kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

„Christ“ – ein Schimpfwort 31. Oktober 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 04:49

 

Christus erschuf dem Blindgeborenen Augäpfel

 

„Bist du echt Moslem?“ „Warum trägst du kein Kopftuch“? „Ist doch besser, wenn man ein Kopftuch trägt.“ „Wenn die Deutschen einen ganzen Tag verschwinden würden, man würde sie nicht vermissen.“ Wir befinden uns mitten in Gelsenkirchen, im Stadtteil Neustadt, an der Malteserförderschule. Ein Stadtteil mit nachgewiesenem besonderem Erneuerungsbedarf, wie es im Amtsdeutsch heißt. Viele leer stehende Ladenräume, billiger Wohnraum, der Migrationsanteil liegt weit über dem anderer Stadtgebiete. Wer kann, zieht hier weg.

Die Malteserschule, die inmitten dieses trostlosen Stadtteils liegt, ist eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „Lernen“, bekannt geworden durch die ARD-Dokumentation „Hart und herzlich. Eine türkische Lehrerin gibt nicht auf“. Neben libanesischen Mädchen und Jungen besuchen albanische, türkische, kurdische, deutsche Kinder sowie Sinti und Roma diese Schule. Drei von vier Schülern sind Migranten, Deutsche sind also in der Unterzahl. Die meisten Familien der Schüler leben in sozial schwachen Strukturen, beziehen ihre Einkünfte schon seit geraumer Zeit durch Sozialtransfers. Arbeitslosigkeit ist die Regel. Das trifft auf die ausländischen und die deutschen Familien gleichermaßen zu.

Auffallend bei den muslimischen Kindern und ihren Familien ist die starke Religiosität. Selbst Unterstufenschüler fasten während des Ramadans, all die körperlichen Belastungen nehmen sie in Kauf. Lernen wird zweit- oder drittrangig. Schwimmunterricht und Klassenfahrten werden gerade bei den muslimischen Mädchen zu unüberwindbaren Hürden. Da ich ebenfalls eine Muslimin bin, beäugen mich muslimische Schüler gerade in dieser Phase besonders kritisch.

Ich bin die einzige Lehrerin mit Zuwanderungsgeschichte, mit türkischen Wurzeln. Auf meine Eltern, Gastarbeiter der ersten Generation, wirkte Deutschland einst wie ein fremdes Land. 40 Jahre später sind wir längst keine Gastarbeiter mehr. Deutschland ist mein Heimatland. Die Türkei ist das Land meiner Vorfahren, mein Lieblingsurlaubsziel mit meinen bevorzugten Speisen. Doch wie wirke ich auf meine Schülerschaft und vor allem auf die Eltern? Eigentlich bin ich eine von ihnen, und doch bin ich für die meisten so anders. Verstellen möchte ich mich zu keiner Zeit. Lebe mein Lebensmodell, das Modell der europäischen Türkin. Geschieden bin ich auch noch, von einem deutschen Mann, und alleinerziehend. Für die orthodoxen Familien eine Reizfigur. Mein europäischer Lebensstil wird mir eher übel genommen als meinen deutschen Kollegen.

In meinem Schulalltag habe ich es nicht mit der geistigen Elite des Islam zu tun, stoße auf Probleme. Wie soll ich reagieren, wenn mir eine Unterstufenschülerin sagt, es sei gut, dass sie ein Kopftuch trage, und mich fragt, warum ich denn nicht auch eins tragen würde? Meine Frage, ob sie das Kopftuch mit ihren acht Jahren freiwillig trage, wird bejaht. Diese Freiwilligkeit wird ihr seit der Geburt durch die weiblichen Familienmitglieder vorgelebt. Hat sie wirklich eine Chance, sich diesem Ritual zu entziehen? Mit meinen Gedanken und Überzeugungen kann ich nicht immer frei jonglieren, da ich den Dialog mit den Eltern, der ohnehin oftmals gestört ist, nicht gänzlich zum Versiegen bringen möchte. Wie sollen Kinder integriert werden, wenn sie aus vielen Bereichen des gemeinsamen Lernens von ihren Eltern ausgeschlossen werden? Vonseiten der Schule werden diese Integrationsbarrieren toleriert, weil die Handlungsspielräume der Schule eingeschränkt sind. Doch Schwimm- und Sportunterricht sind genauso Unterrichtsfächer wie Deutsch und Mathematik. Mein Ziel, wirklich allen Kindern während der Schulzeit schwimmen beizubringen, gebe ich nach wie vor nicht auf. Schließlich ist mir bewusst, dass die Kinder es nie erlernen werden, wenn ich ihnen dies während der Schulzeit nicht vermittle.

