kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Moks Revier – Verschollen im herrenlosen Gebiet 20. August 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 02:33

Neukölln, der Stadtteil im Süden von Berlin, ist zum Synonym für die Heimat der verlorenen Schicht geworden. Wer den Deutschtürken Tarkan Karaalioglu durch den Alltag begleitet, ahnt, dass sich daran trotz aller Mühen der Politik wenig ändern wird.


Gestern war es wieder so weit. Einer, dessen Name auf die zwei Buchstaben TO geschrumpft ist, hatte Tarkan Karaalioglu beleidigt. Er hatte seine Ehre beschmutzt. TO hatte seine Buchstaben über die von Karaalioglu gesprüht, an der braunen Wand neben dem „Video World“, am Hertzbergplatz, der Karaalioglus Revier ist. Karaalioglu heißt hier nur Mok, ein Kampfname, der so viel bedeutet wie „My own Kingdom“ – „Mein eigenes Königreich“.

Karaalioglu gab sich diesen Titel, als er noch jung war und zu einem der Herrscher von Neukölln aufsteigen wollte. Heute ist Karaalioglu 33. Die Ecke neben dem Video World ist seine letzte Festung. Wenn sich hier ein anderer breitmacht, ist Karaalioglu ausgelöscht, weg, nicht mehr existent. Deshalb, sagt Karaalioglu, hat er sich TO zur Brust genommen. „Du stellst mir bis morgen 100 Dosen Farbe vor die Tür“, hat Karaalioglu zu TO gesagt, „oder ich reiße dir den Kopf ab“. 300 Euro würden die 100 Dosen Farbe kosten. „300 Euro“, sagt Karaalioglu, „ist immer noch billiger als für 10 000 Euro Schaden im Gesicht, besser als Nase zertrümmert, Zähne eingeschlagen, Trommelfell geplatzt“.

Karaalioglu sitzt im Traum-Eck, einem orange gestrichenen Imbiss an der Kreuzung Sonnenallee/Hertzbergplatz in Berlin-Neukölln. Über ihm drehen sich die Rollen eines Spielautomaten. Ein halbes Grillhähnchen kostet 2,50 Euro, ein Döner dasselbe. Einen Tee gibt es für 50 Cent, aber es bestellt niemand Tee. Getrunken wird Bier, auch morgens. Es ist eng im Traum-Eck. Kann sein, dass TO die 100 Dosen liefert, denkt Karaalioglu bei sich, wahrscheinlich ist es nicht. Es wird wieder Ärger geben, wahrscheinlich eine Schlägerei.

Es wird Alltag sein in Neukölln. „Gewalt ist wie der Automat da oben“, sagt Karaalioglu und sieht auf den Glücksspielkasten. „Wenn es einmal losgeht, kann es keiner mehr stoppen“. Tarkan Karaalioglu hat selten erfahren, dass Konflikte anders gelöst werden können als mit Fäusten oder härteren Gegenständen. Sein Vater Hassan hat ihn geprügelt mit Gürteln und Schuhlöffeln, auf dem Schulhof genügte es, wenn einer den Fußball nicht schnell genug abgab oder Schweineschmalz auf dem Pausenbrot hatte. Später ging es um Drogen, Handys und Flachbildschirm-Fernseher. Immer galt, dass recht hatte, wer stärker war. Wer sich nicht durchsetzte, der war nichts wert. In Neukölln hat sich über die Jahre ein Name herausgebildet für solch vermeintlich niedere Existenzen: Sie gelten als „Opfer“. Ein Opfer ist in Karaalioglus Welt einer, der im Kampf unterliegt oder – fast noch schlimmer – dem Showdown aus dem Weg geht. An anderen Orten gibt es Gewinner und Verlierer – in Neukölln gibt es Leute, die Respekt verdienen, und es gibt Opfer. Um Opfer zu werden, reicht es meist schon, wenn einer sein Geld auf ehrliche Weise verdient. „Acht Stunden am Tag arbeiten?“, sagt Karaalioglu. „Was für ein Opfer“. Er spricht das Wort aus, als würde er es auf den Boden spucken.

