kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Genital-Beschneidung in islamisch geprägten Ländern 2. Juni 2010

Filed under: Von hier und dort — Knecht Christi @ 02:11

Es ist der wohl schlimmster Tag ihres Lebens: Etwa 8000 Mädchen täglich werden die Genitalien verstümmelt. Geschätzte 140 Millionen Frauen weltweit sind betroffen. Bianca Schimmel hat bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit ein Projekt zur Überwindung dieses grausamen Rituals geleitet.

WELT ONLINE: Frau Schimmel, wie gravierend ist der Eingriff?
Bianca Schimmel: Meist wird er von traditionellen Beschneiderinnen gemacht, alten Frauen die hohes Ansehen genießen. Es passiert in Hütten in den Dörfern, aber auch in den Städten. Die Mädchen werden meist nicht darauf vorbereitet, was sie genau erwartet, ihnen wird erzählt, ihnen zu Ehren werde ein Fest gefeiert. Der Eingriff erfolgt mit Rasierklingen, Messern, Scheren, zum Teil mit Glasscherben oder Deckeln von Konservendosen. Ohne Narkose. Anschließend werden dem Mädchen die Beine zusammengebunden, damit die Wunde heilt oder – bei der schwersten Variante – zuwächst.

WELT ONLINE: Was sind die Auswirkungen?
Schimmel: Kurzfristig kann es aufgrund von schlechten hygienischen Bedingungen zu Infektionen kommen – vielleicht ist die Rasierklinge desinfiziert, vielleicht auch nicht –, die im Extremfall zum Tod führen. Es kann auch HIV übertragen werden. Der Eingriff wird zunehmend in Krankenhäusern oder Gesundheitsstationen vorgenommen, in Guinea beispielsweise bei etwa 25% der Verstümmelungen. Man spricht von Medikalisierung, aber das ändert nichts an der Schwere des Eingriffs.

WELT ONLINE: Ist also die vorwiegend medizinische Aufklärung der vergangenen Jahre der falsche Weg gewesen?
Schimmel: Das ist vielleicht zu pauschal, aber es gab schon eine einseitige Betrachtung. Da Verstümmelung ein sensibles Thema ist, ist es einfacher, über die gesundheitlichen Folgen zu sprechen als zu versuchen, die Traditionen, die Machtverhältnisse zu ändern. Es ist ein guter Einstieg, aber man braucht Begleitmaßnahmen: eine aktive Kooperation mit dem Gesundheitspersonal, religiösen Führern und auch Schulen. Problematisch ist, dass die Verstümmelungen Zusatzeinkünfte für die oft unterbezahlten Ärzte oder Schwestern darstellen.

WELT ONLINE: Ist der Anteil genitalverstümmelter Frauen dort geringer, wo der Bildungsgrad höher ist?
Schimmel: Das ist grundsätzlich richtig, wobei zum Beispiel Ägypten, wo die Verbreitung trotz eines vergleichsweise hohen Bildungsniveaus der Bevölkerung bei 90% liegt, dem widerspricht. Aber Bildung ist ein großer Schlüssel. Was sich bewährt hat ist, die Aufklärung in den Schulen durch die Arbeit mit Familien und Gemeinden zu unterstützen. Wir entwickeln auch Module für Schulen. Dazu müssen natürlich erst mal die Lehrer sensibilisiert und ausgebildet werden. Aber ich war in Burkina Faso bei einem Projekt dabei und es war beeindruckend, wie offen die Lehrer mit dem Thema umgehen und sogar Bilder zeigen.

WELT ONLINE: Warum tut eine Mutter, die den Schmerz und die Gesundheitsschäden aus eigener Erfahrung kennt, ihrer Tochter so etwas an?
Schimmel: Ich habe mich auch gefragt, wie kann das sein? Wir betrachten das als Menschenrechtsverletzung, aber in den betreffenden Ländern wird das als gesellschaftliche Norm gesehen. Es geht um Tradition, um Respekt vor der älteren Generation, aber vor allem um Gruppenzugehörigkeit. Wenn ein Dorf so ein Ritual hat, verleiht es auch Identität. Und gerade dort, wo Gruppensolidarität wichtig ist für das Überleben, kann eine Ausgrenzung extreme Folgen haben. Ich habe in Gesprächen mit Frauen oft gehört „Ja, ich weiß, ich habe diesen Schmerz selbst erlebt, aber ich möchte nicht, dass meine Tochter ausgegrenzt wird und keinen Mann findet“. Und die Heiratsfähigkeit der Tochter ist eben häufig noch ein großes Kapital für die ganze Familie.

WELT ONLINE: Welche Rolle spielen die Männer?
Schimmel: Es geht auch um weibliche Sexualität, um Mythen, die sich darum ranken: Eine unbeschnittene Frau gilt als unkontrollierbar, wird als Hure abgestempelt. Es geht um die Verringerung des weiblichen Sexualverlangens, die Kontrolle der weiblichen Sexualität. Das alles sitzt tief, deshalb ist es wichtig, das Thema aus der Tabuzone und in die gesellschaftliche Debatte zu holen.

WELT ONLINE: Wie sieht es im Vergleich dazu in Mali aus?
Schimmel: In Mali begleiten wir die Integration des Themas weibliche Genitalverstümmelung in den Schulunterricht durch außerschulischen Dialog. So ist auch sichergestellt, dass nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch deren Familien und Heimatgemeinden erreicht werden. Eine Studie im vergangenen Jahr hat den Erfolg dieses Vorgehens belegt: Dort, wo diese sogenannten Generationendialoge durchgeführt wurden, sind die Eltern offen dafür, dass ihre Kinder in der Schule über Genitalverstümmelung unterrichtet werden. Und nur noch wenige von ihnen haben vor, ihre Tochter verstümmeln zu lassen. Allerdings müssen wir mit einem Erstarken des Fundamentalismus auch Rückschläge hinnehmen. Im Gegensatz zu Mauretanien ist die gesellschaftliche Debatte schwieriger. Der Dialog mit den islamischen Gelehrten ist ins Stocken geraten. Deshalb fördern wir den Austausch zwischen den beiden Ländern.

WELT ONLINE: Wie zuverlässig sind denn Umfragen? Schließlich ist Genitalverstümmelung in vielen Ländern offiziell verboten.
Schimmel: Die muss man natürlich mit einer gewissen Vorsicht betrachten. Wir haben die Problematik, dass die Mädchen zum Zeitpunkt des Eingriffs immer jünger sind, um Verbot und Kontrolle zu umgehen. Es gibt einen regelrechten Verstümmelungstourismus aus Ländern mit gesetzlichen Verboten in solche ohne. Genauere Zahlen gibt es immer nur bei neuen statistischen Erhebungen zu Demografie und Gesundheit, bei denen auch Daten in Krankenhäusern und Gesundheitsstationen erhoben werden.

WELT ONLINE: Es gibt Ansätze, die Verstümmelung als Initiation junger Mädchen durch andere Riten zu ersetzen. Ist das erfolgreich?
Schimmel: Nur dort, wo die Beschneidung noch rituellen Charakter hat. Das ist zum Beispiel in Sierra Leone der Fall, aber auch in Kenia, wo es einige Erfolge mit alternativen Riten gibt: Sie bewahren die Traditionen, aber ersparen den Mädchen die Verstümmelung. Allerdings stellen wir auch fest, dass der Eingriff immer häufiger von der Initiation losgelöst ist.

Von Jens Wiegmann – Foto: TARGET/Rüdiger Nehberg: Messer, Rasierklingen, aber auch Glasscherben werden für das Ritual verwendet.

 

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