kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Christliches Leben und Zeugnis im Orient 11. Oktober 2010

Filed under: Christenverfolgung — Knecht Christi @ 01:58

Die am Sonntag in Rom beginnende Nahost-Synode nimmt die höchst unterschiedliche Lage der Christen in den Ländern der Bibel in den Blick.

 

Würzburg (kath.net/Tagespost): Wer von den Christen im Nahen Osten spricht, gerät immer in die Gefahr falscher Vereinheitlichungen und Simplifizierungen. Einerseits nämlich ist der „Nahe Osten“ ein Sammelbegriff für arabisch, türkisch, iranisch oder jüdisch dominierte Gesellschaften, für säkulare wie religiöse Systeme. Andererseits sind „die Christen“ alles andere als eine Einheit, sondern zergliedert in unterschiedliche liturgische, rechtliche und doktrinelle Traditionen. Selbst die arabischen Christen sind zwar geeint durch ihre Sprache, aber getrennt in Konfessionen und Riten. In der Liturgie bieten sie einen breiten Fächer aus griechischer, syrischer, koptischer, armenischer und lateinischer Tradition, eine Vielfalt, die die „Lineamenta“ der am Sonntag beginnenden Nahost-Synode ausdrücklich als „wunderbaren Reichtum und Ergänzung“ würdigten. Gleichwohl übersahen auch die Autoren der Vorbereitungspapiere der Synode nicht die tragische Neigung zum Konfessionalismus, zur Selbstisolierung und schließlich zum Rückzug in ein geistiges und soziales Getto: Der „Geist der Rivalität zerstört uns“.

Insgesamt gilt in den Ländern des Nahen Ostens Religionsfreiheit vor allem als Kultusfreiheit, also als rituelle, liturgische und auch ethische Ausübung des Glaubens, in den man hineingeboren ist, nicht aber als missionarisch-werbende Bekenntnisfreiheit oder als Gewissensfreiheit, was den Glaubenswechsel einschließen würde. Dennoch ist die praktische wie die rechtliche Lage in den höchst unterschiedlichen Ländern des Orient sehr verschieden.

Die Schwächsten der Schwachen im Irak: Besonders dramatisch ist die Lage der Christen in Mesopotamien. Alle Iraker seien zu Opfern des Krieges geworden, betonen die Lineamenta, doch hätten es die Christen des Landes als „kleinste und schwächste unter den Gemeinschaften“ besonders schwer. Im kurdisch regierten Norden können sich die Christen trotz vieler Probleme noch halten, doch im schiitischen Süden, der ursprünglichen Heimat Abrahams, sind sie seit dem Einmarsch der Amerikaner 2003 fast völlig verschwunden. Insgesamt leben heute weniger als 350 000 Christen, mehrheitlich mit Rom unierte Chaldäer, unter 29 Millionen Menschen im Irak. Sie sind ständig bedroht von Terror, Entführungen und Erpressungen.

Die Christen würden unter starken Druck gesetzt, zum Islam zu konvertieren, berichtet der katholische Erzbischof von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman: „Häufig werden sie an der Universität, in der Schule und auf ihrem Arbeitsplatz von einem Kameraden, einem Proselytenmacher, provoziert, der sie vor dem Feuer der Hölle warnt. Genau wie die alte, so schreibt auch die neue irakische Verfassung vor, dass Kinder, von denen ein Elternteil Muslim ist, Muslime sind“. Der vom Westen begonnene Krieg habe die arabischen Christen „zwar die ihnen von Muslimen entgegengebrachten Sympathien gekostet, ihnen aber im Gegenzug keinerlei neue Unterstützung“ gebracht, so der Erzbischof. Unter den Augen von US-Präsident George W. Bush und der von den USA geführten Besatzungstruppen wurde in der Verfassung von 2005 festgeschrieben: „Kein Gesetz kann verabschiedet werden, das mit dem islamischen Recht in Konflikt steht“. (Artikel 2,1). Jene Christen, die aus dem Land an Euphrat und Tigris geflohen sind, die Mehrzahl nach Syrien und Jordanien, werden wohl kaum jemals zurückkehren.

Bewegungsfreiheit im diktatorischen Syrien: In Syrien kommt den rund neun Prozent der Bevölkerung stellenden Christen der säkulare Charakter des Staates sehr zugute. Einer der Gründer der diktatorisch herrschenden Baath-Partei war der Christ Michel Aflaq. Präsident Bashar al-Assad gehört der islamischen Minderheit der Alawiten (12 Prozent) an, weshalb islamistische Strömungen in der sunnitischen Mehrheit seit der Machtübernahme seines Vaters Hafiz 1970 mit harter Hand niedergehalten werden. Militär und Geheimdienste sichern die Säkularität des Staates. Die Verfassung garantiert die Freiheit des Glaubens und der Religionsausübung ausdrücklich. In Syrien gibt es islamischen wie christlichen Religionsunterricht in den Schulen. Der Staat stellt den Grund für den Bau von Moscheen und Kirchen zur Verfügung. Christen werden in der Schule, an der Universität oder beim Militär nicht benachteiligt. Es gibt Christen in der Regierung und in hohen Positionen der Baath-Partei. Von religiöser Diskriminierung kann man im Erb- und Eherecht sprechen: So muss ein Christ, der eine Muslimin heiraten möchte, zum Islam übertreten, während ein Muslim eine Christin problemlos heiraten kann.

