kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Die falschen Götter stürzen 18. Oktober 2010

Filed under: Spiritualität — Knecht Christi @ 06:47

Im Wortlaut die in freier Rede gehaltene Meditation von Papst Benedikt XVI. während der ersten Sitzung der Bischofssynode für den Nahen Osten

 

Vatikan (kath.net/DT): Die freie Meditation von Papst Bendikt XVI., welche immer mehr Synodenväter zum Mitschreiben veranlasste und über die auch kath.net berichtet hat, ist hier im Wortlaut nachzulesen (aus der Tagespost vom 16.10.2010).

Liebe Brüder und Schwestern!

Am 11. Oktober 1962, vor achtundvierzig Jahren, hat Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Am 11. Oktober wurde damals das Fest der Gottesmutterschaft Marias gefeiert, und mit dieser Geste, mit diesem Datum, wollte Papst Johannes das ganze Konzil den mütterlichen Händen, dem mütterlichen Herzen der Gottesmutter anvertrauen. Auch wir beginnen an einem 11. Oktober, auch wir wollen diese Synode mit allen ihren Problemen, mit allen ihren Herausforderungen und mit allen ihren Hoffnungen dem mütterlichen Herzen der Gottesmutter anvertrauen. Pius XI. hatte dieses Fest 1931 eingeführt, eintausendfünfhundert Jahre nach dem Konzil von Ephesus, das für Maria den Titel „Theotókos“, „Dei Genitrix“ für rechtmäßig erklärt hatte. In diesem großen Wort „Dei Genitrix“, „Theotókos“, hatte das Konzil von Ephesus die gesamte Lehre über Christus, über Maria, die ganze Erlösungslehre zusammengefasst. Daher lohnt es sich, einen Moment lang über das nachzudenken, worüber das Konzil von Ephesus spricht, das, worüber es an diesem Tag spricht.

Gott ist aus sich herausgegangen

Im Grunde ist „Theotókos“ ein kühner Titel. Eine Frau ist die Mutter Gottes. Man könnte sagen: wie ist das möglich? Gott ist ewig, er ist der Schöpfer. Wir sind Geschöpfe, wir leben in der Zeit: wie könnte ein menschliches Wesen die Mutter Gottes, des Ewigen sein, da wir doch alle in der Zeit leben, alle Geschöpfe sind? Daher ist es verständlich, dass es zum Teil starken Widerstand gegen diesen Begriff gab. Die Nestorianer sagten: von „Christotókos” kann man sprechen, ja, aber nicht von „Theotókos“: „Theós“, Gott, ist größer, geht über die Ereignisse der Geschichte hinaus. Doch das Konzil hat es beschlossen und gerade so das Abenteuer Gottes herausgestellt, die Größe dessen, was er für uns getan hat. Gott ist nicht in sich geblieben: er ist aus sich herausgegangen, er hat sich so sehr, so radikal mit diesem Menschen vereint, mit Jesus, dass dieser Mensch Jesus Gott ist, und wenn wir von ihm reden, können wir immer auch von Gott reden. Es ist nicht nur ein Mensch geboren, der etwas mit Gott zu tun hatte, sondern in ihm ist Gott auf Erden geboren.

Gott ist aus sich herausgegangen. Doch wir können auch das Gegenteil sagen: Gott hat uns in sich hineingezogen, so dass wir nicht mehr außerhalb Gottes sind, sondern im Inneren, im Innersten Gottes selbst sind.

Die aristotelische Philosophie sagt uns, wie wir wissen, dass es zwischen Gott und dem Menschen nur eine nicht wechselseitige Beziehung gibt. Der Mensch bezieht sich auf Gott, aber Gott, der Ewige, ist in sich, er verändert sich nicht: er kann nicht heute diese und morgen eine andere Beziehung haben. Er existiert in sich, er hat keine Beziehung „ad extra“, er hat keine Beziehung zu mir. Das ist eine logische Aussage, aber eine Aussage, die uns verzweifeln lässt.

