kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Das verdeckte Reizobjekt 7. Oktober 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 04:07

Einer der häufigsten Vorwürfe, den religiöse Muslime gegen die westliche Gesellschaft erheben, ist der ihrer „Verkommenheit“ und übertriebenen sexuellen Freizügigkeit. Im westlichen Kapitalismus, z.B. in der Werbung, werde die Frau zum reinen Lustobjekt degradiert. Vor diesen verderblichen Einflüssen – so heißt es – versuchten sich viele Musliminnen durch Tragen des Kopftuches oder noch weiter gehender Bedeckung zu schützen.

(Eine psychoanalytische Deutung des islamischen Geschlechterverhältnisses von L.M. und C.P.)

Viele Kopftuchträgerinnen – so auch die Lehrerin Fereshta Ludin, die in Baden-Württemberg ihr Recht einklagen wollte, mit Kopftuch zu unterrichten – erklären, ohne Kopftuch fühlten sie sich „nackt“. Wie aber kommt es eigentlich, dass sich eine muslimische Frau ohne Kopftuch „nackt“ fühlt, nicht wie Menschen am Nacktbadestrand, die ihre Nacktheit als natürlichen Zustand präsentieren, sondern „nackt“ im sexuellen Sinne?

Die Verlagerung des Schambereiches im Dienste des islamischen Patriarchats: In der christlich geprägten westlichen Gesellschaft ist der natürliche „Körper-Ort“ der weiblichen Sexualität keineswegs öffentlich sichtbar, sondern befindet sich „versteckt“ zwischen den Beinen der Frau. Dieser primäre Intimbereich der Frau ist generell bedeckt, und, anders als beim Mann, bei einer nackten Frau auch nicht direkt zu sehen, es sei denn, sie spreize ihre Beine. Eine solche Überschreitung der Schamgrenze würden wir als pornographisch bezeichnen. In islamischen Gesellschaften hingegen wird der Schambereich der Frau auf das Kopfhaar (oder – je nach Region – auf ihren gesamten Körper) verlegt und erweitert. Der muslimische Mann sieht mit dem Kopfhaar der Frau zugleich den „Körper-Ort“ ihrer Sexualität. Indem die Frau ihm ihr Haar zeigt, entblößt sie sich sexuell und macht ihm damit ein Angebot. Das Haar der Frau wird zum symbolischen Ort des Geschlechtsaktes, der männliche Blick zu dessen Vollzieher. „Blickficken“ ist die dafür auf deutschen Großstadtstraßen von muslimischen Jugendlichen zu hörende Vulgärbezeichnung.

Davor muss sich die Frau durch ihr Kopftuch z.B. schützen. Tut sie dies nicht, macht sie sich ihm sexuell verfügbar, ist eine „Hure“ oder „Schlampe“ und somit selbst schuld, wenn sie belästigt wird. Durch dieses Manöver beraubt das islamische Patriarchat die Frau erst ihrer natürlichen sexuellen Privatheit, um sie dann mit dem Kopftuch bzw. weiter gehenden Bedeckungen wie Nikab oder Burka vor einer Gefahr zu „schützen“, die es zuvor selbst erzeugt hat. Es ist wie der Feuerteufel, der zu seiner Befriedigung Brände legt, um sich hinterher eifrig an den Löscharbeiten zu beteiligen. Schon allein damit sein „Trick“ nicht wahrgenommen und erkannt wird, benötigt das islamische Patriarchat Tabus und Denkverbote. Mit der Verschleierung des Kopfes der Frau gehen begriffliche Verschleierungen einher.

