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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Religiöse Verfolgung: Die tödliche Jagd auf die irakischen Christen 18. November 2010

Filed under: Christenverfolgung — Knecht Christi @ 01:54

In Bagdad sind Christen die leichtesten Opfer. Nach der Einigung der Parteien auf eine neue Regierung hoffen die Gläubigen auf Hilfe. Die Nachricht vom Tod seines älteren Bruders und dessen kleinem Sohn erfuhr Milad in Karlsruhe. Jetzt steht er fassungslos und den Tränen nah in Bagdad, mitten in der Kirche im Stadtteil Karrada, wo vor zehn Tagen das Unglück geschah. Ein Kreuz von Kerzen und 44 Zettel mit Namen markieren die Stelle, an der das Blutbad gegen die Christen in der irakischen Hauptstadt begann. Bis heute will es nicht enden. Allein in den letzten beiden Tagen sind 14 Anschläge auf Christen oder christliche Einrichtungen verübt worden. Am Mittwoch explodierte eine Autobombe vor dem Haus der Familie von Milad im Stadtteil Dora, 15 Autominuten von der syrisch-katholischen Kirche entfernt. „Der Anschlag war gezielt gegen uns gerichtet“, ist sich Milad sicher, „sie wollen uns alle vernichten oder in die Flucht treiben“. Was früher mit den Juden geschah, geschehe jetzt mit den Christen. Vater Saad kann nicht mehr. Der stattliche Mann hat nächtelang nicht geschlafen, seine Augen sind gerötet. Und trotzdem zieht es ihn immer wieder an den Ort des Geschehens, so als müsse er erst noch begreifen lernen, was passiert ist. Er sei seitdem jeden Tag hier gewesen, sagt sein Sohn. Acht ihrer Familienmitglieder waren am blutigen Sonntag zur Messe nach Karrada gekommen. Es war der Vorabend von Allerheiligen, für Katholiken ein hoher Feiertag. Während seine Frau, Kinder und Enkel schon unter den langen Kronleuchtern im Kirchenschiff Platz genommen hatten, stand Saad noch draußen und telefonierte mit seinen beiden Söhnen in Deutschland.

„Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich hier verbracht“, sagt der 30-jährige Milad bitter. Kirchen sind für die Christen im Irak nicht nur Gebetshäuser, sondern auch soziale und gesellschaftliche Treffpunkte. Priester sind Bindeglieder, sie sorgen für den Zusammenhalt der Minderheit. Als Milad vor sieben Jahren den Irak verließ, hatten amerikanische Truppen kurz zuvor die Kontrolle in Bagdad übernommen. „Mein Vater ahnte, was kommen würde und schickte mich und meinen Bruder zunächst nach Frankreich“, erzählt der junge Mann. Inzwischen hat etwa die Hälfte der damals noch fast eine Million Christen das Land verlassen. In Bagdad sind schätzungsweise noch 150.000 geblieben, ein Drittel der früheren Zahl. Doch nach den Ereignissen der letzten Tage wollen auch viele von ihnen nur noch weg.

Auch Mariam, die in der Saidat-al-Najat-Kirche den Besuchern Kerzen zum Gedenken an die Toten in die Hand drückt, will raus aus dem Irak. Sie kenne kaum jemanden, der bleiben will, sagt die junge Irakerin bedrückt. Manche seien panikartig nach Jordanien, Syrien oder in den Libanon gereist, andere hofften auf die Franzosen, die versprochen haben, bis zu 100 Gemeindemitglieder aufzunehmen, die dem Massaker zum Opfer fielen. 36 Verletzte haben die Franzosen bereits ausgeflogen, weitere sollen folgen. In Berlin teilte das Bundesinnenministerium am Donnerstag mit, man plane nicht, weitere christliche Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Sprecher verwies darauf, dass Deutschland im Rahmen des EU-Programms für bedrohte Minderheiten im Irak in den vergangenen zwölf Monaten schon etwa 2500 Flüchtlinge aufgenommen habe. Die meisten seien verfolgte Christen.

