kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Ritter Thilo und die gute Fee 12. September 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 02:15

Kürzlich erwarb ich in Hanau von einem obskuren Antiquar ein verblichenes Bündel Briefe von Jacob an seinen Bruder Wilhelm Grimm, darin ich ein bisher unbekanntes Märchen entdeckte, das mich entsetzte.

 

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte auf seiner Burg ein alter Graf, der war müde geworden, hatte aber seine Freundlichkeit behalten. Da begab es sich, dass des Nachts ein ärmlicher Wanderer an sein Burgtor pochte. Lumpen hingen in Fetzen von seinen mageren Schultern, und sein Hütchen war durchweicht von dem schweren Regen, der seit Tagen fiel.

“Lasst mich ein, Herr Graf”, rief er flehentlich über den Burggraben, und der alte Graf, der ein weiches Herz und einen langsamen Verstand sein eigen nannte, zögerte nicht, den Vagabunden ohne Wenn und ohne Aber in sein Haus aufzunehmen, als wäre es sein Bruder. Köstlichen Wein und gebratene Fasane setzte er ihm vor, wärmend prasselte das Feuer im Kamin der großen Halle, und zufrieden seufzte der müde Wanderer, dem es hier wohl gefallen wollte.

So gingen die Tage ins Land, die Wochen, die Monate und schließlich die Jahre. Bald war der Wein getrunken und der Keller leer, der letzte Fasan geschossen und das Feuer erloschen, weil kein Holz mehr zu finden war. Und hatte der Wanderer dem Grafen zunächst noch dankbar die Hand gereicht und allerlei Dienste verrichtet, das Wasser geschöpft, das Holz gespalten und den Unrat im Walde vergraben, so hatte er sich mehr und mehr verändert, je länger er in der Burg lebte, er war nämlich heimisch geworden.

War der Wanderer fett geworden, so war der Graf im gleichen Maße abgemagert. War der Graf still geworden, so war der Wanderer im gleichen Maße redselig, beherrschte ganz und gar jedes Gespräch in der großen Halle und brüllte den Grafen nieder, wenn dieser sein Maul auftat, und da half es auch nichts, dass jetzt alle die Sprache des Wanderers gelernt hatten, damit er sich ja nicht ausgegrenzt fühle. Nein, er allein durfte reden. Damit nicht genug, legte der Wanderer gerne die Füße auf den Tisch, rülpste, furzte, fläzte sich in seinem Sessel, beschimpfte den Grafen, schlug auch seinen Hund und vergewaltigte seine Tochter.

Während der alte Graf noch darüber nachsann, ob er dem Wanderer wohl zu wenig Liebe, Freundlichkeit und Respekt entgegen gebracht hatte, dass dieser sich so unvorteilhaft auszunehmen begann, und tief in seinem ergrauten Herzen nach seiner Schuld daran grub, während heiße Tränen der Scham das Antlitz des Grafen leckten, kehrte einer der Söhne des Grafen, der Ritter Thilo, von einer weiten Reise zurück und ritt in schimmernder Rüstung über den Graben und über die Brücke und in die Burg. Aber statt wehender Wimpel mit seinem eigenen Wappen, das vor ihm seinem Vater und Großvater und Urgroßvater und allen seinen Urvätern geweht hatte, empfingen ihn die wehenden Wimpel des Wanderers, und statt seines Vaters, der sterbend auf seinem Lager lag und nur leise noch stöhnte, empfing ihn der feiste Wanderer.

Da entbrannte in Ritter Thilo ein großer Zorn. Doch weil er das mäßigende Temperament seines Vaters ganz und gar geerbt hatte, nahm er nun nicht etwa die scharf geschliffene Lanze, um den Wanderer in die Erde zu spießen, wie es wohl manch einer von uns gern getan hätte, die wir hitzköpfig sind. Nein, er streckte dem Wanderer brüderlich die Arme entgegen und sagte ihm: “Du bist willkommen in diesem gastlichen Hause – aber nur unter drei Bedingungen: Erstens, ab heute wehen wieder die Wimpel meines Vaters. Zweitens, du darfst meine Schwester nicht mehr vergewaltigen. Drittens, du musst ehrlich arbeiten wie alle hier im Haus”.

