kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Missio besucht das Kloster des Heiligen Mina und Abu Mina 24. Januar 2011

Filed under: Kirche Zu Hause,Reportagen — Knecht Christi @ 11:30

Die Quelle in der Wüste

 

Der Asphalt glüht: Links. Rechts. Geübt manövriert der Taxilenker sein uraltes Auto zwischen den unzähligen Schlaglöchern hindurch. Neben der Straße beginnt das Meer aus Sand. Der Blick reicht kilometerweit – die Natur scheint ausgestorben: keine Palme, kein Gras, kein Grün. Man sieht nur Himmel und Schutt. Immer tiefer dringt das Taxi in die Sahara ein. Die unendliche Weite nimmt gefangen. Die Wüste sei deshalb so wunderschön, schrieb Saint-Exupery in seinem berühmten „Kleinen Prinzen“, weil sie irgendwo einen Brunnen birgt. Und tatsächlich: Plötzlich heben sich vom Horizont kleine Türme ab. Man sieht wieder vereinzelte Palmen.

Vor uns liegt Abu Mina, die große koptische Klosterstadt außerhalb von Alexandria. Dort, so hat es geheißen, werdet ihr Antworten finden. In der modernen ägyptischen Metropole am Mittelmeer wollte nämlich niemand mit uns sprechen. Geführt von Daniel*, einem koptischen Christen aus Alexandrien, wollten wir einige Priester und Laien interviewen: Wie gestaltet sich das Leben der christlichen Minderheit – Kopten machen rund zehn Prozent der Bevölkerung aus – im islamischen Ägypten? Vor welchen Herausforderungen steht die traditionsreiche Kirche, die sich darauf beruft, vom Evangelisten Markus im ersten Jahr hundert nach Christus gegründet worden zu sein?

 

Ein intimer Blick: Daniel hatte sich sehr bemüht. Von Anfang an war er begeistert gewesen: Er wollte uns einen intimen Blick in die Welt der Kopten Alexandrias ermöglichen. Daniel führte uns weg von der großzügig angelegten Meerespromenade im Zentrum der Stadt. Wir verließen die Touristenpfade, die im Normalfall in die neue, atemberaubende Bibliothek, in die koptische Kathedrale oder zum Griechisch-Römischen Museum führen. Daniel kannte den Weg: Durch dunkle Häuserschluchten, vorbei an kleinen Märkten und Kaffees – am Ende standen wir in einer schmalen Gasse, direkt vor einem hohen Baugerüst. Vor einem unscheinbaren Durchgang saß ein Polizist. Er grüßte uns nicht, als wir an ihm vorbeischritten, hinein in einen kahlen Raum. Wir befanden uns in einer Kirche. Ein paar ältere Frauen beteten in den Sesselreihen. Der Priester unterhielt sich mit einem Bauarbeiter. Als er uns sah, unterbrach er sein Gespräch und kam zu Daniel. Sie wechselten ein paar Worte, gestikulierten und blickten abwechselnd zu uns. Schließlich verabschiedeten sie sich. Daniel erklärte mit gesenktem Haupt, dass der Priester nicht mit uns sprechen wollte: Er habe Angst, möchte kein Aufsehen erregen. Seine Kirche würde gerade renoviert, er sei auf das Wohlwollen der Autoritäten angewiesen. Wir sollten doch bitte Verständnis haben.

 

An diesem Tag sprach niemand mit uns. „Die Menschen wollen keinen Ärger“, erklärte uns Daniel. Er entschuldigte sich dafür, dass wir im Endeffekt keine Kopten interviewen konnten. „Aber vielleicht in Abu Mina?“, schlug er vor. Eine Oase: Selbst in der gnadenlosen Mittagshitze wirkt die moderne Klosteranlage von Abu Mina erfrischend einladend. Hinter den schweren Metallpforten des Eingangstores eröffnet sich eine andere Welt – der Brunnen in der Wüste. Kinder tollen im Schatten der Palmenhaine, während sich ihre Eltern auf grünem Gras einen Mittagsschlaf gönnen. Mehrere Familien sitzen im Kreis zusammen und picknicken. „Viele Christen kommen in ihrer Freizeit hierher, um aufzutanken“, erklärt uns ein koptischer Mönch. Mehr als 120 Geistliche leben und arbeiten in Abu Mina. Sie beherbergen ihre Gäste, sind für sie Seelsorger, Ratgeber und Freunde. Vor einer der kleineren
Kirchen stellt sich gerade eine Gruppe zum Familienfoto auf: Ihr Erstgeborener wurde gerade getauft. Andere decken sich bei den gut sortierten Marktständen mit Devotionalien und Büchern ein. „Wenn Sie unsere Situation verstehen wollen, müssen Sie zum echten Kloster von Abu Mina fahren“, unterbricht der Mönch unsere bohrenden Fragen. Zara*, ein Kopte der zurzeit in Amerika lebt und gerade auf Heimaturlaub ist, erklärt sich bereit, uns dorthin zu führen. Abermals fahren wir hinaus in die Wüste.