Mit der Fleischwerdung, mit dem Ereignis der „Theotókos“ hat sich das radikal verändert, da Gott uns in sich selbst hineingezogen hat, und Gott in sich selbst Beziehung ist und uns an seiner inneren Beziehung teilhaben lässt. So sind wir in seinem Vater-, Sohn- und Heiliger Geist-Sein, sind wir im Inneren seines In-Beziehung-Seins, sind wir in Beziehung mit ihm und hat er wirklich Beziehung zu uns geschaffen. In jenem Moment wollte Gott von einer Frau geboren werden und gleichzeitig er selbst sein: das ist das große Ereignis. Und so können wir die Tiefe der Geste von Papst Johannes verstehen, der die Konzilsversammlung dem zentralen Geheimnis, der Mutter Gottes anvertraute, die vom Herrn in sich selbst hineingezogen wird, und so wir alle mit ihr. Das Konzil hat mit dem Bild der „Theotókos“ begonnen. Am Ende erkennt Papst Paul VI. eben der Muttergottes den Titel „Mater Ecclesiae“ zu. Und diese beiden Bilder, mit denen das Konzil begonnen und beendet wird, sind zutiefst miteinander verbunden, sind am Ende ein einziges Bild.

Weil Christus nicht wie ein Individuum unter anderen geboren wurde. Er wurde geboren, um sich einen Leib zu schaffen: er wurde geboren – wie Johannes im zwölften Kapitel seines Evangeliums sagt –, um alle zu sich und in sich zu ziehen. Er wurde geboren – wie es in den Briefen an die Kolosser und an die Epheser heißt –, um die ganze Welt zu vereinen, er wurde als Erstgeborener vieler Brüder und Schwestern geboren, er wurde geboren, um den Kosmos in sich zusammenzufassen, so dass er das Haupt eines großen Leibes ist.

Wo Christus geboren wird, beginnt die Bewegung der Vereinigung, beginnt der Moment der Berufung, des Aufbaus seines Leibes, der heiligen Kirche. Die Mutter des „Theós“, die Mutter Gottes, ist die Mutter der Kirche, weil sie die Mutter dessen ist, der gekommen ist, um uns alle in seinem auferstandenen Leib zu vereinen. Der heilige Lukas gibt uns das durch die Parallelität zwischen dem ersten Kapitel seines Evangeliums und dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte zu verstehen, die dasselbe Geheimnis auf zwei Ebenen wiederholen. Im ersten Kapitel des Evangeliums kommt der Heilige Geist über Maria und bringt auf diese Weise den Sohn Gottes hervor und schenkt ihn uns. Im ersten Kapitel der Apostelgeschichte ist Maria in der Mitte der Jünger Jesu, die alle gemeinsam beten und um die Wolke des Heiligen Geistes bitten. Und so entsteht aus der gläubigen Kirche, mit Maria in ihrer Mitte, die Kirche, der Leib Christi. Diese zweifache Geburt ist die einzige Geburt des „Christus totus“, des Christus, der die Welt und uns alle umfasst.

Geburt in Bethlehem, Geburt im Abendmahlssaal. Geburt des Jesuskindes, Geburt des Leibes Christi, der Kirche. Das sind zwei Ereignisse oder ein einziges Ereignis. Doch zwischen diesen beiden stehen das Kreuz und die Auferstehung. Und nur durch das Kreuz erfolgt der Weg zur Ganzheit Christi, zu seinem auferstandenen Leib, zur allumfassenden Verbreitung seines Seins in der Einheit der Kirche. Und so, wie nur aus dem Weizenkorn, das in die Erde fällt, die große Ernte hervorgeht, kommt aus dem Herrn, der am Kreuz durchbohrt wurde, die Universalität seiner in diesem seinem Leib, der gestorben und auferstanden ist, vereinten Jünger hervor. Unter Berücksichtigung dieses Zusammenhangs zwischen „Theotókos“ und „Mater Ecclesiae“ richtet sich unser Blick auf das letzte Buch der Heiligen Schrift, auf die Offenbarung, wo im zwölften Kapitel eben diese Synthese aufgeführt wird. Die mit der Sonne bekleidete Frau, mit zwölf Sternen auf dem Haupt und dem Mond unter ihren Füßen, kommt nieder. Und sie kommt nieder mit einem Schmerzensschrei, sie gebiert unter großen Schmerzen. Hier ist das marianische Geheimnis, das auf das kosmische Geheimnis hin ausgeweitete Geheimnis von Bethlehem. Christus wird immer von neuem in allen Generationen geboren und nimmt so die Menschheit an, nimmt sie in sich auf. Und diese kosmische Geburt wird verwirklicht im Schrei am Kreuz, im Schmerz der Passion. Und zu diesem Schrei am Kreuz gehört das Blut der Märtyrer.

