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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Irakischer Erzbischof: Politiker in Terror verwickelt 5. August 2010

Filed under: Christenverfolgung — Knecht Christi @ 03:44
Kirche in Mossul

Kirche in Mossul

Syrisch-katholischer Erzbischof der nordirakischen Stadt Mossul: Irakische Regierung und die Sicherheitskräfte nicht in der Lage, die Christen vor militanten Islamisten zu beschützen.

München (kath.net/KIN): Der syrisch-katholische Erzbischof der nordirakischen Stadt Mossul, Basile Georges Casmoussa, hat die irakischen Behörden nach den jüngsten Terroranschlägen gegen Christen in seiner Diözese scharf kritisiert. In einem Interview mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ sagte Casmoussa, die irakische Regierung und die Sicherheitskräfte seien nicht in der Lage, die Christen vor militanten Islamisten zu beschützen, die sie aus dem Land vertreiben wollten. „Einige Politiker sind sogar in die terroristischen Aktionen verwickelt und einige Morde geschehen im Namen politischer Parteien“, klagte der Erzbischof an. Solche Absprachen zwischen christenfeindlichen Terroristen und politischen Parteien verhinderten ein wirkungsvolles Eingreifen des Staates, so Casmoussa. Er kritisierte die Behörden, diese seien „zu beschäftigt damit, Sitzungen abzuhalten“, anstatt sich um die Sicherheit von Minderheiten zu kümmern.

Da sich die irakische Armee, Polizei und Regierung trotz aller Sitzungen untereinander nicht absprächen, seien den Terroristen „alle Türen geöffnet“, beklagte Casmoussa.Erst am vergangenen Sonntag waren bei einem Bombenattentat auf einen mit christlichen Studenten besetzten Buskonvoi nahe Mossul vier Menschen getötet und über 160 zum Teil schwer verletzt worden. Erzbischof Casmoussa hatte daraufhin ein Eingreifen der Vereinten Nationen gefordert, um die Christen im Irak zu schützen. Er habe das Gefühl, dass es „keine Staatsgewalt“ mehr in Mossul gebe. Casmoussa rief die Zentralregierung in Bagdad dazu auf, „die Schuldigen für die Anschläge zu finden und zu verurteilen“. Die Unterstützer von „Kirche in Not“ bat der Erzbischof um ihr unaufhörliches Gebet für den Irak. Wörtlich sagte er: „Die Hilfsprojekte von ‚Kirche in Not‘ sind ausschlaggebend für die Zukunft des Christentums in unserem Land“. http://www.kath.net/detail.php?id=26614

Irak: “Es fehlt der gesellschaftliche Konsens”

Menschenrechtsexperte Berthold Pelster über die Lage der Christen im Land

Am 7. März wird im Irak ein neues Parlament gewählt. Premierminister Nouri Al-Maliki tritt mit einem neuen Wahlbündnis unter dem hoffnungsvollen Namen “Rechtsstaat” an. Darin versucht Al-Maliki, auch die Sunniten des Landes mit einzubeziehen. Der Premierminister steht für einen gemäßigten Islam und wünscht sich einen starken Zentralstaat. Sein Hauptgegner ist die “Irakische Nationalallianz” (INA), in der sich Al-Malikis ehemalige Verbündeten unter den Schiiten gegen ihn vereint haben. Experten haben nur geringe Hoffnungen, dass die Wahlen die bürgerkriegsartigen Verhältnisse im Land entspannen könnten. Zu unterschiedlich sind dazu die Zielsetzungen und Vorstellungen der Machtgruppierungen. Dennoch hoffen vor allem die von Krieg und Terror geschwächten irakischen Minderheiten auf eine versöhnlichere Zukunft. Darüber, was die irakischen Christen von den Parlamentswahlen erwarten können, berichtet unser Menschenrechtsexperte Berthold Pelster.

