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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Sarrazin-Debatte: Ein Buch trifft ins Schwarze 12. Oktober 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 03:39

Anstatt über Sarrazins Thesen zu diskutieren, erteilt die regierende Klasse dem Autor ein politisches Berufsverbot

 

Der Psychoanalytiker könnte von der repeat performance sprechen, einer zwanghaft wiederholten Realitätsverweigerung. Das ist jedenfalls der Eindruck, der sich in letzter Zeit öfters angesichts des Verhaltens der politischen Klasse in der Bundesrepublik aufdrängt. Als der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck im Oktober 2006 auf die Problematik der deutschen „Unterschichten“ hinwies, übertrafen sich Repräsentanten der politischen Klasse, und zwar unisono von rechts bis links, prompt mit der geradezu reflexartigen Behauptung, Unterschichten gäbe es im Land der Sozialpartnerschaft doch gar nicht mehr.

Das war ein schlechterdings verblüffend bizarres Fehlurteil, denn alle menschlichen Gesellschaften besitzen eine hierarchische Ordnung, kennen Oben und Unten. Die Bundesrepublik ist selbstverständlich keine Ausnahme. Aus den drei umfangreichen Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung hätte jeder im Chor der Beck-Kritiker die konkrete Realität der überaus stabilen Unterschichten mühelos entnehmen können, anstatt ihre Existenz zu leugnen. (Der mühsame Anlauf, diese Existenz mit dem neuartigen Begriff der „Prekarität“ zu retten, scheiterte an der nicht durchsetzungsfähigen Künstlichkeit dieses Wortes.) Entschiedener Widerspruch wurde zwar mit durchschlagenden Argumenten sofort geäußert (ZEIT Nr. 48/06). Doch keiner von den Verteidigern der Fiktion des Landes ohne Unterschichten fand sich öffentlich zu einer Korrektur seines irritierenden Irrtums bereit.

Noch eklatanter und folgenreicher wirkt die Blockade, mit der exponierte Persönlichkeiten dieser politischen Klasse auf Thilo Sarrazins umstrittenes Buch Deutschland schafft sich ab mit einer geradezu klassischen Diskussionsverweigerung reagiert haben. Noch ehe das Buch überhaupt vom Verlag ausgeliefert worden war, äußerten sie – Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Bundesbankpräsident und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel an der Spitze – allein aufgrund des schlanken Vorabdrucks in einigen Presseorganen (ohne zu fragen, wer, bitte schön, dort nach welchen Kriterien diese Passagen ausgesucht hat) ihre schneidende Kritik.

Über Nacht tauchte auch der Ruf nach der Entlassung Sarrazins aus dem Bundesbankvorstand im Stil eines politischen Berufsverbots auf, noch ehe seine Argumente überhaupt einer kritischen Prüfung unterzogen werden konnten. Immerhin mussten doch 463 Seiten eines nicht immer leicht verständlichen Textes, ergänzt durch das Beweismaterial zahlreicher Statistiken, erst einmal gelesen werden. Die voreilig geäußerte vernichtende Kritik sollte offenbar bereits im Vorfeld dieser Anstrengung schon so vehement intervenieren, dass im Grunde jede ruhige Diskussion abgewürgt wurde. Das war im Kern eine von politischen Machtträgern derart massiv vorgetragene Attacke gegen die Meinungsfreiheit und das von offener Diskussion zehrende Gemeinwesen, wie sie die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten noch nicht erlebt hat. Insofern handelt es sich bei dieser Debatte in der Tat auch um die Grenzen von Freiheitsrechten.

Ungeachtet dieses Blockadeunternehmens sind von Sarrazins Buch innerhalb weniger Wochen bis Anfang Oktober 1,1 Millionen Exemplare verkauft worden. Bis Weihnachten könnten daraus zwei Millionen werden. Multipliziert man diese Zahl mit dem bewährten Leserkoeffizienten von 12 pro Exemplar, könnten etwa 24 Millionen Leser dank mehr oder minder intensiver Lektüre mit dem Inhalt dieses Buches in Berührung kommen. Eine solche explosive Bestsellerbewegung hat es bisher in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Auf dieses aufgestaute Interesse wird die politische Klasse reagieren müssen, wie sich das inzwischen an Sigmar Gabriels neuer Forderung nach einer entschiedeneren Integrationspolitik bis hin zur Ausweisung von Integrationsunwilligen und Hasspredigern ablesen lässt.

