kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Das Grundgesetz schützt die Integrationsverweigerer 10. September 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 05:50

Wirksame Mittel gegen Integrationsverweigerung zu finden, fällt hierzulande besonders schwer. Das liegt auch an der deutschen Verfassung. Zwei gleichaltrige Jungen wachsen in einer anatolischen Kleinstadt auf. Beide haben arme Eltern ohne höhere Schulbildung. Der eine macht mit 18 Jahren ein glänzendes Abitur. Viele bewundern das, erklären kann es allerdings keiner. Der andere hat zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre mit gering bezahlten Gelegenheitsarbeiten hinter sich, denn wegen schlechter Zensuren verfügt er gerade mal über den Mindestabschluss, wie die Mehrheit seines Jahrgangs. Der Abiturient strebt in die Hauptstadt oder gar nach Istanbul zum Studium; er strebt eine Karriere im Staatsdienst an. Er scheint alle Trümpfe in der Hand zu haben und denkt nicht einmal im Traum daran, sein Leben mit dem Schulversager zu teilen. Er begegnet ihm mit einer Mischung aus Stolz und Mitleid, aber niemand verlangt, dass er sich an den Pechvogel bindet.

Aufstieg durch Migration, nicht Leistung: Doch plötzlich kommt auch für den Gescheiterten eine Chance. In Westeuropa sucht man Arbeiter. Im Alter von 20 Jahren fängt er dort an und verdient umgehend ein Mehrfaches dessen, was sein hoch begabter Landsmann während seines Referendariats in Ankara bekommt. Zwischen beiden steht es jetzt nicht mehr eins zu null für den Studenten, sondern irgendwie eins zu eins, weil die guten Schulnoten des einen aufgewogen werden durch das höhere Einkommen des anderen. Beide können zufrieden sein. Gleichwohl hat der Migrant beim Überschreiten der Grenze nur seine Finanzen verbessert, nicht jedoch seine Schulnoten. Bei der Auswanderung kommen nicht nur gute, sondern auch schlechte Zensuren mit. Sie verwandeln sich hinter der Grenze nicht plötzlich in eine Bevorzugung oder eine Benachteiligung durch die neue Heimat. Sie haben nichts mit einem Ausländerbonus oder einem Ausländerproblem zu tun.
Zahlen und Fakten

Migranten: In Deutschland lebten 2009 rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das sind 19,6 Prozent der Bevölkerung. 8,5 Millionen hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. Selbst zugewandert waren 10,6 Millionen, hier geboren 5,4 Millionen. Gut drei Millionen stammen aus der Türkei. Das Durchschnittsalter der Migranten liegt bei 34,7 Jahren, dass der Einheimischen bei 45,6 Jahren. Der Anteil der Männer ist bei Migranten mit 50,3 Prozent höher als bei den Autochthonen (48,7).

Ehen: Wegen des niedrigeren Durchschnittsalters liegt bei Menschen mit Migrationshintergrund der Anteil der Ledigen mit 45,8 Prozent höher als bei Einheimischen (38,3 Prozent). Bei Ehen sind bikulturelle Verbindungen selten. 2008 hatten nur 19,3 Prozent der verheirateten Migranten einen Partner ohne Migrationshintergrund. Von den Deutschstämmigen waren nur zwei Prozent mit Migranten verheiratet. Der Anteil der Alleinerziehenden ist mit 13,9 Prozent bei Migranten deutlich niedriger als bei Einheimischen (20,5 Prozent).

Geburten: Migrantinnen sind seltener kinderlos. 2008 hatten von den eingewanderten Frauen der Jahrgänge 1964 bis 1973 nur 13 Prozent keine Kinder, bei deutschstämmigen Frauen waren es 25 Prozent. Von den jüngeren Frauen der im Jahr 2008 25- bis 34-Jährigen waren 39 Prozent der Migrantinnen kinderlos, bei Deutschstämmigen 61 Prozent. Die Anteile von Frauen mit drei und mehr Kindern sind bei Migrantinnen um ein Drittel höher als bei Deutschen. Studien zu den noch jungen Migrantinnen, die hier geboren wurden, weisen auf ein Sinken der Geburtenrate in der „zweiten Generation“ hin.

