kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Spiegel-Report über die Heidenmission der christlichen Kirchen 19. Januar 2011

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 00:19

Fromme Sendboten dringen mit Bibel und Buschmesser zu hinterwäldlerischen Heiden vor. Sie lassen die zu bekehrenden Schäflein zu sich kommen, predigen, taufen und leisten darüber hinaus allenfalls herkömmlichen Samariter-Dienst. Das waren christliche Missionare – früher.

 

Heute wird meistens anders missioniert. In der philippinischen Provinz Abra zum Beispiel besuchen ausgebildete landwirtschaftliche Instrukteure des Missionsbischofs Etspüler die Bauern, teilen Saatgut und Düngemittel aus und lehren den Anbau von Gemüsearten.

 

Auf der indonesischen Insel Flores betreibt die katholische Steyler Missionsgesellschaft Berufsschulen, Lehrwerkstätten, Farmen. Spezialität der Flores-Brüder: ein missionseigener Schiffspark für Transporte zwischen den Sunda-Inseln. Im indischen Bundesstaat Maharaschtra begründete der spanische Jesuitenpater Ferrer ein landwirtschaftliches Entwicklungsprojekt: 15 000 Bauern schlossen sich zu einer Genossenschaft zusammen, 1000 Brunnen wurden gebohrt. In Garu (Nordghana) entwickelten Mitarbeiter der Basler Mission neue Fruchtsilos. Schwarze Landwirte aus der Umgebung kommen zu 14tägigen Lehrgängen, um den Silo-Bau zu studieren. „In meinem Gehöft“, berichtet ein Kursteilnehmer, „habe ich nun selber einen solchen Speicher gebaut. Der Missionslandwirt hat mir dabei geholfen. Nun haben wir dieses Jahr weniger von unserer Hirse-Ernte verloren“.

 

Der Agrar-Missionar und sein Assistent, ein schwarzer Evangelist, wollen bei ihrer Entwicklungshilfe auch bekehren. In Gesprächen im Dorf Zull etwa redete der Evangelist laut Missionsbericht außer von Silos auch von Jesus: „Ein Christ soll alles neu machen. Er soll auch sein Land besser bearbeiten. Er soll nicht den größten Teil seines Besitzes, seine Hirse. Reis und Erdnüsse, den Ahnengeistern opfern, so daß für Frauen und Kinder nur wenig übrigbleibt.

 

Ergebnis der Werbe-Aktion in Zuli: Mehrere Dörfler baten um die Taufe. Missionar Cornelius Bot: „Mit großer Freude singen jetzt diese neuen Christen: Yesu gassim tuon, nyovor suurin la (Jesu, geh voran auf der Lebensbahn)“. Mission per Entwicklungshilfe – das könnte das Konzept einer etwas raffinierten, aber doch zeitgerechten Heidenbekehrung sein, zumal auch die klassischen Missionsäcker – Krankenpflege und Schuldienst – vielfach auf moderne Art bestellt werden.

In Acha Tugi (Kamerun) beispielsweise arbeiten Ärzte und Schwestern der Basler Mission in einem 90-Betten-Krankenhaus. 38 000 Schwarze wurden dort im letzten Jahr stationär oder ambulant behandelt. Patienten mit psychischen Krankheiten überweist Chefarzt Dr. Hans Rudolf Schwarz mitunter ins nächste Heiden-Dorf – zum Kollegen Medizinmann.

Im Stammesgebiet der brasilianischen Caingang-Indianer bauten Brasiliens Lutheraner eine Schule. Sie missionieren die Indios sogar mit Einverständnis der katholischen Bischöfe. Eine Missions-Postille über die Konfirmation von zehn Caingang-Wilden: „Als Kinder waren dies Indianer zwar katholisch getauft worden, aber es hatte sich später niemand mehr seelsorgerlich um sie gekümmert“.

