kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Broder: „Politiker leben in anderer Welt“ 14. September 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 02:06

In Deutschland sei wegen Sarrazin eine Art nationale Hysterie ausgebrochen, sagt der deutsche Journalist Henryk M. Broder.


KURIER: Herr Broder, in der Schweizer Weltwoche schreiben Sie, in Deutschland sei „eine kollektive Hysterie ausgebrochen“. Wer ist denn da jetzt so hysterisch?
Henryk M. Broder: Erstaunlicherweise nicht das dumme Volk, sondern die klugen politischen Eliten. Die haben ihr Urteil schon gefällt, bevor sie das Buch gelesen hatten. Kanzlerin Merkel gab den Startschuss mit ihrer Bemerkung, das Buch sei wenig hilfreich. Dann sagte ein Journalist diesen unglaublichen Satz, „Thilo Sarrazin hat den Konsens der Demokraten verlassen“. Eine schlimmere Hexenjagd, eine schlimmere Art von nationaler Hysterie kann es gar nicht geben.

= Sie schreiben in ihrem Kommentar auch, „Der Gedanke, dass eine Demokratie vor allem von ,falschen‘ Meinungen lebt, die eine Diskussion befördern, ist im Abgrund der kollektiven Empörung verschwunden.“ Dominiert die Unwahrheit?
Broder: Nein. Es gibt viele falsche Meinungen, aber in der Demokratie müssen falsche Meinungen erlaubt sein, weil sie in der Tat die Debatte voranbringen. Im Fall von Sarrazin geht es erstens um die Frage, ob er das Recht hat, sich als Bundesbanker zu äußern, und zweitens, ob er mit seinen Äußerungen recht hat. Auch für einen Bundesbanker gilt das Recht auf Pressefreiheit. Im folgenden Fall kommt noch hinzu: Ich bin ziemlich sicher, dass die Leute, die über ihn herfallen, genau so denken wie er. Aber da kommt halt einer und spricht es aus, und er verletzt damit die Spielregeln der Political Correctness.

= Jetzt ist dieses Thema an sich schon sensibel, und jetzt wird auch noch sehr viel mit Pauschalurteilen argumentiert. Brandgefährlich, wenn es um Minderheiten geht.
Broder: Das ist richtig. Ich finde auch, dass Pauschalurteile immer bedenklich sind, andererseits gebrauchen wir sie täglich, „die Deutschen“, „die Österreicher“. Sobald die Debatte gediehen ist, wissen wir, dass wir pauschal nicht alle meinen.

= Aber problematisch ist das schon, wenn jemand Begriffe wie Migration, Intelligenz und Vererbung so locker in Beziehung setzt und teilweise mit biologistischen Vokabeln hantiert.
Er hat die alte Regel von Martin Luther befolgt: „Deine Rede sei Ja oder Nein“ – jedenfalls soll man sich nicht lauwarm ausdrücken. Bei den meisten Politikern geht es mir so: Ich verstehe nicht, was sie meinen, weil sich alle um klare Aussagen drücken. Er argumentiert auch nicht biologistisch. Es ist doch unbestritten, dass Anlagen vererbt werden. Sarrazin hätte vielleicht nicht von Genen reden sollen, sondern von kollektiven Begabungen, von Charaktereigenschaften. Er argumentiert in seinem Buch, dass „ganze Clans eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen (haben) „. Jetzt frage ich mich: Was soll das dem Leser sagen? Dass wir Gentests für Zuwanderer brauchen und eine genetisch „saubere“ Zuwanderung!? Wir schließen daraus, dass sich verschiedene Kulturen sehr verschieden verhalten. Das ist unangenehm, aber es heißt nicht, dass er jetzt einen Gentest für Zuwanderer fordert. Er fordert nur, dass man die Realität zur Kenntnis nimmt.