Bildung: In den Statistiken lässt sich nicht mehr zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden, nur noch zwischen ausländischen und deutschen, wobei zu Letzteren etwa 15 Prozent Migranten gehören. 2008 besuchten 28,7 Prozent der deutschen Kinder ein Gymnasium, aber nur 9,3 der Kinder mit türkischem Pass. Bei vietnamesischen Migrantenkindern waren 39,9 Prozent Gymnasiasten. 15 Prozent der ausländischen Hauptschulabgänger hatten keinen Abschluss, bei deutschen waren es 6,2 Prozent.

Armut und Gewalt: Die Erwerbstätigkeit in einigen Migrantengruppen ist geringer als bei Deutschstämmigen. 2009 waren 43,7 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Migrationshintergrund berufstätig, aber nur 34,8 Prozent der Türkischstämmigen. Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger betrug 2009 bei Einheimischen 3,4, bei Türkischstämmigen 11,9 Prozent. 2009 lag die Arbeitslosenquote unter Deutschen (mit eingebürgerten Migranten) bei 8,3 Prozent, unter Ausländern hingegen bei 19,1 Prozent. 2008 begingen drei Prozent der Ausländer zwischen 14 und 18 Jahren Gewaltdelikte, hingegen waren es bei Deutschen in dem Alter 1,3 Prozent. All das bleibt unauffällig, bis der Ausgewanderte, inzwischen arbeitslos geworden, eine Familie gründet. Die Wahrscheinlichkeit, dass er seine mangelhaften Zensuren an den Nachwuchs weitergibt, liegt keineswegs bei 100 Prozent, aber doch hoch. Denn Intelligenz wird nicht eins zu eins von den Eltern auf das Kind vererbt. Es ist die „Erblichkeit von Intelligenzunterschieden“ (Elisabeth Stern, Zeit, 2.9.10), die eine Gruppe von der anderen absetzt. Aber aus den Gruppen steigen immer wieder Individuen auf oder ab. So richtig es ist, dass spezielle Förderung so gut wie allen hilft, so erklärungsbedürftig bleibt, warum auch ungünstige Milieus trotz ausbleibender Förderung immer wieder mit Talenten überraschen. Wenn nun der erste Sohn des Arbeitsmigranten mit 15 Jahren ohne Abschluss die Schule verlässt, wiederholt er oberflächlich die Karriere des Vaters. Auch im Vergleich zu den Ausnahmeschülern seiner ethnischen Gruppe in der neuen Heimat scheint er nicht anders dazustehen als damals sein Vater in Anatolien.

Ausflüchte statt Eingeständnisse: Anders als sein Vater aber kann er das „eins zu null“ für den Abiturienten nicht mehr durch Aufnahme einer gut bezahlten Arbeit in der Ferne ausgleichen. Die Lage des Jüngeren ist mithin ungleich schwieriger. Er steht für sein weiteres Leben mit dem Rücken zur Wand.