 

Mission treibt auch der Jesuitenpater Thomas Downing: Zusammen mit einigen Ordensbrüdern unterrichtet er seit 15 Jahren Hindu- und Buddhistenkinder in Nepal. Auf Konversionen steht dort Gefängnisstrafe. Insgesamt mühen sich heute rund 105 000 Missionare und Schwestern, davon über die Hälfte Katholiken, um Heidenseelen. Von den Missionsleuten der römischen Kirche stammen 12 000 aus Italien, 10 000 aus Deutschland, 9000 aus den USA und 7000 aus Irland. In Irland kommt schon auf 455 Gläubige ein Glaubens-Propagandist. Aus dem größten katholischen Männerorden, der Societas Jesu (34 760 Mitglieder), stehen über 7000 Priester. Laienbrüder und Studenten im Missionsdienst.

Ähnlich hart setzen sich die Protestanten ein. Im vergangenen Jahr arbeiteten 1421 Helfer aus den 50 Mitgliedsgesellschaften des Deutschen Evangelischen Missionstages in Übersee: Pfarrer und Lehrer, Ärzte und Krankenschwestern, Landwirtschaftsexperten und Handwerker. Die Neuendettelsauer Mission zum Beispiel hatte 1968 in Neuguinea 107 Mitarbeiter — nur 36 von ihnen für Verkündigung und Seelsorge. Bayerns lutherische Landeskirche leiht der Gesellschaft Pfarrer und Vikare aus.

Der Erfolg der Missionsbemühungen scheint nicht auszubleiben. Als Ende Juli erstmals ein Papst afrikanischen Boden betrat, befand er, mit Reverenz vor dem Eifer katholischer Glaubensboten: „Die Kirche Christi ist in diesem gelobten Land wirklich eingepflanzt worden“. Tatsächlich kletterte Afrikas Katholikenzahl seit der Jahrhundertwende von einer halben Million auf über 32 Millionen. Etwa jeder sechste Afrikaner ist Christ.

Die Kirche, so verhieß auch das Päpstliche Werk der Glaubensverbreitung, „wird mehr und mehr eine Kirche aller Völker“. Es gebe zum Beispiel Kanakenpriester, „deren Großeltern noch Menschenfresser waren“, und Papua-Mädchen“ „die das Ordenskleid der Schwestern vom heiligen Rosenkranz tragen“. Sogar Eskimo-Mädchen hätten den Schleier genommen „für sie wurde eine eigene Genossenschaft mit dem beziehungsreichen Namen „Unsere Liebe Frau vom Schnee gegründet“.

 

Doch trotz beeindruckender Laufzahlen, trotz der Regimenter von Missionaren an der Heidenfront und trotz des Afrika-Besuchers Paul VI. steht die christliche Mission in einem mangelhaft geplanten, anscheinend aussichtslosen Kampf. Denn:
= Die Mission fand sowenig wie die Kirche im allgemeinen ein zeitgemäßes und einheitliches Selbstverständnis.
= In vielen Entwicklungsländern wird Mission noch immer mit dem Kolonialismus identifiziert.
= Die Christen waren nicht in der Lage, sich für die Arbeit in den Missionsländern sinnvoll zu organisieren.
= Die Ausbreitung des Christentums kann mit der Bevölkerungsexplosion nicht Schritt halten.
Heute ist vielen selbstkritisch gewordenen Christen die Heidenbekehrung fragwürdig geworden. Dieser Prozess aber ist keineswegs so weit fortgeschritten, daß der modernistische Grundsatz Mission per Entwicklungshilfe allseits approbierte Leitlinie wäre. Wie mancher Konflikt in den Kirchen wurde auch der Streit über das rechte Verhältnis von Verkündigung und sozialem Dienst, von Seelsorge und „Gesellschaftsdiakonie“ nicht ausgestanden.

