kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Staaten am Nil streiten um das „Geschenk der Götter“ 24. November 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 05:22

Ägypten beansprucht aufgrund eines uralten Vertrags noch aus Kolonialzeiten das meiste Wasser des Nils für sich. Die weiteren Anrainerstaaten des Flusses protestieren natürlich dagegen – und zwar zunehmend mit Erfolg.

 

Verzweifelte Bauern treibt es in die Straßen Ismailias, der 750 000 Einwohner zählenden Stadt am Suez-Kanal. Dürre und ein besonders heißer Sommer haben mehr als 57 000 Hektar fruchtbares Land in Wüste verwandelt. Kanäle, durch die der Lebensquell Nil in landwirtschaftliche Gebiete fließt, sind ausgetrocknet, die Existenz Tausender ägyptischer Fellachen-Familien ist ernsthaft bedroht. Seit vielen Wochen versuchen die Bauern in weiten Teilen Ägyptens, der Verzweiflung über die Wassernot in Kundgebungen Luft zu machen. In der Hitze des Sommers, unter dem Druck einer um die Existenz bangenden Bevölkerungsschicht, heizte sich ein lange schwelender internationaler Konflikt immer weiter auf. Schon befürchten so manche Experten, der Streit um den Nil könnte den ersten internationalen „Wasser-Krieg“ heraufbeschwören.

Ägypten will nicht verzichten: Einst hatte der Grieche Herodot Ägypten als „Geschenk des Nils“ beschrieben. Tatsächlich bezieht das bevölkerungsreichste arabische Land 95 Prozent seines Wasserbedarfs aus diesem mit 6670 Kilometer längsten Fluss der Erde. Obwohl der Nil durch zehn Staaten fließt, erheben die Nachkommen der Pharaonen bis heute einen einzigartigen Anspruch auf diese Quelle des Lebens, die eine der größten Zivilisationen des Globus hervorgebracht hat. So ist in Kairo viel von „historischen Rechten“ die Rede, wenn sich politische Kreise und Medien über die anderen Flussanrainer empören, die sich nun sogar so weit vorwagen, eine „Nil-Fluss-Krise“ zu provozieren, wettern ägyptische Tageszeitungen. Die Spannungen stiegen, seit fünf der zehn Anrainer-Staaten – Äthiopien, Uganda, Tansania, Ruanda und Kenia – am 14. Mai im ugandischen Entebbe ein Abkommen zur Neuverteilung des Nilwassers unterzeichnet hatten. Den noch zögernden oder ablehnenden Staaten bietet sich die Möglichkeit, den Vertrag noch binnen eines Jahres zu unterschreiben. Ägyptische Politiker und Medien stellen immer wieder energisch klar, dass ihr Land auf keinen Tropfen dieses Lebenselixiers verzichten werde. Die „nationale Sicherheit“ stehe auf dem Spiel. Zudem, so heißt es offiziell, besitze dieses Abkommen ohnedies keinerlei Bedeutung, sei es durch internationales Recht nicht abgesichert. Zugleich erwägen Ägyptens und Sudans Führer, Muhammad Husni Mubarak und Umar Hasan Ahmad al-Bashir, die Bildung einer „Hohen Präsidentenkommission“, die die Konflikte mit den anderen Nilstaaten regeln und über gemeinsame Projekte entscheiden soll.

Ursprung in der Kolonialzeit: Doch um den Streit nicht auf die Spitze zu treiben, schlug Kairo auf dem Gipfel der Afrikanischen Union in der ugandischen Hauptstadt Kampala versöhnliche Töne an. „Es gibt keinerlei strategische Meinungsverschiedenheiten zwischen uns“, beschreibt Ägyptens Premierminister Ahmed Nazif das Klima zwischen den Anrainerstaaten. Der Konflikt um die Aufteilung des Nilwassers beschränke sich auf „technische Probleme“, die es zu lösen gelte. Der Streit hat seinen Ursprung in einem zwischen Ägypten und Großbritannien – der damaligen Kolonialmacht der anderen Anrainer – 1929 geschlossenen Vertrag, der Kairo das Vetorecht gegen all jene Bauvorhaben am Oberen Nil einräumt, die den ihm zustehenden Wasseranteil schmälern könnten. Sudan forderte unmittelbar nach seiner Entlassung in die Unabhängigkeit Nachverhandlungen, die 1959 zum Abschluss eines bilateralen Abkommens führten, in dem Kairo das Recht erhält, 55,5 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Nil abzuleiten und der Sudan 18,5 Milliarden, insgesamt mehr als 90 Prozent der Gesamtmenge.