Kirche in Not: Herr Pelster, wie ist die Situation der Christen im Irak vor den Wahlen?
Berthold Pelster: Unverändert katastrophal. Immer noch gibt es Bombenanschläge im Irak – im Vorfeld der Wahlen mehr als zuvor. Aber diese Anschläge sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Christen im Irak sind eine Minderheit und leben täglich in Angst. Für die meisten ist es längst fast unmöglich geworden, einer geregelten Arbeit nachzugehen, täglich werden sie mit dem Tode bedroht. Aus Brennpunkten, wie der nordostirakischen Stadt Mossul, erhalten wir Berichte, dass sich christliche Familien monatelang in ihren Häusern verbarrikadieren mussten, da jeder Schritt auf die Straße lebensgefährlich gewesen wäre. Unter solchen Umständen ist es verständlich, dass alle Christen, die es sich leisten konnten, inzwischen ins Ausland geflohen sind. Heute leben nur noch etwa 300 000 bis 400 000 Christen im Irak – vor zwanzig Jahren waren es noch 1,4 Millionen!

Was können die Christen unter diesen Umständen überhaupt von der Wahl erhoffen?
Der größte Wunsch der Christen ist der Wunsch aller irakischen Minderheiten: Sicherheit und Stabilität. Die öffentliche Ordnung muss endlich wiederhergestellt werden und die staatlichen Sicherheitskräfte müssen die Minderheiten schützen. Dafür müsste die Politik sorgen. Doch was sich im Irak abspielt, ist unverändert ein gewalttätiger Machtkampf zwischen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit und der sunnitischen Elite, die unter Saddam Hussein an der Macht war. Bei den demokratischen Wahlen vor fünf Jahren sind viele Sunniten den Boykottaufrufen ihrer geistlichen Führer gefolgt und haben nicht an den Wahlen teilgenommen.

Christen leben zwischen den Fronten: Diese Wahlverweigerung hatte dann natürlich einen relativ geringen politischen Einfluss zur Folge. Die sunnitische Elite, der auch viele ehemalige Militärs angehören, hat seitdem einen blutigen Bürgerkrieg gegen den schiitisch geprägten Staat geführt. Das hat den Irak derart geschwächt, dass kriminelle Gruppierungen, religiöse Fanatiker und Separatisten in manchen Regionen des Landes die Kontrolle übernehmen konnten. Aus Kirchenkreisen in Mossul haben wir beispielsweise die Aussage gehört, dass 90 Prozent der Stadt von islamistischen Terroristen kontrolliert werde. Die Christen sind in diesem gewalttätigen Machtkampf zwischen alle Fronten geraten. Ihre Hoffnung kann es nur sein, dass sich durch die Parlamentswahlen die Fronten nicht noch weiter verhärten. Wenn durch die Wahlen alle Bevölkerungsgruppen die Chance bekommen, ihre Interessen auf politischem Wege durchzusetzen, könnte die Gewalt aufhören oder zumindest nachlassen.

Besteht denn eine realistische Chance, dass die Konfliktparteien nach den Parlamentswahlen auf weitere Gewalt verzichten?
Das Problem im Irak ist leider, dass für die meisten Wähler kaum politische Überzeugungen in ihre Wahlentscheidung einfließen. So lange die Menschen gemäß ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit abstimmen, wird der Irak kaum ein geeinter Staat werden. Und doch sind Ethnien und Religion oft alles, was die Menschen im Land noch haben. Wer sich vor sunnitischen Al-Qaida-Terroristen und Saddam-Anhängern fürchtet, oder umgekehrt schiitische Politiker und Milizen als “Iraner” oder “Vaterlandsverräter” wahrnimmt, der trifft seine Wahlentscheidung nicht aufgrund eines Parteiprogramms oder einer abstrakten Vision davon, wie ein friedlicher Irak einmal aussehen könnte. Die Fronten sind verhärtet, und viele Beobachter sehen unter diesen Umständen auch die Möglichkeit, dass der Irak auseinander bricht.

