kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

„Wir sind keine Ungläubigen“ 12. Februar 2011

Filed under: Heilige der koptischen Kirche,Koptenverfolgung — Knecht Christi @ 23:43

Nach dem Anschlag von Alexandria erwachen die Kopten aus ihrer Trauer und beharren auf Ägypten als angestammter Heimat. Ein Besuch in einem der ältesten Klöster der Christenheit.

 

Diese Tür haben sie erst vor 90 Jahren einbauen lassen. Vater Diochorus sagt es lächelnd, die Zipfel seines Bartes flattern im Wind. »Lange schien es den Mönchen zu gefährlich, eine Tür zu haben. Immer wieder wurden sie von Beduinen überfallen.« Er deutet auf die mächtigen Mauern der Klosterfestung. »Hinter denen waren wir sicher, und wenn jemand hinaus- oder hineinwollte, dann wurde von dem Balkon dort oben ein Seil heruntergelassen.« Ganz offensichtlich beobachtet er gerne, wie die Besucher die Köpfe in den Nacken legen, zum Balkon hochschauen und staunen. Er weiß auch, dass die Blicke dann wieder zu ihm zurückwandern, ihn mustern, den Mönch in schwarzer Kutte und mit der bestickten Kapuze der koptischen Gottesmänner. Vater Diochorus trägt eine Spiegelbrille von Ray-Ban, schließlich sind Ägyptens Mönche Männer der Gegenwart.

 
Das Kloster Sankt Paul in den entlegenen Bergen am Roten Meer ist eines der ältesten Klöster der Christenheit. Im 4. Jahrhundert wurde es zu Ehren des ägyptischen Heiligen Abuna Bola (auf Deutsch Vater Paul) gegründet. Über Silvester und Weihnachten, das die Kopten am 7. Januar feiern, hat es normalerweise geschlossen. Deshalb empfangen die Mönche jetzt zum ersten Mal nach den düsteren Tagen der Krise wieder die Gläubigen. Die mutigen Mönche sind den heutigen Gläubigen ein Vorbild, und es ist die Aufgabe von Vater Diochorus, die Besucher zu bestärken. Auf die Frage, ob es nicht besser wäre, die Tür wieder zu vermauern, schließlich mache sich unter ägyptischen Christen die Angst vor weiteren Anschlägen breit, schüttelt Vater Diochorus den Kopf und lächelt wieder sein spöttisches Lächeln: »Nein, wieso denn? Die Beduinen gibt es nicht mehr. Sie konnten in diesem rauen Wüstenklima nicht überleben, aber wir sind noch immer da!«
 

Angst vor seinen modernen Landsleuten hat Diochorus keine: »Erstens kann mir nichts Besseres passieren, als bei einem Anschlag zu sterben. Ich nehme dann doch direkt an der Seite Gottes Platz. Außerdem hält Gott seine Hand über uns.« Zur Stimmung unter den Gläubigen will er nichts sagen. Wie groß die Angst ist? Oder ob die Wut überwiegt? »Ich lebe nicht in der Welt und bekomme sehr wenig mit von dem, was draußen passiert. Deswegen bin ich ins Kloster gegangen.« Er hat den Problemen dieser Welt den Rücken gekehrt, und vielleicht suchen gerade deswegen die Gläubigen jetzt Trost bei ihm: Ein Jugendlicher in Bomberjacke und mit lässigem Häkelkäppi beugt sich über die Hand des Mönches. Kurz bevor die Lippen des Jungen seinen Ring berühren, entzieht Vater Diochorus seine Hand und wendet sich dem nächsten zu. Mit einem Bus sind die Jugendlichen aus Kairo gekommen. Geplant war der Ausflug lange vor dem Anschlag von Alexandria. »Aber dass heute so viele mitgefahren sind, liegt an der Angst und der Wut«, sagt der Junge mit Häkelkäppi, der Georges heißt. »Wir müssen jetzt zusammenhalten, und hier im Kloster tanken wir Kraft.«

 

Die koptische Kirche gibt es bereits seit dem 1. Jahrhundert nach Christus. Der heilige Markus, Verfasser des Markusevangeliums, war der erste Bischof von Alexandria. Er starb als Märtyrer, und nach ihm ist die Kirche benannt, auf die der Anschlag der Silvesternacht verübt wurde. Von Alexandria breitete sich das Christentum schnell aus, und bis zum Eintreffen der islamischen Truppen 641 war ein Großteil der Ägypter christlich. Ab dem 3. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Pharaonischen die koptische Sprache, die bis heute in der Messe verwendet wird.

