kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

„Lassen Sie sich schlagen“! 28. Oktober 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 03:33

„Gehen Sie nach Hause und lassen Sie sich schlagen“! Welche Geschichte hat die Mitarbeiterin einer Frauenberatungsstelle gerade gehört, dass ihr so ein Gedanke in den Sinn kommt? Ein Gedanke, der allem, wofür sie arbeitet, zuwider läuft: Am besten wäre es, die junge Türkin würde ihren Mann provozieren – solange, bis er sie einmal schlägt, dann könnte die Beraterin ihr helfen. Es geht um Ausländerinnen, die im Rahmen der Familienzusammenführung nach Österreich kommen. Ein paar Hundert Frauen, vielleicht sind es eintausend, bereitet dieser rechtliche Status große Probleme. Wie viele es sind, kann man nur schätzen, denn sie mucken nicht auf, um nicht in die alte Heimat zurückgeschickt zu werden. Kein Massenphänomen, dennoch Thema für diese Serie über Zuwanderung, denn es zeigt, wie einzelne Menschen zwischen die Mühlsteine geraten, zwischen das Ideal der kontrollierten Zuwanderung und die patriarchalen Traditionen aus ihrer alten Heimat.

Weder Zwang noch Liebe: Diese Geschichte beginnt im Jahr 2006: Fatma ist 21 Jahre alt, auf dem Land in der Türkei wird es für eine Frau höchste Zeit, einen Mann zu finden. Also verloben ihre Eltern sie mit einem Türken, der in Wien lebt. Führt doch ihre ältere Schwester dort auch eine gute Ehe. Fatma heiratet Ahmet, einen Bauarbeiter, der kaum älter ist als sie, und der bei der Auswahl der Partnerin ebenfalls nicht gefragt wurde. Von Liebe ist keine Rede, Zwangsehe ist es aber keine. Das junge Paar wohnt bei den Schwiegereltern am Wiener Stadtrand, wo auch noch zwei Brüder Ahmets und deren Frauen untergebracht sind. Die Schwägerinnen dürfen das Haus verlassen, Freundinnen treffen, einkaufen gehen. Fatma hingegen erlaubt die Schwiegermutter nur ein Mal im Monat, ihre Schwester zu besuchen, nach zwei Stunden muss sie zurück sein. Tagein tagaus kocht, putzt, wäscht, bügelt Fatma für die Großfamilie. Ahmet ist nicht unfreundlich zu Fatma. Er ignoriert sie meistens.

Fatma vermutet, dass Ahmet sie betrügt. Sie alarmiert ihre Eltern in der Türkei und ihre Schwiegereltern in Wien. „Wir reden mit unserem Sohn“, sagt der Schwiegervater. „Sei du still“! Nichts ändert sich. Fatma stellt fest, dass sie schwanger ist. Ahmet droht ihr: „Wenn es ein Mädchen wird, lasse ich mich scheiden“. Fatma bringt einen gesunden Buben zur Welt. Ihre Stellung in der Familie verbessert sich trotzdem nicht. Ahmet nimmt ihr Kindergeld und Kinderbeihilfe weg, die Schwiegereltern drohen ihr mit dem Entzug des Sorgerechts. Da sie kein Wort Deutsch spricht, kann sie sich nicht wehren. Ihre Schwester und deren Mann wollen sich nicht einmischen. Ahmet ist längst in eine andere Frau verliebt. Fatma träumt davon, mit ihrem Sohn nach Hause in die Türkei zurückzugehen. An dieser Stelle der Erzählung verändert sich Fatmas Ton. Bis dahin hat sie ihre Vergangenheit stringent und klar geschildert, fast distanziert. Die zierliche Frau hat sehr aufrecht gesessen. Nun zieht sie die Schultern nach vorne, spielt mit ihren Fingern, wird leise. „Ich konnte nicht nach Hause, ich konnte nicht in Würde zurückgehen“, sagt sie. Ihre Eltern hätten die Schande, dass die Tochter den Ehemann verlässt, nicht ertragen. Fatma harrt weiter aus. Als ihr Sohn acht Monate ist, steht ihre Niederlassungsbewilligung durch die österreichischen Behörden zur Verlängerung an. Zwei Wochen vor dem Amtstermin schmeißt Ahmet Fatma und ihr Kind aus der Wohnung, nur mit der Kleidung, die sie anhaben. Sie kriecht bei ihrer Schwester unter. Einen Monat später reicht er die Scheidung an, weil sie ihn böswillig verlassen habe. Seine Familie deckt die Lüge.