 

Böse reagierten katholische Missionare und Oberhirten auf die abweichlerischen Thesen des Religionspädagogen Hubertus Halbfas. Denn der Reutlinger Professor mag keine Mission als „direkte Bekehrung Andersgläubiger“ – er wünscht Mission als gelebten Glauben und absichtslose Solidarität: „Solche Mission … wird keine andere Sorge haben, als daß der Hindu ein besserer Hindu“ der Buddhist ein besserer Buddhist“ der Moslem ein besserer Moslem werde“. Das schrieb Halbfas in der 1. Auflage seiner „Fundamentalkatechetik“. Die Deutsche Bischofskonferenz rügte den Autor unter anderem wegen dieser Passage. In der 2. Auflage des Buches (1969) heißt es daher: „Solche Mission wird … auch die Sorge teilen, daß der Hindu ein besserer Hindu wird …“.

 

So bleibt das Bild der Mission disparat — schwankend zwischen Ansätzen zu einer Humanisation durch materielle oder geistige Entwicklungshilfe und der klassischen Evangelisation mit ihrem oft naiv-frömmelnden Erscheinungsbild.

Noch immer erwecken manche Spendenaufrufe den Eindruck, als ziele Mission bloß auf Rettung armer Heidenseelen durch die Taufe. Spendensammlungen – wie auch der Gips-Neger in der Kirche, der bei Geldeinwurf dankbar nickt – bestimmen noch weithin das Missions-Image in der Heimat: Evangelisation der Heiden als ein Bekehrungsfeldzug, bei dem einzig die Zahl der neugewonnenen Schäflein den Erfolg oder Misserfolg anzeigt.

Noch immer nützt das Päpstliche Missionswerk der Kinder den Sammeleifer von Schülern, um durch „Taufgaben“ Geld in die Kasse zu bekommen: „Es ist erstaunlich“, meldet eine Seelsorgehelferin aus Merzhausen dem Papst-Werk, „wie unsere Kinder miteinander wetteifern. Für die dritte Klasse der Volksschule in Merzhausen können wir heute wieder 21 Mark als Taufgabe überweisen. Wir bitten um das Tauflicht und das Kreuzchen mit dem Namen Elisabeth“.

 

Frohe Botschaft erhielt das Missionswerk auch aus dem schwäbischen Emersacker: Wieder sei genug Geld beisammen, schrieb eine Schülerin, um ein „Heidenkind“ taufen lassen zu können. „Es soll den Namen Richard erhalten“. Kirchenmänner, die den Heimat-Christen ein modernes Bild der Evangelisation vermitteln wollen, müssen manchen Widerstand überwinden. Doch schwieriger noch sind die Aufgaben, die sich draußen, auf den Missionsfeldern stellen. So gelang es der Mission noch nicht, sich eindeutig vom Druck ihrer Vergangenheit – der Verbindung mit dem weißen Kolonialismus – zu befreien. Sie kämpft – so der prominente Steyler-Pater Johannes Schütte – gegen eine Flut von Vorwürfen: „Kultureller Imperialismus, Verquickung von Mission und Politik, Kolonialismus und staatliche Protektion, westliche Überheblichkeit und Rassenstolz, Reis-Christentum und Latinisierurig“. Die längst fällige geistige und geistliche Entkolonialisierung der Mission schreitet nur langsam voran.

 

Im Süden Kolumbiens zum Beispiel bestand bis 1968 ein nahezu autonomes Herrenregime spanischer Kapuziner. Allwöchentlich mussten die bettelarmen Sibundoy-Indios zwei Tage sang unentgeltlich auf den Kapuziner-Haziendas arbeiten – einen Tag für die Mutter Gottes und einen für die Kirche. Die Missionare überwachten nicht nur Handel und Wandel, sie hatten auch das Recht zur „nächtlichen Kontrolle der Familienmoral“. Noch im Jahr 1940, so fand der Soziologe Victor-Daniel Bonilla heraus, ließen die Kapuziner vermeintliche Übeltäter am Schandpfahl quälen; noch 1966 wurde eine Hure auf Befehl der Patres ausgepeitscht. Und noch 1965 reiste der Apostolische Präfekt des Gebietes Putumayo regelmäßig auf dem Rücken eines Indios über Land.

