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Die neue Al-Qaida-Generation: Strategien und Gegenstrategien – Gefährdungseinschätzung Deutschland 18. Februar 2011

Filed under: Islamischer Terror — Knecht Christi @ 16:37

Seit Sommer 2006 hat die zweite Führungsgeneration des globalen jihadistischen Netzwerkes Al-Qaida mit der Tötung von Abu Musab al-Zarqawi (Irak), Abu Hafs al-Urdani (Dagestan), Shamil Basayev (Tschetschenien) und Mullah Dadullah (Afghanistan) wichtige Feldkommandeure verloren. Die Folge dieser zeitweiligen Schwächung der operativen Ebene führte zum Nachrücken einer neuen Generation von lokalen Führern, die aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.

 

1. Ausgangslage: Seit Sommer 2006 hat die zweite Führungsgeneration des globalen jihadistischen Netzwerkes Al-Qaida mit der Tötung von Abu Musab al-Zarqawi (Irak), Abu Hafs al-Urdani (Dagestan), Shamil Basayev (Tschetschenien) und Mullah Dadullah (Afghanistan) wichtige Feldkommandeure verloren.

 

Die Folge dieser zeitweiligen Schwächung der operativen Ebene führte zum Nachrücken einer neuen Generation von lokalen Al-Qaida-Führungspersönlichkeiten, die von den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt und aus diesem Grund eine Strategieanpassung vollzogen haben.

 

In Zukunft werden fünf Jihadisten diese neue Generation vertreten:

 Shaikh Hassan Dahir Aweys: Somalia
 Abu Ayyub al-Masri: Irak
 Matiur Rehmann und Faqir Mohammed: Pakistan
 Aris Sumarsono (aka Zulkarnaen): Indonesien

 

Auch wenn diese Führungsriege in verschiedenen Brennpunkten der Welt einen von historischen, politischen und religiösen Determinanten bestimmen Jihad führen, zählen ihre Gruppen nicht nur zu Knotenpunkten des transnationalen Netzwerkes, sondern sie haben ihre Strategien den veränderten Gegebenheiten angepasst:

 Entgegen ihren Vorgängern sind sie auf ihr internationales Image bedacht. Auch wenn das Ziel weiterhin in der Verbreitung von Schrecken und Angst in den Reihen ihrer Feinde besteht, wollen sie um die Zustimmung in der muslimischen Bevölkerung werben. So werden sie die Darstellung übertriebener Gewalt, wie sie al-Zarqawi durch die Enthauptung von Entführten medial verbreitet hat, stark einschränken. Denn durch diese Medialisierung von Gewalt wurde die öffentliche Unterstützung unterminiert.

 Die neue Jihadistengeneration hat kein Interesse mehr am Zerfall staatlicher Strukturen wie in Somalia, wo die „Islamic Courts Union (ICU)“ während ihrer kurzzeitigen Herrschaft sehr zurückhaltend die Lebensumstände umgewandelt haben.

 Die neue Generation hat die Nutzung modernster Informationstechnologie verstärkt, um damit breitere Allianzen zu schmieden. Durch diese Strategieanpassung konnte sich das Netzwerk Al-Qaida reorganisieren und besitzt heute zumindest die gleiche operative Stärke wie vor dem 11.09.2001.

 

2. Al-Qaida vom 11.09.2001 bis heute: Für die Zukunft muss man daher den derzeitigen Strategiewechsel des global agierenden Jihadismus analysieren, der im allgemeinen Sprachgebrauch auch als „islamistischer Terrorismus“ bezeichnet wird. Im Folgenden wird eine phänomenologische Definition des „Terrorismus“ (der sich einer eindeutigen Begriffserklärung widersetzt) zugrunde gelegt. Hiernach zeichnet sich Terrorismus aus durch: Verbreitung von Angst und Schrecken, Angriff auf wichtige symbolische Objekte eines Landes oder eine Region und der Kommunizierung einer Botschaft durch den Anschlag.

 

Die Anschläge des 11.09.2001 erfüllten diese drei Definitionsmerkmale. Denn sie markierten nicht nur qualitativ und quantitativ eine Evolution zu bisherigen Selbstmordanschlägen primär säkularer terroristischer Organisationen wie den „Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)“, sondern sie verdeutlichten die Strategie der ersten Al-Qaida-Generation. Diese beinhaltete: Zeitgleiche Attacken (swamming tactic) auf mehrere, wenig geschützte (soft targets) symbolische Ziele, die durch eine hohe Opferzahl (body count) Medieninteresse wecken.