Wer die Angreifer waren und wer den Terror gegen seine Glaubensgemeinschaft verursacht, ist für Vater Saad schwer auszumachen. Er klagt die Sicherheitskräfte an, welche die Angreifer hätten gewähren lassen. Während die Wachmänner einer privaten Sicherheitsfirma bei der gegenüber liegenden Börse auf die bewaffneten Männer geschossen hätten, hätten die Polizisten vor der Kirche zunächst tatenlos zugesehen, wie die vier Terroristen das Kirchengebäude stürmten und die fast 200 Gläubigen als Geiseln nahmen. Offiziell hat sich die Dachorganisation „Islamischer Staat Irak“, der auch das internationale Terrornetzwerk al-Qaida angehört, zu diesem und noch folgenden Anschlägen bekannt und alle Christen zur Zielscheibe erklärt. Die Systematik, mit der dieser Feldzug jetzt in Bagdad betrieben wird, hat es so selbst im Irak noch nicht gegeben. Zwar war Bagdad wie keine andere Stadt des Landes in den letzten Jahren im Fadenkreuz des Terrors, sind auch Kirchen, Priester und Gläubige Opfer von Anschlägen geworden. Doch gezielte Anschläge gegen Christen gab es in der Hauptstadt noch nicht, wohl aber gegen Schiiten und deren Einrichtungen. In der Zwischenzeit ist allerdings deren Bewachung durch die schiitisch dominierte Regierung verstärkt worden, die Moscheen bekamen Betonmauern und Stacheldraht. Die Christen dagegen sind so genannte „weiche Ziele“. Sie genießen nur mittelmäßigen staatlichen Schutz und besitzen keine Milizen, wie die anderen Volksgruppen.

Der katholische Erzbischof von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman, fordert nun den Einsatz zusätzlicher Polizisten in den von Christen bewohnten Zonen. Vor den kirchlichen Einrichtungen seien in den vergangenen Tagen bereits Sicherheitskräfte postiert worden. Doch die „neue Qualität“ des Terrors gegen die Christen zeige sich gerade in den von ihnen bewohnten Vierteln, wo erstmals auch Privathäuser angegriffen würden, sagte Sleiman im Interview der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“. Die Terroristen wollten Iraks Christen zur Flucht zwingen. Anders als unter der Herrschaft Saddam Husseins gebe es für Christen im Irak derzeit keine Sicherheit, so der Erzbischof von Bagdad. Der Preis für die vormalige Sicherheit sei freilich eine Diktatur gewesen, die den „Tod der Seele“ bedeutet habe.

{Zahlen und Fakten: Die meisten irakischen Christen sind Chaldäer, die der römisch-katholischen Kirche angehören. Verlässliche Angaben zur Zahl der im Irak lebenden Christen gibt es nicht. Die Organisation „Kirche in Not“ schätzt, dass den 96% Muslimen im Irak 3,2 Prozent Christen gegenüberstehen.
Saddams Herrschaft: Schon unter der Gewaltherrschaft Saddam Husseins hatte es Massaker und Vertreibungen gegeben. Hoffnungen, die Lage der Christen könnte sich nach Husseins Sturz bessern, erfüllten sich nicht: Sie wurden zur Zielscheibe fundamentalistischer Fanatiker.
2003 bis heute: Schätzungen zufolge flohen seit der US-Invasion 2003 fast die Hälfte der einst rund 1,5 Millionen Christen vor dem islamistischen Terror außer Landes. Tausende verließen nach Angaben von „Kirche in Not“ große Städte wie Bagdad oder Basra und suchten Zuflucht im Norden, wo die Lage ruhiger, aber auch nicht völlig sicher ist. Seit dem Einmarsch der Amerikaner wurden mehr als 730 Christen ermordet. Menschenrechtler gehen davon aus, dass über 70 Prozent der Taten nicht aufgeklärt werden.
Flüchtlinge: Im Herbst 2008 beschloss die Europäische Union, 10.000 Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen, 2500 davon in Deutschland. Die meisten von ihnen sind Christen, die nach Syrien oder Jordanien geflohen waren. Doch Kirchenvertreter im Irak sehen das Umsiedlungsprogramm auch mit Sorge: Sie fürchten um die Existenz einiger der ältesten christlichen Gemeinden der Welt}.