 

Früher galt die Frage, ob einer Muslim oder Christ sei, als grob unhöflich

 

Die Kopten gehören zwar zur orthodoxen Kirche, doch spalteten sie sich beim Konzil von Chalcedon 451 im Streit ab. Es ging um die gottmenschliche Natur Christi. Seitdem sind die Kopten unabhängig, und derzeit ist Schenouda III. ihr Oberhaupt. Eine wichtige Rolle im Glauben spielt die Flucht der Heiligen Familie. Der Überlieferung nach reiste sie drei Jahre lang durch Ägypten, und wo immer sie übernachtete, entstanden Kirchen und Klöster, zu denen bis heute die Gläubigen kommen, viele in der Hoffnung, Zeuge eines Wunders zu werden. Marienerscheinungen aus Licht, Bilder von Heiligen, die Blut weinen, plötzliche Heilungen sind fester Bestandteil des Glaubens. Auch unter der Samtdecke des Schreins im Kloster Sankt Paul stecken Hunderte kleiner Zettel mit handgeschriebenen Bitten an den Heiligen.

 

»Der Heilige Paul gehört nicht zu den Heiligen, die besonders schnell Wünsche erfüllen«, erklärt Vater Diochorus. Der heilige Paul steht für Ausdauer und Zähigkeit. Der Legende nach verließ er als junger Mann seine Heimatstadt Alexandria und verbrachte 90 Jahre in einer Höhle, genau hier, in den kargen Bergen am Roten Meer. Antonius, der Gründer des ersten Klosters der Christenheit, wurde von Gott geführt und fand ihn. Kurz darauf verstarb der heilige Paul, und Antonius ließ aus der Höhle eine Kirche und um die Kirche ein Kloster bauen. Vater Diochorus schließt die mächtige Holztür zur Höhlenkirche auf. Georges und seine Freunde sind gekommen, um hier zu beten.

 

»Wir sind nicht wie die Christen in Europa, für uns spielt der Glaube eine viel größere Rolle«, sagt Georges. Zwar gehe er tagsüber ganz normal an die Uni. Der 19-Jährige studiert Ingenieurwissenschaften. »Aber ansonsten lebe ich in der Gemeinde«, sagt er. Sonntagsschule, Messe, Jugendfreizeit. Und wenn jemand mal einige Tage nicht erscheint, geht der Abwesendenbeauftragte ihn besuchen. Es könnte ja sein, dass er etwas braucht. »Das Wichtigste in der Gemeinde ist, dass mich niemand darauf anspricht, dass ich anders bin«, sagt er. Er habe das so satt: »In der Schule musste ich den Koran lesen, und immer ging es darum, dass ich ein Ungläubiger bin. Das liegt an der dumpfen Islamisierungswelle. Und weil immer mehr Muslime beeinflusst sind vom Wahhabismus.« Sein Freund Andrew hält das für moderates Geschwätz: »Es liegt in der Natur des Islams, uns zu unterdrücken. Dabei sind wir die eigentlichen Bewohner dieses Landes. Sie kamen erst Jahrhunderte später und sollten sich wie Gäste verhalten.«

 

Die religiösen Vorurteile haben sich zugespitzt. Vor dreißig Jahren noch galt die Frage, ob jemand Muslim oder Christ sei, als grob unhöflich. »Heute geht es die ganze Zeit darum«, sagt Ramy Raouf von der Kairoer Initiative für Persönliche Rechte. Die Menschenrechtsorganisation dokumentiert Gewalttaten gegen Christen. Denn der Anschlag auf die Kirche in Alexandria, bei dem in der Silvesternacht 23 Menschen starben und knapp hundert verletzt wurden, traf Ägypten nicht aus heiterem Himmel. Mehr als 50 Zwischenfälle hat die Initiative allein seit 2008 registriert. Die Gründe sieht Raouf in einem stärker werdenden Misstrauen zwischen den Religionen. »Es ist längst normal, dass muslimische Unternehmer nur Muslime anstellen und christliche Hausbesitzer nur an Christen vermieten. Das Erschreckendste ist, dass viele Menschen sich daran gewöhnt haben.« Da die Regierung diese Entwicklung nicht gebremst, sondern im Namen der nationalen Einheit geleugnet habe, breitete sich der Konflikt aus und verursachte immer mehr Gewalt.