„Gereifte Demokratie“
= Was steht am Ende dieser Diskussion? Das Ende der Toleranz?
Nein, das hat mit Toleranz nichts zu tun. Der Protest richtet sich nicht gegen den Islam, nicht gegen Moslems, nicht gegen Moscheen, sondern nur gegen eine spezielle Ausprägung eines aggressiven islamischen Fundamentalismus. Das ist keine Frage der Toleranz, sondern eine Frage der Spielregeln.

= Der geplante Rauswurf Sarrazins aus der Bundesbank, war das der größte Fehler der politischen Elite, weil damit erst recht ein Märtyrer der Meinungsfreiheit geschaffen wurde?
Broder: Mit Sicherheit. Andererseits finde ich, dass es doch eine sehr schöne und positive Debatte ist, die zeigt, dass die Bundesrepublik eine gereifte Demokratie ist: Wenn die Eliten so etwas anstellen, dann wird schnell klar, dass die so genannten einfachen Leute, „der Stammtisch“, ganz anderer Meinung ist. Und dann rudern die Eliten auch zurück.

= Ein Zeichen für die Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten?
Broder: Es hat sich gezeigt, dass sich die Eliten und die einfachen Leute wirklich diametral auseinander entwickelt haben. Das ist auch meine Beobachtung, wann immer ich mit Politikern zusammenkomme: Die leben in einer anderen Welt. Wenn Politiker das Vorhandensein von Parallelgesellschaften beklagen, die es im Migrantenmilieu geben soll, dann müsste man sich zuerst mit der Parallelgesellschaft der Politiker beschäftigen. Ich halte die für viel schlimmer.

= Warum negiert die Politik so dauerhaft offensichtliche Probleme in der Integration?
Broder: Das ist ein ganz normaler menschlicher Reflex. Wenn sie etwas 20, 30 Jahre falsch gemacht haben, können sie sich nicht einfach umstellen. Es sind natürlich Fehler gemacht worden, die sich jetzt rächen.

= Der Islam und die westliche, aufgeklärte Welt, geht das überhaupt zusammen?
Broder: Nein, der Islam ist mit den Werten der modernen Welt nicht kompatibel, da gibt es eine große Lücke. Wenn das Christentum und das Judentum nicht durch das Feuer der Aufklärung gegangen wären, hätten sie das gleiche Problem. Und deswegen nutzen alle Annäherungsversuche des Westens nichts. Wenn sich der Islam nicht ändert, wird dieser Konflikt anhalten.

= Müsste man nicht, um ein konkretes Beispiel zu nennen, die Moscheen rausholen aus den Kellern und Hinterhöfen und ihnen einen Platz in der Mitte des öffentlichen Lebens geben?
Broder: Vollkommen richtig. Die müssen raus in die offene Welt und in die Sichtbarkeit. Ich finde die Leute haben ein Recht auf Religionsausübung, so lange sie sich an die Spielregeln halten. Ich hätte überhaupt nichts gegen eine Moschee mitten auf dem Kurfürstendamm.

= In Österreich rühmt sich jetzt HC Strache wörtlich als „intellektueller Wortführer“ dieser Debatte. So wichtig die Diskussion ist, sie spielt natürlich den Rechtspopulisten in die Hände.
Broder: Das ist ein ästhetisches Manko dieser Debatte, wenn auch unvermeidlich. Es hat bis jetzt, worauf ich wirklich stolz bin, keinen Aufruf der Art gegeben, „schickt die Ausländer nach Hause“, außer von der NPD. Es geht darum, wie man diese soziale Gebilde Bundesrepublik gestaltet, und das ist in Österreich genau so, nur das bei Ihnen das rechte Potenzial vermutlich größer ist. Österreich wird sich aber auf Dauer dieser Debatte nicht entziehen können.

{Foto: Broder, hier im Bild beim Club 2 zum Thema „Karikaturen, Bin Laden, Irak, hält die Parallelgesellschaft der Politiker für schlimmer als eine mögliche im Migrantenmilieu}.

 

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