kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Immer diese Gaddafis 23. November 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 02:47

Schon wieder gibt es diplomatischen Ärger wegen der Eskapaden eines der Söhne des libyschen Revolutionsführers. Nicht zum ersten Mal. Und ganz sicher nicht zum letzten.

 

Der Hilferuf erreichte die Genfer Polizei am 12. Juli 2008. Aus dem noblen Hotel „Président Wilson“ meldeten sich zwei Hausangestellte aus dem Gefolge eines prominenten Gastes und gaben an, von ihren Herrschaften geschlagen, bedroht und eingesperrt worden zu sein. Umgehend rückten die Beamten aus und stellten fest, dass die Bediensteten tatsächlich verletzt waren. Um wen es sich bei ihren Vorgesetzten handelte, ließ sich schnell ermitteln. Doch einen Gaddafi verhaftet man nicht einfach so – das scheinen die Schweizer Ordnungshüter unterschätzt zu haben. Mehr als ein Jahr nach dem Vorfall kämpfen Schweizer Behörden immer noch mit den Folgen des Polizeieinsatzes, der Hannibal Gaddafi, dem fünften Sohn des libyschen Staatsoberhauptes Muammar Gaddafi, und seiner Frau Aline galt.

Hannibal und die europäische Polizei: Schon mehrmals hat der zweiunddreißigjährige Hannibal in Europa Bekanntschaft mit der Polizei gemacht – und die zog dabei meistens den Kürzeren. 2001 schlug er nach einer Sauftour mit Hilfe seiner Bodyguards einen römischen Polizisten krankenhausreif. 2004 raste der libysche Dandy im Porsche betrunken über die Pariser Champs-Élysées – teilweise auf der Gegenfahrbahn; als die Polizei ihn in Gewahrsam nehmen wollte, eilten ihm seine Leibwächter zu Hilfe, auch in diesem Fall bezogen die Polizisten Prügel. Nur ein Jahr später randalierte er, ebenfalls in Paris, in einem Hotel. Nachdem sich jedes Mal libysche Diplomaten eingeschaltet hatten, konnte Hannibal stets ungeschoren nach Hause fliegen. Nicht ganz so reibungslos verlief die Angelegenheit in Genf. Obwohl auch diesmal Diplomaten Hannibal zu Hilfe geeilt waren, stürmten zwanzig Polizeibeamte schließlich die Suite der Gaddafis, überwältigten die Leibwächter und führten Hannibal in Handschellen ab. Seine hochschwangere Frau Aline wurde unter Bewachung ins Krankenhaus gebracht.

Zwei Tage später kamen die beiden gegen Kaution auf freien Fuß. Doch damit war die Geschichte längst nicht zu Ende. Wie ein Racheengel trat die Gaddafi-Tochter Aisha wenig später in der Lobby des „Président Wilson“ vor die Presse und kündigte Vergeltung an: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Zwar zogen die beiden Hausangestellten der Gaddafis ihre Anzeigen – angeblich gegen eine Entschädigungszahlung – zurück. Doch einer von ihnen erfuhr kurz darauf, dass sein Bruder daheim spurlos verschwunden sei. Libyen schloss die Büros sämtlicher Schweizer Unternehmen, strich Flüge der „Swiss“ nach Tripolis und nahm zwei Schweizer Geschäftsleute in Haft mit der Begründung, sie hätten gegen Visa-Bestimmungen verstoßen. Obwohl sich der Schweizer Bundespräsident Hans-Rudolf Merz inzwischen offiziell bei den Libyern entschuldigt hat, hält Gaddafi sie bis heute in Tripolis fest.

Das widerspricht zwar dem Bemühen des Landes, nach Jahren der Konfrontation mit dem Westen politisches Tauwetter zu schaffen. Mittlerweile darf sich Muammar Gaddafi aber sogar wieder in den Vereinigten Staaten und Europa zeigen. Von den Medien wurden seine Besuche bei Nicolas Sarkozy oder Silvio Berlusconi aufmerksam begleitet. Weniger bekannt ist, dass seine Kinder schon viel früher den Westen bereisten, teilweise an europäischen Universitäten studierten und Kontakte in Gesellschaft und Politik knüpften. In Erscheinung traten sie hauptsächlich dann, wenn sie durch schlechtes Benehmen aufgefallen waren. Offiziell bekannt sind acht Gaddafi-Kinder, sieben Söhne und eine Tochter, und was Skandalgeschichten betrifft, stehen sie untereinander in eifrigem Wettbewerb. Doch die meisten dieser Storys sind kaum zu verifizieren. Wer Genaues weiß, redet ungern darüber. „Heikel“ ist ein Wort, das im Umfeld der Gaddafi-Familie des Öfteren fällt.