 

Fast immer sind die Opfer Christen. »Ermuntert wurden die Täter auch dadurch, dass bisher niemand von einem Gericht verurteilt wurde«, klagt Raouf. Kein Wunder, dass viele Christen sich vom Staat im Stich gelassen fühlen. So kommt zum Konflikt zwischen Muslimen und Christen nun auch eine Konfrontation zwischen Kirche und Staat. Deutlich wurde die Abkehr der Kirchenführung von ihrem zuvor sehr staats- und regierungsfreundlichen Kurs nach den Ereignissen von Nagah Hammadi. In dem oberägyptischen Dorf waren Weihnachten 2009 sechs Kirchgänger nach der Mitternachtsmesse erschossen worden, doch der Prozess gegen die Täter schleppt sich bis heute dahin. Der Bruch vertiefte sich im letzten Sommer, als ein staatliches Gericht einem geschiedenen Kopten das Recht zusprach, wieder kirchlich zu heiraten, und verfügte: Die Kirche solle ihn trauen. Da reichte es dem Papst.

 

Der religiöse Konflikt muss politisch werden, damit es eine Lösung gibt

 

Im November kochte der Konflikt dann über. Der Gouverneur des Kairoer Stadtteils Giza schickte mehrere Hundertschaften Polizei in eines der Armenviertel, sie sollten den illegalen Bau einer Kirche stoppen. Wer in Ägypten ein Gotteshaus bauen will, braucht eine Genehmigung. Die ist, wenn es sich um eine Kirche handelt, aber kaum zu bekommen. Stundenlang lieferten sich mehrere Tausend Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei, dabei starb ein junger Kopte. Der koptische Journalist Safwot Youssef schrieb: »Es ging nicht nur um den Kirchbau, sondern um die Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen, und es beteiligten sich auch viele Muslime an den Protesten.« Sie erschütterten das Land ebenso wie der jüngste Aufruf des Papstes, bei den anstehenden Wahlen gegen die Regierung zu stimmen.

 

Wie so viele Christen in Ägypten fühlen sich nun auch Georges und seine Freunde von der Regierung im Stich gelassen, das belastet sie schwerer noch als der Alltagshass mancher Muslime. Die schleppenden Ermittlungen nach dem Anschlag von Alexandria haben sie in diesem Gefühl bestärkt. »Jetzt behauptet die Regierung, dass al-Qaida einen Attentäter geschickt hat. Dank dieser Lüge brauchen sie sich nicht mit den Problemen im Land befassen«, sagt Mariam, eine junge Frau aus der Gruppe der Klosterbesucher. Dabei sei in erster Linie die Regierung schuld an dem Attentat: »Wo war denn die Polizei in der Silvesternacht in Alexandria? Es gab doch Drohungen gegen Kirchen.« Weihnachten war ihr dieses Jahr nicht zum Feiern zumute. »Aber was mich freute, waren die vielen Anrufe von muslimischen Studienfreunden. Manche haben mir statt fröhlicher Weihnachten ein herzliches Beileid gewünscht. Das fand ich gut, denn sie hatten erkannt, wie ich mich fühle.«

 

Vielleicht habe die Explosion von Alexandria doch auch etwas Gutes, sagt Mariam. »Vielleicht wachen die Menschen jetzt auf und halten zu uns.« Tatsächlich wird aus dem Streit der Religionen zunehmend ein politischer Konflikt. Genau darin liegt die Chance. Denn ein politisches Problem lässt sich lösen, wohingegen die Unterschiede der Religionen zu deren Natur gehören und unüberwindbar sind. Aufgabe der Politik ist es, die Unterschiede aushaltbar zu machen, und dazu muss die ägyptische Regierung nun gedrängt werden. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Erst recht nicht im Kloster des heiligen Paul. {Quelle: www.zeit.de}

 

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