kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Wenn aus Islamisten Bildungsbürger werden 24. Oktober 2010

Filed under: Moslembrüder — Knecht Christi @ 00:05

Milli Görüs betreibt hunderte Moscheen in Mitteleuropa

Ein neues Buch präsentiert die Bewegung, allerdings aus mangelnder Distanz

 

Der deutsche Ethnologe Werner Schiffauer beschäftigt sich in seinem jüngsten Buch nicht mehr mit dem selbsternannten „Khalifen von Köln“, Metin Kaplan, sondern mit dessen Mutterorganisation Milli Görüs, neben anderen islamistischen und türkisch-nationalistischen Gruppen eine der Trägerorganisationen der Proteste gegen die israelische Militäraktion gegen die Marvi Marmari. Auch die IHH, jene islamische Hilfsorganisation, die das Schiff für die „Free Gaza“-Kampagne organisiert hatte uns wegen Verbindungen zur Hamas seit 2008 in Israel verboten wurde, stammt aus der Milli Görüs-Bewegung.

Die bereits im Titel vorweggenommene zentrale These seiner Arbeit lautet, Milli Görüs habe dem Islamismus abgeschworen und wäre als „postislamistische“ Bewegung zu einer normalen Religionsgemeinschaft geworden. Dabei hätte sie antisemitische und antidemokratische Positionen der Vergangenheit abgelegt und sich von der türkischen Mutterpartei emanzipiert. Damit wäre die Bewegung nicht zuletzt in der deutschen Gesellschaft angekommen, in der sie jetzt für einen selbstbewussten, aber eben nicht mehr politischen Islam stünde. TrägerInnen dieses Reformprozesses wäre die jüngere Generation von Milli Görüs-Funktionären gewesen, die Schiffauer als organische Intellektuelle im Sinne Gramscis (S. 158) begreift, also Intellektuelle, die in ihrem Herkunftsmilieu verankert sind, und als denkendes und organisierendes Element einer partikularen Gruppe fungieren.

Schiffauer sieht diese im islamistischen Milieu der in den 1970er-Jahren unter Necmettin Erbakan aufgebauten Milli Görüs-Bewegung verankert. Diese auch in Österreich stark vertretene Bewegung, die hier unter dem Namen Islamische Föderation auftritt und sich nach eigenen Angaben aus derzeit insgesamt 36 Vereinen und 72 Nebeneinrichtungen zusammensetzt, ist hierzulande der zweitgrößte islamische Dachverband nach der vom staatlichen türkischen Amt für Religion betrieben Türkisch Islamischen Union ATIB.

Allein in Wien unterhält Milli Görüs derzeit 18 Moscheevereine, die laut Website der Organisation insgesamt 7.200 Mitglieder umfassen. Die Bewegung ist seit 1999 mit der Liste Mosaik in der Arbeiterkammer vertreten war maßgeblich an Landtags- und Gemeinderatskandidaturen von MigrantInnenlisten in Niederösterreich beteiligt. Sie unterhält Bildungseinrichtungen und veranstaltet jährlich mit Unterstützung der Stadt Wien Großveranstaltungen, wie einen öffentlichen Koranrezitationswettbewerb und steht hinter mehren türkischen Zeitungen. Selbst eine Sektion der IHH ist in Wien unter ihrem Vorsitzenden Vahid Toy aktiv. Auch wenn Schiffauer in seiner Arbeit auf die Situation in Österreich in keiner Weise spezifisch eingeht, so ist sein Buch aufgrund der engen Anbindung der österreichischen Vereine an die Zentrale in Kerpen bei Köln trotzdem hierzulande relevant. Schiffauer, der bereits in der Vergangenheit mehrmals für Milli Görüs und gegen die Überwachung der Organisation durch den deutschen Verfassungsschutz aufgetreten ist, ist jedoch kein unparteiischer Beobachter. Schon seit einigen Jahren repetiert er immer wieder die Thesen, wonach Milli Görüs zwar durchaus über eine extremistische Vergangenheit verfüge, jedoch längst im „Postislamismus“ und damit in der Demokratie angekommen wäre. Vom Antisemitismus, Antifeminismus und der Demokratiefeindlichkeit der Gründerjahre wäre heute nichts mehr zu sehen und die extremistische Vergangenheit von Milli Görüs-Funktionären wäre ähnlich zu bewerten wie die jener verirrten Bürgerkinder der 68er-Bewegung, die mit den Grünen im bürgerlichen Mainstream gelandet sind.

