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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Sexuelle Belästigung in Ägypten – Der Schleier des Schweigens 25. Mai 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 07:43

In Ägypten hat die Anzahl sexueller Übergriffe in jüngster Zeit stark zugenommen, insbesondere in Kairo. Frauenorganisationen setzen sich zu Wehr, doch das Problem sitzt tief.

Ägyptische Frauen fordern ein Gesetz zu ihrem Schutz. Denn in Ägypten hat die Anzahl sexueller Übergriffe in jüngster Zeit stark zugenommen. Wie für jede andere Frau in Ägypten, gehörte auch für Nihad Abd Alkumsan sexuelle Belästigung zum Alltag. Dass aber jemand eine Schwangere im neunten Monat behelligen würde, hatte sie nicht erwartet. Dann, bei einem Spaziergang durch ihr Viertel, den chicen Kairoer Vorort Maady, wurde sie plötzlich von einem fremden Mann verfolgt, der ihr Unkeuschheiten zuflüsterte und sie auf eine Spritztour in seinem Auto einladen wollte. Jeder, der Frau Abd Alkumsan je begegnet ist, wird es für unmöglich halten, sie zu verdächtigen, solche Aufmerksamkeiten zu provozieren. Ägyptens prominenteste Feministin ist eine respektable Frau – die erfolgreiche Anwältin und dreifache Mutter kleidet sich zurückhaltend und trägt in der Öffentlichkeit einen Schleier.

Kultur der Belästigung: Und dennoch, wie die 36-Jährige jetzt weiß, ist in Ägypten niemand vor sexuellen Übergriffen geschützt – das Problem ist mittlerweile allgegenwärtig. Dabei reicht das Spektrum von Pfiffen und vulgären Nachrufen bis hin zu Handgreiflichkeiten und Vergewaltigung. Doch in einer Gesellschaft, in der Sex weitgehend ein Tabuthema ist, werden meist die Frauen verdächtigt, die andere Hälfte zur Zügellosigkeit zu verführen. Diese Einstellung soll sich aber bald ändern, denn unter der Leitung von Frau Abd Alkumsan hat das Ägyptische Zentrum für Frauenrechte (ECWR) Initiative ergriffen. Eine bahnbrechende Kampagne will den Schleier des Schweigens lüften, unter dem, wie das ECWR es ausdrückt, eine „Kultur der Belästigung“ entstanden ist. Teil der Initiative sind Aktionstage, sowie eine Videokampagne, die Schulkinder über das Thema aufklären soll. Darüber hinaus haben ECWR-Freiwillige Ägyptens erste landesweite Studie durchgeführt, in der 2.500 Frauen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung befragt wurden. Das Fazit muss ein Alarmsignal für all jene sein, die noch immer glauben, dass allein diskrete Kleidung garantiert, in der Öffentlichkeit nicht belästigt zu werden.

Ein allgegenwärtiges Problem: „Tatsache ist, dass absolut jeder davon betroffen ist. Die Frage ist nicht, wo oder wer du bist, noch nicht einmal, was du anziehst. Frauen, die den Hidschab oder Nikab (Gesichtsschleier) tragen, werden ebenso belästigt wie unverhüllte Frauen oder Ausländerinnen“, sagt Angie Ghozlan, eine frisch graduierte Studentin der Cairo University, die seit einem Monat Projektleiterin der Kampagne ist. Die 22-Jährige ist in Kairo aufgewachsen und zahllose Male auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln angegrapscht worden. Nicht einmal in ihrem eigenen Auto fühlt sie sich sicher, sagt sie, denn wenn sie an einer Ampel anhält, wird sie auch angestarrt. Doch es waren nicht ihre eigenen Erfahrungen, sondern die Ereignisse des Eid-Festes im letzten Jahr, die sie dazu brachten, zur Tat zu schreiten und ECWR-Freiwillige zu werden.

Übergriffe auf Frauen zum Fest: Während ganz Ägypten das Ende des Fastenmonats feierte, gingen Horden von Männern in der Kairoer Innenstadt wahllos auf Frauen los, und rissen ihnen die Kleidung und Schleier vom Leibe. Obwohl die staatlichen Medien leugneten, dass die Vorfälle sexuelle Belästigung darstellten, war es schwierig, die Berichte der Frauen zu enthärten, da Blogger Fotos der Szenen bereits im Internet veröffentlicht hatten. Die Geschichte machte Schlagzeilen und rüttelte die konservative ägyptische Gesellschaft auf. „Als ich diese Bilder im Netz sah, weinte ich“, sagt Angie Ghozlan. „Ich fühlte mich, als würde etwas in mir explodieren. Ich dachte, dass wir Frauen keinen Wert haben und ich das nicht mehr ertragen kann“. Nun will sie sich dafür einsetzen, dass das Problem wahrgenommen wird und Frauen das Selbstbewusstsein entwickeln, sich weder schuldig zu fühlen noch sich zu schämen, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Sexuelle Frustration bei Männern: Finanzielle Schwierigkeiten und familiärer Druck sind Teil der Gründe, die ägyptische Männer auf die Straße treiben, wo sie ihren Frust an Frauen ablassen. Eine hohe Arbeitslosenrate und daraus resultierende Geldnöte verringern die Chancen, jung zu heiraten, und sorgen für sexuelle Frustration. Eine wichtige Rolle wird auch dem Satellitenfernsehen beigemessen, das den Graben zwischen dem, was junge Männer sehen, und wie sie wirklich leben, vergrößert. Und die Täter werden immer jünger: Zahlreiche Frauen berichteten, dass mittlerweile selbst Grundschulkinder herumliefen, auf der Jagd nach weiblichen Hinterteilen. „Es gibt eine Menge Theorien, warum Männer Frauen belästigen, aber wir wollen keine Sündenböcke. Wenn wir mit Männern über unsere Arbeit sprechen, sind sie meist sehr daran interessiert, uns zu helfen“, sagt Rebecca Chiao vom ECWR.