 

Gerade der kommunikative Moment spielt hierbei eine Hauptrolle, da man zwar einen hohen bodycount als „Nebenprodukt“ der Attacken auf das WTC und das Pentagon begrüßte. Das Hauptanliegen bestand aber in der globalen und zeitgleichen Verbreitung einer Botschaft in der islamischen und nicht-islamischen Welt, die eben nicht nur an den Westen (hier in Gestalt der Vereinigten Staaten) gerichtet war. Vielmehr sollten neue Mudschaheddin für den globalen Jihad in allen Teilen der Welt rekrutiert werden. Denn das Netzwerk Al-Qaida führt nicht nur einen Jihad gegen den nahen Feind (die eigenen „ungläubigen“ Regierungen in der islamischen Welt, insbesondere gegen die Sa’ûd Dynastie), sondern auch gegen den fernen Feind (den Westen).

 

Seit der Entmachtung der Taliban in Afghanistan kam es zu einer Neuorientierung der Strategie im Zeichen der Schwächung zwischen Ende 2001 und 2003. Selbstmordattentate in den westlichen Staaten wurden unterlassen. Dafür wurden vermehrt Anschläge in islamischen Staaten verübt, um primär den nahen Feind zu treffen. Zu nennen wären hier Djerba, Bali und Casablanca, wobei primär westliche Touristen die Opfer darstellten. Damit sollte zum einen die Haupteinnahmequelle der Länder getroffen werden. Zum anderen stellten diese Anschläge auch eine Botschaft an den fernen Feind dar, dass es keine Sicherheit vor solchen Angriffen mehr geben würde.

 

Seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein und der Ba’ath Partei im Irak durch den dritten Golfkrieg 2003 änderten sich die Gegebenheiten, da im nachfolgenden Chaos der Widerstand gegen die amerikanischen Besatzungstruppen verschiedene Gruppen einte. Gleichzeitig verdeutlichte der Jihad von „Al-Qaida im Zweistromland“ unter al-Zarqawi die Ausweitung der Residualkategorie „Ungläubige“, da primär Schiiten und deren Milizen zum eigentlichen Bekämpfungsobjekt mutierten.

 

Der sunnitische „Jihadismus“ im Irak setzt sich zusammen aus Kämpfern der Al-Qaida, Mitgliedern der ehemaligen Ba’ath Partei und Kriminellen, die mit der Entführung von Einheimischen und Ausländern ihren Lebensunterhalt finanzieren. Dazu kommen so genannte „Extra Territorial Elements (ETE´s)“, die als Mudschaheddin aus anderen Ländern in den Irak einsickern und nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Damit hat sich in Analogie zu den „Araberafghanen“ als Veteranen des Afghanistankrieges die Problematik der „Irakrückkehrer“ entwickelt, die in den globalen muslimischen Diasporagemeinden Rekrutierungs-, Finanzierungs-, und Logistikaufgaben übernehmen.

 

Mit den Bombenanschlägen von Madrid 2004, London 2005, den versuchten Kofferbombenattentaten im Sommer 2006 in Deutschland, den vereitelten Bombenanschlägen in London 2006 und London/Glasgow 2007 verdeutlichte sich ein weiterer Strategiewechsel. Die Täter stammten mehrheitlich aus den muslimischen Diasporagemeinden der westlichen Staaten und hatten sich dort radikalisiert und jihadisiert. Entstanden war damit der indigene „home-grown terrorism“, der durch exogene Jihadisten ergänzt wurde, die sich wie in Deutschland durch die Kampagne gegen die Muhammad Karikaturen radikalisiert hatten, dabei aber auch Kontakte zu zumindest islamisch-fundamentalistischen Gruppen wie der hier verbotenen „Hizb ut Tahrir al-Islami“ pflegten. Damit verbreiterte sich der Kreis möglicher Jihadisten, die rekrutiert werden können, da die nach außen vermittelte formale Integration keinen Hinweis auf das Verhalten und das Denken im Innenverhältnis mehr zulässt. Die Al-Qaida entwickelte sich damit vor dem Hintergrund des Wegfalls der logistischen Infrastruktur Ende 2001 zu einer Plattform als Dachverband selbständiger Terrorgruppen aus verschiedenen Ländern.7 Sie stellt sich damit aktuell als Hybrid dar.