{Acht Monate Regierungsbildung im Irak: Nach der Parlamentswahl im Irak haben die zerstrittenen politischen Lager acht Monate lang um die Bildung einer Regierung gerungen.
7. März 2010: Überschattet von blutigen Anschlägen mit Dutzenden Toten wählen die Iraker ein neues Parlament. Bei der zweiten Parlamentswahl seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein 2003 sind 18,9 Millionen Iraker aufgerufen, die 325 Sitze zu bestimmen. Ungeachtet der Gewalt liegt die Wahlbeteiligung bei rund 65 Prozent.
14. März: Die Wahlkommission zählt nach Angaben irakischer Medien rund 1900 Beschwerden über angebliche Betrügereien. Es liegt noch kein offizielles Ergebnis vor, Hochrechnungen sehen aber die Koalition für den Rechtsstaat von Ministerpräsident Nuri al-Maliki vorn.
20. März: Nach der Auszählung von 93 Prozent der Stimmen liegt erstmals das Al-Irakija-Wahlbündnis Irakische Nationalisten-Bewegung des säkularen Schiiten Ijad Allawi vor der Koalition al-Malikis.
26. März: Laut Wahlkommission siegt Allawis Al-Irakija-Liste mit 91 Mandaten vor al-Malikis Rechtsstaat-Koalition mit 89. Den dritten Platz belegen religiöse Schiiten um Muktada al-Sadr und Ammar al- Hakim mit ihrer Nationalen Irakischen Allianz. Die Allianz der Kurdenparteien KDP und PUK darf 43 Abgeordnete ins Parlament senden, die neue Kurden-Partei Goran acht. Al-Maliki will sich mit dem Machtverlust nicht abfinden und fordert, die Stimmenauszählung zu wiederholen.
3. Mai: Die Wahlkommission beginnt mit der Neuauszählung von rund 2,5 Millionen Stimmzetteln.
14. Mai: Nach erneuter Zählung von 11298 Wahlurnen in der Hauptstadt Bagdad entdeckt die Wahlkommission nach ihren Angaben keine Anzeichen für Betrug.
1. Juni: Das oberste irakische Gericht bestätigt das Wahlergebnis. Es werden keine neuen Betrugsvorwürfe untersucht. Es bleibt beim knappen Wahlsieg Allawis, die Koalitionsverhandlungen können offiziell beginnen.
3. Juni: Der UN-Sicherheitsrat hofft auf einen „starken, unabhängigen, vereinigten und demokratischen Irak“ und fordert die politischen Parteien zu einer raschen Regierungsbildung auf.
21. Juli: Der amtierende Regierungschef al-Maliki und sein Hauptrivale Allawi können sich bei einem Treffen nicht einigen. Al- Malika will unbedingt Ministerpräsident bleiben.
18. August: Eine weitere Gesprächsrunde zwischen der Rechtsstaat- Allianz und der Al-Irakija-Liste wird ergebnislos abgebrochen.
13. Oktober: Iraks Nachbarländer reagieren zunehmend besorgt auf das monatelange Machtvakuum in Bagdad. Syriens Präsident Baschar al-Assad empfängt in Damaskus al-Maliki. Ägyptens Präsident Husni Mubarak trifft den schiitischen Politiker und al-Maliki-Gegner al-Hakim. Die Kurdenparteien und andere kleine Gruppen im Parlament werden bei der Regierungsbildung zum Zünglein an der Waage.
18. Oktober: Der Iran versucht, in Bagdad eine von religiösen Schiiten dominierte Regierung zu installieren. Auf Einladung des Mullah-Regimes treffen sich in Teheran al-Maliki, Innenminister Dschawad al-Bolani und Vertreter des radikalen Schiiten-Predigers al- Sadr. In Bagdad formiert sich unterdessen unter Allawi ein zweiter Block, der verhindern will, das al-Maliki Ministerpräsident bleibt.
8. November: Bei einem Krisentreffen in der Stadt Erbil können sich die irakischen Spitzenpolitiker nicht auf die Bildung einer Regierungskoalition einigen.
9. November: Nach einem weiteren Treffen in Bagdad sprechen Teilnehmer von „großen Fortschritten. Politiker berichten, man habe einer weiteren Amtszeit al-Malikis zugestimmt. Der Wahlsieger Allawi nimmt allerdings nicht teil.
11. November: Die irakischen Parteien einigen sich auf Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, gibt der Präsident des kurdischen Autonomiegebietes, Massud Barsani, in Bagdad bekannt. Politische Beobachter wie Jonadam Kanna gehen allerdings davon aus, dass der neuerliche Terror aktuelle Hintergründe hat. Seit mehr als acht Monaten hat der Irak keine funktionierende Regierung – ein trauriger Weltrekord. Der christliche Abgeordnete, der über eine in der Verfassung verankerte Quotenregelung für Minderheiten einen Sitz im neuen Parlament bekam, sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem politischen Vakuum, in das sein Land gefallen ist und dem wieder zunehmenden Terror.