Zweifellos finden sich in Sarrazins Buch nicht gerade wenige strittige Thesen oder steile Interpretationsversuche, die Widerspruch und Auseinandersetzung verlangen – und nach der Auffassung des Autors hier auch auslösen sollen. Da ich von Genetik überhaupt keine ernsthaft belastbaren Kenntnisse besitze, würde ich mich nie auf Befunde verlassen, die man sich als Laie aus dieser Wissenschaft borgen kann, ohne sie selbstständig kontrollieren zu können. Das wird auf die allermeisten Leser ebenfalls zutreffen. Für eine stringente Argumentation, wie sie auch Sarrazin verlangt, reicht es meines Erachtens völlig aus, sich auf den Einfluss soziokultureller und politischer Faktoren zu stützen.

Dann gerät man jedenfalls nicht auf das Glatteis, sich auf die vermeintlich gesicherte erbbiologische These zu verlassen, dass Intelligenz zu „50 bis 80%“ (übrigens eine riesige Differenz) vererbt werde. Dann gerät man nicht auf den Irrweg, intelligente Menschen durch eine sozialdarwinistische Bevölkerungspolitik geradezu züchten zu wollen. (Auch Sarrazin weiß doch, dass solche Zuchtverfahren gerade in Deutschland seit der Erfahrung mit der NS-Diktatur, die auf diese Weise ihr Ziel der „Rasse-Reinheit“ erreichen wollte, zu Recht auf schroffe Ablehnung treffen – ergo auch die Erörterung seiner zahlreichen anderen Argumente erschweren) Dann gerät man nicht in die Fallgrube, bisher bildungsfernen Bevölkerungsschichten, zum Beispiel Migranten, einen stabil niedrigen, vererbten IQ zu unterstellen.

Gerade die deutschen Reformuniversitäten mit ihrer unabweisbaren regionalen Anziehungskraft haben doch seit den siebziger Jahren bewiesen, dass zahlreiche Talente aus dem riesigen Pool großer Familien, in denen bisher nicht studiert worden war, herausgezogen und an die Spitze befördert werden konnten. Kein Mensch weiß, welche Rolle vererbte Intelligenz dabei gespielt hat, das neue bildungspolitische Förderungsangebot gab offenbar den Ausschlag. Hätte Sarrazin, anfangs ein vielversprechender Wirtschaftshistoriker, solche Erfahrungen an Universitäten selber machen können, anstatt in seinem Berufsleben als hochkarätiger Verwaltungsfachmann in der abgeschotteten Welt der hohen Bürokratie zu verbringen, hätte er das Intelligenz- und Aufstiegsproblem vermutlich elastischer beurteilt.

Und dennoch: Allein mit der Kritik an echten und vermeintlichen Schwachpunkten von Sarrazins Buch ist es offensichtlich nicht getan. Die intensive Massenresonanz verdankt sich nämlich nicht an erster Stelle der Faszination für Erbbiologie und Intelligenzforschung, auch wenn Sarrazins Zuneigung deren angeblich ehernen Daten gehört. Vielmehr speichert das Buch mehrere wichtige Probleme. Eine unbefangene, wohlberatene, kluge Diskussion hätte sich längst auf solche lohnenden Kritikpunkte konzentriert. Warum wird das Kapitel über soziale Ungleichheit (47 Seiten) nicht von allen Parteien endlich freimütig diskutiert? Warum wird das Kapitel über Bildungspolitik (67 Seiten) nicht erörtert? Warum wird das Kapitel über die demografische Entwicklung (60 Seiten), über die sich Biedenkopf, Miegel, Birg und andere Bevölkerungswissenschaftler seit Jahrzehnten die Finger vergeblich wund schreiben, nicht endlich auf die Diskussionsagenda gesetzt? Provozierend genug sind Sarrazins Befunde doch allemal formuliert. Das Zuwanderungskapitel (75 Seiten), in dem intellektuell und emotional die schärfste Kritik, der brisanteste Sprengstoff stecken, braucht sich nicht um mehr Aufmerksamkeit zu bemühen.