 

3. Strategien der neuen Al-Qaida-Generation

  

 3.1 Der Aufbau von Emiraten als Grundstock eines neuen Kalifats: Das globale Netzwerk Al-Qaida predigt zwar in ihrer medialen Selbstinszenierung die Widerherstellung des von Kemal Atatürk 1924 in der neu gegründeten Türkei abgeschafften Kalifates (welches zu dieser Zeit nur noch symbolischen Charakter besaß) als Fernziel, um die unbedingte Souveränität Allahs auf Erden wieder herzustellen.

 

Die neue Generation der Al-Qaida pflegt demgegenüber eine Strategie der kleinen Schritte. Nicht mehr das revitalisierte Kalifat im Sinne der as Salaf as Salih der medinensischen Stärkephase seit der Hijra 622 n.Chr. steht im Vordergrund. Sondern die Errichtung räumlich beschränkter und von der Schari’a regierter Emirate. Die Darstellung der Entwicklung im Irak auf einer deutschsprachigen und Al-Qaida nahe stehender Webseite verdeutlicht diese Strategie: „Schaut euch diese Entwicklung sorgfältig an: (Zuerst war da) Die Gruppe des Tauhid und Jihad; (dann) Die Organisation der Qaida des Jihad im Land der zwei Flüsse(Al-Qaida); (dann) die Schura-Sitzung der Mujahidin, welche viele Brigaden einschloss vor allem Al-Qaida; dann die Mutaibiin Allianz; und (dann) der Islamische Staat des Irak unter der Führung des Haschemiten (vom Stamm des Propheten Banu Haschem), der Husayini (Nachkommen von Hussein), der Amir der Gläubigen; Abu Omar Al-Bagdadi“.

Das Netzwerk gibt damit die Doktrin des „Non Territorial Islamic State“, die sich nach dem Afghanistankrieg als Reaktion auf die Niederlage der damaligen Sowjetunion als Klammerfunktion zur Einigung verschiedener jihadistischer Gruppen gebildet hatte auf, um vielmehr das Dar ul-Islam, welches von „Juden und Kreuzfahrern“ besetzt ist, Stück für Stück zu befreien. Hierzu gehört der Aufbau kleinerer Emirate, die den Grundstock eines später zu errichtenden globalen Kalifats bilden sollen.

 

Gegenwärtig existieren nach der auch in Deutschland verbreiteten Propaganda zwei islamische Emirate. Und zwar in Afghanistan und im Irak. Die ICU konnte ihre Position nicht halten, wobei sie in den von ihnen kurzzeitig eroberten somalischen Gebieten einschließlich der Hauptstadt Mogadischu die Schari’a einführte, gleichzeitig aber auch als Ordnungsmacht gegenüber den chaotischen Zuständen des zerfallenen Landes und der Macht von Clanführern auftrat.

 

Ein neues Emirat entsteht gegenwärtig in Nordwaziristan im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Eine neue Generation von „Neo-Talibans“, die auf die Sympathie regionaler Stammesfürsten bauen können, haben mit der Installation einer eigenen Verwaltung, Scharia-Gerichten, Schulen, einer Moralpolizei und eines eigenes Steuersystem begonnen. In einem solchen Umfeld erstarkt auch Al-Qaida. Zumal in diesem vom pakistanischen Staat nicht zu kontrollierbaren Gebiet Ausbildungscamps existieren, in denen sich auch radikale Islamisten aus Deutschland für den Jihad in Europa schulen lassen. Das bestätigen die Verhaftungen von sieben deutschen Verdächtigen in Pakistan im Juni/Juli 2007, denen vorgeworfen wird, Ausbildungscamps der Al-Qaida durchlaufen zu haben.