Das Rathaus Neukölln liegt nur ein paar Straßen entfernt vom Traum-Eck. In einem Büro im ersten Stock steht Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky vor einer Landkarte, die seinen Stadtteil zeigt. „Es wird schlimmer von Jahr zu Jahr“, sagt Buschkowsky. „Das Bildungsniveau geht rapide nach unten. Nur 18% der Schüler mit Migrationshintergrund schaffen es bis zum Abitur. Eine Folge ist die Verstetigung der Jugendkriminalität auf hohem Niveau.“ Sein Finger fährt über die Karte. Im Jahr 2000 sei die Grenze sozialer Segregation bis zum S-Bahn-Ring gegangen, 2005 zum Teltowkanal. Jetzt sei die Blaschkoallee im südlicheren Stadtteil Britz die Frontlinie. In dieser Zone, sagt Buschkowsky, herrschten andere Gesetze.
„Die Leute stimmen mit dem Möbelwagen ab“, sagt der Bürgermeister. „Wir verlieren Kinder der bildungsorientierten Schichten; Kinder, deren Eltern als Handwerker arbeiten oder als Fleischverkäuferin bei Reichelt; Eltern, die wollen, dass es ihre Kinder einmal besser haben. Wir erleben die Abfahrt derer, die sich mit der Ansprache einmischen: „Hey, kannste deinen Müll da mal wegräumen“? Sie werden ersetzt durch die Ankunft derer, die zu der einen Tüte Müll noch eine zweite dazustellen“. Wenn Buschkowsky redet, streicht er manchmal über seine Krawatte, die sich auf seinen Bauch legt. Buschkowsky sagt Sätze, die viele seiner sozialdemokratischen Kollegen nie öffentlich aussprechen würden, weil ein Sozialdemokrat, der sich um sein Niveau sorgt, so nicht spricht. Ähnlich wie sein Kollege Thilo Sarrazin macht sich Buschkowsky wenig aus politischer Korrektheit.

Über 150 000 Einwohner hat Neukölln, 55% von ihnen Migranten, sie stammen aus mehr als 160 Nationen. Bei den monatlich stattfindenden Einbürgerungen spielt ein Duo aus Cello und Hammondorgel die Hymnen der Herkunftsstaaten; die Zeremonie dauert manchmal eine halbe Stunde. Dann übergibt Buschkowsky die Einbürgerungsurkunden. Er heißt die Neubürger willkommen, er weist darauf hin, dass in Mitteleuropa heute Muskeln weniger wichtig geworden sind. Bei solchen Zeremonien sagt Buschkowsky, „es kommt auf das an, was hier drin ist“, und deutet dabei auf seinen Kopf. Wenn man die Statistiken von Neukölln-Nord liest, hat man den Eindruck, dass Buschkowskys Hinweise nicht besonders ernst genommen werden. 58% der Migrantenkinder besuchen nur die Hauptschule, oft ohne Abschluss. Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger unter 25 Jahren liegt bei 60%. Es ist die Formel einer systematischen, oft selbstverschuldeten sozialen Dauerdegradierung: Migrationshintergrund und Unbildung führen zu Arbeitslosigkeit, sozialer Bedürftigkeit und Kriminalität.

„Hier gibt es Schulen, an denen 90% der Eltern in keinem geregelten Erwerbsleben stehen“, sagt Buschkowsky. „Es wachsen Kinder heran, die der Lehrerin sagen: ,Frau Lehrerin, das Geld kommt doch vom Amt. Kinder, die nach ihrem Berufswunsch gefragt werden, antworten: ,Ich werde Hartzer“. Hartz IV oder Kriminalität, das scheinen die Alternativen zu sein in Neukölln. Von 537 in Berlin registrierten jugendlichen Intensivtätern kommen 214 aus Neukölln. 90 Prozent dieser Täter haben einen Migrationshintergrund, ihre Opfer sind zu 80% Deutsche. Seit 1990 hat sich die Zahl der Strafverfahren mehr als verdoppelt.

Der Ursprung der Probleme liegt oft in den Familien, sagt Buschkowsky. „Die Jungen werden erzogen zur Tapferkeit, zur Stärke und zum Kampfesmut. Es gibt bei uns bloß nicht so viel zu kämpfen. Hinzu kommen Macho-Allüren und sonstige Komplexe. Das Ergebnis ist ständige Gewaltbereitschaft als Streetfighter nach dem Motto: Isch mach dich Rollstuhl, isch schwör“.