Fremde werden nicht Freunde: Klassenfahrten fördern das Gemeinschaftsgefühl und sind ein Highlight für jeden Schüler. Dennoch wird vornehmlich den muslimischen Familien Verständnis entgegengebracht, wenn diese ihre Kinder nicht teilhaben lassen. Die Parallelgesellschaft wird notgedrungen hingenommen. Die Integrationsbemühungen werden erschwert. Ist dieses Verständnis förderlich für meine Kinder? Wen wundert es, dass in diesem sozial schwachen Umfeld Schule der einzige Bereich ist, in dem Zuwanderer und Deutsche zusammenkommen? Außerhalb dieser Lernstätte werden Sozialkontakte und Freundschaften nicht angestrebt. Meine Schüler mit Migrationshintergrund und meine deutschen Schüler sind in der Regel nicht befreundet. Wie auch? Zu groß scheinen die Unterschiede. Freundschaften müssen gepflegt und vom Elternhaus gefördert werden. Dies geschieht zu meinem Bedauern nicht.

„Christ“ ist zu einem gängigen Schimpfwort geworden. Religion wird zu einem Merkmal von Abgrenzung beziehungsweise Ausgrenzung. Religion wertet das Selbstwertgefühl auf, fördert das Gefühl der Zugehörigkeit. Ich erlebe fast täglich eine Hierarchisierung zwischen den Schülern. Ich bin Moslem – ich bin der bessere Mensch, du bist Christ, du isst Schweinefleisch und bist der schlechtere Mensch. Das heißt, wer nicht so lebt wie ich, ist ein Sünder, eine Wertung ist immer mit dabei. Wie kommen solche Äußerungen zustande? Es ist der Nährboden der sozialen Unterschicht in bestimmten Stadtteilen, der solche Auswüchse sprießen lässt. Schüler der migrantischen Unterschicht richten ihre Aggressionen gegen die deutsche Unterschicht. Auf dem sozialen Abstellgleis sucht man sich seinen Sündenbock auf Augenhöhe. Natürlich versuchen wir dem täglich entgegenzuwirken. Sozial anerkannte Regeln sind neben Kulturtechniken feste und elementare Bestandteile unseres alltäglichen Unterrichtens. Selbstverständlich gibt es auch die intellektuelle und fundamentalistische Elite. Das sind nicht minder gefährliche Rattenfänger, die genau beobachtet und sanktioniert werden müssen. Doch wer trägt die Schuld an der Misere? Die Schuldigen sind laut dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer und Familienministerin Kristina Schröder schnell gefunden. Von Thilo Sarrazin ganz zu schweigen. Den lernresistenten Integrationsverweigerern wird die Schuld angelastet. Für mich als Pädagogin, die täglich sonderpädagogische Schwerstarbeit leistet, nutzen derlei Schuldzuweisungen wenig.

Es gibt Handlungsbedarf – und das nicht erst seit der Veröffentlichung Sarrazins. Es besteht eine Holschuld der aufnehmenden Gesellschaft gegenüber diesen Kindern und Familien. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, in denen besonders Kinder aus sozial schwachen Familien konstruktiv lernen können. Die Gettoisierung im Bildungssystem muss aufgelöst werden. In Schulen, in denen eine Verdichtung bestimmter Ethnien ins Auge sticht, kann keine Integration gelingen. In Pausensituationen kann ich von den Kindern mit Migrationshintergrund nicht erwarten, dass sie Deutsch sprechen, wenn kaum deutsche Schüler da sind. Wer unter Einheimischen ist, spricht nicht Deutsch. Längst ist die Berliner Rütli-Schule zu einer Vorzeigeschule geworden. Doch dazu bedarf es auch finanzieller Zuwendung. Sozialarbeiter, Tanztherapeuten wären auch für uns hilfreiche Unterstützer. Bessere Ausstattung der Schule, kleine Klassenstärken, um nur einige wesentliche Verbesserungsvorschläge anzuführen. Wünschenswert wäre auch die Verpflichtung seitens der Behörden, auf die Einhaltung schon vorhandener Gesetze zu bestehen. Schulpflicht ist Schulpflicht, und jeder Bürger, egal welcher Nationalität er angehört, hat diese Gesetze zu befolgen. Notfalls ist der Gesetzgeber verpflichtet, diese mit Sanktionen durchzusetzen. Alles andere macht uns unglaubwürdig. Selbstverständlich gilt dies für alle, also auch die oben beschriebenen Unterrichtsfächer.