 

3.2 Verbreiterung der Basis durch Aufnahme jihadistischer Gruppen: Auch wenn das globale Netzwerk Al-Qaida über eine Manpower von mehreren zehntausend gut ausgebildeten und motivierten Mudschaheddin verfügt, benötigt es eine qualitative Verbreiterung seiner operativen Basis in allen Kontinenten, um das Ziel der Errichtung neuer Emirate im Zuge der Regionalisierung des Jihad voranzutreiben. Einen Erfolg stelle deshalb der Übertritt der salafitischen GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat) dar, die sich am 25.01.2007 in „Al-Qaida Organisation des islamischen Maghreb“ umbenannte und sich dem Netzwerk anschloss.

 

Die 1998 von Hassan Hatab (aka Abou Hamza) in Algier gegründete GSPC besitzt Zellen im Maghreb, in Afrika und in Europa und stellt eine der gefährlichsten jihadistischen Gruppen dar. Das bewies sie am 11.04.2007 durch ein Selbstmordattentat auf den Amtssitz des algerischen Ministerpräsidenten und ein Polizeikommissariat im Osten Algiers, wobei 22 Personen getötet und 222 verletzt wurden. Durch diese Entwicklung hat sich die Gefährdungslage Frankreichs als Zielspektrum für mögliche Attentate verschärft, da es mit dem Maghreb durch historisch gewachsene Beziehungen eng verflochten ist.

 

Sollte es Al-Qaida gelingen, auf operativer Ebene weitere salafitische und jihadistische Gruppen zu vereinnahmen, die aktionswillig und –fähig sind, multipliziert sich die Schlagkraft des Netzwerkes, das sich damit zu einer Hydra entwickelt. Denn selbst wenn es gelingt, einzelne Gruppen des Netzwerkes zu zerschlagen, rücken dafür andere Gruppen nach. Zumal diese nur lose mit einer wie auch immer strukturierten Kernorganisation verbunden sind, womit punktuelle Bekämpfungserfolge keine entscheidende Schwächung der oberen Führungsebene nach sich ziehen. Der Verbreiterung der operativen Basis dient auch ein in den letzten Monaten immer deutlicher werdender „Jihadtourismus“.

 

So sickern Jihadisten von Afghanistan in den Irak und umgekehrt ein und aus, um vor Ort Effizienz steigernde Strategien zu erlernen. Das zeigt sich in der Inszenierung von Entführungen, die medial aufbereitet und verbreitet werden, um in den Heimatländern der Entführungsopfer die Politik gegenüber der islamischen Welt zu beeinflussen. Diese Einzelschicksale erweisen sich emotional konkreter erfahrbar als etwa die Anschläge in Madrid 2004 mit ihrem hohen Bodycount, die teilweise den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak nach dem damaligen Regierungswechsel forcierten.

 

3.3 Die transnationale Cyber Umma als Rekrutierungsmedium: Im Zuge der Globalisierung seit dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion hat das auch von Jihadisten genutzten Internet als Symbol des ungehinderten transnationalen Informationsflusses und Zugang zu kommunikationstechnologischen Infrastrukturen als virtuelle Cyber-Umma eine transnationale Identität des „Newborn-Muslim“ geschaffen. Diese Newborn-Muslime sehen sich in Analogie zu der von Sayyid Qutb propagierten Massenbewegung mit einer Avantgarde an der Spitze, zu der sich die ägyptische Muslimbruderschaft in ihrer Historie entwickelt hat, selbst als Mudschaheddin, die den Geist des salafitischen Islam vorleben.

 

Ihr Ziel ist die Verwirklichung des Jihad als „Fard Ayn“ als individuelle und nicht delegierbare Pflicht jedes Muslims, um die unbedingte Souveränität Allahs auf Erden wiederherzustellen. Denn jede aktuelle politische Entwicklung, die islamische Staaten betrifft, wird als Angriff auf „den Islam“ angesehen, auch wenn oft kein ethnischer, familiärer und räumlicher Zusammenhang und Hintergrund dieser primär jugendlichen Muslime gegeben ist. Damit zielt die Ideologie des globalen Jihad auf die Imagination einer transnationalen muslimischen Gemeinkeiten jenseits Nationalstaatlicher Grenzen hervorhebt.