„Tugendhafte“ und „Hure“ – die zwei Seiten der muslimischen Frau: Das islamische Patriarchat behauptet, die Frau müsse Kopftuch tragen, um ihre „Tugendhaftigkeit“ zu schützen. In Wahrheit geht es jedoch nicht um die „Tugend“ der Frau, sondern ganz im Gegenteil, um die Regelung ihrer sexuellen Verfügbarkeit. Aus Berichten von Frauen, die eine islamische Erziehung genossen haben, geht hervor, dass sie im Zuge ihrer religiösen Unterweisung aufgefordert werden, sich dem Mann verführend hinzugeben, wie seine höchstpersönliche, jederzeit sexuell verfügbare Hure. Das Kopftuch signalisiert dem muslimischen Mann zwar, dass die betreffende Frau für ihn nicht sexuell verfügbar ist. Doch noch hinter der „tugendhaftesten“ Frau lauert als ihre eigentliche „Natur“ das Grundbild der Hure. „Tugendhaft“ kann sie immer nur vor dem Hintergrund dieser buchstäblich „verschleierten“ zweiten Realität sein. Stets ist sie in Gefahr, dass ihre „eigentliche Natur“ zum Vorschein kommt, wenn sie sich nicht an die religiösen Regeln hält. Das Gefühl von Kopftuchträgerinnen, „nackt“ zu sein, hat also nichts mit der westlichen Gesellschaft zu tun, sondern mit dem islamischen Frauenbild.

Ständige Geschlechterspannung und sexuelle Verfügbarkeit: Ist der Schambereich der Frau auf ihr Kopfhaar verlegt und damit zum “öffentlichen“ Angebot gemacht, wird dies zur steten Aufforderung an den Mann. Als quasi schuldloses Opfer der Verführungskraft der Frau – so das islamische Patriarchat – kann er ja gar nicht anders, als sich das sexuelle Recht zu nehmen, das ihm mit dem Anblick des Haares der Frau „zusteht“. Die Verhüllung der Frau, die Trennung der Geschlechter und die systematische, demonstrative Abgrenzung vermindern daher nicht die Spannung zwischen den Geschlechtern, sondern erhöhen sie. Männer und Frauen sind imaginär wie faktisch ständig sexuell aufeinander bezogen. Jede ist Jedermanns potentielles Geschlechtsobjekt, schon allein durch jeden männlichen Blick. Um durch die von ihm erzeugte Geschlechterspannung Männer und Frauen hinsichtlich ihrer Sexualität „religiös“ zu konditionieren, schiebt das islamische Patriarchat die Behauptung vor, es ginge um die „Tugendhaftigkeit“ der Frau und deren Schutz. In Wirklichkeit geht es um Herrschaftssicherung, um die Aufrechterhaltung eines religiös-sexuellen Machtsystems, einen geheimen sexuellen Totalitarismus, in welchem der Schritt zum Wahn, zum sexuellen Beziehungswahn nicht weit ist. Darauf weisen auch die Wut, der Hass und die Rachegelüste der muslimischen Männer hin, wenn Frauen sich diesem Machtsystem zu entziehen versuchen. Zwangsheiraten und Ehrenmorde sind Ausdruck und logische Folge dieses Systems. Das islamische Patriarchat begnügt sich jedoch nicht damit, über die Frauen zu herrschen, es will bis in ihre Sexualität hinein herrschen. Es will über die „Triebstruktur“ der Menschen herrschen, sie sich religiös zunutze machen, und dies in einer totaleren Weise, als es etwa die katholische Kirche je vermocht hat.

Das Wächteramt der Brüder als verdeckter Inzest: Was aber bedeutet dieses religiös-sexuelle Machtsystem nun für Familienbeziehungen, etwa die Beziehungen zwischen Brüdern und Schwestern? Bekanntermaßen üben Väter und Brüder ein „Wächteramt“ über die „Tugendhaftigkeit“ ihrer Töchter bzw. Schwestern aus. Innerhalb der Familie darf sich eine Frau ohne Kopftuch zeigen. Damit sehen aber auch Vater und Brüder ihre Intimität, ihre „Nacktheit“. Durch den Blick auf ihr Haar partizipieren sie an ihrer „Nacktheit“. Insofern sind diese Beziehungen generell inzestuös zu nennen, wenn nicht de facto, so aber doch symbolisch. Das Wächteramt der Brüder über die Tugend der Schwester wird Teil ihrer eigenen, symbolisch inzestuösen Beziehung zu ihrer Schwester, zum stellvertretenden inzestuösen Akt und damit zum Bestandteil ihrer eigenen Sexualität. Das erklärt die rasende Wut und die rabiate Gewalttätigkeit von Brüdern, wenn sich eine Schwester ihrem „Wächter“ entzieht, denn damit entzieht sie auch den Brüdern einen Teil ihrer symbolischen sexuellen Verfügungsmacht. Macht und Sexualität gehen hier eine unauflösliche Symbiose ein: die Macht wird zum Ausdruck von Sexualität, die Sexualität zum Ausdruck von Macht.