Bloß kein Mitleid! Eltern müssen in der Integrationsbemühung mitgenommen und verpflichtet werden. Sprach-, Integrationskurse und Sozialleistungen müssen an Bedingungen geknüpft werden, da sonst die Unfähigkeit legitimiert wird. Zu viel Verständnis führt zu Verantwortungslosigkeit. Die Bringschuld der Zuwanderer besteht im Umkehrschluss darin, dass sie Gesetze akzeptieren müssen. Es darf keine fremde Kultur, in der man lebt, abgelehnt werden. Bildungschancen müssen wahrgenommen werden. Staatsbürgerrechte sind etwas Wunderbares, aber dazu gehören auch die Staatsbürgerpflichten. Jeder Bürger muss seinen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben leisten. Bin ich selbst zu dem geworden, was ich heute bin, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen perfekt für mich als Arbeiterkind waren? Wohl kaum. Die Eigenverantwortlichkeit darf nicht auf die Gesellschaft abgeschoben werden. Es geht mir immer um das Wohl der Kinder. Meine Hoffnung ruht auf der nächsten Generation. Vielleicht kann ich dazu beitragen, dass diese Kinder wenigstens ein klein wenig die Scheuklappen öffnen, die man ihnen aufgesetzt hat. Eigentlich müsste ich die Eltern auch unterrichten. Ein Kampf gegen Windmühlen, dennoch mache ich weiter und freue mich über kleine Fortschritte. Freie Wahl des Ehepartners, die Einsicht ehemaliger Schülerinnen, dass die eigenen Töchter es mal besser haben sollen – das sind für mich Bildungserfolge. Die romantische Multikultipolitik der vergangenen Jahrzehnte hat uns mit in die Misere geführt. Nun sind konstruktive politische Schritte notwendig. Letztlich müssen wir Lehrer pädagogisch das ausbaden, was politisch lange Zeit versäumt wurde. Die Arbeit an einer „Brennpunktschule“ ist nicht immer leicht, und die unerträglichen Zustände können nun nicht mehr schöngeredet werden. Trotzdem bin ich von Natur aus ein positiv denkender Mensch und freue mich auf die Veränderungen, die kommen müssen.

{Quelle: www.merkur.de – Von Betül Durmaz: Die Autorin arbeitet als Lehrerin an einer Förderschule, die meisten ihrer Schüler sind Muslime. Sie fordert weniger Verständnis und mehr Verantwortung}

 

2 Responses to “„Christ“ – ein Schimpfwort”

  1. bazillus Says:

    Das Wort „Islam“ taucht auch hier in diesem Bericht nicht auf. Die Denkschablonen der muslimischen Eltern und Schüler gehen eben auf das Ausgrenzungsdenken, aufden Ausgrenzungsglauben zurück. Und dieser ist untrennbarer Bestandteil des Islam.

    Fazit: Der Islam ist das Problem.Den Muslimen muss hier endlich der Zahn gezogen werden, dass kein Mensch vor Gott besser oder schlechter sei, weil er Kopftuch aufsetzt oder Schweinefleisch ist. Es wird an der Zeit, diese trennenen Denkschablonen auf 0 zurück zu fahren.

    Genau aus diesem Grunde, da die Menschen meinen, weil sie muslimisch leben, Kopftuch aufsetzen, seien sie die besseren Menschen und alle anderen sind Höllenanwärter, die zu schlechtesten oder abscheulichsten Geschöpfen, also noch unter Luzifer stehen, muss endlich aus den Köpfen von Religiösen jegliche Couleur verschwinden, sonst sehe ich für ein sinnstiftendes Zusammenleben echt schwarz.


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