kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Wikileaks und der Kniefall des Journalismus 29. November 2010

Filed under: Aktuelle Nachrichten — Knecht Christi @ 06:10

Wikileaks, der Spiegel und andere Zeitungen werden am Montag geheime diplomatische Depeschen von US-Botschaften aus aller Welt über Welt-Politiker veröffentlichen. Darunter sind auch Depeschen des US-Botschafters aus Deutschland über Angela Merkel, Guido Westerwelle und andere Politiker. Sie kommen nicht gut dabei weg. Ein Schaden für die Diplomatie, aber auch ein Schaden für den Journalismus.

Guido Westerwelles Temperament wird als „agressiv“ eingeschätzt, er sei „kein Genscher“, steht da in der Depesche, die der US-Botschafter aus Berlin nach Washington schickt und er redet von einem „lack of gravitas“, einem Mangel an Gewicht, beim neuen Außenminister.

Wikileaks, die New York Times, The Guardian, Le Monde und El Pais, sie alle werden am Montag Auszüge aus rund 250 000 geheimen und nicht-geheimen Dokumente amerikanischer Diplomaten aus aller Welt veröffentlichen. Wie der Spiegel am Montag schreibt, beziehen sich rund 1700 dieser diplomatischen Depeschen auf Deutschland. Aber: ist das wirklich spannend? Ist das interessant? Ist das neu? Für die ARD immerhin so wichtig, dass Anne Will aus Anlass des Ereignisses am Sonntag den Inhalt ihrer Sendung kurzfristig ändert. Doch der alles zusammenfassende Satz zum Thema kam dann von Blogger Sascha Lobo, der ebenfalls Gast bei Anne Will war:“ Die Dokumente enthalten nichts, was man bei   einer Straßenumfrage nicht auch erfahren hätte.“ Richtig. Also alles ok? Wo ist das Problem?

Das wohl gravierendste Problem liegt darin, dass es den USA nicht gelungen ist, ihre sensiblen Daten ausreichend zu sichern und zu schützen, sodaß sie von einem zwischen- zeitlich Verhafteten gestohlen werden konnten. Das sollte und das muss den USA wirklich peinlich sein. Denn wer solche Daten nicht schützen kann, dem gelingt das wohl auch nicht mit noch sensibleren, beispiels- weise militärischen Daten. Das kann Politik und deren Akteure weltweit wirklich gefährden. So beispielsweise den chinesischen Informanten der den USA anscheinend verraten hat, dass ein großangelegter Virenangriff auf den Google-Server von niemand geringerer als der chinesischen Regierung ausging. Das veröffentlicht die Welt in ihrer Montags- ausgabe.

Das zweite große Problem dieser Veröf- fentlichung sind die Zeitungen in denen diese Dokumenten veröffentlicht werden. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass dies ein Kniefall des seriösen Journalismus vor dem Internet ist Hier soll nicht der Eindruck erweckt werden, diese Dokumente solle man nicht veröffentlichen – aber was bitte hat das mit Journalismus zu tun?

Wikileaks veröffentlicht Dokumente aus einer einzigen Quelle, aber: Ist diese wirklich seriös? Stimmen die Inhalte? Wie sind diese zu gewichten? Sind sie Depeschen alle gleichrangig oder hat sich da auch der eine oder andere kleine Büromitarbeiter wichtig gemacht? Wer hat die Dokumente überprüft analysiert, eingeordnet?  Wo bleibt da die journalistische Leistung? Abschreiben, was in Dokumenten steht beweist nur, dass man im Zweifelsfall die deutsche Ortographie beherrscht, und eine Menge Geld für viel Papier ausgegeben, nicht aber, dass man eine eigene Recherche- leistung vollbracht hat. Das ist Scheck- buchjournalismus in seiner schlechtesten Form.

Nach Ablauf der Sperrfrist am Sonntagabend war der Wikileaks-Server nicht mehr zu erreichen. Kurze Zeit später erschienen die ersten Onlineausgaben deutschsprachiger Zeitungen mit Zitaten. Wer hatte denn Zeit bei diesem Rattenrennen, die Zitate zu prüfen und zu ordnen? Jeder schreibt beí Wikileaks ab. Persönlichkeitsschutz, Informatenschutz, Datenschutz? Keine Rede mehr davon, jeder will nur Erster sein.

Selbst wirklich spannende Depeschen, wie diese, die von der Welt zitiert wird, dass die USA Druck auf Angela Merkel ausgeübt haben sollen, damit die deutsche Regierung keinen internationalen Haftbefehl gegen die CIA-Mitarbeiter ausstellt, die verdächtigt werden, den Neu-Ulmer El Masri nach Afghanistan verschleppt und gefangen gehalten zu haben, selbst diese Depesche muss erst auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Doch niemand macht sich die Mühe und niemand hat Zeit dazu, es wird einfach geschrieben.

Was passiert eigentlich, wenn diese Art des Journalismus um sich greift und dann die ersten Behörden und Regierungen die Gier nach immer mehr Innenansichten dazu benutzen, falsche Informationen als angebliche Geheimdokumente an die Medien und an Wikileaks zu spielen? Wer unterscheidet dann Propaganda, Irreführung und Denunziation von der Wahrheit?

Wie geht denn die FDP mit der Information um, sie hätte angeblich einen aufstrebenden jungen Nachwuchspolitiker in ihren Reihen, der bereitwillig während der Koalitions- verhandlungen alle wichtigen Details an die US-Botschaft weitergegeben habe? Beginnt jetzt auf Grundlage eines wahrscheinlichen, aber nicht bewiesenen Dokuments die Jagd auf die Jungpolitiker, die an den Verhandlungen teilnahmen?

Neben dem Reiz des Schlüsselloch-Effekts, den solche Veröffentlichungen immer haben, auch wenn man dann feststellt, dass das fremde Ehepaar im bett nur macht, was alle auch machen, bleibt eben immer etwas hängen. Im Zweifelsfall bezahlt das ein chinesischer Informant mit dem Leben und ein Jungpolitiker mit einem Verdacht, den er nicht mehr los wird.

Und das ist nicht gut so – {www.tagesblick.de}

 

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