Den christlich-abendländisch gewachsenen Begriff von Liebe, die den unverwechselbaren einen Menschen meint und in der sexuellen Begegnung zweier Individuen zum Ausdruck kommt, kennt das religiös-sexuelle Machtsystem des Islam nicht. Eine Frau ist nicht einfach weiblicher Mensch. Sie ist von Natur aus „Hure“, die sich „tugendhaft“ zu zeigen hat. Eine – freiwillige – Kopftuchträgerin, ob ihr dies bewusst ist oder nicht, übernimmt diese doppelte islamische Zuschreibung, Hure „von Natur aus“ zu sein und dies „hinter ihrer Tugend“, jederzeit abrufbar, auch zu bleiben, weshalb sie ihre „Tugend“ stets „öffentlich“ sichtbar machen und unter Beweis stellen muss. Die islamische Geschlechterbeziehung basiert auf der Fiktion des auf den Kopf der Frau verlagerten Schambereiches. Dies führt zu einer massiven Realitätsverzerrung mit weitreichenden negativen Folgen für das weibliche Selbstbewusstsein und Körpergefühl. Denn diese Fiktion geht einher mit der Verleugnung der Realität des weiblichen Körpers. Die wirklichen Schamhaare einer Frau wachsen nun einmal nicht auf ihrem Kopf. Was hat die muslimische Frau davon? Höchstens eine Phantasie, die für andere Frauen einem Alptraum gleichkäme: dass sie, im Dienste Allahs, von jedem frommen Muslim begehrt werden würde. Millionen Männer würden begehrlich, sähen sie nur ihr Haar. Eine enorme „Verführungspotenz“ wird hier aufgebaut, die aber in Wahrheit nur eines ist: die „Machtlust“ der Unterworfenen. In keiner anderen „Kultur“ sind Sexualität und Religion derart miteinander verzahnt, wirkt die Religion derart in die sexuelle Tiefenstruktur hinein wie im Islam. Keine andere „Kultur“ kennt, weder offen noch „verschleiert“, einen derartigen „sexuellen Totalitarismus“, der die Individuen bis in ihre sexuelle Tiefenstruktur bindet. Dieses Thema aus Gründen einer falsch verstandenen „politischen Korrektheit“ nicht breiter aufzugreifen, gehört zu den schweren Versäumnissen von Psychologie und Sozialwissenschaften.

{Das im sozialtherapeutischen Bereich tätige Autorenduo (Psychologin und Psychotherapeut) verfügt über reichhaltige Erfahrungen in der Arbeit mit türkischen und arabischen Familien sowie in der Supervision mit Familienhelfern, die mit demselben Personenkreis arbeiten}.

 

Sexuelle Belästigung in Ägypten

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Einer Studie zufolge sind 98% aller ausländischen und 83% aller einheimischen Frauen mindestens einmal Opfer sexueller Belästigung geworden. Die Schuld wird oft den Opfern selbst zugeschrieben. Mohammed Ali Atassi berichtet.

