kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Unter der Hamas-Knute 2. Juni 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 02:25

Gaza. Wenn Abdullah (24) und Haschem (25), zwei Studenten in Gaza, keine Vorlesungen haben, vertreiben sie sich die Zeit mit Freunden im „Big Bite“, ein Café mit billigen Snacks nahe der Islamischen Universität. Ihre Haare sind gegelt, und weder Haschems stoppelbärtiges Jungengesicht noch Abdullahs kunstvoll ausrasiertes Konturenbärtchen weisen sie als Hamas-Sympathisanten aus. Mit dem Regime stehen sie auf Kriegsfuß. Aber das kommt erst nach und nach raus, schichtweise. Bis zur Erkenntnis, wie sehr sie das Leben in „Hamas-tan“ einschnürt. Abdullah war noch nie im Leben raus aus Gaza, abgesehen vom Jahr 2005, als die Palästinenser im Begeisterungstaumel über den Abzug der Israelis die Grenze in Rafah nach Ägypten stürmten. Der 24-Jährige studiert Informationstechnologie an der Al Assam-Universität, die als Fatah-nah gilt. „Das Internet“, sagt er, „ist unser Tor zur Welt“. Über E-Mails tauscht er sich mit Palästinensern in Europa oder USA aus. Nur Westbank-Kontakte meidet er lieber. „Wer Kontakt zur Westbank hat, wird schnell verdächtigt, Informant im Dienste des Feindes zu sein. Das kann schnell sechs Monate Knast bedeuten“.

  Neunmal hat die Hamas ihn in den vergangenen drei Jahren wegen politischer Zugehörigkeit zur Fatah verhaftet. „Mails, Handys, alles ist für die kontrollierbar“. Eine mit Freunden entwickelte Website für Studenten, um Patenschaften für Stipendien zu organisieren, mussten sie einstellen, berichtet Abdullah. „Man warf uns vor, wir trieben darüber nur Geld für die Fatah auf. Egal, was wir als Studenten an Aktivitäten starten, sie nehmen uns unter die Lupe“.

       Die Erfahrung hat auch Haschem gemacht, der Verkehrstechnik an der Islamischen Universität studiert. Ein Fach, das in Kontrast zu seiner Vorliebe für alles Künstlerische liegt – Malen, Gedichte schreiben, Musik. Vor zwei Jahren hatte er die Idee, eine kreative Gruppe zu bilden, um junge Talente zu fördern. „Drei Monate bin ich dafür ins Gefängnis gewandert, weil man mir nicht glauben wollte, dass das eine rein private Initiative ist. Wäre ich bei der Hamas, würde die mich mit Kusshand unterstützen“. Aber Haschem hat seinen eigenen Kopf.

Seit dem Hamas-Putsch im Juni 2007 hat sich die soziale Kontrolle im Gazastreifen verschärft – eine Art islamistische Gleichschaltung der Gesellschaft. Rigides Alkoholverbot, „Kleiderempfehlungen“ für Frauen, auch das Wachen darüber, ob einer in die Moschee geht, gehören dazu. Mit ihrem strengen Regime will sich die Hamas gegenüber der noch radikaleren islamischen Konkurrenz wie den Salafis und anderen Anhängern des globalen Dschihad profilieren. Für Individualisten wie Abdullah und Haschem bleibt kaum Luft zum Atmen. Sie nennen Gaza ihre Heimat. Abdullah sagt, er sehe ganz klar seine Zukunft hier. Aber befragt nach seinem Traum erwidert er, der gleiche „dem eines Gefangenen, der nur von Freiheit träumt“. Mit Haschem teilt er den Wunsch nach nationaler Einheit und nach dem Ende der israelischen Blockade. Zwar sagen sie, die „Besatzung sei die Wurzel allen Übels“, sehen aber Fehler ebenso bei den Palästinensern. „Ich werfe uns selbst die Misere vor, die wir durchmachen“, so Abdullah. „Für die Spaltung (zwischen Hamas und Fatah; Anm. d. R.) sind wir verantwortlich“. An ihrem Gefühl der Ohnmacht ändert das nichts. 

       Haschem hat früher in einer Gruppe Dabke getanzt, den traditionellen palästinensischen Stepptanz. „Auch das geht nicht mehr“, erzählt er, „wenn man keiner Partei angehört“. Selbst die kleinen Freiräume schwinden. Neulich hat die Hamas-Polizei Abdullah abends um elf Uhr auf der Straße angehalten. „Sie haben mir gesagt, als Student müsse ich um zehn Uhr zu Hause sein“. Er verzieht das Gesicht. Unter der Knute der Hamas ist es im Freiluftgefängnis Gaza noch enger geworden.

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=2687351&em_src=950137&em_ivw=fr_polstart

 

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