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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Jugend mit türkischem Hintergrund: Frust wächst 14. November 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 01:45

Eine Umfrage ergab: Wiens Jugendliche mit türkischem Hintergrund sind unterdurchschnittlich gebildet und oft arbeitslos. Die Zuversicht schwindet, der Frust über die Gesellschaft wächst.

Kadir Demir kennt die Realität hinter den Zahlen. Jeden Tag aufstehen, die Zeitungen durchblättern, im Internet schauen: Gibt es endlich einen Job für mich? Bewerbungen ausschicken. Und wieder nichts, seit eineinhalb Jahren schon. Inzwischen lebt Demir von wenigen hundert Euro Notstandshilfe im Monat. „Wenn es einmal zu einem Bewerbungsgespräch kommt, so alle ein, zwei Monate, dann klappt es in der Regel nicht“, sagt der 23-jährige Sohn türkischer Einwanderer, der Großteil der Verwandten lebt in Ankara.
 
Demir vertritt damit die typische Haltung einer „sozialen Problemgruppe“, die der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) jetzt in einer Umfrage untersucht hat. 100 arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene mit türkischem Migrationshintergrund haben die Studienautoren in der Bundeshauptstadt befragt, vor allem auf der Straße und in Parks. Und dabei festgestellt, dass den türkischen Jugendlichen der ersten oder zweiten Generation vor allem schlechtes Deutsch sowie eine niedrige eigene Bildung und die häufig niedrige Bildung der Eltern im Weg stehen, wenn es darum geht, einen Job zu finden. Der Anteil der 15- bis 24-jährigen arbeitslosen Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund lag in Österreich im Vorjahr bei rund 13 Prozent – Einheimische sind von Arbeitslosigkeit traditionell weniger betroffen.

Deutsch kann Demir perfekt. Aber auch auf seine Familie trifft zu, was mehr als 90 Prozent der Befragten in der ÖIF-Umfrage zu Protokoll gaben: dass zu Hause überwiegend Türkisch gesprochen wird. „Mit meiner Schwester spreche ich aber mehr Deutsch, zumindest außerhalb der Familie“, sagt Demir. Zur Türkei hält er insofern Kontakt, als er regelmäßig dorthin auf Urlaub fährt. Sein größtes Handicap auf dem österreichischen Arbeitsmarkt: Der 23-Jährige hat nur einen Hauptschulabschluss aus dem Jahr 2002, „und Musterschüler war ich keiner“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“. Mehr als die Hälfte der vom ÖIF Befragten hat maximal die Pflichtschule abgeschlossen.

Drogen und Gelegenheitsjobs: Was danach für Demir folgte, ist wenig rühmlich, gesteht er sich heute ein: „Eine Drogenkarriere“, sagt er knapp. Eineinhalb Jahre habe er Drogen genommen und dadurch seine „Ziele aus den Augen verloren“. Dann habe ihn „die Familie wieder rausgeholt“. Nebenjobs, eineinhalb Jahre bei „Billa“, danach wieder unregelmäßige Tätigkeiten. Heute sind Demirs Ziele klar: Am liebsten würde der Sohn türkischer Einwanderer, der in Österreich geboren ist und sich hier zu Hause fühlt, ein Sportstudium machen – nach Abendmatura oder Studienberechtigungsprüfung. In Angriff genommen hat Demir derlei noch nicht, „aber ich denke gerade intensiv darüber nach“, sagt er. Klappt es mit dem Weg an die Uni, dann würde er gern neben dem Studium oder schon davor im EDV-Bereich arbeiten, das hat er bei Gelegenheitsjobs bei seinem Onkel, einem EDV-Techniker, gelernt. Reparieren, ver- und auspacken, das hat Demir schon tausendfach gemacht. Somit weiß er eher, was er für die Zukunft will, als viele der Befragten, die der ÖIF um Aussagen gebeten hat: Die meisten hätten „keine klaren Vorstellungen über ihre berufliche Zukunft“, haben die Studienautoren Monika Potkanski und Adnan Isler notiert. Die Jugendlichen würden sich auch „schlecht über Berufsmöglichkeiten informiert“ fühlen. Und was besonders auffällt, so Potkanski: Es gebe eine „Gender-Komponente“, wie sie im „Presse“-Gespräch sagt. Buben mit türkischem Migrationshintergrund würden sich eher von ihren Mitschülern und Lehrern beeinflussen lassen, sich in der Schule somit auch eher „mitziehen“ lassen, während Mädchen stärker unter dem Einfluss der meist niedrig gebildeten Eltern stünden – und eine eigene Karriere eher aus den Augen verlören. Denn der Bildungsgrad der Eltern ist entscheidend für jenen der Kinder, er „vererbt“ sich – egal, welchen Geschlechts der Nachwuchs ist. Auch Kadir Demirs Eltern haben keinen formalen Bildungsabschluss. „Sie sind aus einem Dorf hierhergekommen und haben nichts in der Hand gehabt, keinen formalen Bildungsabschluss.“ Ihn würden seine Eltern aber motivieren, weiterhin einen Job zu suchen und Karriere zu machen, sagt er. „Sie versuchen, mich zu unterstützen.“ Auch gegen Angriffe aus der Gesellschaft, denn immer wieder höre er auf der Straße oder im Schwimmbad: „Scheiß Ausländer“ oder „Geh ham in die Türkei“. Das steigere seinen Frust, sagt Demir.

Kampf gegen „Ausländerfaktor“: Mit dem Arbeitsmarktservice hat der Einwanderersohn mit österreichischer Staatsbürgerschaft auch keine Freude: „Wenn du einen guten Berater hast, hilft er dir. Sonst gibt es auch welche, die behandeln dich nicht nett. Zum Beispiel, wenn du nicht so gut Deutsch kannst“. Den „Ausländer-Faktor“ gebe es auch am AMS, da werde man in der freien Wirtschaft oft besser behandelt, wenn man Migrationshintergrund hat, glaubt Demir. Und hofft weiter auf Einladungen zu Bewerbungsgesprächen, Tag für Tag. {Die Presse.com: REGINA PÖLL}

 

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