In einem Keller des AEG-Hauses am Hohenzollerndamm rollt sich Mok den ersten Joint des Tages. Es ist ein Uhr mittags. Der Keller dient als Studio für die Aufnahmen einer Rap-Gruppe namens Die Sekte, aber von den anderen ist nichts zu sehen. Mok geht mit einem Techniker ein paar Nummern durch, die er gestern aufgenommen hat. Einer heißt „Die Kriegstrommel“. Die beiden neigen die Köpfe im Rhythmus der Worte, es klingt hart und abgehackt. „Es geht hier nicht um Rap und Dichtung, es geht allein um deine Vernichtung. Ich halt dich unten wie ’ne Kupplung, ich bring dich Hund wie einen Hund um“. Mit Texten dieser Art schockte das Label Aggro Berlin vor sechs Jahren das Land. Rapper wie Bushido und Sido füllten ihre Texte mit sexuellen Obszönitäten und Gewaltphantasien. Beide kletterten weit nach oben in den Hitparaden, deutscher Gangsta-Rap war in den Vorstädten von Reutlingen und Regensburg angekommen. Bushido und Sido wurden von großen Plattenfirmen gekauft. Aggro Berlin machte dicht. Ohne die beiden Zugpferde war Gangsta-Rap für das Underground-Label ein Minusgeschäft.

Nur Männer wie Mok betreiben das Genre weiter, weil sie keine Alternative haben und weil Gangsta nach Hollywood und Glamour klingt, nach Geld und Ruhm und nicht nach jenen kleinen, grauen Polizeiakten, die viele in Neukölln besitzen wie einen ganz normalen Lebenslauf. Karaalioglu sucht nun seinen Marihuana-Beutel. Weil er ihn nicht findet, beginnt er leise zu fluchen. Er flucht zwei Minuten. Dann stellt er fest, dass er auf seinen Drogen sitzt. Der Beutel war zwischen ihn und das rote Sofa gerutscht. Er rollt den nächsten Joint. „Einer“, sagt er, „geht noch“. Mit Drogen, erzählt Karaalioglu, fing alles an. Damals, auf der Berufsschule, hatte er auch Kids aus Zehlendorf kennengelernt, dem Stadtteil der besseren Leute im Südwesten Berlins. Sie zahlten gutes Geld für seine Ware, er verkaufte im Schulhof, manchmal fuhr er auch direkt zu den Kunden. Dann, sagt er, habe er sich gefühlt „wie ein Krieger“. Er war im Geschäft, er war wichtig. Damals begannen sich die Dinge zu ändern in Neukölln. Seine Eltern waren Ende der 60er Jahre aus Trabzon in der Türkei hierhergekommen.

Erste Gastarbeitergeneration, sofort Arbeit gefunden an der „verlängerten Werkbank“ der Frontstadt. Der Vater schuftete als Zimmermann am Bau, die Mutter stanzte im Schichtdienst Deckel für Trinkflaschen. Die Familie lebte in einer Zweizimmerwohnung. Die Eltern schliefen im Wohnzimmer, die fünf Kinder teilten sich den anderen Raum. Die Karaalioglus waren das gute Modell einer Gastarbeiterfamilie. Schlafen, arbeiten, Geld in die Türkei schicken. „Deutschland ist nicht unsere Heimat“, sagte der Vater. Man mochte die Deutschen nicht, aber man liebte ihr Geld. Für Karaalioglu, den Sohn, funktionierte diese Rechnung nicht mehr. Die Arbeitsplatzsituation war mies, sein Deutsch gut. „Unsere Generation“, sagt Karaalioglu, „wollte das haben, was die Deutschen hatten“. Walkmans, schicke Autos, hübsche Mädchen. Auf schlechtbezahlte Schichtarbeit hatte kaum noch jemand Lust, sie war das Ding der Verlierer. Gewinner trugen schon mit 16 bündelweise Geld in der Tasche. Gerade wenn es illegal erworben war, gab es Anerkennung auf der Straße. Anerkennung hieß „Respekt“ – auch so ein Wort, das die Cliquen vom amerikanischen Gangsta-Rap abgekupfert hatten. Respekt war cool, das Gegenteil von Opfer.