Als sich die Situation zuspitzte und es danach aussah, dass der knappe Wahlsieger Ijad Allawi, der die meisten Sunniten hinter sich weiß, nicht an der nächsten Regierung aus Schiiten und Kurden beteiligt werden würde, nahm der Terror wieder zu. Auch in der für Schiiten heiligen Stadt Kerbela und im südirakischen Basra explodierten Bomben – eine klares Signal, wie Kanna es deutet.

Aus den Wahlen am 7. März ist niemand als eindeutiger Sieger hervorgegangen. Allawi, mit zwei Sitzen Vorsprung vor dem amtierenden Premierminister Nuri al-Maliki, vermochte keine mehrheitsfähige Koalition zu bilden. Am Donnerstag nun erklärten Vertreter der verschiedenen Parteien übereinstimmend, al-Maliki solle Regierungschef bleiben. Neu in der Führungsriege sind einige Politiker des Al-Irakija-Bündnisses von Ijad Allawi. Grund zur Hoffnung, dass eine politische Balance den Terror eindämmen kann.

{www.welt.de – von Birgit Svensson – Foto: Irakische Christen bei der Beerdigung der Opfer einer blutigen Geiselnahme in Bagdad }

{Geiselnahme in einer Kirche in Bagdad: Der Morgen nach der blutigen Geiselnahme in einer syrisch-katholischen Kirche in Bagdad: Sicherheitskräfte begutachten den Schauplatz des Dramas. Am Abend hatten Terroristen die Sajjidat-al-Nadscha-Kirche im Zentrum der irakischen Hauptstadt überfallen. Dort hatten sich gut 100 Gläubige hatten eingefunden, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Dann stürmten Terroristen das Gotteshaus und nahmen die Besucher als Geiseln. Auch dieser Junge befand sich unter den Opfern. Er konnte befreit werden. Das staatliche irakische Fernsehen zeigt den Verteidigungsminister des Landes, Abdel Qader al-Obeidi, der sich zu dem blutigen Ende der Geiselnahme äußert. Tags darauf ist die Straße vor der Kathedrale wie ausgestorben. Müll und Trümmer erinnern an das schreckliche Geschehen am Abend vorher. Mehr als 50 Menschen kamen bei der Geiselnahme ums Leben – dieser Schuh gehörte einem der Opfer. Vor der Kirche wurde außerdem eine Autobombe gezündet. Die Polizei sichert den Ort der Explosion. Diese Familie verlor durch die Autobombe ihr Haus}.

 

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