der Klinik steht eine Moschee aus stattlichen drei Schiffen, rundum eingefasst mit poliertem Granit. Dazu gehören ein kleines Waisenhaus und eine Schule für religiöse Erziehung. Dawat al-Haq hat offiziell nichts mit den Muslim-Brüdern zu tun, gehört aber zum Netz islamischer Einrichtungen, das sich über die dicht bevölkerten Städte Ägyptens spannt. Unter den Muslim-Brüdern sind viele Ärzte. Die Stiftungen im Umfeld der Bewegung leben von Dotationen reicher gläubiger Geschäftsleute und den Spenden Hunderttausender, die wenigstens ein paar ägyptische Lira entbehren können. Dawat al-Haq ist eine Wohlfahrts-AG, wie sie Islamisten in vielen arabischen Ländern betreiben. So sind die algerischen Islamisten, die jordanischen Muslim-Brüder, so ist auch Hamas gewachsen.

 

Aus Ägypten kommt die Mutterbewegung aller Islamisten

 

In Sues gründete der Volksschullehrer Hassan Al-Banna 1928 die Gamaat Al-Ikhwan Al-muslimin, die Muslim-Bruderschaft. Damals eine soziale Bewegung junger ehrgeiziger Bürger, die des krisengeschüttelten Kapitalismus überdrüssig waren und von Erneuerung träumten – mit islamischen Werten. Die Bewegung inspirierte Prediger im Orient und in der ganzen Welt. In den fünfziger und sechziger Jahren entstanden die Filialen der Muslim-Brüder in vielen Ländern des Mittleren Ostens. In Jordanien, Marokko und der Türkei waren sie sogar an Regierungen beteiligt. Das hat sie stark verändert, am besten sichtbar an der Regierung des türkischen Premiers Tayyip Erdoğan. Nur in Ägypten blieben sie verboten, in Gefängnissen eingesperrt, vom politischen Wettbewerb ferngehalten. Sie durften keine Partei werden. So wurden sie dem Regime nicht gefährlich und konnten als Schreckgespenst genutzt werden.

Schon oft alarmierte Präsident Mubarak in dieser Angelegenheit den Westen. Auch zu Zeiten von Präsident George W. Bush, der 2005 die „moderaten“ arabischen Verbündeten der USA auf demokratische Reformen verpflichtete. Widerstrebend gab Mubarak dem Drängen nach, öffnete die politischen Gefängnisse und ließ sich auf das Experiment halbfreier Parlamentswahlen ein. Die verbotenen Muslim-Brüder durften als „Unabhängige“ kandidieren. Überraschend bunt war dieser Wahlkampf im warmen Herbst 2005. Liberale, Nationalisten, Sozialisten, Mubaraks Staatspartei und die Kandidaten der Muslim-Brüder gingen an den Start.

 
Die Kampagne der Islamisten gipfelte in Volksfesten mit ägyptischen und grünen Fähnchen, mit winkenden Kopftuchfrauen und tanzenden Männern, die ihre Kinder mitgebracht hatten. Arabische Popsongs hallten durch die Nacht. Auf den Rednertribünen riefen die islamistischen Kandidaten nach dem Ende von Notstandsgesetzen und willkürlichen Verhaftungen. Helfer verteilten Rowaa-Cola, einen ägyptischen Aufguss des US-Originals, nur süßer und pelziger im Mund. Das zog. Viele islamistische Kandidaten siegten im ersten Wahlgang. Das Regime war aufgescheucht, wandte sich an Washington, verlangte nach Rückendeckung für den Polizeieinsatz. Der dritte Wahlgang endete in einer Knüppelschlacht und massiven Fälschungen. Immerhin 88 Muslim-Brüder schafften es noch ins 620-köpfige Parlament. Hier mussten sie erstmals zeigen, was sie eigentlich wollen.