 

Auch lässlichere Sünden – etwa die rigorose Verdammung angeblich heidnischer Bräuche – haben die Mission vielfach diskreditiert. In Kenia zum Beispiel empörten sich christianisierte Kikujus, weil Protestanten ihnen die Beschneidungsriten für Mädchen verbieten wollten. Die Schwarzen brachen mit der Mission, gründeten eine unabhängige Kirche – und bereiteten damit auch den antiweißen Mau-Mau-“ Aufstand vor.

 

In 16 afrikanischen Staaten, so fand der Pastor David Barrett heraus, wachsen die Sekten, welche die Religion des weißen Mannes afrikanisieren, schneller als die Kirchen beider Hauptkonfessionen. Allein Südafrikas Sekten zählen 2,5 Millionen Mitglieder. Barretts Kommentar: „Eine Busch-Reformation“. Oft verdammten die Missionare die Vielweiberei – doch viele Neger liebten und lieben es anders. In Ghana vergraulten evangelische Pfarrer einen Schwarzen, der zunächst Kirchenältester war, dann aber als „Nana Ofori Atta II“. zum Häuptling aufstieg. Wegen der religiösen Riten, die er nun auszuführen hatte, „und wegen der Polygamie, der sich der Häuptling kaum entziehen kann, (so ein Bericht der Basler Mission), wurde Nana vom Abendmahl ausgeschlossen.

 

In jüngster Zeit sind die Kirchen freilich flexibler geworden. Sie haben sich dem jeweiligen Missionsland zum Teil angepasst – und tragen dein Wachstum der jungen Gemeinden Rechnung. So übergab die Basler Missionsgesellschaft Ende 1966 ihre rund 260 Schulen in Westkamerun der einheimischen presbyterianischen Kirche – wenngleich die Schweizer den schwarzen Christen weiterhin Lehrer und Geld schicken müssen.

Auch die katholische Kirche möchte jedes Rüchlein eines unzeitgemäßen geistlichen Kolonialismus loswerden. Daher fördert sie in den Missionsländern die Aufnahme einheimischer Elemente in die Liturgie. Die schwarzen „Töchter Mariens“ in Uganda, die bis vor kurzem noch wie europäische Nonnen leben mussten, dürfen heute sogar tanzen. Denn Afrikas Katholiken, so der Uganda-Tourist Paul VI., sollen ihr „eigenes, afrikanisches Christentum“ haben. Ende März dieses Jahres verfügt Rom, daß die Missionare künftig den Oberhirten ihres jeweiligen Arbeitsfeldes gehorchen müssten, Bis dahin waren die in der Mission engagierten Patres, Fratres und Schwestern praktisch unabhängig von der örtlichen Kirchenverwaltung. Vielleicht, so mutmaßt die Zeitschrift „Lebendige Seelsorge“, sei hinter dem politischen Druck auf die Mission „letztlich doch der Heilige Geist zu spüren, der die zögernden Missionare drängt, mehr einheimischen Kräften Führungsaufgaben anzuvertrauen und dadurch die Kirche rascher im Lande zu verwurzeln“.

 

Was aber Fortschritt zu sein scheint, verkehrt sich häufig auch hier ins Gegenteil: Gerade die einheimischen Kleriker, noch im alten Missionsgeist erzogen, stehen den modernistischen Sendboten aus Europa oft verständnislos gegenüber. Außerdem fehlt es an einheimischen Pfarrern, an ausgebildeten Laien. Von den rund 14 500 katholischen Priestern in Afrika sind erst etwa ein Viertel Einheimische. Der Vatikan und mehrere Orden klagen über einen Rückgang der geistlichen Berufungen. Und sowenig die Kirchen eine einheitliche theologische Konzeption für die moderne Heidenmission fanden, so wenig gelang es ihnen, die Konkurrenz der Bekenntnisse und organisatorische Kleinkrämerei zu beseitigen. Management haben die Glaubensboten des 20. Jahrhunderts meist nicht gelernt.