Da wir nicht als wandelnde Niederlage durchs Leben gehen können, suchen wir Vorwände, hinter denen wir die Schwächen zu verstecken suchen. So mögen vorzeitige Schulabgänger die Vorstellung entwickeln, dass sie keineswegs Gescheiterte sind, sondern wegen ihrer Herkunft und ihrer Religion diskriminiert werden. Über eine solche Ausflucht verfügte der Großvater – soweit er nicht Kurde oder Alewit war – in Anatolien natürlich nicht. Wenn nun die Mehrheitsgesellschaft eine solche Selbstinterpretation glaubt oder sie durch Integrationsarbeiter den Betroffenen sogar aufdrängt, ist die neue Existenz in eine rückwärts gewandte Türkenseligkeit schon halbwegs etabliert. Die religiöse Indifferenz der ersten Generation weicht also in der zweiten erst einmal nur einem defensiven islamischen Trotz. Wenn dann auch diese Generation ohne Ausbildungsreife in die Familiengründung überwechselt, werden die eigenen Kinder von vornherein zu National- und Glaubensstolz erzogen. Selbst als „begabt“ eingestufter Nachwuchs wird dann offensiv an das eigene Milieu gebunden. Die Enkel treten also nicht mehr angepasst wie die Großväter oder unsicher suchend wie die Väter, sondern in stolz-fremder Ehre vor die Mehrheitsgesellschaft. Wo die Großväter die Deutschen respektierten und die Väter ihnen auswichen, sehen die Enkel in ihnen Nazis, Schweinefleischfresser und Schlampen, zu denen sie niemals gehören wollen.

Nationalismus als Ausflucht: Die Mehrheitsgesellschaft versteht zumeist nicht, dass der eingeforderte Verzicht auf solche Haltungen diese jungen Migranten nur von neuem mit dem Rücken an die Wand drängen würde. Ihre Integrationsverweigerung ist ja kein Selbstzweck, sondern soll einen Selbstwert bewahren, für den persönliche Leistungsressourcen fehlen. Solche jungen Türken verhalten sich durchaus ähnlich wie deutsche Schulversager, die durch Nationalismus eine Größe erlangen wollen, die das eigene Potenzial nicht hergibt. Thilo Sarrazin hat mit seinen Aussagen viele provoziert und Politiker scheinbar motiviert. Selten gab es so viele Vorschläge, wie Zuwanderer besser in Deutschland integriert werden können. WELT ONLINE dokumentiert die Ideen:

Ministerin Schavan sucht „Bildungslotsen“: Das Bundesbildungsministerium wird ab Montag über die Bundesagentur für Arbeit 500 sogenannte „Bildungslotsen“ suchen. Dafür kämen vor allem Meister aller Fachrichtungen und Sozialpädagogen mit Berufserfahrung in Frage. Das berichtete die „BILD“-Zeitung. Die hauptamtlichen Bildungslotsen sollen Hauptschüler ab der 7. Klasse beim Schulabschluss, bei der Berufswahl und beim Übergang in eine Ausbildung unterstützen. Bis 2013 sollen 1.000 von ihnen im Dienst sein. Für die Initiative „Bildungsketten“ stellt das Ministerium insgesamt 360 Millionen Euro bereit. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) begründete die Initiative gegenüber der Zeitung mit den Worten: „Bildungslotsen helfen denen, die sich schwer tun. Wir lassen kein Kind zurück“.

Bundesregierung plant Aktionsplan Integration: Im Streit um die Integrationspolitik will die Bundesregierung mit einem „Aktionsplan Integration“ in die Offensive gehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere Politiker sprachen sich dafür aus, offensiver über Probleme und Erfolge der Integration zu reden. Unterdessen ging die Debatte über die Entlassung von Thilo Sarrazin aus dem Vorstand der Bundesbank weiter. Der frühere CSU-Chef Edmund Stoiber warnte vor dem Entstehen einer neuen rechtspopulistischen Partei. Integrations-Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) kündigte im Nachrichten-Magazin „FOCUS“ an, der Staat wolle künftig Integrationsvereinbarungen mit Neuzuwanderern schließen. „Noch in diesem Jahr beginnen wir in den ersten Kommunen mit dem Testlauf“, sagte sie. In diesen Verträgen will Böhmer „verbindlich festschreiben, was der Staat den Menschen zu bieten hat, aber auch was sie im Gegenzug zu leisten haben – mit Sprachkursen oder Fortbildungen zum Beispiel“. Auch den Startschuss für einen groß angelegten „Aktionsplan Integration“ will die Bundesregierung noch in diesem Jahr geben.