Ein Buch trifft ins Schwarze: Das leidenschaftliche Reformplädoyer eines Sozialdemokraten! Offenbar hat Sarrazin insofern ins Schwarze getroffen, als er weitverbreitete Befürchtungen zugespitzt artikuliert und damit einen verblüffenden Widerhall ausgelöst hat. Auch hier gilt, dass nicht wenige Argumente hieb- und stichfest formuliert und die statistischen Befunde schwer zu widerlegen sind. Jahrzehntelang hat die deutsche Einwanderungspolitik nicht auf Qualifikation, Sprachkenntnisse, Integrationswilligkeit geachtet, ganz im Gegensatz zu klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien. Millionen wurden ohne Abwägung der sozialen Kosten gemäß der Maxime „Privatisierung der Gewinne“ importiert.

Jetzt steht unabweisbar die „Sozialisierung der Verluste“ an, die nur in Milliardenhöhe kalkuliert werden können. Anstatt die Zuwanderungsprobleme endlich ohne Scheu zu diskutieren, verstecken sich bisher die meisten Kritiker hinter der hohen Mauer ihrer Einwände gegen Sarrazins Rückgriff auf die Erbbiologie. Wer hat schon seine Sorgen im Hinblick auf die Zukunft der deutschen Gesellschaft bereitwillig anerkannt, wer für Sarrazins Kritik an schwerwiegenden Versäumnissen Verständnis geäußert, wer die Lesefreudigkeit eines Bildungsbürgers geschätzt, wer das Reformplädoyer eines geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten gewürdigt?

Die Diskussion über Sarrazins Buch muss endlich in einem anderen Stil geführt werden: pointiert zwar in der Kritik, aber auch offen für die Erörterung bisher verdrängter Probleme – nicht zuletzt deshalb, um der Massenresonanz nicht weiter so ratlos gegenüberzustehen (als ob neu entflammter Fremdenhass dafür eine Universalerklärung abgäbe). Nach dem Eklat um die Leugnung von Unterschichten und nach der realitätsverweigernden Fehlsteuerung der ersten Phase der Sarrazin-Diskussion verdient es die zweite Phase, dass in freier Meinungsäußerung möglichst alle angeschnittenen Probleme mit pragmatischer Liberalität und frischer Aufgeschlossenheit erörtert werden. {Quelle: Zeit online: Fredrik von Erichsen – Sarrazin ist überall – auch auf der Frankfurter Buchmesse}

 

Sarrazin fühlt sich vom politischen Establishment verfolgt

Der zurückgetretene Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) fühlt sich nach dubiosen Äußerungen über fehlende Intelligenz und mangelnden Integrationswillen bei Türken und Arabern sowie über jüdische Gene vom „politischen Establishment“ verfolgt. „Ich bin beileibe kein Konspirationstheoretiker, aber mittlerweile habe ich wirklich den Eindruck, dass mich das politische Establishment systematisch bürgerlich vernichten wollte. Mich meiner Ehre berauben“, sagte der frühere Berliner Finanzsenator der Zeitung „Welt am Sonntag“.

„Bucherfolg kam unerwartet“: Der Autor des Buches „Deutschland schafft sich ab“ kritisierte auch das Verhalten türkischstämmiger Fans während des Fußballspiels Deutschland-Türkei am Freitagabend in Berlin. „Interessant ist natürlich, für wen die Neuköllner und Kreuzberger Türken jubeln“. Von den 50.000 Türken im Stadion seien 40.000 Deutsch-Türken, „die mit der Türkei die falsche Mannschaft unterstützen, wenn sie Deutsche sein oder werden wollen“, sagte Sarrazin. Er hob hervor, selbst davon überrascht zu sein, dass sein Buch ein solcher Bestseller geworden ist. „Der Verlag hatte zunächst 25.000 gedruckt. Der Verkaufserfolg kam für mich völlig unerwartet. Das Finanzamt hat sich jedenfalls schon bei mir gemeldet“, sagte Sarrazin. {Quelle: http://www.themen.t-online.de – Thilo Sarrazin steht seit der Veröffentlichung seines Buches zur Integration in Deutschland in der Kritik}

 

Die türkische Autorin Necla Kelek verteidigt Sarrazins Werk

Gersthofen: Autorin Necla Kelek stellte im Ballonmuseum ihr Buch „Himmelsreise – Mein Streit mit den Wächtern des Islam“ vor und brachte selbst erlebte Beispiele, die zeigten, wie es Mädchen und Frauen im islamgeprägten Alltag ergeht.