Das Blut der Märtyrer verwandelt die Welt

So können wir in diesem Moment einen Blick auf den zweiten Psalm dieser mittleren Hore werfen, Psalm 81, wo ein Teil dieses Prozesses sichtbar wird. Gott steht unter den Göttern, die in Israel noch als Götter betrachtet werden. In diesem Psalm wird in einer äußerst konzentrierten Form, in einer prophetischen Vision die Entmachtung der Götter sichtbar.

Diejenigen, die Götter schienen, sind keine Götter und verlieren ihren göttlichen Charakter, sie stürzen. „Dii estis et moriemini sicut homines“ (vgl. Ps 82 [81], 6-7): die Entmachtung, der Sturz der Götter. Dieser Prozess, der im Laufe des langen Glaubensweges Israels erfolgt und der hier in einer einzigen Vision zusammengefasst wird, ist ein wahrer Prozess der Religionsgeschichte: der Sturz der Götter. Und so ist die Verwandlung der Welt, die Erkenntnis des wahren Gottes, die Entmachtung der Mächte, die die Erde beherrschen, ein schmerzhafter Prozess. In der Geschichte Israels sehen wir, wie diese Befreiung vom Polytheismus, diese Erkenntnis – „nur er ist Gott“ – sich unter vielen Schmerzen verwirklicht, angefangen vom Weg Abrahams, dem Exil, den Makkabäern, bis hin zu Christus.

Und in der Geschichte hält dieser Prozess der Entmachtung an, über den die Offenbarung im zwölften Kapitel spricht; sie spricht vom Fall der Engel, die keine Engel, keine Götter auf der Erde sind. Und er wird gerade in der Zeit der entstehenden Kirche Wirklichkeit, wo wir sehen, wie mit dem Blut der Märtyrer die Götter entmachtet werden, alle diese Gottheiten, angefangen beim göttlichen Kaiser. Es ist das Blut der Märtyrer, der Schmerz, der Schrei der Mutter Kirche, der sie stürzen lässt und so die Welt verwandelt.

Dieser Sturz ist nicht nur die Erkenntnis, dass sie nicht Gott sind. Es ist der Prozess der Verwandlung der Welt, der mit Blut bezahlt wird, der mit dem Leiden der Zeugen Christi bezahlt wird. Und wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass dieser Prozess niemals zu Ende ist. Er verwirklicht sich in verschiedenen Zeiträumen der Geschichte auf immer neue Weise. Auch heute, in diesem Moment, in dem Christus, der einzige Sohn Gottes, geboren werden muss für die Welt durch den Sturz der Götter, durch das Leid, das Martyrium der Zeugen.

Denken wir an die großen Mächte der heutigen Geschichte, denken wir an das anonyme Kapital, das den Menschen versklavt, das nichts zum Menschen gehörendes mehr ist, sondern eine anonyme Macht, der die Menschen dienen, von dem die Menschen gequält und sogar zerstört werden. Es handelt sich um eine zerstörerische Macht, die die Welt bedroht.