Mehrere Staaten verweigerten Saif das Visum: Als Erster brach Saif al-Islam nach Europa auf, der 1972 geborene zweitälteste Sohn. Er ist das außerhalb der arabischen Welt bekannteste Familienmitglied; charmant und stilsicher, beherrscht er fließend Englisch, Französisch und Deutsch und agiert als Präsident der Gaddafi-Stiftung. Die Entschädigungszahlungen für Opfer der Terroranschläge von Lockerbie und auf die Diskothek „La Belle“ in Berlin kamen durch seine Vermittlung zustande. Im Jahr 2000 schaltete er sich im Geiseldrama auf der Philippineninsel Jolo ein und scheint maßgeblich daran beteiligt gewesen zu sein, dass die Geiseln, darunter die deutsche Familie Wallert, freigelassen wurden – mit libyschem Lösegeld. Gegenüber westlichen Medien gibt Saif gerne den an einer Reform des autoritären libyschen Regimes interessierten Demokraten. Schwierig hatte sich seine Suche nach einem Studienort gestaltet, weil ihm mehrere Staaten das Visum verweigerten. Schließlich begann er 1998 in Wien ein Studium an einer privaten Wirtschaftsuniversität. Das dürften die Österreicher allerdings bereut haben. Zwar campierte Saif nicht wie der Vater üblicherweise in einem mitgebrachten Beduinenzelt, sondern zog ganz normal in ein Hotel. Begleitet wurde er allerdings von seinen weißen Königstigern Freddo und Barny. Wien war einigermaßen entsetzt, Gaddafi senior mischte sich ein, und größere diplomatische Verwicklungen konnten gerade noch dadurch abgewendet werden, dass der Tiergarten Schönbrunn die Tiere aufnahm.

Die gleichen Feinde wie Jörg Haider: In Wien knüpfte Saif Al-Islam Kontakte zur österreichischen Society – und zu Jörg Haider. Sie hätten eben die gleichen Feinde gehabt, erzählt Saif später: die österreichischen Sozialisten, die versucht hätten, sein Studium in Wien zu verhindern. Selbstverständlich ließ er es sich nicht nehmen, zu Haiders Beerdigung im Oktober 2008 einzufliegen. Trotz seines Hangs zur Exzentrik gilt Saif im Vergleich zu manchem seiner Brüder noch als halbwegs angenehm. Problematisch für das Image des 37 Jahre alten Saif Al-Islam ist die Verwechslungsgefahr mit seinem jüngeren Bruder Saif Al-Arab. Immer wieder werden ihm in der Boulevardpresse nämlich dessen Exzesse angehängt. Saif Al-Arab ist – die Quellen widersprechen einander – entweder 1979 oder 1983 geboren und an der TU München immatrikuliert; Kenner der Familie bezweifeln jedoch, dass er ernsthaft Studien betreibt, und vermuten, er sei vor allem in der Münchner Schickeria unterwegs. Der Polizei in München ist er offenbar gut bekannt, und über seinen Aufenthalt als Gast im Hotel „Bayerischer Hof“ kursieren abenteuerliche Geschichten; genau benennen will die Vorfälle aber niemand: „heikel“.