Mit vierzehn kamen ihre Schwägerin sowie zwei Nachbarinnen zu ihr nach Hause, um ihr zu zeigen, wie man eine reine, haarlose Muslimin wird. Mit Wachs wurde sie am ganzen Körper enthaart, so dass sie vor Schmerzen schrie. Darauf sprachen die Frauen zu ihr: „Es ist kein Zuckerschlecken, eine Frau zu sein … aber das alles ist nichts gegen den Schmerz, den du auszustehen hast, wenn du gebärst. An diesem Tag rächt sich Allah an der Frau“.

Die Autorin erzählte, wie sie mit 18 Jahren das erste Mal eine Bratwurst aß und fürchtete, dass sich beim Essen die Erde auftun und sie verschlingen würde. Als dies nicht eintrat, ahnte sie, dass es mit anderen Dingen, womit man ihr als Kind Angst und Schrecken eingejagt hatte, ähnlich sein könnte. Kinder würden mit Mitteln der Drohung, verbaler und körperlicher Gewalt zu einem Kollektivwesen erzogen, klagt die Islamkritikerin an. Sie spricht von einem Teil türkischer Migranten, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben und dennoch nie heimisch würden, weil sie die Integration in die hiesige Gesellschaft der Ungläubigen und Unreinen verweigern würden.

Gül Solgun-Kaps stellte als Pädagogin die Frage, wie man muslimischen Eltern erklären kann, dass Schwimmunterricht und der Schulbesuch wichtig sind, wenn in der Islamkonferenz festgelegt wurde, dass die Religionsfreiheit über dem Bildungsrecht stehe. Kelek antwortete, dass die islamischen Verbände sich diesen Fragen stellen müssen, wie sie ihren Islam leben wollen. Was aber nicht geschehe. Die Verbände würden die Anforderungen, die im Namen des Islam für die eigenen Kinder gefordert werden, nicht überprüfen und begründen. Die Verantwortung legt Kelek nicht in die Hände der deutschen Gesellschaft, sondern fordert von säkularen Muslimen in Deutschland, dass sie sich dieser Probleme annehmen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die islamische Gesellschaft die kritische Auseinandersetzung brauche.
Welche Verantwortung tragen Muslime selbst?

Auf die Frage von Helmut Gieber, ob sie tatsächlich so ein glühender Fan von Sarrazin sei, erwiderte sie: „So würde ich mich nicht sehen. Ich begrüße, dass jemand so ein Buch geschrieben hat und eine andere Perspektive, die ich immer sehr vermisst habe, einfach wagt. Und zwar zu fragen, welche Verantwortung tragen Muslime für ihre eigene Situation“.

Kelek möchte, dass der Staat und der gesellschaftliche Rahmen neutral sind. Man müsse vom Staat vor Religion und Aberglauben geschützt sein. „Warum konnte sich das Christentum reformieren und anpassen, während es dem Islam aber nicht gelingt?“, fragte eine Frau aus dem Publikum. Die Autorin gab zu bedenken, dass sich der Islam weit vor dem Christentum, nämlich im 9./10. Jahrhundert des europäischen Gedankens angenommen hatte, der Islam sich seit dem 11. Jahrhundert dem Gedanken aber verschlossen habe. Insofern kritisiert sie den Bundespräsidenten: „Der Islam ist seit dem 11. Jahrhundert kein Teil Europas. Sie haben eine andere Idee, ein anderes Gesellschaftsmodell gelebt und entwickelt und das verteidigen sie gegenüber den Europäern. Da kann ich nicht sagen, dass sie ein Teil Europas sind. Sie können es werden, aber sind es noch nicht.“ Starker Applaus und Zustimmung gab es im Publikum. {Quelle: Augsburger Allgemeine – Von Diana Deniz}

 

One Response to “Sarrazin-Debatte: Ein Buch trifft ins Schwarze”

  1. Bert Engel Says:

    Wer das Buch von Sarrazin wirklich gelesen hat, muss feststellen, dass wir von unserer Regierung verraten und verkauft werden. Eigentlich sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre aller unserer Politiker verordnet werden. Doch leider wird in diesen Kreisen die Wahrheit als Zumutung betrachtet und sie glauben tatsächlich, dass wir all die Lügen nicht erkennen…
    Daher wohl auch das Entsetzen über den Erfolg von Herrn Sarrazin…


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