Einen einzigen Moment gab es, da blieb auch Karaalioglu nicht mehr cool. Er war 17, als er sich an einem Sommerabend an der Hauptverkehrsachse von Neukölln, der Karl-Marx-Straße, umtrieb. Er hörte vier Schüsse, rannte über den Asphalt und sah einen Mann in seinem Blut liegen. Als er näher kam, erkannte er, dass der Mann sein Bruder war. Der Bruder starb im Rettungswagen. Es sei damals etwas in ihm zerbrochen, sagt Karaalioglu, aber er wisse nicht, was. In Zehlendorf geht man nach Tragödien wie dieser zu einem Psychologen, in Neukölln raucht man ein paar Joints. Karaalioglu erlitt zwei Nervenzusammenbrüche in vier Tagen. Als er sich wieder ein wenig gefangen hatte, bat ihn sein Vater um eine Unterredung. „Mein Vater“, sagt Karaalioglu, „verlangte von mir, dass ich den Mörder meines Bruders umbringe“. Als er ablehnte, gab ihm der Vater zu verstehen, dass er nun gar keinen Sohn mehr habe.

Es ist kalt im Aufnahmestudio, weil Karaalioglu das Fenster aufgerissen hat. Besucher sollen nicht sofort das Marihuana riechen. Aber es kommen keine Besucher. Es kommt nur ein Mann um die dreißig, mit einer dicken Jacke und einem Strohhut auf dem Kopf. Er sagt, er heiße June. Sein Beruf? „Kleinkrimineller“, sagt June. Mit June bildete Karaalioglu damals ein Team. Beide „zogen“, wie sie es nennen, „Opfer ab“. Sie besuchten Menschen, von denen sie glaubten, dass sie zu Hause Geld aufbewahrten oder Drogen. „Wir brauchten fünf Minuten, um eine Wohnung leer zu machen“, sagt June. „Wenn es viel Geld war, 3000 bis 4000 Mark, haben wir es reinvestiert in Drogen, wenn es weniger war, haben wir die Kohle anders verprasst.“ Nie sei ein Opfer zur Polizei gelaufen. Die Bestohlenen hatten zu viel Angst. Auch das bedeutet Sozialstatus in Neukölln. Das Geschäftsfeld wurde breiter, Karaalioglu stellte fest, dass An- und Verkauf auch mit anderen Dingen funktioniert; Dingen, die illegal auftauchen in Neukölln; Dingen wie Flachbildschirmen, Handys, Laptops, Digitalkameras. Seine Wohnung sah aus wie ein Lager. In Regalen stapelte sich die Ware, ständig kamen Lieferwagen vorbei. „Die Nachbarn“, sagt Karaalioglu, „dachten, wir wären ein Kurierdienst für Karstadt oder Quelle.“ Er fuhr jetzt einen schwarzen Porsche Boxter, gekauft für 70 000 Mark. Zwei Jahre geht das so. Dann klopft es an der Tür, als Karaalioglu auf dem Sofa sitzt und einen Joint raucht. Es ist ein Spezialeinsatzkommando der Polizei mit Helmen, kugelsicheren Westen, Maschinenpistolen. Sie verhaften Karaalioglu wegen „gewerbsmäßiger Bandenhehlerei“. Nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft wird er zu einer Strafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilt. Während er die Zeit mit Kartenspielen wegdrückt, machen Bushido und Sido Karriere. Sie erzählen Geschichten wie die von Karaalioglu, sie werden reich damit – legal, in Freiheit, mit richtiger Arbeit.