“Auf lange Sicht wird es keinen irakischen Staat mehr geben”: Der kurdische Norden des Landes ist bereits größtenteils autonom. Die Zentralregierung in Bagdad versucht zwar mit allen Mitteln, die Kontrolle über das Land zu behalten, aber gerade mit Blick auf den geplanten Abzug der US-Truppen bis Ende 2011 muss man sich fragen, wie lange das noch gelingen kann. Denn bisher hat man es nicht geschafft, alle Bevölkerungsgruppen an einen Tisch zu bekommen. Es fehlt der gesellschaftliche Konsens. Ohne Versöhnung und Bereitschaft zur politischen Zusammenarbeit wird es auf lange Sicht keinen irakischen Staat mehr geben.

Wie verhalten sich die Christen in dieser gefährlichen Situation?
Die wenigen, die noch im Land geblieben sind, halten zusammen und suchen Zuflucht und Trost in der Gemeinschaft, im Gebet und in der Liturgie. Aber sie pflegen auch den Dialog mit gemäßigten Muslimen. Gerade von Erzbischof Louis Sako aus Kirkuk hören wir oft ermutigende Nachrichten, dass viele Muslime die Gewalt ebenso ablehnen und verurteilen wie die Christen und den Schulterschluss mit der Kirche suchen. Aus anderen Regionen hört man aber auch Berichte, dass Christen jetzt eigene Milizen zu ihrer Verteidigung aufgestellt haben – eine späte Reaktion der Menschen auf die Ohnmacht des Staates. Eine solche Bewaffnung kann zwar nicht die Lösung sein, nur glauben die meisten Menschen im Irak nicht mehr daran, dass sich ihr Staat in absehbarer Zeit stabilisieren kann. Auch der neue Erzbischof von Mossul, Amil Shamaaoun Nona, forderte vor kurzem ein stärkeres Eingreifen der internationalen Gemeinschaft zum Schutz der Christen. Auch er ruft also nach Hilfe von Außen, anstatt an seine Regierung zu appellieren – ein weiteres Beispiel für das geringe Vertrauen, das die Iraker ihrem Staat entgegenbringen. Erzbischof Nona hat in Mossul das Erbe des von Islamisten ermordeten Erzbischofs Paulos Faraj Rahho angetreten. Er sitzt also sozusagen auf einem “heißen Stuhl” und ist sich bewusst, dass er und seine Gemeinde so lange mit dem Tod bedroht bleiben, wie die Sicherheitslage so ist, wie sie ist. Was soll man sich unter solchen Umständen schon anderes wünschen als Sicherheit und Frieden? Zu seinem Amtsantritt sagte Erzbischof Nona gegenüber Kirche in Not, es sei seine Aufgabe, den Christen in Mossul ein Vater zu sein, der ihnen in ihrer Bedrängnis Hoffnung und Vertrauen schenkt. Die Kirche und ihr Glaube seien oft alles, was die irakischen Christen noch hätten.

Kann es dann überhaupt noch eine Zukunft für die Christen im Irak geben?
Die Kirchenvertreter des Landes werden nicht müde zu betonen, dass die Christen unbedingt im Irak bleiben sollen und müssen. Und auch wenn man mit jenen spricht, die vor der Gewalt aus dem Irak geflohen sind, stimmen viele darin überein, dass sie in ihre Heimat zurückkehren wollen, sobald sich die Sicherheitslage wieder stabilisiert hat. Die irakischen Christen sind gut ausgebildet und hätten ihrem Land viel zu geben. Sie sind zur Versöhnung bereit und können einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der ethnischen und religiösen Gruppierungen im Land leisten. Die Grundvoraussetzung für all das ist aber, dass die öffentliche Ordnung im Irak wiederhergestellt wird. Auf welchem politischen Weg das geschieht, ist den meisten irakischen Christen im Grunde gleich. Sie wollen nur in Frieden leben.

 

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