SPD schlägt Bundesministerium für Integration vor: Die SPD hat die Schaffung eines Bundesministeriums für Bildung und Integration vorgeschlagen. Dies wäre das richtige Signal, um auf die Debatte über eine bessere Eingliederung von Zuwanderern zu reagieren, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann. Bildung sei der wichtigste Schlüssel für die bessere Integration dieser Menschen in Gesellschaft und Arbeitswelt. „Statt Geld für das Elitestipendienprogramm von CDU-Bildungsministerin Annette Schavan auszugeben, müssen wir in die Köpfe und Herzen der Kinder investieren, die nicht mit dem goldenen Löffel geboren und aufgewachsen sind“, forderte der SPD-Politiker. Es werde Zeit, dass sich die Regierung stärker um die Integrationspolitik kümmere und damit ihrer Verantwortung für alle Bürger gerecht werde.

Buschkowsky und Wowereit fordern Kita-Pflicht: Der Bürgermeister des sogenannten Problembezirks Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), hat in der Integrationsdiskussion eine Kita-Pflicht ab dem ersten Lebensjahr gefordert. „Wenn wir eines aus der Sarrazin-Debatte lernen müssen, dann ist es das: Die Menschen spüren deutlich, dass die Unterschicht und damit Bildungsferne und Gewaltbereitschaft bei den jungen Menschen bedrohlich zunehmen“, sagte Buschkowsky dem „Tagesspiegel“. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht die künftigen kostenlosen Kindertagesstätten als „ersten Baustein, um zu einer allgemeinen Kita-Pflicht zu kommen“. In einem Gastbeitrag für die „Berliner Zeitung“ zur Integrationspolitik schreibt Wowereit, dass das Lernen der deutschen Sprache früh und breit gefördert werden müsse. „Eine multikulturelle Gesellschaft entsteht nicht allein durch Handauflegen“, so Wowereit.

FDP fordert Deutschtests für alle Kinder: Bayerns FDP-Chefin Leutheusser-Schnarrenberger will die Sprachfähigkeit von allen Vierjährigen prüfen – auch deutschen. „Ohne ausreichende Sprachkenntnisse ist es ganz schwierig, ab der Grundschule den Anschluss zu halten“, sagte Leutheusser-Schnarrenberger, die auch Bundesjustizministern ist. „In Bayern sollten alle Kinder – auch die aus deutschen Familien – mit vier Jahren eine „Sprachstandsfeststellung“ absolvieren müssen“, heißt es dazu in dem Papier. Bei mangelhaften Kenntnissen will die FDP den Besuch von Sprachkursen zur Pflicht machen. Bildung sei der Schlüssel zur Integration. Daher überlegt die FDP auch, Türkisch als Unterrichtsfach anzubieten, um die Zweisprachigkeit zu nutzen.

Hahn ruft zu Teilnahme an Deutschkursen auf: Der hessische Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) hat Zuwanderer zur Teilnahme an Deutschkursen aufgefordert. „Die Bereitschaft, die deutsche Sprache zu lernen, muss steigen“, sagte Hahn. Das Angebot sei breit genug, es reiche von Kursen in Kindertagesstätten bis zu Kursen für Ältere. Besonders wichtig sei es, dass Kinder so früh wie möglich Deutsch lernten, sagte der FDP-Politiker. Dies sei der Schlüssel zu gelungener Integration.