Wenn Heinz Buschkowsky das Wort „Arbeit“ ausspricht, bekommt sein Blick etwas Glühendes. Buschkowsky hat immer gearbeitet. Als Kartoffelstoppler, da war er 10. Als Zeitungsjunge, da war er 11. Als Gewindedreher, da war er 13. Sein Vater war Schlosser bei den Berliner Verkehrsbetrieben, sein Bruder lernte ebenfalls Schlosser, und weil Mutter Buschkowsky als Sekretärin arbeitete und abends oft die schmutzige Wäsche von Vater und Sohn reinigen musste, sagte sie zu ihrem Jüngsten Heinz: „Lern in der Schule, dass du klug wirst, damit du später einmal im Büro arbeiten kannst und dir nicht die Hände schmutzig machen musst“. Buschkowsky befolgte den Wunsch der Mutter nach einer sauberen Arbeit in einem Büro. Drei Jahre Verwaltungslehrling, drei Jahre Beamtenanwärter, zweieinhalb Jahre Probezeit, schließlich mit fünfundzwanzigeinhalb Jahren diplomierter Verwaltungswirt. In Neukölln hatte die SPD damals 66 Prozent, Buschkowsky schloss sich der traditionsreichen Arbeiterpartei an. Apo-Nachfahren und linke Theoretiker, die an anderen Orten allmählich die Partei eroberten, waren ihm suspekt.

Statt großer Theorien zählten für ihn kleine Taten: ein Jugendheim in Britz renovieren, einmal im Vierteljahr eine Stadtrundfahrt mit den Altersheimbewohnern, ein Sommerfest für die Eltern behinderter Kinder. Neukölln war ein sozialdemokratisches Modellviertel, weit entfernt davon, eine der härtesten Gegenden im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts zu sein. Es ist früher Nachmittag, halb zwei, als Tarkan Karaalioglu das Traum-Eck betritt, um zu frühstücken. Er bestellt einen Döner. Sein Freund, ein Kleindealer, stellt sich zu ihm. Der Kleindealer trägt einen silbergrauen Anorak, es ist Winter, sein Arbeitsplatz ist die Straße, er friert viel. Karaalioglu deutet auf den Anorak und sagt: „Diese Jacke wird dich noch mal verraten. Du brauchst eine neue“. Es ist wieder einer von den Tagen, an denen Karaalioglu einen Kater hat von dem, was gestern war, und keinen Plan von dem, was heute passieren soll. Draußen auf der Sonnenallee fährt ein alter Mercedes-Lieferwagen vorbei. Der Wagen gehört einem türkischen Gemüsehändler, der in Karaalioglus Straße wohnt. „Auch so ein Opfer“, sagt Karaalioglu „Das Ding ist Schrott. Ich hab ihm schon ein paarmal angeboten, ihm das Auto schön zu besprayen. Aber das Opfer will nicht“.

Der Vorschlag scheiterte schon daran, dass die Graffiti von Karaalioglu eigentlich immer nur ein Motiv haben – das Kürzel Mok, seinen Kampfnamen. Karaalioglu will nicht verstehen, dass ein Gemüsehändler seinen eigenen Namen auf seinem Lieferwagen lesen will, nicht den eines Graffiti-Menschen, der um halb zwei nachmittags zum Frühstücken geht. Karaalioglu empfand die Ablehnung als Respektlosigkeit. „Zur Strafe“, sagt Karaalioglu, „habe ich dem Opfer meinen Namen zweimal auf die Windschutzscheibe gesprüht“. Graffiti sind neben Musik Karaalioglus zweite Leidenschaft. Er ging noch zur Schule, als er sich einer Straßengang mit dem Namen Neukölln-Hustlers anschloss, auch so ein Begriff, der nach harten amerikanischen Ghettos klingen sollte. Hustlers, was so viel heißt wie kleine Zuhältertypen. Auch hier ging es wieder um die gesellschaftliche Grundwährung Neuköllns. „Respekt“ und „Opfer“.
Um ihren Status zu steigern, verlegten sich die Gangs schnell auf U- und S-Bahnen. „Wenn du so ein Ding besprühst, fährt dein Name am nächsten Tag durch die ganze Stadt“, sagt Karaalioglu. Auch deshalb kriecht er bis heute fast jede Nacht in abgelegene Zugdepots und wird tätig. Das Ziel sei, die „Stadt zuzumalen“, die „Bahnen gehören uns, den Neukölln-Hustlers“. Manchmal, sagt er, verkaufe er auch Leinwände mit Graffiti, er bemale sie zu Hause, in der Wohnung des Vaters, wo er inzwischen, nach zwei gescheiterten Beziehungen mit zwei Kindern, wieder eingezogen ist. Ein paar sei er schon losgeworden – für 400 Euro das Stück. Neulich hat auch ein Kindergarten aus dem Berliner Stadtteil Reinickendorf angerufen. Die Anfrage lautete, ob er nicht für ein paar Euro eine Unterführung bemalen könnte.