 
Dem Friedensvertrag mit Israel stimmt keiner aus der Bruderschaft zu: Fragt man Issam Al-Erian nach dem Programm, erzählt er viel von demokratischen Wahlen, Ende der Unterdrückung, politischer Mitbestimmung, Meinungsfreiheit, fairem politischem Wettbewerb. Das ist untadelig, doch sind dies alles Felder, auf denen die Muslim-Brüder sich als Stärkste unter Gleichen durchsetzen könnten. Wie steht es um das Verhältnis zur Gewalt? „Der haben wir seit langer Zeit abgeschworen“, lächelt er. In der Tat haben sich die Muslim-Brüder schon vor über 25 Jahren mit radikalen Fundamentalisten wie Aiman al-Sawahiri entzweit – ein Arzt wie Al-Erian, der später die rechte Hand von Osama Bin Laden wurde. Damals tauchte Sawahiri ab in den militanten Dschihad, während Muslim-Brüder in Wahlen kandidierten.

 

Wie stehen sie zum Friedensvertrag mit Israel?

 

„Wir können keinen Frieden anerkennen“, sagt al-Erian, „solange Israel palästinensische Gebiete besetzt“. Die Muslim-Brüder haben ein gespanntes Verhältnis zur Hamas, für die Gewalt ein Mittel des Kampfes ist. Aber kein Muslim-Bruder kann sich die Unterstützung des Friedensvertrags leisten. Nicht nur, weil ihn das in der Bewegung diskreditieren würde. Auch weil die meisten Ägypter inklusive der Aufständischen auf dem Tahrir-Platz ihn ablehnen. Freilich: Solange das Militär – die wahre Macht am Nil – diesen Vertrag achtet, steht der Vertrag nicht zur Diskussion.

 

Die Debatte der Muslim-Brüder im Parlament kreiste um andere Fragen. Zwei Jahre nach den Wahlen 2005 veröffentlichten die Islamisten einen Programmentwurf, der die „Gesetze mit Bart“ erkennbar machen sollte. Doch das Programm wurde nie fertig, es stiftete nur Streit. Hier der Reformerflügel, dort die Phalanx der Erzkonservativen. Die einen wollten gleiche Rechte für alle Gläubigen, Muslime wie Kopten. Die anderen forderten, Christen müssten sich der „vorherrschenden islamischen Kultur“ unterordnen. Für Reformer ist das Kopftuch eine freie Entscheidung der Frau, für die Betonfraktion die obligatorische Schutzhaube des schwachen Geschlechts. Man war sich einig, dass Ehrenmord ein Verbrechen sei, aber manche Hardliner fanden, dass Emanzipation auch nicht viel besser sei. Die Reformer setzten durch, dass Frauen mehr politische Positionen bekamen, die Erzkonservativen drückten die moralische Rhetorik durch. Was am Ende fehlte, war die Linie.

 

Der Zwist zeigt: Die Muslim-Brüder sind keine Untergrundpartei auf dem Sprung, keine Avantgarde des islamischen Proletariats, die nur des richtigen Augenblicks harrt, um die Revolution zu entfesseln und die Macht zu ergreifen. Auch wartet anders als im iranischen Fall 1979 kein eifernder Ajatollah in Paris darauf, triumphal nach Kairo einzufliegen. Ägypten hat weder Lenin noch Chomeini. Die Muslim-Bruderschaft ist eine Bewegung – so breit wie unscharf, mit Erzkonservativen, Reformern, verknöcherten Alten, jüngeren Männern und Frauen, die jetzt mitdemonstrieren. Die Erfahrung im Parlament, das Reden ohne Einigung und ohne Einfluss auf die ägyptische Politik hat die Muslim-Brüder frustriert. Einige rufen dazu auf, manipulierte Abstimmungen künftig grundsätzlich zu boykottieren. Bei den internen Vorstandswahlen im vergangenen Jahr gewannen viele Muslim-Brüder, die der inneren Einkehr das Wort redeten. Der neue Führer Mohammed Badie wollte die Bewegung sammeln und einigen, auch disziplinieren. Man sprach von Moral, nicht von Macht. Sauber und aufrecht wollte man sein – und sich nicht im politischen Geschäft verbiegen lassen.