Merkel warnt vor rechtsfreiem Raum in Vierteln mit vielen Ausländern: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat vor einem Zurückweichen des Staates vor Gewalt in Vierteln mit hohem Ausländeranteil gewarnt. „Es darf in Deutschland keinen Ort und keine Viertel geben, wo unsere Polizei das Recht nicht durchsetzen kann“, sagte Merkel der „Bild am Sonntag“ zu Situationen in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh. Dort musste die Polizei laut „BamS“ schon mehrfach vor gewaltbereiten Jugendbanden kapitulieren. Die Kanzlerin sprach sich in dem Interview für mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Öffentlichen Dienst aus. „Es würde sicher helfen, wenn wir in Polizei, Jugendämtern und anderen Behörden mehr Migranten hätten“, sagte sie. Merkel forderte zudem, die statistisch höhere Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher nicht zu tabuisieren: „Das ist ein großes Problem und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt“. Zugleich warnte die Kanzlerin davor, Gewalt mit einer bestimmten Religion in Verbindung zu bringen. Das führe „in die Irre“. Gewalt bei jungen Menschen sei „oft ein Zeichen dafür, dass sie keine Perspektive für sich sehen. Und da hilft nur Bildung, Bildung, Bildung“.

Deshalb lassen sich solche Migranten auch nicht dadurch fördern, dass die Mehrheitsgesellschaft immer wieder beteuert, „keine erzwungene Assimilation oder das Leugnen der eigenen Wurzeln“ zu verlangen (Angela Merkel am 3. September 2010). In der Hoffnung auf eines Tages doch noch gute Leistungen gibt es hier Liebedienerei für eine Verweigerung, die eine längst gescheiterte Lernkarriere gerade kaschieren will. Denn könnten die jungen Leute auf Erfolge verweisen, würden sie kaum in religiösen oder nationalen Extremismus verfallen. Da von unseren Türkischstämmigen immerhin 76 Prozent ohne Ausbildung bleiben, mit ihren Kindern aber von der Mehrheitsgesellschaft bezahlt werden müssen, verliert diese zunehmend ihre Zuversicht und gewinnt auf einmal die eigene Nationalität viel lieber als sie müsste – echauffiert sich also unter ihrem Niveau.

Aleviten als Vorzeigeimmigranten: Die 24 Prozent hiesiger Türken, die qualifizierte Abschlüsse erreichen, fallen zumeist nicht auf aggressive Haltungen zurück. Sie sind deshalb auch viel schwerer zu „beleidigen“. Allerdings gebietet es der schlichte Anstand, auch für die abgeschlagenen Landsleute Sympathiebezeugungen („wir Muslime“, „wir Türken“) abzugeben. Die Sorge jedoch, dass man die Integration der Erfolgreichen gefährden oder gar rückgängig machen könne, weil über die anderen geredet werden muss, belegt einmal mehr die Unkenntnis der Qualifikationsdifferenzen zwischen beiden. Zu diesen türkischen Leistungsträgern gehören viele Alewiten. Sie verlassen die Türkei nicht vorrangig wegen schlechter Ausbildung, sondern fliehen vor Diskriminierung. Es sind Kinder solcher Flüchtlinge, die daheim oft nicht studieren können, aber hier mit der kostenlosen Ausbildung umgehend ein statistisches Feuerwerk der Abiturientenzunahme zünden. Sie realisieren ein längst vorhandenes, aber in Brache liegendes Potenzial. Verständlich, dass Integrationsfunktionäre sich flugs mit diesen Federn schmücken! So verblüfft die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan die Öffentlichkeit mit einem Anstieg der qualifizierten Abschlüssen von 800 Prozent seit Beginn der Türkeneinwanderung (drei Prozent auf 24 Prozent). Darin steckt zu einem guten Teil die Hebung zuvor in Brache liegender Könnerschaft durch das gebührenfreie deutsche Bildungssystem.

Sozialhilfebezug der Einwanderer steigt um 5000 Prozent: Zugleich aber stieg etwa in Berlin der Sozialhilfebezug der Einwanderer von anfänglich weniger als einem Prozent auf knapp 50 Prozent aller Türkischstämmigen (DIW/Karl Brenke 2008). Wir haben es also mit einem Anstieg von 5000 Prozent zu tun. Wer das unterschlägt, begreift dann die Debatte nicht mehr. Die Spitze der türkischen Alewiten wiederum ähnelt den Iranern in Deutschland. Die fliehen vor islamistischer Entmündigung durch ihre Mullahs ja gerade deshalb, weil sie über solche Identitätskrücken längst hinaus sind, von ihnen also nicht gestützt, sondern behindert werden. Bei ihnen handelt es sich um eine Minderheit, die über lange Zeiträume hinweg aus der Gesamtbevölkerung auf ähnliche Weise nach oben gelangt ist wie unser Abiturient aus der anatolischen Kleinstadt oder die Arbeitertochter aus Rheinland-Pfalz.