Karaalioglu möchte diesen Auftrag nicht annehmen. Ein Gangsta-Sprayer wie er in einem Kindergarten in Reinickendorf. „Ich will etwas anderes“, sagt Karaalioglu. „Zwei, drei große Ausstellungen in Mailand oder London und dann nichts wie raus aus Neukölln“. Wenn man Bürgermeister Buschkowsky die Geschichte von Karaalioglu erzählt, atmet er schwer. Buschkowsky kennt viele solcher Geschichten, und ihr stets ähnlicher Verlauf hat bei ihm dazu geführt, dass er, haben die Betroffenen einmal ein gewisses Alter erreicht, keine großen Hoffnungen mehr hat auf ein Happy End. Bei Rückfallquoten von über 80 Prozent hat der Bürgermeister zudem den Glauben an die verändernde Wirkung eines Gefängnisaufenthalts verloren. „In vielen Familien“, sagt Buschkowsky, würden Haftstrafen als eine Art Auszeichnung empfunden. „Dort gilt das Motto: Knast macht Männer“.Deshalb hat er Bildung zu seinem Thema gemacht. Er hat Stationen mit Sozialarbeitern an Schulen eingerichtet, er hat eine Initiative von sogenannten Stadtteilmüttern ins Leben gerufen; Migrantinnen, die sich darum kümmern sollen, dass Migranten, die sich störrisch zeigen, ihre Kinder pünktlich und regelmäßig zur Schule schicken.

„In vielen Familien der migrantischen Unterschicht“, sagt Buschkowsky, „beherrschen die Eltern die deutsche Sprache nur schlecht oder gar nicht. Manchmal ist es den Kindern sogar verboten, Deutsch zu sprechen, eben weil die Eltern es nicht verstehen und Angst haben, die Kinder würden über sie reden. Im Grunde genommen haben wir nur eine Chance: Wir müssen die Kinder aus diesen Milieus holen, ob die Eltern wollen oder nicht. Das heißt, verbindliche Vorschulerziehung und Ganztagsschule. Ich will, dass diese Kinder eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben“. Der HipHop-Millionär Sido ist einer, der die Flucht vor seinem Milieu angetreten hat. Er sagt: „Ich möchte nie wieder zurück. Ich habe jetzt eine Krankenversicherung, ich bin in Deutschland gemeldet, ich zahl pünktlich meine Miete und alle meine Unkosten. Ich will das alles nicht mehr verlieren“. Vergangenen Herbst musste Sido vor Gericht, weil er beim Streit um einen Parkplatz in Berlin-Friedrichshain einen Anwohner bedroht haben soll mit den Worten: „Ich stech dich ab … mit der einen Krücke erschlag ich deine Mutter, die andere steck ich dir in den Arsch.“ Sido trägt jetzt einen ordentlichen Scheitel, eine ordentliche Brille, er sieht aus wie jemand, der beweisen möchte, dass er sein altes Ich zurückgelassen hat. Er steht in einem Konferenzraum seiner Plattenfirma Universal Music. Der Tisch ist aus dunklem Holz, die Stühle schilfgrün und von Charles Eames, durch die Fenster sieht man die zerfurchte Skyline von Berlin. Neukölln ist fern hier oben, irgendwo weit hinten löst es sich auf.