Die anderen Nilstaaten – neben Ägypten und Sudan also Äthiopien, Burundi, Eritrea, Kenia, Kongo, Ruanda, Tansania und Uganda – empfinden diese koloniale Regelung – insbesondere das Vetorecht, das alle Bewässerungs- und Energieprojekte in ihren Staaten blockiert – seit langem als zutiefst ungerecht und argumentieren heute zudem, dass auch die veränderten klimatischen und demografischen Verhältnisse in ihren Ländern eine Neuregelung dringend erforderten. Was Ägypten besonders empört, ist jener in dem neuen Vertragswerk fehlende Hinweis auf seine im Kolonialvertrag von 1929 verbrieften „historischen Rechte“.

Ägypten und Sudan, so betont man in Kairo, sind die einzigen Wüstenstaaten am Nil, alle anderen könnten auf reiche Regenfälle zählen, ein Argument allerdings, das angesichts der Klimaerwärmung längst nicht mehr zutrifft, insbesondere nicht in dem immer wieder von katastrophalen Dürren heimgesuchten Äthiopien. Dort liegen in Dürreperioden die Felder brach, während daneben der Blaue Nil, der insgesamt 85 Prozent des durch Ägypten fließenden Wassers liefert, fast unberührt dahinströmt. Äthiopien darf nur ein Prozent seines Wasserbedarfs vom Nil abzweigen, Kenia zwei, Tansania drei, Kongo ein und Burundi fünf Prozent. Während Ägypten die totale Abhängigkeit vom Nil für die Landwirtschaft betont, die etwa 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Beschäftigung bietet, verweisen unabhängige Experten auf die äußerst mangelhafte Wasserstrategie Kairos, auf die sehr wasseraufwendigen Projekte in der Wüste – wie im Sinai, wo zum Beispiel die sich auf Tausenden Hektar erstreckende größte Biofarm Afrikas nicht hungrige Ägypter, sondern europäische Supermärkte mit Obst und Gemüse versorgt.

Großabnehmer Landwirtschaft: Äthiopien werde damit zugleich „das Recht verweigert, sich selbst zu ernähren“, klagt Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi verärgert und will sich von Kairo nicht länger einschüchtern lassen. In Wahrheit, so betonen äthiopische Kommentatoren, sei ja Ägypten gar nicht „das Geschenk des Nils“, sondern „das Geschenk Äthiopiens“, das bisher so großzügig verzichtet auf die auch für seine Bevölkerung nötige reiche Wasserentnahme dieses in seinen Bergen entspringenden Flusses.

In Ägypten fließen heute acht von zehn Liter Nilwasser in die Landwirtschaft. Zwar hat man mit Bemühungen begonnen, den Wasserbedarf zu reduzieren, wie etwa die weitgehende Einstellung des Reis- und Verringerung des Maisanbaus. Doch, so klagt Asit Biswas, Direktor des „Third World Centre for Water Management“, das Regime „blickt leider in sehr traditionalistischer Weise in die Zukunft“. Bis heute hat man keine Alternativquellen für den Nil erschlossen, wie etwa Meerwasser-Entsalzungsanlagen, die sich insbesondere entlang der Küste des Roten Meeres als ökonomisch und nachhaltig erweisen würden, da man sich den langen Transportweg vom Nil in diese Region ersparen würde. Auch wurde bisher nicht mit der systematischen Anwendung neuer Technologien und dem Anbau neuer wassersparender Getreide- und Reissorten begonnen. Auch fehlen drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Wasserverschwendung. Mehr als 40% des Haushaltswassers wird in Ägypten vergeudet. Aber, so kritisieren Experten, auch in den anderen Nil-Anrainerstaaten bedarf es ein effizienteres Wassermanagement. Im Schnitt nämlich gingen dort an die 30% der Regenfälle für die Landwirtschaft verloren.

Streit um Projekte am Oberlauf: Experten halten die Krise für „sehr ernst“. Vorerst setzt Kairo aber auf seine guten Beziehungen zur westlichen Welt, auf die Strategie der Weltbank und anderer internationaler Finanzinstitutionen, die keine Projekte in den Nil-Anrainerstaaten finanzieren wollen, wenn Ägypten nicht zustimmt. Doch schon zeigen sich Israel und China bereit, Energie- und Bewässerungs-Projekte am Oberlauf des Nils durchzuführen. Die Spannungen könnten sich auch noch weiter verschärfen, wenn der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärt und eigene Ansprüche auf den Lebensquell Nil stellt.

Ägypten hat keine Wahl, als eine Ära der Verständigung und Partnerschaft mit den anderen Nil-Ländern einzuläuten – zum gemeinsamen Vorteil aller, bevor der Streit um den längsten Fluss der Erde außer Kontrolle gerät. {Quelle: Mannheimer Morgen – http://www.morgenweb.de – Von Birgit Cerha}

 

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