 

Diese Cyber-Umma als transnationaler soziokultureller Raum, der in sich durch eine heterogene Struktur von islamisch-fundamentalistischen, öffentlich einsehbaren jihadistischen (Darkweb) und abgeschlossenen jihadistischen Chatrooms (Hiddenweb) gekennzeichnet ist, kann nicht mehr mit nationalstaatlichen juristischen und exekutiven Maßnahmen eingedämmt oder gar bekämpft werden.

 

Vielmehr dienen die dort jederzeit einsehbaren Bild-, Film-, und Tondokumente zur Internalisierung einer sozialen Identität, die das Führen des Jihad als höchstes Ziel muslimischer Existenz ansieht, welche gegen das transzendente Ziel des sofortigen Eintrittes in das Paradies als shahîd eingetauscht wird, um „den Islam“ in einer jihadistischen Auslegung zu verteidigen und auszuweiten. Als „soziale Identität“ wird hier ein Teil eines Selbstkonzeptes eines Individuums verstanden, welches „sich aus seinem Wissen um seine Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und aus dem Wert und der emotionalen Bedeutung ableitet, mit der diese Mitgliedschaft besetzt ist“.

 

Die neue Al-Qaida-Generation setzt hierbei vermehrt auf mediale Indoktrination als Vorstufe einer Deutungshoheit über eine Realität sui generis, in der diese durch Kommunikation und Definition das manichäische Weltbild eines sich unversöhnlich gegenüberstehenden Dar ul-Islam und Dar ul-Harb konstruiert.

 

Mittels eines digitalisierten „MTV Islam“ wird dabei die kognitive Brutalisierung als Vorstufe vorangetrieben. Um dann mittels direkter Beeinflussung durch persönliche „Face to Face“ Kontakte jihadistischer „Talentspotter“ ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis als „in-group“ zu zementieren, die sich als verschworene Gemeinschaft einer Avantgarde von der als „out-group“ angesehen Umwelt abkapselt. Hierzu zählen nicht nur „Ungläubige“, sondern auch Muslime, die jihadistischen Ideen ablehnend gegenüberstehen. Je mehr sich die persönlichen Kontakte vertiefen, desto mehr wir ein Habitus ausgebildet, der die individuelle motivationale Persönlichkeitsstruktur des Objektes in eine kollektivistisch-homogenisierende Gruppenidentität des Subjekts umwandelt. Die in-group wird durch beständige Binnenkommunikation zum bestimmenden Lebensinhalt des einzelnen Gruppenmitgliedes, da es sich dort aufgehoben fühlt und Anerkennung erfährt.

 

Diese Anerkennung fördert die Bereitschaft zum Märtyrertum (Istishhad), auch wenn damit gegen das Suizidverbot des Koran (Intihar) verstoßen wird. Soziale Bindungen der „peer-group“ spielen somit im Prozess der Transformation vom eher passiven Anhänger zum „full-fledged“ Mudschaheddin eine größere Rolle als die ideologische Komponente. Darum muss die Gruppenidentität durch ritualisierte Praktiken wie den täglichen fünfmaligen Salat in der Gemeinschaft, oder die exzessive Rezitation von Suren des Korans, die wie Sure 5 und 9 zum Kampf gegen die Ungläubigen aufrufen, verinnerlicht und verstärkt werden.

 

Ab einer bestimmten Schwelle, die im direkten Vergleich von sozial isolierter „in-group“ und „outgroup“ durch die Gruppenmitglieder nur noch den Märtyrertod als shahîd zulässt, wird das Selbstmordattentat zur bestimmenden Handlungsform, bei der jeder den anderen bestärkt und implizit unter Druck setzt. Bis die verschworene Gemein-schaft sich in einem Zustand der Deindividuation selbst für das mythisierte Endziel eines globalen Kalifats opfert, um Erlösung von irdischen Leiden zu erfahren.

 

Diese Indoktrination wird von Al-Qaida mit immer professioneller gestalteten Webseiten und der Nutzung von massenkompatibler Unterhaltungselektronik verfeinert. Im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Entwicklung, die immer mehr jüngere Muslime und Konvertiten als „marginal man“ zwischen verschiedenen Kulturen stehend in einer multioptionalen Welt des „alle ist möglich“ keine Identitätsbildung außerhalb eines „entweder – oder“ erlaubt, füllt der Medienjihad diese Lücke zwischen Sinnkrise und Aufgehobenheit, womit sich das Rekrutierungspotential in Zukunft quantitativ erhöhen wird. Und zwar nicht primär in der islamischen, sondern in der westlichen Welt, wo das Internet zur alltäglichen Lebenswelt gehört.

