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Die „Knabenlese“ – Rekrutierung der Begabtesten 2. Oktober 2010

Filed under: Christenverfolgung — Knecht Christi @ 04:51

Die „devşirme“ – Ursprung und Durchführung

Die sog. Knabenlese (devşirme, osm.-türk. sammeln) war der von den Osmanen gepflegte Brauch, die männlichen Kinder der christlichen Untertanen aus unterworfenen und dem Reich einverleibten Gebieten, für den Dienst in Staat und Armee zu rekrutieren. Die Idee soll vom Ende des 14. Jh. lebenden Kadıasker Chair ed-din Chalil stammen. Wahrscheinlich wurde die erste Knabenaushebung während der Regierungszeit Sultan Murats I. (reg. 1360-1389) vorgenommen, Sultan Selim I. (reg. 1512-1520) erhob die „devşirme“ zum Gesetz.

Der Ursprung dieser Praxis, die mit Krieg und Eroberung zusammenzuhängen scheint, ist nicht hinreichend geklärt. Zum “Lohn“ des Siegers gehörte der Anspruch auf Tributleistungen, welche die Besiegten zu erbringen hatten, sowie das Recht auf Beute, einschließlich der Kriegsgefangenen. Dem Sultan standen traditionell 1/5 aller Kriegsgefangenen zu (pencik). Da die ersten Eroberungen des Osmanenreiches die Territorien des christlichen Balkans waren, mag sich die Sitte herausgebildet haben, auch später die Kinder der Christen als Tribut oder Beute einzufordern.

Etwa jedes fünfte Jahr, später sogar jährlich, reisten osmanische Beamte durch die europäischen Reichsteile um die Knabenlese durchzuführen. Unter Aufsicht des Provinzgouverneurs und im Beisein eines Schreibers sowie eines Richters (kadi) suchten sie die schönsten, stärksten und begabtesten Jungen im Alter zwischen etwa 8 und 15 Jahren aus. Diese durften nicht Waise, einziger Sohn oder verheiratet sein und auch keinen schlechten Lebenswandel geführt haben. Schätzungsweise 10 000 Jungen wurden auf diese Weise mit jeder Knabenlese ihrer Familie entrissen, die in Verzweiflung zurückblieb. Versuchten die Eltern, ihre Kinder zu verstecken oder verweigerten sie die Herausgabe, wurden sie hart bestraft, gelegentlich sogar mit sofortiger Hinrichtung.

Die Ausbildung der zukünftigen Elite: Die Knaben brachte man nach Istanbul, wo sie das islamische Glaubensbekenntnis ablegen mussten und beschnitten wurden. Die meisten von ihnen teilte man anatolischen Bauernfamilien zu, in denen sie zunächst als Sklaven arbeiteten. Somit stand die Knabenlese in gewissem Widerspruch zum Religionsgesetz des Islam, das die Versklavung der Bewohner eines islamischen Staates, auch der christlichen “Schutzbefohlenen“ (Zimmi – Dhimmy) untersagte. In dieser Zeit lernten die Kinder von ihren Ziehfamilien die türkische Sprache sowie islamische Traditionen und Lebensgewohnheiten. Selbstverständlich wurden sie im muslimischen Glauben erzogen. Somit waren sie ihren ethnischen, kulturellen und religiösen Ursprüngen völlig entfremdet.

Nach drei bis fünf Jahren kamen die jungen Männer in die Hauptstadt zurück um zunächst als Rekruten im Janitscharenkorps (acemi ocağı, içoğlan) eine militärische Ausbildung zu absolvieren. Die Aufnahme in die Reihen der Janitscharen oder anderer Pfortentruppen erfolgte etwa mit dem 20. Lebensjahr und bedeutete die Entlassung aus dem rechtlosen Sklavenstand (köle, abd-imemluk). Sie waren nun zu sog. Staats- oder Militärsklaven (kul) aufgestiegen. Diese waren keine Sklaven im eigentlichen Sinn, nicht Leibeigene ihrer Herren, sondern standen zu diesen in einem engen Dienstverhältnis. Sie besaßen gesetzlich geregelte Rechte – wie Sold, Verpflegung, Altersversorgung – und Pflichten und sogar zahlreiche Privilegien, etwa Steuerfreiheit.