Knapp die Hälfte der rund 1,6 Millionen Christen bekennt sich zur griechisch-orthodoxen Kirche des Patriarchats von Antiochia, jeweils rund 15% zur armenisch-apostolischen, zur melkitischen (griechisch-katholischen) und zur syrisch-orthodoxen Kirche. Kleinere Minderheiten bilden die Syrisch-Katholischen, die Armenisch-Katholischen, die Chaldäer und die Maroniten. Elf christliche Konfessionen mit neun Bischöfen residieren etwa in Aleppo. In Syrien findet man prächtige Kirchen, traditionsreiche Klöster und Einsiedeleien, selbstbewusste Bischöfe, Mönche und Nonnen. Viele Muslime – selbst Pilger aus dem nicht unmittelbar benachbarten Iran – besuchen den christlichen Wallfahrtsort Maalula, um dort das „Vater unser“ in der Muttersprache Jesu zu hören, und das Marienheiligtum Sednaya. An den Feierlichkeiten zum Abschluss des von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen Paulus-Jahres nahmen in Damaskus auch hohe Vertreter der Regierung und der Großmufti Syriens, Scheich Hassoun, teil.
{ Die Tagespost – Von Stephan Baier}

 

2 Responses to “Christliches Leben und Zeugnis im Orient”

  1. bazillus Says:

    Leider ist es so, dass Christen sich selbst gegeneindander ausgrenzen und somit viel Kraft verlieren gegen mehrere gemeinsame Gegner. Aber zumindest sehen sich die verschiedenen Gruppen als Christen an. Verschiedene uslimische Glaubensrichtungen sprechen nicht selten den anderen Gruppen das Muslimsein ab.

    Nichtsdestotrotz sollten Christen, egal welcher Konfession sie angehören viel stärker zusammenarbeiten. Keine christliche Gruppe braucht deshalb auf Jahrhunderte gewachsene Traditionen und Litrugien zu verzichten. Im Gegenteil. Einheit in Vielfalt. Diese Einheit sollte jedoch in gemeinsamen sozialen Werken und Projekten münden und nach außen ihren Ausdruck finden. Wenn jede einzelne Glaubensgemeinschaft vor sich hinarbeitet, verliert sie viel christliche Kraft. Welcher Ungeist hält Christen davon ab, sich in gemeinsamen Einzelprojekten z. B. in gemeinsamen Menschenrechtsprojekten zu engagieren? Jesu Geist wird so jedenfalls niemand gerecht. Jesus wollte einheitlichen Glauben und den Geist des Miteinanders.

    Hier muss der Heilige Geist dringendst angerufen werden, der dies initiieren kann. Herr, gebe den Gemeinden den Geist und die Kraft, stärker miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten.

  2. GottesAuge Says:

    Was Wael Suleiman meint, lässt sich an der chaldäischen Notgemeinde in Ammans Stadtteil Lweibdeh ablesen. Rund 150 Menschen haben sich hier zum Gebet versammelt. Die Gesichter sind ernst, erschöpft und in sich gekehrt. Ihre aramäischen Gesänge in der Sprache Jesu ähneln der Liturgie in jüdischen Synagogen mehr als den wortreichen Gottesdiensten im Westen. Als Kirchenraum dient das Wohnzimmer einer Parterrewohnung. Neben dem Eingang hängt ein Drohbrief von Al-Kaida, den jemand aus Bagdad mitgebracht hat. “

    „Wir gehören zu den ältesten christlichen Gemeinden überhaupt – und heute werden wir als ,Verwandte der Amerikaner“ beschimpft“, sagt der aus dem Irak stammende Pfarrer Raymund Moussalli. 5000 Menschen gehören zu seiner provisorischen Gemeinde. „Sie haben ihr Leben gerettet – aber was für ein Leben?“ Fast alle können nicht zurück und die meisten können nicht weiter. Und so fristen sie ihr Dasein in der Fremde – illegal, untergetaucht, irgendwo unterm Dach oder bei Verwandten. An die Krisensynode in Rom hat er eine einzige Erwartung: „Wir wünschen uns, dass die Kirche in Europa zu unserem Schicksal nicht schweigt. Wir wünschen uns, dass sie kräftig ihre Stimme erhebt und uns hilft, wieder in unser Leben zurückzufinden.“

    Ja wir Europäer sollten uns erinnern an unsere Pflicht an den Nächsten.


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