In einem fauligen Keller lernte Sido 1997 ein paar Jungs kennen, mit denen er übte, schnelle Reime zu sprechen. Einer von den Jungs war Karaalioglu. Sie nannten sich Die Sekte. Karaalioglu, sagt Sido, sei der Erste gewesen, der sich den Namen der Gruppe auf den Arm habe tätowieren lassen. Heute stellt Sido fest, dass Karaalioglu und den Sektenjungs vor allem eins fehle: „Pflichtbewusstsein“. Sie würden lieber Partys feiern, verschliefen Termine, sie seien oft nicht da, wenn es drauf ankomme. Er selbst hat sich mit einer Solokarriere vor sieben Jahren aus diesem Leben verabschiedet. Heute kann er 250 Songs vorweisen, die bei der Gema eingetragen sind, er kann pro Auftritt sechsstellige Gagen verlangen. Seit er ohne Führerschein erwischt wurde, beschäftigt Sido einen Fahrer, der ihn in einem weißen Touareg durch die Gegend fährt. Sido erzählt, dass in dem Auto noch mal „70 000 Euro extra an Ausstattung stecken“. Seine Nasenflügel heben sich vor Stolz. Von Gangsta-Rap will Sido nichts mehr wissen. Er reimt jetzt nachdenkliche Songs mit zarter Klavierbegleitung. In denen rät er seinem Publikum, die Schule zu beenden, am besten mit Erfolg. Rap sei keine Karriere, auf die man sich verlassen könne, sagt Sido, Rap sei ein Sieb mit „nur zwei oder drei Löchern“. Karaalioglu hat das Loch im Sieb nicht erwischt. „Mok“, sagt Sido, „hat viele Steine im Weg gehabt und die falsche Methode gewählt, um diese Steine rumzukommen. Er hat die Steine kaputtgeschlagen, statt einen Weg darüber weg zu finden“.

Sido blickt in den Berliner Dunst. Er hat sich in Rage geredet. Sein Fahrer baut ihm einen Joint. Sido inhaliert tief. Mok, sagt er, solle endlich erwachsen werden. Er solle sich zu Hause an seinen Computer setzen. Plattencover, Logos für Künstler, es gebe einen Markt. Sido schließt für einen Moment die Augen. Es scheint ihm plötzlich unangenehm, dass er so über Mok gesprochen hat. Schließlich ist Mok sein Freund, immer noch. „Wenn ich nicht so viel Glück gehabt hätte“, sagt Sido, „wäre ich wahrscheinlich auch immer noch so wie Mok. Dann wäre mir alles scheißegal. Wenn du weißt, es gibt keinen Ausweg, dann versuchst du, es dir so angenehm wie möglich zu machen. Das Sprühengehen, das Gefühl, vielleicht doch erwischt zu werden, schenkt dir diesen Kick, der dir zeigt, dass du lebst“. Was Sido an seinem dunklen Konferenztisch nicht weiß, ist, dass es Karaalioglu schon mit Graffiti in Heimarbeit versucht hat. Nur zu Hause herrscht Karaalioglus Vater Hassan.

Es ist an einem dieser bleiernen Winterabende in Neukölln, als Hassans Sohn Tarkan, genannt Mok, vor der Dreizimmer-Mietwohnung steht, Parterre links, Wilhelm-Busch-Straße. Die Abrechnung mit TO ist ausgefallen fürs Erste, aber seinem Freund, dem Kleindealer, hat Tarkan eine neue Jacke geschenkt. Es gibt jetzt ein anderes Problem. Er hat die Hände in die Hosentaschen gestopft, sein Kopf hängt schwer zwischen den Schultern. Sein Vater, sagt Tarkan, habe heute seine Bilder zerstört, alle. „Ich nehm mir ein Beil und hack dir den Kopf ab“, so habe er seinen Vater angeschrien. „Ist doch nur Papier“, sagte der. „Aber das Papier ist cooler als du, es lässt mich nämlich in Ruhe“, schrie Tarkan. Jetzt steht Tarkan in der Kälte und traut sich nicht mehr rein. Egal, wie alt er sei, sagt er, er werde immer Hassans Sohn bleiben, solange Hassan lebe. Und Hassan sehe, wenn er auf ihn, Tarkan, blicke, vor allem eins: Schande. Tarkan zündet sich eine Zigarette an, bläst Rauch in die neblige Dunkelheit der menschenleeren Straße. Er überlegt. Eigentlich habe die Geschichte mit seinem Vater und ihm begonnen, als er als Kind die ersten Filzstifte in die Hand nahm und davon träumte, später einmal ein anderes Leben zu führen, kein „Kanakenleben“. Sein Vater sei jedes Mal, wenn er ihn mit Filzstift sah, auf ihn zugerannt, als halte er etwas Gefährliches in der Hand. Man muss an Sido denken und an sein Bild vom Weg voller Steine, und man fragt sich, wie schwer es einer hat, wenn der größte Stein schon im Weg liegt, bevor die Reise überhaupt losgegangen ist. {Quelle: Der Spiegel – Von Thomas Hüetlin}

 

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