kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Alle zwei Stunden eine Brautverbrennung 10. September 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 05:11

Reportagen des Grauens: In ihrem Buch “Die Hälfte des Himmels” zeigen Nicholas Kristof und Sheryl WuDunn das unfassbare Leid und die erstaunliche Courage vieler Frauen in den Entwicklungsländern.


Dieses Buch ist ein Ereignis. Das bezieht sich nicht nur auf den Rummel, der vor einem Jahr das Erscheinen des amerikanischen Originals begleitete: Die “New York Times” widmete dem Manifest der beiden einflussreichen Autoren – mehrfache Pulitzer-Preisträger, die aus eigener Anschauung bestens mit der humanitären Situation in Afrika, Asien und Lateinamerika vertraut sind – eine komplette Ausgabe ihres Magazins. George Clooney, Angelina Jolie, Melinda Gates, Khaled Hosseini verfassten Elogen. Gestandene Kritiker wie Carolyn See von der “Washington Post” warfen jede Neutralität über Bord – “Ich glaube wirklich, dass dies eines der wichtigsten Bücher ist, das ich je rezensiert habe” – und befahlen schlichtweg: “Keep reading”! Aus dem Stand heraus gelangte “Half the Sky” in die amerikanischen Bestsellerlisten.

Nun liegt das Kompendium über das Martyrium von Millionen Frauen in den ärmsten Regionen der Welt auch auf deutsch vor. Das Buch ist Ereignis noch in einem sehr viel direkteren Sinn. Es ereignet sich, wie wenige Bücher das tun: Einmal geöffnet, will es um keinen Preis mehr zwischen die beiden Buchdeckel passen. So sensationell die Reportagen sind, so beeindruckend die Eleganz ist, mit der Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn massenhaft länderspezifische Informationen verarbeitet haben, ohne dass je die Spannung nachließe – man folgt dieser bedrückenden Reise um die Welt tatsächlich atemlos -, die Besonderheit dieses Buches bildet seine operationale Basis. Die Biologin Rachel Carson hat 1962 ihr Sachbuch “Der stumme Frühling” vorgelegt, die Initialzündung der weltweiten Umweltbewegung. Von diesem Format ist auch “Die Hälfte des Himmels”. Alles deutet hier auf Transgression: Es gibt eine Zeit zum Daten sammeln, es gibt eine Zeit zum Bücher lesen und es gibt eine Zeit zum Eingreifen. Und jetzt, dafür werfen die Autoren alles in die Waagschale, sei die Zeit reif für eine “neue Emanzipationsbewegung”.

Abolitionisten wollen sie um sich scharen, denn allein die im Sexgeschäft im vollen Wortsinn versklavten Frauen und Mädchen schätzen die Autoren – und sie schätzen stets sehr vorsichtig – auf drei Millionen. Hinzu kommen Millionen von Frauen, die durch Einschüchterung und Drogen in dieses Gewerbe gezwungen wurden. Viele von ihnen werden als rechtlose Schmuggelware gehandelt: “im beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert werden jährlich weitaus mehr Frauen und Mädchen in Bordelle verschifft, als im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert je binnen eines Jahres Afrikaner übers Meer auf Sklavenplantagen kamen”. Als Chronisten des Monströsen durchmessen die Autoren alle Kreise der Hölle, führen die verschiedensten Formen von Gewalt gegen Frauen auf. Alle zwei Stunden findet allein in Indien eine Brautverbrennung statt, “um die Braut für eine unzulängliche Mitgift zu bestrafen oder um sie aus dem Weg zu räumen, damit der Mann neu heiraten kann”. Zu Tausenden werden Frauen auch in Pakistan lebendig verbrannt oder – neuerdings sehr beliebt – mit Säure verätzt.

Millionenfach sterben Mädchen einfach deshalb, weil ihnen ein geringerer Wert beigemessen wird als Jungen: “In jedem einzelnen Jahrzehnt wurden bei diesem alltäglichen „Genderzid“ mehr Mädchen getötet als die Gesamtzahl aller Menschen, die den Genoziden des zwanzigsten Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind.” Zahllose Frauen werden vergewaltigt oder aus zusammenphantasierten Ehrengründen ermordet, straflos in vielen Ländern Asiens und Afrikas. Stammesversammlungen ordnen Massenmissbrauch oder Steinigungen an. Soldaten haben Vergewaltigungen – oft mit anschließenden Pfählungen oder den grausigsten Verstümmelungen – als probate Kriegswaffe entdeckt. Wäre nur eine Sekunde denkbar, Frauen würden so etwas Jungen und Männern antun?

Besonders schlecht ergeht es der weiblichen Hälfte der Bevölkerung, daran lassen die Autoren keinen Zweifel, in islamischen Ländern. Selbst unterdrückte Hindufrauen seien “selbständiger und in der Regel gebildeter als ihre muslimischen Nachbarinnen”. Kristof und WuDunn machen sich die Position islamischer Feministinnen zu eigen, der Islam habe im siebten Jahrhundert einen Fortschritt für Frauen dargestellt, sei dann aber fatalerweise stagniert. Auf den ersten Blick scheint sich das Buch damit einzufügen in die Phalanx der Kampfschriften im Gefolge Samuel Huntingtons, nur dass die Autoren an soziologischen Aussagen über Religion gar nicht weiter interessiert sind. Als knallharte Empiriker kümmert sie allein die Situation vor Ort: “Fünf Jumbojets voller Frauen sterben Tag für Tag an Geburtskomplikationen” – da hilft keine Kulturthese weiter, sondern allein eine koordinierte Kampagne für professionelle Geburtshilfe. Damit erklärt sich auch die stilistische Grundentscheidung, das auf breiter wissenschaftlicher Quellenbasis aufruhende Buch gleichwohl an Einzelschicksalen entlang zu schreiben. Dass sich die Autoren auf Interviews stützen, die sie über Jahrzehnte persönlich geführt haben, verleiht ihm seine ungewöhnliche Authentizität, zumal viele der Frauen auch noch mit Fotos abgebildet sind.