Hätten wir in der Türkei also nicht vorrangig Unqualifizierte angeworben, sondern einen islamistischen Putsch mit ansehen müssen, dann wären aus Istanbul die Besten nach Berlin geflohen. Eine solche sunnitisch-türkische Minderheit hätte wahrscheinlich – wie jetzt die iranisch-schiitische – bessere Abiturnoten vorgelegt als der hiesige Gesamtdurchschnitt. Alle hier erfolgreichen türkischen Sunniten sind genauso gut wie Alewiten imstande, diesen Zusammenhang nachzuvollziehen. Denn auch sie gehören ja zu denen, die selber kaum Kinder haben und das dennoch mit bezahlen müssen. Wie die Mehrheitsgesellschaft fürchten sie, dass gerade durch das Aufbringen immer größerer Summen die Probleme noch wachsen werden. An die 100.000 Euro bis zum 18. Lebensjahr für bald 200.000 Kinder aus jedem Jahrgang sollen die Nachbarn für Edelkrippen, Spezialkitas, Coaches, Lotsen, Therapeuten, Sozialgeld, Schulen, Nachhilfelehrer etc. aufbringen. Um dem Schritt in die Integrationsverweigerung zuvorzukommen, sollen die Kinder schon mit 18 Monaten dem Einfluss ihrer Eltern zumindest partiell entzogen werden, damit sie später fähig sind, auf nationalistische Parolen nicht mehr hereinzufallen. Doch nicht einmal der Bundespräsident gibt eine Garantie dafür, dass mit all diesen Sonderprogrammen tatsächlich Heere von Abiturienten gewonnen werden können.

Das Einkommen wird durch Neugeborene aufgebessert: Das Gefühl der Aussichtslosigkeit rührt daher, dass jeder legal in Deutschland Lebende ohne Einkommen bis ans Ende seiner Tage von den Mitbürgern für eine menschenwürdige Existenz bezahlt werden muss. Das Problem kann sich mithin niemals auswachsen. Die 25 Prozent unserer 15-Jährigen, die bereits 2009 von der Bundesregierung als nicht ausbildungsreif bezeichnet werden und ganz überwiegend selbst schon von Sozialgeld leben, wechseln bald in die Langzeitarbeitslosigkeit über und haben dann alle Zeit der Welt für eigenen Kindersegen. Der niederländische Weg, bei einer Höchstsumme von 3000 Euro für eine hilfebedürftige Familie Schluss zu machen, ist hier ausgeschlossen. Bekommt eine Sozialhilfefamilie in den Niederlanden noch ein weiteres Kind, gibt es für dieses kein Extrageld. Faktisch wirkt das als Kürzung für alle Familienmitglieder und dämpft den Impuls, das Einkommen durch Neugeborene zu vermehren.

Unser Verfassungspatriotismus kollidiert mit der Versorgungskraft: Bei uns jedoch ist der Hilfeanspruch an die Person gebunden. Seine Übertragung an das Familienkollektiv verletzt das Gleichheitsprinzip und ist deshalb verfassungswidrig. Unakzeptabel ist auch der amerikanische Weg, der seit 1997 nur maximal fünf Jahre Sozialhilfe vorsieht und damit die Geburtenzahl bei bildungsfernen Hilfeempfängern bis 2005 um 70 Prozent gesenkt hat. Die Amerikaner verletzen zwar nicht das Gleichheitsprinzip, aber wegen fehlender Lebenslänglichkeit der Versorgung die Menschenwürde. Das gilt auch für andere Regierungen, die Zuwanderer erst einmal fünf oder zehn Jahre von der Sozialhilfe ausschließen. Was sie, Den Haag oder Washington machen, wäre in Deutschland strafbar. Gleichwohl kollidiert unser Verfassungspatriotismus mit der Versorgungskraft des vergreisenden Restes. Wird deshalb das Sozialstaatspostulat des Grundgesetzes bald genauso vor das Bundesverfassungsgericht müssen wie hochrangige Verleumder Sarrazins? Oder werden die – gewiss ebenfalls raren – Verfechter seiner Reform dann als Verfassungsfeinde am Pranger landen?

