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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Die Türkei in Europa: Gewinn oder Katastrophe? 5. Juli 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 02:05

Mit „Die Türkei in Europa: Gewinn oder Katastrophe?“ hat der italienische Politikwissenschaftler Roberto de Mattei ein Werk vorgelegt, das ebenso gründlich wie akzentuiert mit den Legenden aufräumt, mit deren Hilfe man uns den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union schmackhaft zu machen versucht.

Da ist zum Beispiel der Mythos von der „westlichen“ Türkei. Geboren wurde dieser Mythos während des Kalten Krieges, als er politisch nützlich war und dazu taugte, das Land zu einem Pfeiler der NATO zu machen. Tatsächlich sind höchstens Teile der Eliten „westlich“ in einem einigermaßen strengen Sinne, und deren Einfluss schwindet dahin. Die gewachsene Identität der Türkei umfasst aber mindestens vier Komponenten, und davon ist die westliche, sofern von ihr überhaupt die Rede sein kann (und sie nicht einfach ein ähnliches ideologisches Kunstprodukt ist wie die „europäische“, von der man unsereinen zu überzeugen versucht), die historisch jüngste. Älter, tiefer und prägender sind – und zwar in dieser Reihenfolge – die islamische, die osmanische und die nationaltürkische, die leicht zu einer pan-türkischen ausgebaut werden kann und ausgebaut wird.

De Mattei zeigt, dass diese Komponenten wesentlich als Ergänzungen aufzufassen sind, nicht etwa als Gegensätze, und dass sie durchweg eine antichristliche und antieuropäische Stoßrichtung haben. Der Islam, und seit dem späten Mittelalter das Osmanentum als dessen Speerspitze, war mindestens tausend Jahre lang, bis zur türkischen Niederlage vor Wien 1689, der Hauptfeind Europas und des Christentums gewesen, und dieser Tradition ist man sich in der Türkei bis heute über alle politischen Grenzen hinweg bewusst. Die Pflege der eigenen islamischen Identität ist in der Türkei gleichbedeutend mit der Pflege der nationalen Einheit, und zu dieser Identität gehört untrennbar die Feindschaft gegen das Christentum. Die Aufforderung an die EU, „kein christlicher Klub“ zu sein, enthält aus dieser Sicht die Aufforderung, ihrerseits keine Identität zu haben, jedenfalls keine nichtmuslimische, und wie wir wissen, kommen Europas sogenannte Eliten dieser Aufforderung nur allzu bereitwillig nach.

Die Islamisten, die mehr und mehr die Oberhand in der türkischen Innenpolitik gewinnen, können bei ihrer Politik also auf einen breiten nationalen Konsens vertrauen. De Mattei nennt ihre „weiche“ Methode der schleichenden Islamisierung der Gesellschaft – der eigenen türkischen wie der europäischen – in einer geglückten Formulierung die „gramscianische“ (unter Bezug auf den italienischen Marxisten Antonio Gramsci und sein Konzept der „kulturellen Hegemonie“) im Gegensatz zur „leninistischen“ der „harten“ Islamisten vom Schlage Bin Ladens. Er zeigt, wie das Projekt „EU-Beitritt“ ihnen dazu dient, sowohl mit der damit verbundenen „Demokratisierung“ im eigenen Land die Kemalisten mattzusetzen, als auch die religiös-ethnische Unterwanderung Europas voranzubringen.

Ein EU-Beitritt würde die Türkei bereits aus demographischen Gründen zum mächtigsten Land Europas machen: Im Jahr 2023 wird es schätzungsweise 90 Millionen Türken allein in der Türkei geben, die in praktisch jedem westeuropäischen Land über eine fünfte Kolonne aus Migranten verfügen wird, und die Türkei achtet darauf (Erdogan: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“!), dass diese Kolonne auch als solche erhalten bleibt.