Dabei ist der Stil der Reportagen zu nobel, um als sensationsheischend gelten zu können, auch wenn die Schilderungen sich oft an der Grenze des Erträglichen befinden: eine Männerbande, die im indischen Slum aus Spaß einer Frau vor den Augen der Tochter die Brüste abschneidet und die Frau anschließend auf der Straße zerhackt; die malträtierte Äthiopierin Mahabouba, die nach einer Totgeburt selbst schwer verletzt den wilden Tieren zum Fraß vorgesetzt wird; die Vergewaltigung eines dreijährigen Mädchens im Osten der Demokratischen Republik Kongo, dem die Soldaten danach in den Unterleib feuern; die Steinigung einer siebzehnjährigen Kurdin im Irak: “Ihr Todeskampf dauerte dreißig Minuten” – so geht es weiter und weiter. Die Intention dahinter ist kein Geheimnis: “Wie eine wachsende Zahl psychologischer Studien zeigt, haben Statistiken eine abstumpfende Wirkung, wogegen die Schilderung individueller Schicksale geeignet ist, Menschen zum Handeln zu bewegen”.

Schwer zu glauben ist nach der vorhergehenden Passage, dass “Die Hälfte des Himmels” ein Buch ist, das Hoffnung macht, denn es zoomt nicht nur unfassbare sexistische Gewalttaten in weit entfernten Regionen heran, sondern legt sein Augenmerk auf Erfolge, die mutige Frauen vorweisen können. Wir lesen von Müttern, die auf scheinbar verlorenem Posten um ihre in Bordelle verschleppten Kinder kämpfen und siegen, von vorbildlichen Sozialunternehmerinnen, von afghanischen Untergrundschulen, vom Zusammenschluss der Frauen im indischen Slum, welche den Anführer der Terrorgruppe zur Strecke bringen, indem sie ihn kollektiv erstechen (wie die Autoren empfindet man das bei aller Inkorrektheit als “Erlösung”). Vor allem aber lesen wir von der unschätzbar wertvollen Arbeit vieler basisnaher Menschenrechtsorganisationen – im Gegensatz zu den “wahrscheinlich mehr für die Hersteller von Fotokopierern und Papier als für die Armen der Welt” tuenden UN-Organisationen.

Es ist keine vollkommen neue Agenda, die Kristof und WuDunn entwerfen. Sie plädieren wie die meisten Akteure in der Entwicklungshilfe für Mikrokreditsysteme, die am besten funktionieren, wenn Frauen die Adressaten sind. Wirtschaftstheoretisch glauben sie wie Paul Collier an den vorbildlichen chinesischen Weg, den man durch Zollbegünstigungen für afrikanische Waren ebnen solle: Die chinesischen Textilfabriken hätten bei aller Ausbeutung die Berufschancen und den Status der Frauen verbessert. Die Autoren fordern ein hartes Durchgreifen gegen Zwangsprostitution, weil der weiche Weg erfolglos geblieben sei, aber eine diplomatische Strategie beim Vorgehen gegen Mädchenbeschneidungen. Überhaupt sind sie keine Dogmatiker: Prostitution aus ökonomischem Druck werde es immer geben, aber dennoch müsse sich niemand mit barbarischer Sexsklaverei abfinden. Ein “Frauenthema” sei diese Emanzipation übrigens nicht, sondern ein humanitäres Anliegen; dem amerikanischen Feminismus wird in einem Nebensatz seine Selbstbezüglichkeit um die Ohren gehauen.

Der Königsweg aus der Armuts- und Gewaltfalle ist für Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn die Bildung. Gebildete Frauen sind oft auch ökonomisch erfolgreich, was wiederum, wie die Autoren exemplarisch zeigen, ganze Dorfstrukturen zu ändern vermag. Freilich gibt es hier besonders viele Widerstände. Nicht immer aber müssen Schulden gebaut werden, oft lassen sich schon mit intelligenten und kosteneffektiven Lösungen wie der Jodierung von Speisesalz (Verminderung von Hirnschädigungen von Ungeborenen), Entwurmungen bei der Einschulung, der Subvention von Schuluniformen oder der Bezahlung der Eltern für den Schulbesuch der Kinder gewaltige Verbesserungen erzielen.

Darauf zielt auch das Projekt “Half the Sky” ab, das weit mehr ist als dieses Buch und freilich sehr amerikanisch anmutet: Die beiden Autoren stehen Al Gore in professioneller Medienhandhabung nicht nach. Diavorträge zu Kapiteln des Buches finden sich beim Sender CNN oder auf der projekteigenen Website. Auch sind genaue Handlungsanweisungen in einem Sachbuch (”Besuchen Sie die Website http://www.globalgiving.org“;) vielleicht gewöhnungsbedürftig. Wenn es die Menschheit nur einen Schritt näher zu dem Ziel bringt, dass Menschenrechte eines Tages auch für alle Frauen Geltung haben, dann ist vielleicht nicht die Zeit zu kritteln, sondern die Zeit mitzuziehen.

{Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung – OLIVER JUNGEN}

 

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