kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Wird Wien kulturell erobert? 16. Januar 2011

Filed under: Nachrichten,Pater Zakaria & co. — Knecht Christi @ 18:27

Der türkisch-islamische Dachverband Islamische Föderation lädt bis 9. Januar zu einer Buchmesse in Wien

 

  

Zwischen Koran, Kemal Atatürk und Zionismus.
 Eine Buchmesse mit Unterhaltung, Religion und politischer Rhetorik.

 

Wien: Sie sind hier aufgewachsen, sprechen meist besser Deutsch als Türkisch und sind oft nicht länger als einen Monat im Jahr zwecks Verwandtschaftsbesuchs in der Türkei. Dennoch sind die jungen Besucher dieser speziell auf türkisch-muslimische Themen zugeschnittenen Buchmesse in der Wiener Stadthalle über politische Ereignisse in der Türkei besser informiert als über die Politik hierzulande. Das dürfte weniger am Desinteresse der Jugendlichen als vielmehr am familiären Umfeld liegen.

 

 

„Bei uns läuft den ganzen Tag türkisches Fernsehen. Sogar die Wettervorhersage in der Türkei wird angeschaut. Was in Österreich passiert, erfahren wir nur über die türkischen Nachrichten“, sagt Meryem, eine 16-jährige Schülerin, die wie viele Jugendliche ihre Eltern auf die Buchmesse begleitet. Die von der Islamischen Föderation organisierte Messe mit dem Titel „Auf dem Weg zum Gipfel des Buches“ stellt hauptsächlich türkische Bücher über den Islam aus, einige davon auf Deutsch. Von Koransuren hinter Glasvitrinen bis hin zu Comic-Anleitungen zur korrekten Verrichtung des Gebets ist alles dabei.

 

Ein türkischer Verlag präsentiert viele Bestseller zur türkischen Geschichte und Politik, etwa Ansprachen des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk. Heiß begehrt ist das Buch „Pazarlik“ (Deutsch: „Feilschen“) von Vahdettin Engin, das vermeintliche Geheimdokumente offenlegt. Diese sollen bezeugen, dass der Begründer des modernen, politischen Zionismus Theodor Herzl und Sultan Abdülhamit II. um Jerusalem gefeilscht haben. „Die ‚heilige Stadt‘ wird am Ende von den reichen Juden gekauft“, erklärt der Standbesitzer.

 

Er empfiehlt weiters das sehr erfolgreiche Buch „Bozkirin Sirri“ („Das Geheimnis der Steppe“) von Ahmet Turgut aus der beliebten TV-Serie „Tal der Wölfe“. Polat Alemdar, der Held der Serie, beschützt türkische Witwen und bekämpft den Mossad und die CIA. In einer Folge blättert er andächtig im besagten Buch Turguts. Für viele Fans ein Grund, es ihm gleichzutun.

 

Etliche Jugendliche stürmten zur Messe, als Ahmet Turgut Anfang dieser Woche höchstpersönlich auf Besuch war. Auch andere türkische Autoren und Entertainer wie der Jugendanimateur Hüseyin Goncagül treten auf. Sehr gut besucht ist die Rede des ehemaligen türkischen Justizministers Ismail Müftüoglu, allerdings vor allem von den älteren Besuchern. Müftüoglu gilt heute als Opinionleader in der Milli-Görüs-Bewegung, einer europaweit agierenden Organisation mit Hauptsitz in Kerpen. Die Islamische Föderation rechnet man zum österreichischen Verband der Bewegung, die in Deutschland der Verfassungsschutz beobachtet.

 

Polemik gegen Erdogan: Die meisten Jugendlichen haben sich zum Plausch zurückgezogen, als Müftüoglu das Podium betritt. Seine Rede wird durch „Allahu Akbar“-Rufe („Gott ist der Größte“) unterbrochen. Der Politiker und Buchautor geht mit dem türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei hart ins Gericht. Erdogan war einst ideologischer Ziehsohn des früheren Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan, der auch der Gründer der Milli Görüs-Bewegung und bist heute ihre Leitfigur ist. Erdogan hat anders als der mittlerweile 84-jährige Erbakan den Weg des „gemäßigten Islam“ eingeschlagen.

 

Ein Ausdruck, der bei Müftüoglu Hohn hervorruft: „Jetzt gibt es plötzlich Ausdrücke wie ‚gemäßigter Islam‘ und ‚Euroislam‘, doch es gibt nur einen Islam!“ Sager wie „Wir brauchen keine Kanonen und Waffen, denn wir werden Wien kulturell erobern“ ernten großen Beifall. Gegenüber der „Wiener Zeitung“ distanziert sich die Islamische Föderation nachher von der Aussage.

 

Die anwesenden Jugendlichen haben die Kernpunkte der Rede verstanden. „Müftüoglu beweist, dass Erdogan und Gül keine Freunde des Islam sind. Sie tun nur so, aber in Wahrheit drehen sie hinterrücks Geschäfte in Israel“, ist die 18-jährige Naciye überzeugt. Die türkische Politik interessiert sie primär wegen des teilweise aufgehobenen Kopftuchverbots an türkischen Unis: „Sobald man wieder das Kopftuch tragen darf, werde ich in der Türkei studieren. Deshalb muss ich wissen, was dort politisch passiert.“

 

Die 16-jährige Büsra hat die Ansprache des Gastredners ebenfalls mitverfolgt und ist wie ihre Freundin von der Scheinheiligkeit des türkischen Premiers und Präsidenten überzeugt: „Die Türkei ist ein islamisches Land, aber plötzlich ist sogar Schweineschlachten erlaubt. Die beiden sind einfach nicht ehrlich. Milli Görüs deckt ihre Lügen auf.“ Österreichische politische Veranstaltungen besucht die Schülerin des islamischen Gymnasiums in Wien nicht. Sie denkt, dass sich das ändert, sobald sie auf einer österreichischen Uni heimische Studenten kennenlernt, die andere Interessen teilen als ihr muslimischer Freundeskreis.

 

Für manche zu einseitig: Metin interessiert das hingegen nicht. Der in Österreich geborene 20-Jährige versteht sowieso besser Deutsch und sieht sich „mehr als Österreicher“, was bei seinen kurdischen Freunden Unverständnis auslöst. Vorwänden wie: „Heißt das, du würdest eine Deutsche heiraten können? Du bist doch hier trotzdem ein Fremder“, weicht er lächelnd aus. Immerhin ist er mit einem Mädchen aus der Türkei bereits verlobt worden. Beyhan, 22, betrachtet die Messe und ihren Gastredner kritisch: „Ich habe mir mehr Auswahl an Büchern erwartet. Außerdem glaube ich nicht, dass diese Art von Veranstaltung in der Integrationsdebatte hilfreich ist. Ich grenze mich von religiösen türkischen Gruppierungen ab.“

Mit einer Mischung aus Spiel und Spaß, Religion und Politik hat Milli Görüs ihre Werte an die Besucher vermittelt. Wie wird eine junge Generation, die zwischen zwei Kulturen aufwächst, damit später umgehen? {www.wienerzeitung.at  – Von Linda Say}

 

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