 

4. Ergebnis: Zusammengefasst lauten die gewonnen Erkenntnisse hinsichtlich der neuen Al-Qaida-Generation:

 In Zukunft wird das globale Terrornetzwerk von einer jüngeren Generation von Feldkommandeuren (im Alter von Mitte Zwanzig bis Anfang Vierzig) repräsentiert.

 Ihre Gruppierungen führen vor Ort einen durch die jeweiligen Gegebenheiten determinierten und regionalisierten Jihad, wobei die Gruppen selbst nur lose mit der oberen Führungsebene der Al-Qaida verbunden sind.

 Anstelle des Endzieles eines globalen Kalifats wird die Umwandlung kontrollierbarer Gebiete als Emirate angestrebt, wobei bestehende Strukturen nicht im Sinne eines „failed state“ zerstört, sondern der Schari’a angepasst werden sollen.

 Hierzu wird die operative Basis durch Aufnahme neuer salafitischer und jihadistischer Gruppen qualitativ ausgebaut, um die Schlagkraft bezüglich der Ausführung von Attentaten zu erhöhen.

 Damit entsteht ein „Jihadtourismus“, um effiziente Strategien länderübergreifend weiterzugeben.

 Der Medienjihad wird quantitativ und qualitativ zum bevorzugten Rekrutierungs- und Propagandierungsinstrument ausgebaut, wobei auf exzessive Gewaltdarstellungen wie zu Zeiten von al-Zarqawi verzichtet wird.

 Diese Indoktrination soll primär westliche jüngere Muslime und Konvertiten an das Terrornetzwerk binden, um diese zu „full-flegded“ Mudschaheddin heranzubilden. Entweder in Gestalt von „in-groups“ oder als Einzeltäter.

 

5. Gegenstrategien: Das globale Netzwerk Al-Qaida hat mehrere Schwächephasen überstanden und sich immer wieder reorganisiert. Man muss davon ausgehen, dass die Bedrohung durch dieses hybride Netzwerk noch Generationen andauern wird. Damit hat Al-Qaida die Evolution von einer hierarchisch gegliederten Militärorganisation zu einer ideologischen Massenbewegung vollzogen, die unabhängig von der physischen Existenz der ersten Führungsriege weiter bestehen wird. Usama bin Laden und Ayman al-Zawahiri haben längst die Kontrolle über Al-Qaida aus der Hand gegeben und die Ergreifung oder Tötung des „Amir und des Gehirns“ würde das globale Netzwerk durch den hierdurch entstehenden Märtyrerstatus nur noch stärken.

 

Daher kann eine Bekämpfungsstrategie, die ihren Focus auf kurzfristige repressive militärische und polizeiliche Bekämpfung legt als ungeeignet eingestuft werden, um dieser Gefährdung zu begegnen.

 Eine erfolgreiche militärische und polizeiliche Bekämpfung des Netzwerkes müsste in der zeitgleichen Zerschlagung der nationalen Knotenpunkte bestehen. Eine Aufgabe, die außerhalb jeder realistischen Erfolgsaussicht liegt. Schon heute reichen etwa die militärischen Kräfte der „Anti-Terror-Koalition (ATK)“, die im Rahmen von „Operation Enduring Freedom (OEF)“ in Afghanistan eingesetzt werden nicht aus, um Al-Qaida, Taliban und Hisb al-Islami entscheidend zu schwächen. Auch die primär mit Stabilisierung/Wiederaufbauhilfe befassten „International Security Assistance Force (ISAF)“ werden vermehrt Ziele von Anschlägen jihadistischer Gruppen. Wie im Mai 2007, als drei deutsche Bundeswehrsoldaten einem solchen Anschlag zum Opfer fielen.

Ebenso wurden im August 2007 drei deutsche Polizeibeamte Opfer eines gezielten Anschlages. Gleichwohl muss das militärische und zivile Engagement erhalten und ausgebaut werden. Dabei ist die Ausbildung und finanzielle Ausstattung lokaler Sicherheitskräfte voranzutreiben.