Der Autor ist emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen

{Der Bundesbank-Vorstand und ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin soll für sein umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ auf Ressourcen der Bundesbank zurückgegriffen haben. In den letzten Tag hat er, wie hier bei Beckmann, dagegen immer wieder betont, er habe sein Buch als Privatmann geschrieben. Bundesbank-Chef Axel Weber hat entschieden, um die Abberufung Thilo Sarrazins zu bitten. Die Entscheidung liegt nun bei Bundespräsident Christian Wulff (r.). Kanzlerin Angela Merkel (l.) hatte sich bereits vor dem offiziellen Erscheinungstermin des Buches sehr kritisch zu Sarrazins Thesen geäußert. Die SPD in Berlin hat derweil ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Und die Bundes-SPD unter Sigmar Gabriel (l.) und Andrea Nahles (r.) wird folgen. In seinem Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf wurde das Ausschlussverfahren bereits eine Woche vorher eingeleitet. Sarrazins Buch sowie Äußerungen über Migranten sorgen seit Wochen für eine ausführliche Integrationsdebatte. Ein Überblick über seine Thesen: Im Juni 2010 erklärt er: „Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer“ und bringt dies in Zusammenhang mit Zuwanderern „aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“. Ende 2009 hält Sarrazin türkischen und arabischen Einwanderern vor, sie hätten „keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel“ und produzierten „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“. Im Februar 2008: „Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht“. Juni 2008: „Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten gehen. Das wären 40 Euro pro Tag“. Im November 2002 sagte er zur Debatte über höhere Kita-Gebühren: „Es wird ja so getan, als ob der Senat die Kinder ins Konzentrationslager schicken wollte“. November 2007: „Tempelhof ist kein Filetstück. Und wenn, dann schauen da schon die Maden raus“. Oktober 2007: „Wer als Hartz-IV-Empfänger genug Kraft für ein Ehrenamt findet, der sollte dann die Kraft darin legen, Arbeit zu finden“. August 2006: „Der Schutt ist abgeräumt. Wir leben hier nicht mehr im Jahre 1945, sondern wir leben im Jahre 1947“. Februar 2002: „Die Beamten laufen bleich und übel riechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist“. Im Februar 2002 über den Berliner Etat: „Der Haushalt ist objektiv verfassungsfeindlich“. Im November 2003 zu Studenten, die sein Büro besetzt haben: „Ihr seid alle Arschlöcher“}.

{Quelle: Welt.Online – Von Gunnar Heinsohn – Foto: AP Gescheiterte Einwanderer flüchten sich oft in religiösen Fanatismus und Nationalismus}

 

2 Responses to “Das Grundgesetz schützt die Integrationsverweigerer”

  1. ebook leser Says:

    Die Bundesbank hat ihr Problem Sarrazin jetzt gelöst. Auch wenn es jetzt das öffentlich gemacht hat was immer vermutet wurde. Die Bundesbank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Weber hat ja nur das gemacht, was die Merkel ihm gesagt hat. Dieser Mann ist für die EZB natürlich nicht geeignet. Der ist reif für den Ruhestand.

  2. ReiterRoman Says:

    Deutschland SCHAFFT SICH NIEMALS AB,dazu sind wir zu ehrbar und Arbeitsam und Stolz.Da schaffen sich andere selber hinab.


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