Dabei ist noch die im Westen wenig beachtete, aber zielstrebig vorangetriebene pan-türkische Politik der Türkei zu berücksichtigen, die auf die Einigung aller Turkvölker unter Führung der Türkei abzielt. Es liegt in der Logik dieser Politik, auch Usbeken, Kasachen, Kirgisen etc., die das wünschen, die türkische Staatsangehörigkeit zu gewähren – und dies bedeutet, wenn die Türkei erst in der EU ist, de facto europaweite Niederlassungsfreiheit nicht nur für die eigentlichen Türken, sondern auch für ihre zentralasiatischen Verwandten, insgesamt also für rund 200 Millionen Menschen muslimischen Glaubens.

Die Türkisierung und Islamisierung Europas ist ein sich selbst verstärkender Prozess:
Je weiter er schon gediehen ist, desto schwerer wird es, sein Fortschreiten aufzuhalten. Der EU-Beitritt der Türkei ist mithin der Schlüssel zur Zerstörung der christlichen und liberalen Kultur Europas. De Matteis knappe, nur 122 Seiten starke Analyse beleuchtet, kenntnisreich untermauert, alle wesentlichen Gesichtspunkte, die mit der Beitrittsfrage zusammenhängen, auch solche, die selbst in der islamkritischen Szene selten beachtet werden. Insbesondere hebt er völlig zu Recht die Rolle des Islam als des Dreh- und Angelpunkts des türkischen Selbstverständnisses hervor, statt sie in der üblich gewordenen Weise zu bagatellisieren, und stellt ihn überzeugend in den Kontext historischer, geopolitischer und sozialer Entwicklungen. Seine Analyse der türkisch-islamischen Strategie ist stichhaltig und entlarvt, wie nebenbei, die kindische Naivität – eine Naivität, die von Verrat kaum zu unterscheiden ist – der europäischen Beitrittsbefürworter.


Das gefährliche Großmachtstreben der Türkei


Ankara schwelgt in großtürkischen Phantasien, träumt von einem neuen osmanischen Reich. Eine Bedrohung sowohl für Europa als auch die arabischen Länder. Der Patriotismus ist unter den Türken stark ausgeprägt, schnell ist man in seiner nationalen Ehre gekränkt: Demonstration gegen das Gedenken am Völkermord an den Armeniern.

War das abrupte Ende der Flottenexpedition nach Gaza im Grunde kein „Fall Israel“ sondern ein „Fall Türkei“? Die Türkei trat nicht nur als Schirmherrin des Blockadebruchs auf, sondern war auch sofort mit weiteren Eskalationsschritten zur Stelle: überzogenen Anklagen, der Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Israel. Damit setzt sich die Regierung in Ankara dem Verdacht aus, sich als Seemacht an der Ostküste des Mittelmeers etablieren zu wollen. Beginnt so, mit Pazifisten an Deck, eine neue Kanonenbootpolitik?

{Das Massaker an den Armeniern: Zwischen 1915 und 1917 erhoben sich die Armenier gegen die türkischen Besatzer. Bis zu 1,5 Millionen Menschen kamen ums Leben. Dieses Bild zeigt, wie Armenier in Konstantinopel auf einem öffentlichen Platz gehängt werden. Diesen armenischen Waisenkindern droht der Hungertod. Das Bild entstand 1919. Diese beiden armenischen Jungen sind in der Syrischen Wüste verhungert. Dieses Gemälde zeigt ein türkisches Massaker unter den Armeniern 1915. Bereits 1896 kam es zu Aufständen von Armeniern, die vom Osmanischen Reich blutig niedergeschlagen wurden. Eine Frau trauert über der Leiche eines getöteten Kindes. Die Leichen getöteter Armenier wurden oft in Massengräbern verscharrt. Eine armenische Familie wird deportiert. Dieses armenische Zeltlager befindet sich in der syrischen Wüste}.

Schon vorher hatte die Türkei dem iranischen Regime Avancen gemacht, gerade in dem Moment, in dem das Regime die Opposition mit Folter und Mord unterdrückte. Allerdings trifft die Vermutung, am Bosporus entstehe ein islamistisches Regime, die Sache nicht. Etwas anderes droht, und es betrifft alle Länder der Region: Die Türkei versucht, die Stellung eines regionalen Hegemons zu erringen. Sie will die unumgehbare Brücke zwischen Europa und dem Nahen Osten sein. Zu einer solchen Monopolstellung gehört es, Positionen in allen möglichen Himmelsrichtungen zu errichten. In der arabischen Welt ebenso wie in der Europäischen Union, auf dem Balkan und am Schwarzen Meer ebenso wie am Nil. Die Türkei ist auf dem Weg, zu „osmanischen“ Maßstäben und Ansprüchen zurückzukehren.