Die talentiertesten Jungen schickte man nicht zur Landbevölkerung und anschließend in die Militärschule. Sie durften von Kindheit an in einer der großherrlichen Residenzen (Istanbul, Edirne, Bursa) die Palastschulen besuchen. Dort genossen sie eine hervorragende Erziehung und Ausbildung. Sie lernten Theologie, Koranlehre, Literatur, Sprachen und Rechtslehre, aber auch Militärwissenschaften und Waffenkunde. Ebenso wurden sie in den schönen Künsten, in Kalligrafie, Buchmalerei oder Musik unterrichtet. Auch körperliche Ertüchtigung (z.B. Reiten) und der Umgang mit Waffen (z.B. Bogenschießen) wurden groß geschrieben. Wichtige Werte waren Disziplin und absoluter Gehorsam gegenüber dem Sultan, der seine Schützlinge gelegentlich besuchte.

Die Besten stiegen in den unmittelbaren Umkreis des Padischahs auf. Sie waren bis zum Alter von 25-35 Jahren als großherrliche Pagen, als “Kinder des Inneren“ (gilmanan-ı enderun, ic oğlan) im Kämmererdienst des Sultans tätig. Sie begleiteten ihn als sein engstes Gefolge, und einige von ihnen bildeten die bewaffnete Leibgarde. Nach dem Ausscheiden aus dem Inneren Dienst des Serail machten die meisten der „devşirme“-Männer Karriere: Sie schlugen die militärische Laufbahn ein oder übernahmen einen Posten in der Staatsverwaltung. Viele von ihnen stiegen zu den höchsten Ämtern des Staates auf. Die namhaftesten Würdenträger und die überwiegende Mehrzahl der Großwesire kamen aus der Knabenlese.

Im Osmanischen Reich gebieten die Fremdlinge: So war das Ergebnis der Knabenlese eine hochgebildete Elite. Deren Angehörige waren zwar von christlicher Abstammung und kamen aus den europäischen Reichsteilen, hatten jedoch eine Umerziehung zu türkisch sprechenden Muslimen erfahren. Den Verlust der Bindung an Herkunft und Familie kompensierten sie durch den hingebungsvollen Dienst am Sultan in absolutem Gehorsam.

Dies war der Vorteil, den die Großherren aus diesem System zogen. Mit der „devşirme“ zog sich der Staat aus den Begabtesten des Reiches seine eigenen Funktionäre für den Beamten- und Militärdienst heran. Die Würdenträger aus der Knabenlese waren Selfmademen, die dem Padischah, der die höchsten Machtpositionen nach Leistung und Eignung vergab, ihre Karriere und ihren gesamten Besitz verdankten. Motivation für ihr Handeln waren weder familiäre Verpflichtungen noch machtpolitische oder finanzielle Eigeninteressen, die dem Staat entgegenstehen konnten. Im Gegenteil, ihre Ziele und Ambitionen verwirklichten sie mit dem Einsatz für Sultan und Staat. Daher waren sie dem Herrscher in bedingungsloser Loyalität ergeben.

Die ehemaligen „devşirme“-Leute waren nominell gesehen weiterhin Staatssklaven (kul) des Sultans. De facto entsprach ihr Status dem eines Freigelassenen, der in einem engen Treue- und Abhängigkeitsverhältnis zum Herrscher stand. Dies galt als Privileg und war die Voraussetzung für Macht und Reichtum, sogar für die Zugehörigkeit zur großherrlichen Familie. Denn nicht selten verheiratete der Sultan seine Getreuen mit seinen Schwestern, Töchtern oder Haremsdamen.

Bereits im 15. Jh. hatten die Männer aus der Knabenlese die alteingesessenen, privilegierten Familien türkischer Herkunft in der Führungsschicht verdrängt. Die Institution der Knabenlese bedeutete also für die Beteiligten nicht nur Härte und Entwurzelung, sondern den sozialen Aufstieg zur herrschenden Schicht eines Weltreiches. Dass die Zeitgenossen dies anerkannten, beweist die Forderung der nach der Eroberung zum Islam konvertierten Bosnier, die darauf bestanden, dass die Knabenlese auch weiterhin bei ihnen stattfand. Nicht selten versuchten sogar osmanische Familien, ihren Söhnen diese Karrieremöglichkeit zu eröffnen, indem sie sie in die Knabenlese einschmuggelten.