So also sprach milde, sanft und gütig Ritter Thilo, und senkte die Lanze. Der Wanderer aber stimmte ein schreckliches Geheul an, wie es die ganze Welt noch nie vernommen hatte, und wälzte sich unter Tränen und Flüchen im Staub des Burghofes. Als er sich eine Weile gewälzt hatte, sprach er mit lauter Stimme: “Dies ist jetzt mein Haus. Erstens, wo immer ich hinkomme, müssen meine Wimpel wehen und nur sie. Zweitens, deine Schwester gehört mir so wie alle anderen Frauen auch. Drittens, jede Arbeit ist zu niedrig für einen wie mich, arbeite du und ernähre mich, wie es dein Vater tat, der jetzt stirbt”.

Da fiel dem Ritter Thilo vor Schreck die Lanze aus der Hand, und er erbleichte, als wäre er in einen Mehlsack gefallen. Das laute Rufen des Wanderers aber hatte eine gute Fee herbeigerufen, die mit gespreizten Flügeln, schmollenden Lippen und in einem sandfarbenen Hosenanzug herbei schwebte. Zärtlich streichelte die Fee die Wangen des Wanderers und flüsterte ihm mütterlich ins Ohr: “Du, du, du, du du.” Das tat dem Wanderer wohl in seinem Herzen, und er begann leise zu summen. Den Ritter Thilo aber packte sie hart mit ihren Krallen, wie ein Raubvogel seine Beute packt, stieß mit ihren Flügeln in die Lüfte empor, wie es in der Walpurgisnacht auf ihren Besen die Hexen zu tun pflegen, und stieß den Ritter Thilo in den Burggraben, wo er dann elend ersaufen musste.

(Von Rechtsanwalt Michael C. Schneider, Frankfurt am Main)

 

One Response to “Ritter Thilo und die gute Fee”

  1. ReiterRoman Says:

    Nun, die Geschichte hört sich an wie die Geschichten, die ich in meiner Kindheit über die ach so böse Besatzungsmacht und über den gerade verlorenen Krieg hörte.

    Eine ähnliche Geschichte erzählte mir auch als kleiner Junge ein alter Mann, der bei den wirklichen Indianern in Amerika lebte und seine Frau, die eine solche war, ermahnte mich schon damals zu dem, was ich bis heute nicht verstanden habe: Demut vor der Allmacht des großen Bruders, des Staates.

    Als fünfjähriger Junge lauschte ich am einem Sonntag einem Hörspiel im Radio, das mein Leben veränderte. Es war die Geschichte von “Biedermann und die Brandstifter” von Max Frisch. Er hat sie damals zwar über den Kommunismus und über die Prager Scene geschrieben. Sie ist heute ein sehr gutes Beispiel für die Gefahren durch den Terrorismus und die Blindheit der Gutmenschen. Am Ende brennt das Gaswerk und in den neueren Ausgaben des kleinen Büchleins wird auch die Zeit nach dem Tod, die Zeit in der Hölle beschrieben, die für uns einem Zustand im täglichen Leben gleicht.

    Seien es nun Muslime, linke Politiker oder links abgerutschte, aber auch die vielen Propheten, die sich in diesen Tagen auf allen Wellen des Geschehens die Hand reichen, die Geschichten ähneln sich und wir … Sie oder Du, und alle anderen, wir begreifen nur sehr schwer und vielleicht zu langsam,.dass die Geschichte heute gelebt wird, morgen allerdings erst geschrieben wird.

    Vielleicht erkennen die Akteure der Geschichte nicht nur die Annehmlichkeiten des Lebens, sondern auch die Verantwortung, die wir uns gegenseitig in diesem kurzen Leben schuldig sind


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