 

Auf den Philippinen bekehren die Pastoren der einen Kirche häufig die Gemeindemitglieder der anderen. Das Verhältnis zur römischen Kirche ist gespannt: Da die Evangelischen zum größten Teil Ex-Katholiken sind, „arbeitet man eher gegeneinander als miteinander“, erklärte ein Pfarrer. Auch in Neuguinea, so räumt der Direktor der Neuendettelsauer Mission, Wolfram von Krause, ein, gab es „bis vor kurzem“ Konflikte mit der katholischen Mission. „Man hat das Schlagwort geprägt: ‚Im Busch fand kein Konzil statt.‘ Aber immerhin, eine gewisse Entspannung und größeren Willen zur Zusammenarbeit kann man … bereits feststellen“.

 

Auf evangelischer Seite ist die Konfusion besonders stark: Im Bereich einer Landeskirche sind, historisch bedingt, meist mehrere Missionsgesellschaften etabliert — andererseits erstreckt sich das Heimatgebiet mancher Gesellschaften über verschiedene Landeskirchen. Die eine Gesellschaft ist mehr, die andere weniger mit der Landeskirche verquickt. Die eine will Papuas bekehren, die andere lieber Handwerker in Äthiopien ausbilden.

 

Die Leipziger Mission mit Sitz in Erlangen (Einnahmen 1968: 1,2 Millionen Mark aus Spenden und Kollekten, 1,3 Millionen aus landeskirchlichen Zuschüssen) sammelt und. wirbt zwar in Bayern – aber als Werk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands arbeitet sie auch in nichtbayrischen Gemeinden. Die ebenfalls lutherische Neuendettelsauer Mission ist hingegen nur in Bayern beheimatet. Folge: Der Neuendettelsauer Chef von Krause hält eine Vereinigung beider Gesellschaften für „schlecht denkbar“.

 

Protestantischer Partikularismus hat zum Beispiel in Japan jede großräumige Strategie vereitelt. Nach einem Arbeitsbericht sind dort „die verschiedensten missionarischen Kräfte nebeneinanderher und zumeist ohne gegenseitigen Kontakt am Werk“.

Nicht weniger als 45 ausländische Missionsgesellschaften arbeiten in Hongkong – die Baptisten zerfallen in fünf, die Methodisten in vier, die Lutheraner in zwei Gruppen. Für die Katholiken missionieren zahlreiche Männer- und Frauenorden unter einer Spitzenbehörde: der 1622 gegründeten Kongregation für die Evangelisation der Völker (oder: „De Propaganda Fide“), derzeit geleitet vom Kongregations-Präfekten Kardinal Agagianian. Das römische Propaganda-Zentrum regiert zum einen die etwa 800 Kirchensprengel in den Missionsgebieten – zum anderen die Päpstlichen Missionswerke, die in aller Welt Katholiken zu Spenden ermuntern. 171 Millionen Mark stellten die Papst-Helfer 1967 via Rom für die Propaganda-Gebiete bereit. Davon mussten 40 Millionen Mark für den Unterhalt der Missionskräfte aufgewendet werden.

 

Nach einem Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils soll die „Propaganda Fide“ künftig ein Instrument dynamischer Steuerung der Mission sein — doch solange die Steuerungs-Prinzipien nicht eindeutig sind, bleibt dem freien Ermessen der Ordens-Oberen viel Spielraum: Wirkliche Planung und Kooperation gibt es auch bei den Katholiken erst in Ansätzen. Entwicklungshilfe konkurriert mit schierer Bekehrung und vielfältigen Zwischenformen. Das Ergebnis sieht weniger positiv aus, als der Uganda-Relsende Paul VI. erkennen ließ.