Männlich geprägte, chauvinistische Kultur: zu den Opfern sexueller Übergriffe in Ägypten gehören Frauen jedweder sozialen Schicht oder religiöser Zugehörigkeit – verschleiert oder unverschleiert. Die sexuelle Belästigung von Frauen ist eines von vielen sozialen Problemen in Ägypten, das von Seiten der Medien lange Zeit nur als eine Frage individuellen, abnormalen Verhaltens gedeutet wurde. Sie wird als isolierte Abweichung von bestehenden sozialen Normen angesehen – also von den Prinzipien und Traditionen eines als mustergültig angesehenen Lebenswandels -, und so muss sich die ägyptische Gesellschaft als Ganzes nicht mit dieser unangenehmen Thematik auseinandersetzen beschäftigen. Es brauchte schon den Mut einiger ägyptischer Frauen, die ihre eigenen leidvollen Erfahrungen öffentlich machten, um die Aufmerksamkeit auf die vielen Geschlechtsgenossinnen zu lenken, denen auf den Straßen Kairos tagtäglich Ähnliches widerfährt. Gleichzeitig starteten auch einige NGOs, unterstützt durch alternative Medien (darunter allen voran einige Blogger), eine Sensibilisierungskampagne mit dem Ziel, sowohl das Verständnis für das Problem als auch den Umgang mit demselben neu zu bestimmen: in Zukunft sollen die Ägypter solche Vorfälle nicht mehr als vereinzelte Akte von Perversen sehen, sondern als Teil eines allgemeinen, dringlichen Problems der Gesellschaft. Und so wandelt sich die Wahrnehmung der sexuellen Belästigung allmählich; immer mehr wird sie als das gesehen, was sie ist: eine Herausforderung, für deren Bewältigung es politischer Maßnahmen ebenso bedarf wie juristischer und aufklärerischer – auch wenn viele dieser noch nicht umgesetzt wurden.

Raus aus der Tabuzone: Ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet das Problem der sexuellen Belästigung spätestens mit dem Fall der jungen Filmregisseurin Noha Rushdi Saleh, die einen Gerichtsprozess gegen einen Lastwagenfahrer gewann, der sie auf einer Straße in Kairo belästigt hatte. Die dreijährige Haftstrafe, zu der das Gericht den Mann verurteilte, bewirkte schließlich, dass das lange totgeschwiegene Thema letztlich aus der Tabuzone herausgeholt wurde. „Allah vergibt verschleierten Frauen ihre Sünden“: In Ägypten haben zahlreiche Kampagnen impliziert, dass sexuelle Übergriffe auf die Weigerung einer Frau, das Kopftuch zu tragen, zurückzuführen seien. Die meisten Ägypten-Reiseführer, insbesondere die im Ausland veröffentlichten, warnen ausländische Frauen vor Belästigungen auf der Straße und geben Tipps, wie sie sich im einem solchen Falle verhalten sollten. Schon daraus ließe sich ablesen, dass das Phänomen eines ist, das sich nicht ohne Weiteres unter den Tisch kehren lässt. Doch die Angriffe beschränken sich keineswegs nur auf ausländische Frauen; zu den Opfern gehören ägyptische Frauen, egal welcher sozialen oder religiösen Zugehörigkeit, ob verschleiert oder unverschleiert.

Übergriffe zum Ramadan: Und doch wurde das Problem von den meisten offiziellen Stellen und den einflussreichen sozialen Gruppen zumindest solange ignoriert, bis es 2006 zu einem dramatischen Vorfall kam. Während in der Innenstadt das Fest Eid al-Fitr, also das Ramadanfest zum Ende der Fastenzeit, gefeiert wurde, stürzten sich Hunderte sexuell aufgeladene Männer auf Dutzende von Frauen, umringten sie in den Straßen, grapschten nach ihnen und versuchten gar sie zu entkleiden. Die Polizei stand abseits und beobachtete das Geschehen unentschlossen; niemand, weder Mütter noch verschleierte Frauen waren sicher vor dem Mob. Unterstützt von den staatlichen Medien, vor allem den Zeitungen, versuchten einige öffentliche Figuren, den Vorfall herunterzuspielen und beschuldigten gleichzeitig die Opposition, die soziale und politische Dimension des Vorgangs für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Doch so entschlossen das Establishment war, die Sache zu vertuschen, so entschlossen waren andererseits die vielen kritischen Blogger im Land, dagegen anzukämpfen. Sie waren es, die Zeugenberichte veröffentlichten und Videoclips ins Netz stellten, auf denen zu sehen war, wie Frauen auf dem Talaat Harb-Platz und den angrenzenden Straßen angegriffen wurden.