 

 Den Nachrichtendiensten wird in Zukunft eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung jihadistischer Zellstrukturen durch Nachrichtengewinnung und Nachrichtenauswertung als Grundlage einer Lageauswertung und dem Erstellen von präventiven Handlungsoptionen im Vorfeld repressiver Bekämpfungsmaßnahmen zukommen. Hierzu sind dezentrale Informationsgewinnung und zentrale Informationssammlung, –auswertung und -aufbereitung stärker zu koordinieren

 

 Das Terrornetzwerk Al-Qaida wird in Zukunft bei gleich bleibendem Bevölkerungswachstum vom drohenden Kollaps der islamischen Welt profitieren. Bei einer jetzigen Bevölkerung von ca. 2 Mrd. Menschen in islamischen und afrikanischen Staaten verdeutlicht der dort bestehende „Youth Bulge“ in Form von ca. 300 Mio. jungen Männern im Alter von 15 – 30 Jahren, die unter anderem durch das Erbfolgeprinzip der Primogentitur keine Chance auf die Erlangung eines sozialen Status in der Gesellschaft besitzen, ein nicht einzuschätzendes Rekrutierungspotential für den Jihadismus. Die Regime in der islamischen Welt stehen dieser Entwicklung hilflos gegenüber, da sie keine entsprechenden ökonomischen, bildungspolitischen und sozialen Ressourcen bereitstellen können und wollen.

 

6. Gefährdungseinschätzung Deutschland: Spätestens seit dem Jahr 2000, als die so genannte „Meliani Gruppe“ zerschlagen werden konnte, muss Deutschland als Teil eines globalen Gefährdungsraumes angesehen werden, der die klassische Trennung zwischen äußerer und innerer Sicherheit nicht mehr zulässt. Auch wenn im Vergleich zu anderen Zielen des Jihadismus wie die Vereinigten Staaten von Amerika, Israel, England und Frankreich eine nachrangige Gefährdung gegeben ist, haben die versuchten Kofferbombenanschläge im Sommer 2006 und die zunehmenden Angriffe auf die deutschen ISAF Kontingente und Polizeikräfte in Afghanistan die akute Gefährdungslage verdeutlicht, die Deutschland selbst und deutsche Interessen im Ausland gefährdet.

 

Der Jihadismus des globalen Terrornetzwerkes Al-Qaida und ähnlich gelagerter Gruppen hat Deutschland im Visier. Damit hat die bisher geltende relative „Ruhe“ hinsichtlich der Gefährdungsintensität, die das Land der Funktion als Planungs-, Rekrutierungs-, und Rückzugsraum verdankt, ein Ende gefunden.

 

Deutschland sieht sich sowohl von exogenen (Kofferbombenattentätern) als auch von indigenen Kräften (homegrown terrorism, Irakrückkehrer, in den neuen Ausbildungslagern der Al-Qaida ausgebildeten deutschen Jihadisten) einer permanenten Bedrohungslage ausgesetzt.

 

Sollten zukünftige politische Entwicklungen ein „worst case“ Szenario Realität werden lassen, muss jederzeit mit Anschlägen innerhalb des Staatsterritoriums und gegen im Ausland eingesetzte Bundeswehrkontingente und Sicherheitskräfte gerechnet werden. Diese können sowohl von jihadistischen Zellen wie auch von jihadistischen Einzeltätern verübt werden. Damit verringert sich langfristig der jetzt schon zu diagnostizierende kleiner werdende Abstand der Gefährdungsintensität zwischen den klassischen Zielen des Jihadismus und Deutschland immer mehr.

 

Dieser Gefährdung kann nicht mit einer Politik des Nachgebens und Wegsehens, die als Schwäche ausgelegt wird, entgegnet werden. Vielmehr muss das internationale Engagement der Bundeswehr bei verbesserter materieller und finanzieller Ausstattung beibehalten werden, da jeder „failed state“ den Nährboden der nächsten Al-Qaida-Generation bildet. Im inneren bedarf es einer ständigen Nachjustierung der Sicherheitsarchitektur, die flexibel auf neue Gefährdungslagen reagieren muss, wobei sich offenbarende Lücken zu schließen sind.

 

Zuerst veröffentlicht: “Forschungsgruppe-Sicherheit”

{http://tooltest.info}

 

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