 

Zwischen 1958 und 1963 stieg in den Missionsgebieten die Zahl der Katholiken von etwa 55 auf 65 Millionen, die „Zahl der Evangelischen von 46 auf 58 Millionen. Doch „wegen des Geburtenüberschusses der Heiden“ (so ein katholisches Werbeblatt zum Weltmissions-Sonntag) verringert sich der Christen-Anteil der Weltbevölkerung ständig – von 1907 bis 1963 sank er von 34 auf 29 Prozent.

 

In Afrika wächst das Christentum langsamer als der Islam: Man schätzt, daß von drei Afrikanern, die einer Religionsgemeinschaft beitreten, zwei Mohammedaner werden und nur einer Christ. In Japan ist, trotz der Jahrhundertelangen Aktivität christlicher Glaubensboten, „die Missionsstatistik eine Statistik des Misserfolges“, so der Steyler-Pater Georg Gemeinder. Im Jahr 1967 registrierte man dort „einen katastrophalen Sturz der Erwachsenentaufen“.

 

Sorgen haben die Glaubenskünder sogar dort, wo die Christenschar wächst. In einigen Gebieten Schwarz-Afrikas zum Beispiel klettert die Zahl der Getauften so schnell, daß – laut Pater Fridolin Rauscher von der Gesellschaft der „Weißen Väter“ – die Mission „an ihren Erfolgen zu ersticken droht“. Was fehlt, ist Wachstum nach Maß. Rauscher: „Ein Zustand, wo in Pfarreien mit 30 000 bis 40 000 Christen die Missionare ihre Leute nicht mehr kennen und der einzelne ihrer Sorge entgleitet, ist auf die Dauer unhaltbar“. In Nordsumatra, so meldet ein evangelisches Missionsblatt, kam 1966 eine „beispiellose Bewegung in den heidnischen Dörfern in Gang“ – es gab Tauffeste mit über 1000 Bewerbern. Und die protestantische Kirche aus China vertriebene Nonnen bei der Ankunft in Hongkong auf Ostjava erlebte einen Massenandrang von Moslems. Gerhard Hoffmann, Exekutivsekretär des Deutschen Evangelischen Missionsrats“ sorgt sich: „Werden die indonesischen Kirchen dieses rasche äußere Wachstum auch geistlich bewältigen können, oder wird es nur zu einer oberflächlichen Christianisierung der neuen Christen kommen“?

 

Zur Kehrseite der Bekehrungswelle gehört auch das Wachsen religionspolitischer Spannungen. „Mit der in Indonesien vielerorts üblichen friedlichen Koexistenz zwischen Christen und Moslems hat es nun ein Ende“, klagt Hoffmann. Folgen der neuerwachten Feindseligkeit: Im Herbst 1967 zerstörten Moslems in Makassar 15 christliche Kirchen und demolierten die Theologenschule. Ein halbes Jahr später wurden die auf den Banjak-Inseln ansässigen, aus Nias stammenden christlichen Siedler vertrieben.

 

Die Katastrophenliste der Mission ist lang:
= Bis 1952 mussten fast alle ausländischen Priester China verlassen; 1966, während der Kulturrevolution, wurden die letzten ausländischen Missionsschwestern aus Maos Reich vertrieben.
= Von 1960 bis 1965 brachten rebellische Kongoneger 171 katholische Missionare um; viele weiße Christen flohen aus dem schwarzen Kriegsgebiet.
= 1964 wies der Sudan alle 300 weilten Missionare aus dem Süden des Landes aus.
= 1966 befahl Burmas Regierungschef Ne Win 234 katholischen Missionaren und Ordensschwestern die Abreise. Ne Win: „Die Fremden sind die Pest Burmas; wir müssen uns ihrer entledigen.“
= 1967 vertrieb Guineas Staatspräsident Priester und Ordensfrauen“ denn — so Sekou Touré — die Kirche habe nicht genug für die Afrikanisierung des Klerus getan. In Indien gelang es nationalistischen Hindus 1967/68, in den Bundesstaaten Orissa und Madhja Pradesch ein sogenanntes Religionsfreiheitsgesetz durchzubringen, das Konversionen sehr erschwert.