Während die Behörden versuchten, der Situation Herr zu werden, indem sie dort, wo alles geschehen war, also in der Innenstadt, Überwachungskameras installierten, wurde dadurch nicht verhindert, dass es an anderen, nicht überwachten Orten, zu ähnlichen Vorfällen kam. Im Gegenteil: Die Übergriffe nahmen zu, so etwa in der Al Haram Straße und im Viertel Al Mohandessien, wo viele Mädchen im letzten Jahr, wiederum beim Ramadanfest, Belästigungen ausgesetzt waren. Dieses Mal aber griff die Polizei entschlossen ein und nahm viele der Angreifer in Gewahrsam. Unglücklicherweise aber herrscht noch immer bei vielen die Meinung vor, dass die Schuld für derlei Vorkommnisse bei den Frauen selbst zu suchen ist; es steht die unausgesprochene Meinung im Raum, dass die Frauen sich eben zu provokativ kleiden oder in anderer Weise so verhalten, dass sie die Männer dazu bringen, sie gewaltsam anzugreifen. Oder es wird ihnen vorgeworfen, sich nicht zu verschleiern und sich nicht der islamischen Kleiderordnung zu unterwerfen.

Einsetzender Bewusstseinswandel: Wenn die Vorfälle des Jahres 2006 etwas Gutes hatten, so sehen es zumindest viele verschleierte Frauen unter den damaligen Opfern, dann ist es darin zu sehen, dass endlich die Tür zu einer öffentlichen Debatte über das Phänomen der sexuellen Belästigung in Ägypten aufgestoßen worden war. NGOs und Frauengruppen rührten in der noch frischen Wunde und starteten eine Kampagne, um die Diskussion am Leben zu erhalten. Bei diesen Kampagnen ging es darum, Frauen über ihre Rechte aufzuklären und ihnen, aber auch den Männern, klarzumachen, wie ernst diese Übergriffe zu nehmen sind und dass die Gesellschaft als Ganzes sich dem Problem stellen muss. Auf diese Art stellten sie das Phänomen der sexuellen Belästigung auch in den Kontext anderer drängender gesellschaftlicher Probleme wie der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Marginalisierung sozialer Gruppen, wiesen zugleich aber auch auf die Tatsache hin, dass das durchschnittliche Heiratsalter stark angestiegen ist. Zudem wurde darauf verwiesen, in welcher Weise eine vor allem männlich geprägte, chauvinistische Kultur zu einer immer stärkeren sexuellen Repression geführt hat, wie auch zu einer Aufweichung familiärer Werte und Moralvorstellungen.

Gott möchte, dass Du den Schleier trägst: ‚Entweder Du trägst den Schleier – oder Du wirst von den lüsternen Blicken der Männer verschlungen‘, so der Text des Plakats im Wortlaut. Die Zeitschrift Kalimatina („Unser Wort“) startete die Kampagne „Respektiere dich selbst“ und das Ägyptische Zentrum für die Rechte der Frauen stellte die Aktion „Sichere Straßen für alle“ vor. In Zusammenarbeit mit mehreren Medienkanälen, sowohl aus dem Printbereich wie aus den visuellen Medien und dem Internet, ging es in diesen Aktionen darum, die ägyptische Jugend über die Gefahren dieser Praktiken aufzuklären und um die Forderung nach Gesetzen, um sexuelle Belästigungen stärker zu kriminalisieren. Auch wurden Polizeistationen besser auf solche Vorfälle vorbereitet und Polizisten wurden für den Umgang mit sexuellen Belästigungen geschult. Im Zuge dieser breit angelegten Kampagne erschien eine Studie unter dem Titel „Wolken am Himmel von Ägypten: Sexuelle Belästigung – Von verbalen Angriffen bis zur Vergewaltigung“. Die Studie untersuchte eine Stichprobe von 2500 Frauen und 2200 anderen Personen (zu gleichen Teilen Frauen und Männer) sowie eine Gruppe von 109 ausländischen Frauen. Die Ergebnisse waren schockierend: 98% der ausländischen Frauen und 83% der ägyptischen waren schon einmal Opfer sexueller Belästigung – fast Zweidrittel der Männer gestanden, Frauen schon einmal belästigt zu haben.