Da es sich bei der jüngeren Generation von Milli Görüs -Funktionären nicht um finstere Bartträger, sondern um eloquente Bildungsbürger handelt – unter die sich auch immer mehr Bildungsbürgerinnen mischen – wird das von Schiffauer gezeichnete rosige Bild der Bewegung nur zu gern geglaubt. Tatsächliches spricht einiges für die These, dass es sich bei der Milli Görüs des 21. Jahrhunderts nicht mehr um die islamistische Massenbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre handelt. Schiffauer, dessen Buch durch seine intime Kenntnis hochrangiger Funktionäre gewinnt, schildert überzeugend die Unterschiede einer jüngeren Generation von Führungskadern, die nicht nur in der Bewegung, sondern eben auch im deutschen Bildungssystem herangewachsen sind, blendet jedoch gegenläufige Tendenzen systematisch aus. So richtig es ist, dass die aggressiv antisemitische und demokratiefeindliche Propaganda der Milli Görüs weitgehend der Vergangenheit angehört, so wenig überzeugend ist die These von der Abkopplung der europäischen Bewegung von der weit radikaleren türkischen Mutterpartei Necmettin Erbakans.

Zwar ist es richtig, dass die Spaltung der islamistischen Partei der Türkei in einen reformorientierten Flügel unter Recep Tayyip Erdogan mit der derzeit regierenden AKP und einem reaktionäreren Flügel unter Erbakans oppositioneller SP die europäische AnhängerInnenschaft der Bewegung in eine Krise stürzte. Milli Görüs blieb allerdings Erbakans SP treu. Freundliche Kontakte zur AKP und eine größere Autonomie durch die Schwäche der Mutterpartei ändern an dieser Ausrichtung wenig. Die von Schiffauer behauptete Loslösung von ihrer Mutterpartei in der Türkei bleibt Wunschdenken. Erst im April besuchte Erbakan erneut seine Anhängerschaft in Deutschland. Am 15. April 2010 trat er in Begleitung von Milli Görüs-Vorsitzendem Yavuz Çelik Karahan und dem Generalsekretär Oguz Üçüncü in Berlin auf. Rund 2000 Anhänger der Bewegung feierten mit ihrem Gründervater „Vierzig Jahre Milli Görüs“. Es folgte eine weitere Großveranstaltung im Rheinland und ein Besuch in Wien, wo er am 20. April mit der Führungsmannschaft der Islamischen Föderation um Muhammed Turhan zusammentraf. Auf ihrer Website berichtete die Islamische Föderation darüber, dass sich Erbakan „innigst für die Dienste der Islamischen Föderation in Wien“ und diese wiederum „für die einmaligen Appelle des Pioniers“ bedankte und über ihre Aktivitäten berichtet habe.

So interessant die geradezu intime Nähe Schiffauers zu den Funktionären der Milli Görüs ist, so sehr liest sich sein Buch nach einer Selbstdarstellung der Bewegung. Schiffauer, der selbst immer wieder auf Veranstaltungen von Milli Görüs auftritt, scheint nicht mehr über die notwendige Distanz zu verfügen, die Selbstdarstellung der Funktionäre kritisch zu hinterfragen. Sein Buch wird dadurch nicht weniger interessant, erhält aber eher den Charakter einer Originalquelle aus der Feder eines Sympathisanten, denn einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung über eine sich im Wandel befindliche Massenbewegung des Politischen Islam.

Thomas Schmidinger – Werner Schiffauer: „Nach dem Islamismus – Eine Ethnographie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ – 391 Seiten – edition suhrkamp, 2010 – ISBN: 978-3-518-12570-0 – Preis: € 15,50 – leicht gekürzt erschienen in Falter 25/2010, S. 20

 

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