 

Niemand – so der Paragraph 3 des Orissa-Gesetzes – „soll irgendeine Person durch Gewalt, durch das Angebot von Geschenken oder Vorteilen oder durch betrügerische Mittel direkt oder indirekt von einem religiösen Glauben zu einem anderen bekehren oder zu bekehren suchen“.

 

1968 griffen Hindu-Fanatiker und Lokalpolitiker den erfolgreichen Jesuiten-Landwirt Ferrer an. Einige Vorwürfe: Ferrer habe Tausende Hindus mit Geld zum Christentum „bekehrt“, zudem sei er ein Agent des US-Geheimdienstes. Ferrers Bauern demonstrierten vergebens für ihren Agrar-Missionar: Der Pater wurde ausgewiesen. Im Juni 1968 verließ er Indien. Zwar durfte er schon im November wiederkommen – aber nicht mehr in den Bundesstaat Maharaschtra. Indiens Boden, so zeigt der Fall Ferrer kann für die weißen Missionare sehr schnell zu heiß werden. Etwa 6400 Missionsleute aus Europa und Amerika müssten dann – wenn die Zentralregierung dem Druck radikaler Hindus nachgibt – mit ihrer Ausweisung rechnen.

 

Das jüngste Warnsignal: Im Grenzstaat Assam forderte die Regierung Anfang Juni sieben Missionare zur Abreise auf, denn „wir haben Inder, um sie zu ersetzen“. Feindschaft gegen die Mission ist auch in Lateinamerika spürbar. Die Untersuchung über die Schandtaten der Kapuziner in Kolumbien veranlasste die Regierung, den Patres einen Teil ihrer Ländereien abzunehmen. In Südamerika betreut die römische „Propaganda Fide“ nur die Indianer-Gebiete, nicht aber die Millionen Slum-Bewohner der Städte, die der Kirche mehr und mehr entgleiten. Diese Stadtbewohner sind meist nominell katholisch – und gelten daher als nicht missionsbedürftig -, während beispielsweise Skandinavien, weil vorwiegend protestantisch, nach wie vor römisches Missionsgebiet ist.

 

Für die Arbeit in den Städten Lateinamerikas fehlen Menschen und Geld, Pläne und Verständnis. Zumindest an dieser Stelle wird klar, daß zunächst wohl die Mission reformiert werden muss, damit sie effektiver arbeiten kann. Zweifel werden dann immer noch genug bleiben. Das Missionsleben, schreibt der Steyler-Pater Ramon Lobato aus Wolowaru (Indonesien), besteht „in der Arbeit, im Mangel an Komfort, in Ermüdung … und in dem Bewußtsein, daß man für das Reich Gottes nichts Positives tun kann“. Es besteht darin, in einem Jahr 500 Personen zu taufen „und keinen Zuwachs im Reiche Gottes zu bemerken“.

 

DER SPIEGEL 36/1969 Unsere Liebe Frau vom Schnee

 

One Response to “Spiegel-Report über die Heidenmission der christlichen Kirchen”

  1. bazillus Says:

    Etwas Sarkasmus und Lieblosigkeit gehört dazu: Missionierung muss eindeutig anders laufen , z. B. wie die im Fall von Frau Ridley:

    Oder die britische Journalistin Yvonne Ridley, die in Afghanistan in Gefangenschaft der Taliban geriet und später zum Islam konvertierte.

    Dann klappts auch

    a) mit der Missionierung
    b) mit der Vermehrung der Anzahl von Priestern.

    Das Stockholm-Syndrom muss unbedingt zum Einsatz kommen. Das bringt dann auch überzeugte Anhänger, nicht solche, die nach ihrer Missionierung mangels christlichen Mitarbeiteren nicht ständig seelsorglich betreut werden können und dann Sekten in die Hände fallen.

    .


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