Man will in die EU und muslimische Führungsmacht sein: Der Gegensatz „islamisch“ gegen „europäisch“ führt die Beobachter in die Irre. Die großtürkische Politik spielt auf beiden Registern, wenn es ihr nutzt. Man will Mitglied der EU sein und zugleich Führungsmacht im muslimischen Lager. Schon in den Neunzigerjahren war eine neue Tonlage in der Außenpolitik zu vernehmen. Man erklärte, die Türkei sei eine „multiregionale Macht“, deren Einfluss sich über den Balkan, den Mittleren Osten, den Kaukasus und Nordafrika erstrecke. Istanbul sei die „eurasische“ Hauptstadt in einer aufstrebenden Weltzone von 400 Millionen Einwohnern. Bemerkenswert ist, dass solche Stimmen nicht nur von den üblichen Islamismus-Verdächtigen stammten, sondern auch von Politikern mit Atatürk-Tradition und europäischer Bildung. Der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers setzte neue Ansprüche frei, manches erinnert an die „großserbischen“ Ideen. Manches erinnert aber auch an die unseligen deutschen „Ideen von 1914“, bei denen mit Kultur Staat gemacht wird: Die weitverzweigten kulturellen Wurzeln, die es überall gibt, werden für Hegemonialansprüche missbraucht. So entdeckt man jetzt in der Türkei die osmanischen Jahrhunderte wieder, die sowohl dem Balkan als auch der arabischen Halbinsel Toleranz und Fortschritt gebracht hätten.

Versuch, die Migranten als Außenposten zu nutzen: Dagegen wird die eigenständige Staatenbildung der Neuzeit nun gerne als Quelle von Unfrieden und Unheil dargestellt. Angesichts dieser neuen Tonlage sollten daher nicht nur die südosteuropäischen Staaten und Israel aufhorchen, sondern auch arabische Staaten wie Syrien, der Irak oder Jordanien. Ebenso erscheint jene „Kölner Rede“ des türkischen Ministerpräsidenten, in der er vor der „Assimilierung“ in Deutschland warnte, in neuem Licht – als ein Versuch, die Migranten als Außenposten dienstbar zu machen. Der provozierte Zwischenfall der „Friedensflotte“ ist kein singuläres Ereignis. Doch wird, wo so deutlich ein Machtmonopol angesteuert wird, bei Nachbarn und Partnern ganz unvermeidlich die Frage aufkommen: Wie sehr brauchen wir die Türkei eigentlich? Die anderen Länder werden entdecken, dass es heute viele Wege zwischen Europa und dem Nahen Osten gibt.

Wir brauchen keine „eurasische“ Zentralmacht: Die politische Geografie ist pluralistisch geworden, im Norden und Süden des Bosporus gibt es viele Brücken. Auch können die europäischen und arabischen Länder sehr gut direkt miteinander sprechen. Sie brauchen keine „eurasische“ Zentralmacht. So ist jetzt ein Pluralismus der Außenpolitik das Gebot der Stunde. Antiamerikanische oder antirussische Reflexe sind jetzt ebenso schädlich wie eine Unterschätzung der feingliedrigen griechischen oder libanesischen Netzwerke. Gerade Deutschland hat allen Grund, die unseligen Frontstellungen von 1914 nicht noch einmal zu wiederholen. Brauchen wir also die Türkei? Ja, als selbstbewusstes, maßvolles Land würden wir sie immer schätzen und verteidigen – auch unsere Landsleute türkischer Herkunft. Aber ebenso wichtig ist jetzt ein „Nein“: Wir brauchen die Türkei nicht um jeden Preis. Es geht auch ohne sie. Die Regierung in Ankara sollte sich der Gefahr ihres großtürkischen Kurses bewusst werden. Dieser Kurs wird das Land über kurz oder lang isolieren. Die Türkei könnte leicht zum einsamen Mann am Bosporus werden.

 

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