Gegen-Kampagnen: Auf der anderen Seite versuchten konservative und religiöse Gruppen, das Thema für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. In verächtlicher Weise griffen sie dabei die Würde der Frauen an, indem sie die Schuld für die sexuellen Belästigungen eben bei den Frauen suchten. Sie gingen dabei sogar so weit, sich auf die Seite der Angreifer zu schlagen und rechtfertigten deren Taten. Nicht darum, die Opfer und ihre Rechte zu schützen, ging es ihnen, sondern eher um das Gegenteil. Zwei schlagende Beispiele hierfür waren Plakate, die von diesen Gruppen in einigen Straßen aufgehängt und in vielen islamischen Blogs und Websites veröffentlicht wurden. Das erste Poster zeigte zwei gegenübergestellte Bilder. Das Bild auf der rechten Seite ist in grün gehalten und zeigt eine Frau mit einem Schleier, der mit Bildern von Moschee-Minaretten übersät ist.

„Sichere Straßen für Alle!“: Nach den Übergriffen von 2006 gab wurden in Ägypten mehrere Aufklärungskampagnen gegen sexuelle Gewalt auf den Weg gebracht. Am unteren Ende des Bildes ist ein grün eingewickeltes Bonbon zu sehen und darunter steht, dass Gott verschleierten Frauen ihre Sünden vergeben wird. Das Bild auf der linken Seite dagegen, in einem Rotton gehalten, zeigt eine unverschleierte Frau und einen Mann. Unter dem roten Bonbon in zerrissenem Papier ist eine Warnung an Frauen vor moralischen Fehltritten zu lesen. Das zweite Poster nimmt das Thema der Frau als sexuellem Objekt auf, indem sie als Lolli dargestellt wird, der nur dann vor Fliegen (also den Männern) geschützt ist, wenn er mit Einwickelpapier (also dem Schleier) versehen ist. Unter dem Bild zweier Lollis, einer eingewickelt, der andere offen und mit ihn umschwirrenden Fliegen, findet sich eine religiöse Warnung, die feststellt, dass eine unverschleierte Frau sich nicht zu schützen vermag – denn Gott, der Schöpfer, weiß, was zu ihrem Besten sei, weshalb er verlange, dass sie sich verschleiern solle. Diese Botschaften verraten eine verstörende Ideologie und Geisteshaltung, in der Frauen als bloße Objekte männlichen Vergnügens gesehen werden, mit der alleinigen Aufgabe, den körperlichen Bedürfnissen und Fantasien der Männer dienstbar zu sein, und das auch noch im Interesse der Religion. Indem Frauen dazu genötigt werden, sich in der Öffentlichkeit zu verhüllen, wird zugleich ihre Entscheidungsfreiheit in Bezug auf ihre eigene Sexualität in Abrede gestellt. Die Botschaften suggerieren, dass die Ausbreitung der sexuellen Belästigung verknüpft ist mit der Weigerung den Schleier zu tragen, so dass die Frau, die keinen trägt, selbst verantwortlich ist für die sexuelle Belästigung, die ihr widerfährt.

Eingreifen der Justiz: Die öffentliche Diskussion über die sexuelle Belästigung wäre aber auf die Medien beschränkt geblieben, auf die Kampagnen und die Gegen-Kampagnen, hätte es nicht den Mut der jungen Filmregisseurin Noha Rushdi Saleh gegeben. Ein Lastwagenfahrer griff sie an und belästigte sie, als sie gerade vom Flughafen kam, und das, obwohl sie sogar in Begleitung war. Der Übergriff fand in einer Straße in der Nähe ihrer Wohnung im Al Karba-Viertel statt. Der Fahrer näherte sich ihr mit seinem Wagen, streckte seine Hand nach draußen, riss sie gewaltsam an sich und berührte ihre Brüste, bis sie schließlich hinfiel und er schnell davonfuhr, wobei er noch spöttisch auf sie zurückblickte.