Die „Claudia Schiffer des Nahen Ostens“: Eine Spezialität der Gaddafi-Söhne sind Partys, für die schon mal Stars wie Mariah Carey oder der Rapper 50 Cent eingeflogen werden. Saadi, der 1973 geborene dritte Sohn Gaddafis, soll Nicole Kidman für einen unvergesslichen Abend in München eine Million Dollar gezahlt haben. Vor allem als Fußballprofi mit zweifelhaftem Talent machte Saadi von sich reden. Dank Beteiligungen der libyschen Banken Lafico und Lafob im italienischen Profi-Fußball kaufte er sich gewissermaßen selbst als Spieler zunächst beim AC Perugia, dann bei Udinese Calcio und Sampdoria Genua ein. Auf neunzig Minuten Spielzeit brachte er es jedoch nicht – seine Einsätze bei allen drei Clubs zusammengerechnet. Im Schatten ihrer Brüder steht die einzige Tochter Aisha, Jahrgang 1976. Doch der väterliche Revolutionsführer scheint sie zu lieben, wie seine Bemerkung verriet: „Sie hat dieselbe Leidenschaft und ist vom gleichen Gerechtigkeitssinn getrieben wie ich“. Die mitunter als „Claudia Schiffer des Nahen Ostens“ Titulierte hat Jura studiert und gehörte zum Verteidiger-Team Saddam Husseins. „Zwischen Saddam und Gaddafi gab es zwar immer wieder Spannungen“, sagt Isabelle Werenfels von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. „Aber die Brüderschaft gegen den Westen ist wichtiger“.

Zunehmend setzt Gaddafi auf seinen Viertältesten: Obwohl Muammar Gaddafis Gunst seinen Söhnen gegenüber genauso wechselhaft und unberechenbar ist wie das ganze Wesen und die Politik des libyschen Revolutionsführers, sieht derzeit alles danach aus, als würde irgendwann einer der Söhne die Nachfolge als Staatschef antreten. Doch ebenso undurchsichtig wie das Treiben der Gaddafis im Westen sind ihre politischen Rollen in ihrer Heimat. Saif, der sich selbst als „Privatmann“ bezeichnet, agiert außenpolitisch am auffälligsten; doch Muammar Gaddafi instrumentalisiert seinen zweitältesten Sohn hauptsächlich als seinen Gegenpart, eine Art good cop, der die kleine Gruppe der Reformer im Land anführt und die Defizite des Systems offen kritisieren darf. „Allerdings habe ich den Eindruck, dass der Vater ihm dabei mal an der längeren Leine lässt und dann auch wieder nicht“, sagt Isabelle Werenfels. Zunehmend setzt Gaddafi auch auf seinen Viertältesten, Motassim Bilal. Der Vierunddreißigjährige musste jedoch ebenfalls schon erfahren, wie launenhaft sein Vater ist: Wegen undurchsichtiger Vorfälle innerhalb des libyschen Sicherheitsapparats verlor er das Wohlwollen vorübergehend und floh für einige Zeit nach Ägypten.

Die Schweiz zerschlagen: Hannibal, der Schweizer Prügler, soll sich inzwischen wieder in Libyen befinden. Was ihn offenbar nicht an sommerlichen Ausflügen an die französische Côte d’Azur gehindert hat: Im Internet kursieren Paparazzi-Fotos, die ihn angeblich im Mai 2009 im „Nikki Beach Club“ in Cannes zeigen. Unklar bleibt indes das Schicksal der beiden in Libyen inhaftierten Schweizer. Obwohl Bundespräsident Merz mit dem Versprechen aus Libyen heimkehrte, sie dürften ihm bald folgen, will Gaddafi sie nun offiziell vor Gericht stellen. Das Ganze scheint ihm langsam Spaß zu machen: Zwei Tage nach den hollywoodreifen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag von Gaddafis Machtübernahme wurde diese Woche bekannt, Libyen habe einen Antrag bei der UN-Vollversammlung gestellt, die Schweiz zu zerschlagen und unter ihren Nachbarstaaten aufzuteilen. Dass der Revolutionsführer mit solcherlei bizarren Vorstößen die Herzen westlicher Regierungschefs erobert, ist zwar eher zu bezweifeln. Aber lange nachtragen werden sie es ihm bestimmt nicht.

{www.faz.net – Von Reinhold Manz}

 

One Response to “Immer diese Gaddafis”

  1. Jakob Says:

    Hallo!

    Wäre es möglich eine Emailadresse von euch zu bekommen? Ich hätte eine persönliche Frage

    Vielen Dank

    koptenohnegrenzen@yahoo.com


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