Dann kam die Revolte: Issam Al-Erian und viele Mitstreiter erlebten die ersten dramatischen Tage im Gefängnis. Seit ihrer Befreiung versuchen sie, die Reihen zu ordnen. Ihre Stimme wiederzufinden. Mitzumachen. „Ich hatte mit so einer großen Aufstandsbewegung nicht gerechnet“, sagt Al-Erian. Auf dem Tahrir-Platz rufen die Muslim-Brüder in diesen Tagen hörbar nach Mubaraks Abgang. Aber sie dominieren den Protest nicht. Sie knien nieder zum regelmäßigen Gebet mit Zehntausenden, aber sie halten nicht die Predigt. Sie waren beim Gespräch mit dem Vizepräsidenten dabei, aber unter anderen Oppositionellen. Sie reden mit dem Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei, aber sie führen nicht das große Wort. Alle fordern eine neue Verfassung, Strafen für die staatlich bestellten Schläger, die 300 Tote auf dem Gewissen haben, freie Berichterstattung, das Ende des Ausnahmezustands. Aus Iran kamen warme Worte für die „islamische Revolution“, welche die Muslim-Brüder empört zurückwiesen. Al-Erian rät dem „iranischen Regime“, den Dreck von der Wahl 2009 vor der eigenen Tür wegzukehren. Ist das alles nur Tarnung?

 

Bei freien Wahlen werden ihnen 30 % der Stimmen zugetraut: Vielleicht. Natürlich liegt es im Interesse der Muslim-Brüder, jetzt nicht in vorderster Front ihre grüne Flagge mit den zwei gekreuzten Schwertern des Islams zu hissen. Selbstverständlich können sie bei jeder künftigen Wahl auf ihre Bewegung und die islamische Mobilisierung setzen. Ihre Kraft haben sie bei der Eroberung der 88 Parlamentssitze 2005 vorgeführt, die säkularen Parteien verfügen über keine vergleichbare Stärke. Man sagt ihnen bei freien Wahlen bis zu dreißig Prozent der Stimmen voraus. Die Muslim-Brüder können abwarten, anders als ElBaradei, für den diese Revolte die letzte seiner politischen Karriere sein dürfte.

 
Vielleicht aber spielt auch die Furcht vor der eigenen Courage eine Rolle. Die Muslim-Brüder wissen: Wenn sie aus der Verbotszone heraustreten, müssen sie die Unschärfe ablegen. Sie können nicht mehr harmonisch den moralischen Imperativ beschwören, sondern brauchen ein politisches Programm. Sie müssen von einer Bewegung zur Partei werden. Was dann passiert, lehrt ein Blick nach Marokko und Algerien, nach Bahrain oder in die Türkei. Islamisten streiten, spalten, teilen sich. In muslimischen Ländern konkurrieren heute in der Regel mindestens zwei, mancherorts vier islamistische Parteien um den wahren rechten Weg.

 

Konservative Muslim-Brüder hadern mit Tayyip Erdoğan. Sie erkennen in ihm einen erschreckend erfolgreichen Abtrünnigen der islamistischen Bewegung. Den ägyptischen Muslim-Brüdern drohte Ähnliches, als sich vor wenigen Jahren die islamistische Wasat-Partei gründete. Zum Glück verbot das Regime die Separatisten sofort – und fütterte so das Schreckgespenst.

 

In diesen Tagen geht es den Muslim-Brüdern und den korrupten Zirkeln um Hosni Mubarak ganz ähnlich: Alle ahnen, dass man vor Beginn der Revolte im Januar zum letzten Mal so gemütlich und ungestört unter seinesgleichen dagesessen hat.

{Quelle: Die Zeit – www.zeit.de}

 

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