Das Ende der Knabenlese und seine Folgen: In den allgemeinen Krisenzeiten im 17. Jh. führte der Staat die Knabenlese nicht mehr konsequent durch, und schaffte sie Ende des 17. Jh. sogar gänzlich ab. Auch die Palastschulen, die Kaderschmieden für die Staatsbeamten, wurden 1675 aufgelöst. Somit hatte der Staat sein Reservoir aus hochgebildeten und intelligenten Funktionären verloren. Nun gelangten die Söhne hoher Beamter oder reicher Familien aufgrund ihrer Abkunft oder gar aufgrund von Bestechung in die höchsten Positionen der Staats- und Militärführung. So wurde durch minderqualifizierte Amtsinhaber, die keine entsprechende Ausbildung mehr erfahren hatten, der beginnende Niedergang des Staates beschleunigt. {Quelle: http://www.tuerkenbeute.de}

 

5 Responses to “Die „Knabenlese“ – Rekrutierung der Begabtesten”

  1. Paloma Says:

    sehr interessant geschrieben – ich kann dazu nur empfehlen, den Roman des Serben Ivo Andric : „Die Brücke über die Drina“ zu lesen. Diese Brücke war die einzige Brücke über die Drina an der Grenze zwischen christlichem Abendland und islamischen Orient.

    Leider wurde diese Brücke niemals etwas Verbindendes sondern über all die Jahrhunderte eine Brücke zwischen zwei sich bekriegenden Welten.

    Die Geschichte beginnt im 16.Jh, als nach mehreren Jahren wieder „christliche Kinder aus den ostbosnischen Dörfern für den Blutzoll, den Adschami-Oglan, eingesammelt wurden. Ein zehnjähriger Junge aus einem nahe bei der Stadt Wischegrad gelegenen Bergdorf befand sich ebenfalls unter den „Auserwählten“. Er wurde, wie die anderen Jungen, in das Herz des osmanischen Reiches, daß damals auch schon im Volk als Türkei bezeichnet wurde, entführt, wo er mit der Zeit zu einem jungen und tapferen Waffenträger am Hofe des Sultans ausgebildet wurde und dem Islam beitrat. Dieser nach einigen Jahren junge und erfolgreiche Mann, der es zum Großadmiral, dem Kapudanpascha, dann Schwiegersohn des Sultans, Großwesir, Heerführer und schließlich großen Staatsmann mit Weltruf brachte, hieß Mechmed Pascha Sokoli. Der letzte Teil seines Namens ist das einzige, was ihm außer der weiterhin bestehenden Liebe zu seiner Heimat blieb, als er, nun etwa 60 Jahre alt, das letzte Unternehmen seines Lebens starten wollte….

    (Quelle: http://www.chakotay.de/andric/buchtext.htm)

    Der Roman erklärt viel und macht die Konflikte im ehem. Jugoslawien und den daraus resultierenden Krieg verständlicher …

    • Bert Engel Says:

      Sehr gut !
      Zeigt die Beschreibung der Pfählung (bei Andric) nicht zu schön, was Mohamed, der verlängerte Schwanz Gottes, unter Menschlichkeit verteht…

  2. Frederik Feuerstein Says:

    Der Schreiber ignoriert leider manche Faktenr:
    1. Der Blutzoll wurde erst im 19. Jahrhundert beendet, die letzte Kampanie fand im Jahre 1838 statt!
    2. Die Palast-Knaben wurden KASTRIERT – ausnahmlos! und zuerst meistens als Lustknaben im Palast gehalten. Später konnten als Eunuchen in die Palasthierarhie aufsteigen.

    Liest bitte Geschichte. Danke
    FF

    • Paola Says:

      Wie lange diese Schurkerei nun tatsächlich andauerte ist schon relevant,aber allein die Tatsache schon,daß es geschah,ist eine hirnlose aufs äußerste verbrechersischte Tat an Kindern und Halberwachsenen.
      Und verlangt nach Sühne.