 

Religiöser Flüchtling: Die Idee, einen Artikel über die christliche Minderheit Ägyptens zu schreiben, kam durch eine junge Migrantin: Janna*. Drei Jahre lang verbrachte sie in österreichischen Flüchtlingsheimen, bevor ihr der Asylstatus verliehen wurde. Sie hatte aus Alexandrien fliehen müssen, weil sie vom Islam zum Christentum konvertiert war. Nicht der Staat, sondern ihre eigene Familie hatte sie mit dem Tod bedroht. In Österreich wurde sie von Behörden und Richtern zuerst nicht ernst genommen. Ägypten sei ein sicheres Land, jedes Jahr kämen tausende Touristen. Janna fantasiere, so hieß es. Letztendlich durfte sie doch bleiben. Aber Anschluss zu finden, fällt nicht leicht. Muslime wollen mit ihr nichts zu tun haben, und eine echte Koptin ist sie ebenfalls nicht. „Früher war ich naiv“, erzählt sie, „da hatte ich geglaubt, im christlichen Europa würde ich als Konvertitin herzlich aufgenommen werden“. Janna hatte sich getäuscht. Gerade bei den Behörden stieß sie auf Unverständnis und Desinteresse. Warum sie nicht einfach Muslimin geblieben sei, wurde während ihres Asylverfahrens mehrfach gefragt. Es zwinge sie ja niemand, Christin zu werden. Religionswechsel ist in Ägypten zwar gesetzlich möglich, aber gesellschaftlich ein absoluter Tabubruch. Das bestätigt auch Zara, unser Führer in Abu Mina.

 

Nach der kurzen Fahrt zu den Ausgrabungen rund um das Grab des Heiligen Minas, erzählt uns der Wahlamerikaner von der bedrückenden Situation der koptischen Christen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Immer wieder käme es zu brutalen Übergriffen seitens radikaler Fundamentalisten. Beim jüngsten Weihnachtsfest starben sieben Kopten während eines bewaffneten Überfalls auf die Kirche in Nag Hamadi. Während für die Christen ein strenges Missionsverbot gilt, würden Muslime offen versuchen, Christen abzuwerben. Viele Jobs werden an Christen gar nicht erst vergeben. Christliche Händler und Geschäfte boykottiere die muslimische Mehrheit zunehmend. „Unser Problem ist allerdings nicht der Islam“, erklärt Zara. „Unser Problem ist eine zunehmende Radikalisierung, die auch von der Politik gefördert oder zumindest geduldet wird“. Er selbst kenne viele Konvertiten wie Janna, die aus Ägypten fliehen mussten. Religionsfreiheit bestünde eben lediglich auf dem Papier. Wir kommen an. Vor uns ist ein großes Loch im kargen Wüstenboden. In der Mitte steht eine Holzkapelle.

 

Rundherum wird unter Sonnensegeln gearbeitet. Mit kleinen Besen befreien die Archäologen und ihre Helfer die Überreste der einst majestätischen Marmorsäulen von Staub und Dreck. „Wir hätten das neue Kloster gerne an diesem Ort errichtet, es ist heiliger Boden“, so Zara. Vor Jahrhunderten stand hier eine riesige, zum größten Teil aus Marmor gebaute Klosterstadt.

Die UNESCO erklärte die Stätte zum Weltkulturerbe. Nun wird fieberhaft gegraben. Man will künftig internationale Touristen anlocken. Als Kustos setzte die UNESCO Abuna Thaddäus ein. Der Mönch mit schwarzem Bart wacht über die Ausgrabungen und die spirituellen Schätze dieses Ortes. Jeden Tag feiert er Gottesdienst am alten Marmoraltar in der Holzkapelle. Im Altar eingelassen sind Reliquien des Heiligen Minas. Der römische Offizier dürfte Anfang des dritten Jahrhunderts den Märtyrertod gestorben sein. Über seinem Grab wurde die Klosterstadt errichtet. Seit jeher berichtet man von Heilungen und Wundern an diesem Ort. Der Priester führt uns in das Innere der Holzkapelle.

 

Man hatte den Kopten verboten, eine Kirche über dem marmornen Altar zu errichten. Also fertigten sie die hölzerne Kapelle im neuen Kloster. Dann, eines Nachts, trugen mehr als zwanzig Männer das gezimmerte Haus durch die Wüste bis an diesen Ort. „Als die Archäologen am nächsten Morgen zu arbeiten begannen, trauten sie ihren Augen nicht“, sagt Zara und lächelt dabei. Man ließ die Kapelle stehen. Abuna Thaddäus darf ungestört Gottesdienst feiern. Jeden Tag zelebriert er die dreistündige Liturgie. „Das ist, was uns bleibt und hält“, sagt er, während er die Gefäße für die Messe wäscht. Seit Jahrhunderten kenne die Kirche Ägyptens nur eine Antwort auf Bedrängnis und Verfolgung: „Das Gebet als persönliche Verbindung mit Jesus Christus ist der einzige Grund, warum wir überhaupt noch existieren – es ist unsere Quelle in der Wüste“.

 

Der Text wurde von Herrn Andreas Thonhauser für Missio verfasst
http://www.missio.at – Ausgabe von Januar und Februar

 

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