Und dann die Macht der terroristischen Ideologien. Scheinbar im Namen Gottes wird Gewalt verübt, doch es ist nicht Gott: es sind falsche Götter, die entlarvt werden müssen, die nicht Gott sind. Und dann die Drogen, diese Macht, die wie eine gefräßige Bestie ihre Klauen auf alle Teile der Erde ausstreckt und Zerstörung bringt: sie sind eine Gottheit, aber eine falsche Gottheit, die stürzen muss. Oder auch die von der öffentlichen Meinung propagierte Lebensweise: heute macht man das so, die Ehe zählt nichts mehr, die Keuschheit ist keine Tugend mehr und so weiter. Diese herrschenden Ideologien, die sich mit Macht aufdrängen, sind Götter. Und im Schmerz der Heiligen, im Schmerz der Gläubigen, der Mutter Kirche, zu der wir gehören, müssen diese Götter stürzen, muss sich das verwirklichen, was die Briefe an die Kolosser und an die Epheser sagen: die Herrschaften, die Mächte stürzen und werden Untertanen des einen Herrn Jesus Christus. Über diesen Kampf, in dem wir uns befinden, über diese Entmachtung der Götter, über diesen Sturz der falschen Götter, die stürzen, weil sie keine Götter sind, sondern Mächte, die die Welt zerstören, spricht die Offenbarung im zwölften Kapitel – ebenfalls mit einem geheimnisvollen Bild, für das es jedoch, so scheint mir, verschiedene schöne Interpretationen gibt. Es heißt, dass der Drache der fliehenden Frau einen Strom von Wasser hinterherschickt, der sie fortreißen soll. Und es scheint unabwendbar, dass die Frau in diesem Strom umkommt. Doch die gute Erde verschlingt diesen Strom, und er kann keinen Schaden mehr anrichten.

Die Kraft der Kirche ist der Glaube der Einfachen

Ich denke, dass der Strom leicht zu deuten ist: es handelt sich um jene Strömungen, die alle beherrschen und die den Glauben der Kirche verschwinden lassen wollen, für den kein Platz mehr zu sein scheint vor der Macht dieser Strömungen, die sich als einzige Vernünftigkeit aufdrängen, als einzige Lebensweise. Und die Erde, die diese Strömungen absorbiert, ist der Glaube der einfachen Menschen, der sich nicht von diesen Strömen fortreißen lässt, und die Mutter rettet und den Sohn rettet. Daher heißt es im Psalm, im ersten Psalm der mittleren Hore: „Der Glaube der einfachen Menschen ist die wahre Weisheit“ (vgl. Ps 118,130).

Diese wahre Weisheit des einfachen Glaubens, der sich nicht von den Strömen verschlingen lässt, ist die Kraft der Kirche. Und so sind wir wieder beim marianischen Geheimnis angelangt. Und es gibt noch ein letztes Wort im Psalm 81: „Movebuntur omnia fundamenta terrae“ (Ps 82 [81], 5), alle Grundfesten der Erde wanken. Das sehen wir heute, mit den klimatischen Problemen, wie die Grundfesten der Erde bedroht sind, doch sie werden durch unser Verhalten bedroht.

Die äußeren Grundfesten wanken, weil die inneren Grundfesten wanken, die moralischen und die religiösen Fundamente, der Glaube, aus dem sich die rechte Art zu leben ergibt. Und wir wissen, dass der Glaube das Fundament ist, und dass schließlich die Grundfesten der Erde nicht wanken können, wenn der Glaube fest bleibt, die wahre Weisheit. Und dann sagt der Psalm: „Erheb dich, Gott, und richte die Erde“ (Ps 82 [81], 8). So sagen auch wir zum Herrn: „Erheb dich, in diesem Moment, nimm die Erde in deine Hände, beschütze deine Kirche, beschütze die Menschheit, beschütze die Erde“. Und vertrauen wir uns erneut der Mutter Gottes an, Maria, und bitten wir: „Du, die große Glaubende, du, die du die Erde dem Himmel geöffnet hast, steh uns bei, öffne auch heute die Türen, damit die Wahrheit siegreich sei, der Wille Gottes, der das wahre Gute ist, das wahre Heil der Welt“. Amen.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

 

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