      Immer, wenn sie in ein Land einfallen und sich die Bevölkerung untertan machen, reitet sogleich der Schreiber des Sultans hinter ihnen her, der alle Knaben, soviele es auch sein mögen, zu den Janitscharen einzieht. […] Wenn man von einem feindlichen Volk nicht so viele hat herausbekommen können, nimmt man sie von den Christen im eigenen Land, sofern diese Knaben besitzen.[1]
      320 Knaben und 704 Weiber hielt der Sultan zurück; letztere verteilte er unter den Heiden, die Knaben aber zog er zu seinen Janitscharen ein und sandte sie übers Meer nach Anatolien, wo sie aufgezogen wurden, Auch ich wurde damals aus jener Stadt (Novo Brdo) mit meinen zwei Brüdern in die Gefangenschaft geschleppt, ich, der ich dies alles aufgeschrieben habe

      Ein polnisches Sprichwort lautet: „Lieber auf der Totenbahre liegen denn als Gefangener ins Tatarenland abgeschleppt werden

      http://de.wikipedia.org/wiki/Knabenlese#cite_note-1

  3. Paloma Says:

    Es ist leider viel zu wenig bekannt und heute bei vielen völlig vergessen, welches unendliche Leid die Muselmänner da über die Knaben und ihre Familien gebracht haben.

    Ich erinnere mich beim heutigen nochmaligen Lesen an ein Monumentalgemälde des russischen Malers Ilja Repin mit dem Titel „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ nach einer historischen Begebenheit – man sollte unbedingt den Text des Briefes hier lesen und sich dann auf dem Link das Gemälde ansehen … die Gesichtsausdrücke der Kosaken … kernig … würde heute jemand so einen Brief an einen der islamistischen Strippenzieher schreiben, würde wahrscheinlich wieder ein Aufschrei durch die muslemische Welt gehen und Fahnen (egal welche) verbrannt werden und westliche Gutmenschlein würden den Brief verurteilen …jaja

    (aus wiki)
    Dargestellt wird eine Szene aus dem Jahr 1676. Die Saporoger (auch: Saporoscher bzw. Saporoschjer) Kosaken (Sa porogami = „hinter den Stromschnellen“), die am unteren Verlauf des Dnepr lebten, hatten in einer Schlacht des Osmanisch-Russischen Krieges ein osmanisches Heer besiegt. Der osmanische Sultan Mehmed IV. verlangte gleichwohl von ihnen ebenso die Unterwerfung, wie sich bereits 1674 der Hetman Petro Doroschenko unterworfen hatte.

    Der Legende nach taten die Kosaken auf diese Aufforderung hin etwas für ihre sonstigen Gepflogenheiten Unübliches: Sie schrieben. Und kurz darauf hielt der osmanische Sultan einen Brief in den Händen, der von Beleidigungen nur so strotzte:

    Du türkischer Schaitan, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was in Teufels Namen bist du eigentlich für ein trauriger Ritter! Was der Teufel scheißt, das frisst du samt deinen Scharen, und schwerlich wird es dir glücken, Christensöhne in deine Gewalt zu bekommen. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, du Babylonischer Küchenchef, du Mazedonischer Radmacher, Alexandrinischer Ziegenmetzger, Jerusalemitischer Bierbrauer, Erzsauhalter des großen und kleinen Ägypten, du Armenisches Schwein, du Tartarischer Geisbock, du Henker von Kamanetz und Taschendieb von Podolsk, du Enkel des leibhaftigen Satans und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf! (…)

    auf, Kosaken!

    Den abgebildeten Kosaken sieht man an, was für einen Spaß sie haben, sich immer neue Grobheiten auszudenken. Zu Repins Zeiten wurde diesem freiheitsliebenden, kampferprobten Volk sehr viel Sympathie entgegengebracht. Auch Repin war ein großer Bewunderer, er notierte:

    „… Alles, was Gogol über sie geschrieben hat, ist wahr! Ein Teufelsvolk! Niemand auf der ganzen Welt hat so tief die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefühlt.“

    Als Modell für den lachenden Kosaken mit der weißen Schafsfellmütze diente Repin der Autor und Journalist Wladimir Giljarowski, dessen Großvater ein Saporoscher Kosake war.


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