Laut Saleh war gerade dieser Blick zurück ein wichtiger Grund, der sie zur Entscheidung brachte, sich an das Gericht zu wenden, um ihre Rechte einzuklagen. Sie schrie und war so wütend, dass sie dem Fahrer hinterherrannte. Dank des starken Verkehrs gelang es ihr, ihn einzuholen, sich dem Lastwagen in den Weg zu stellen und um Hilfe zu rufen. Den dabeistehenden Fußgängern erklärte sie, was passiert war. „Ich konnte nicht glauben, dass einige von ihnen bereit waren, dem Fahrer zu helfen davonzukommen. Andere boten ihre Hilfe an und sagten, dass sie den Fahrer dazu bringen wollten, sich bei mir zu entschuldigen. Ich fragte sie, warum ich mit einer Entschuldigung zufrieden sein sollte, schließlich sei er mir nicht einfach nur über den Fuß gefahren. Einige fragten mich, was ich denn wolle und ich antwortete, dass ich ihn der Polizei melden würde. Ein anderer wollte daraufhin von mir wissen, was ich dort überhaupt inmitten einer Gruppe von Männern zu suchen habe. Auf den umliegenden Balkonen standen Menschen, die auf mich sahen, als wäre alles eine Szene in einem Film. Eine Frau sagte zu mir „Genug, Mädchen, vergebe ihm“. Das lehnte ich aber ab und beharrte auf meiner Absicht“. Ihr juristischer Hintergrund gab Noha die Kraft, auf ihrem Recht zu bestehen und es gelang ihr nicht nur, einen Polizeibericht erstellen zu lassen, sondern den Täter auch vor Gericht zu bringen. Mit Unterstützung ihres Vaters erreichte sie es, dass die Gerichtsverhandlung öffentlich stattfinden konnte, was ihr wichtig war, um die ägyptische Öffentlichkeit und das Justizsystem wachzurütteln und sensibler für das Thema der sexuellen Belästigung zu machen.

Nagel im Sarg der sexuellen Belästigung: Am 21. Oktober 2008 verurteilte der Strafgerichtshof für den nördlichen Teil Kairos unter dem Vorsitz des Richters Shawqi al-Shalqani den Angeklagten Sharif Jouma Jebril zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zu einer Geldstrafe von 5001 ägyptischen Pfund. Noha stellte sich den Fernsehkameras und erklärte, dass das Gerichtsurteil ihre Selbstachtung wiederhergestellt hätte. Die Justiz sei ihrer Verantwortung nachgekommen und hätte allen Töchtern des Landes den Weg geebnet, um auch ihnen zu ermöglichen, auf ihren Rechten zu bestehen und gleichzeitig hätte die Justiz damit den ersten Nagel in den Sarg der sexuellen Belästigung geschlagen. Und doch konnte das Urteil nicht verhindern, dass es in der Folge zu einer bösartigen Kampagne gegen Noha Rushdi Saleh kam, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellte. Ihre Kritiker beschuldigten sie, den Ruf Ägyptens zu beschmutzen und wiesen auf ihre israelische Staatsbürgerschaft hin, die sie besitzt, da ihr Großvater zu den palästinensischen Flüchtlingen gehörte, die nach Ägypten auswandern mussten. Doch ihr Mut hat deutliche Spuren in der ägyptischen Gesellschaft hinterlassen. Noha wollte ihre Sache unbedingt bis zum Ende führen und ein Urteil in ihrem Sinne erreichen. Sie wird dafür in Erinnerung bleiben, dass sie sich an die Spitze eines langen und schwierigen Kampfes stellte: den Kampf für eine Zivilgesellschaft, für die die Würde und die Rechte der Frauen immer ein unverbrüchlicher Teil ihrer gesamten Ziele und Hoffnungen sind.

{Mohammed Ali Atassi – Al-Jadid Magazine / Qantara.de 2010 – Übersetzung Daniel Kiecol}

 

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