Mann muss Schuld haben: Fatma gerät an die Beratungsstelle in Wien, die sich um türkische und arabische Frauen kümmert. Dort erklärt man ihr, dass sie mindestens fünf Jahre in Österreich leben, einen Job und eine Wohnung haben müsste, um sich scheiden zu lassen und trotzdem in Österreich bleiben zu können. Oder das Gericht erkennt an, dass der Mann Schuld am Scheitern der Ehe trage. Doch wie beweisen, dass dem so ist, wenn seine Familie zu ihm steht? Und warum denkt die Beraterin, es wäre alles leichter, wäre Fatma geschlagen worden? 2005 wurde das Gesetz für Ehefrauen, die im Rahmen des Familiennachzuges nach Österreich kommen, stark verbessert: Wird einer Frau körperliche Gewalt angetan, und zeigt sie das bei der Polizei an, muss sie nicht nachweisen, dass sie über einen Platz zum Wohnen, eine Krankenversicherung und über Unterhalt oder Einkommen in der Höhe von rund 750 Euro monatlich verfügt. Eine Verbesserung der Lage Fatmas und ihrer Leidensgenossinnen verhindert dieser Gedanke: Wenn jede nachgeholte Gattin eher früher denn später einen von ihrer Ehe unabhängigen Aufenthaltstitel bekäme, würde das nicht regelrecht zum Missbrauch animieren? Würden Scheinheiratsvermittler nicht sofort das große Geschäft wittern? Gäbe es – Rot-Weiß-Rot-Card hin, Dublin-Abkommen her – dann nicht wieder eine Möglichkeit zur unkontrollierbaren Einwanderung? Drohte dann nicht doch ein Massenphänomen?

„Gesetz hilft Patriarchen“: Entlang dieser Gedankenlinie verläuft die politische Debatte. Die grüne Nationalratsabgeordnete Alev Korun sagt: „Die derzeitige Gesetzeslage hilft den Patriarchen. Sie gibt ihnen freie Verfügbarkeit über ihre Frauen.“ Deshalb versuche sie seit bald zwei Jahren, eine neue Regelung durchzusetzen: Alle nachziehenden Ehepartner sollen bereits nach einem Jahr die Chance auf einen Aufenthaltstitel bekommen, der mit ihrer Ehe in keinem Zusammenhang stehe. SPÖ und ÖVP sind gegen Koruns Vorschlag. Im Innenministerium weist man darauf hin, dass es ohnehin keine Fünf-Jahres-Grenze mehr gebe. Auf die anderen Kriterien – Geld, Unterkunft, Versicherung – könne man aber einfach nicht verzichten. Und wie ist Fatmas Geschichte ausgegangen? Sie ist heute 26 und lebt mit ihrem Sohn in Wien. Dank ihrer Schwester, die sie aufnahm, ihres Fleißes, der sie in der Nacht putzen und am Vormittag Deutsch lernen ließ und vor allem einer Richterin, die ihre Scheidung lange hinaus zögerte, bis Fatma bessere Karten bei den Behörden hatte. Und dank einer Notlüge. Vor Gericht sagte Fatma immer und immer wieder aus: „Ich liebe meinen Mann, ich will verheiratet bleiben“.  {Quelle: http://www.kleinezeitung.at}

 

2 Responses to “„Lassen Sie sich schlagen“!”

  1. Gast Says:

    Ja, eine schlimme Geschichte, eine arme Frau. Die ganze Sippe sollte geschlossen in die Türkei zurück und dort ihre Ehe- und Ehrprobleme perpetuieren. Wenn man aus Menschenfreundlichkeit alle schlechtbehandelten, nicht Deutsch sprechenden Frauen aufnehmen und ihnen ein menschenwürdiges Leben mit dem Schweiß der arbeitenden Ureinwohner finanzieren will, dann wird der Staat kollabieren.

  2. Leider habe ich öfters anderswo (vorallem in Bezug auf USA) darüber gelesen, wie angedichtetes oder ganz bewusst hervorprovoziertes Gewalt dazu benutzt wird, um z.B. Scheidungsstreiten zu Gunsten der Frau zu gewinnen oder aber eine freie Versorgung zu schaffen.

    Dies empfinde ich oben als das größere Problem: Die Frau tut mir leid (so die Schilderung oben korrekt ist) aber solche Probleme berühren nur eine Minderheit und sie werden mit der Zeit besser werden. Falsche Gewaltanschuldigungen, jedoch, kann mindestens die Hälfte der Bevölkerung treffen—und das Problem scheint tendenziell zu wachsen. (Und geht auch die ganze Bevölkerung an, wenn hierdurch ggf. Steuergelder ausgegeben werden.)


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