Selten kommt es zur Anzeige: Obwohl sogar verbale Belästigung in Ägypten mit einer Gefängnisstrafe von einem Jahr geahndet werden kann, gibt es kaum Fälle, die je vor Gericht kommen. „Weniger als zwei Prozent aller Frauen bringen Belästigung zur Anzeige. Sie haben kein Vertrauen in das System und fürchten, dass ein Gerichtsverfahren die Dinge nur verschlimmern würde“, sagt Abd Alkumsan. Eine Gesetzesänderung könnte Teil der Lösung sein, findet Ahmed Samih, einer der Aktivisten, die sich für die Rechte der Frauen engagieren – aber was, wenn die Gesetzeshüter selbst die schlimmsten Täter sind? „Die Uniform gibt Soldaten und Polizisten Macht und macht sie unantastbar, deshalb glauben sie, sie können Frauen belästigen und ungestraft davonkommen“, sagt der 28-Jährige. Noch besorgniserregender findet er jedoch, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung eine beliebte Waffe im Kampf gegen politische Gegner geworden sind. Aktivisten wie der Blogger Mohamed Al-Sharkawi behaupten, in Haft von Offizieren sexuell misshandelt worden zu sein. „Auf der einen Seite sprechen wir immer über religiöse Moral, auf der anderen Seite belästigen einige Leute unaufhörlich den Rest“, sagt Abd Alkumsan. „Diese Doppelmoral ist unerträglich“. 

Einer Studie zufolge sind 98% aller ausländischen und 83% aller einheimischen Frauen mindestens einmal Opfer sexueller Belästigung geworden. Die Schuld wird oft den Opfern selbst zugeschrieben.

Männlich geprägte, chauvinistische Kultur: zu den Opfern sexueller Übergriffe in Ägypten gehören Frauen jedweder sozialen Schicht oder religiöser Zugehörigkeit – verschleiert oder unverschleiert. Die sexuelle Belästigung von Frauen ist eines von vielen sozialen Problemen in Ägypten, das von Seiten der Medien lange Zeit nur als eine Frage individuellen, abnormalen Verhaltens gedeutet wurde. Sie wird als isolierte Abweichung von bestehenden sozialen Normen angesehen – also von den Prinzipien und Traditionen eines als mustergültig angesehenen Lebenswandels -, und so muss sich die ägyptische Gesellschaft als Ganzes nicht mit dieser unangenehmen Thematik auseinandersetzen beschäftigen.

       Es brauchte schon den Mut einiger ägyptischer Frauen, die ihre eigenen leidvollen Erfahrungen öffentlich machten, um die Aufmerksamkeit auf die vielen Geschlechtsgenossinnen zu lenken, denen auf den Straßen Kairos tagtäglich Ähnliches widerfährt. Gleichzeitig starteten auch einige NGOs, unterstützt durch alternative Medien (darunter allen voran einige Blogger), eine Sensibilisierungskampagne mit dem Ziel, sowohl das Verständnis für das Problem als auch den Umgang mit demselben neu zu bestimmen: in Zukunft sollen die Ägypter solche Vorfälle nicht mehr als vereinzelte Akte von Perversen sehen, sondern als Teil eines allgemeinen, dringlichen Problems der Gesellschaft. Und so wandelt sich die Wahrnehmung der sexuellen Belästigung allmählich; immer mehr wird sie als das gesehen, was sie ist: eine Herausforderung, für deren Bewältigung es politischer Maßnahmen ebenso bedarf wie juristischer und aufklärerischer – auch wenn viele dieser noch nicht umgesetzt wurden.

Raus aus der Tabuzone: Ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet das Problem der sexuellen Belästigung spätestens mit dem Fall der jungen Filmregisseurin Noha Rushdi Saleh, die einen Gerichtsprozess gegen einen Lastwagenfahrer gewann, der sie auf einer Straße in Kairo belästigt hatte. Die dreijährige Haftstrafe, zu der das Gericht den Mann verurteilte, bewirkte schließlich, dass das lange totgeschwiegene Thema letztlich aus der Tabuzone herausgeholt wurde. „Allah vergibt verschleierten Frauen ihre Sünden“: In Ägypten haben zahlreiche Kampagnen impliziert, dass sexuelle Übergriffe auf die Weigerung einer Frau, das Kopftuch zu tragen, zurückzuführen seien. Die meisten Ägypten-Reiseführer, insbesondere die im Ausland veröffentlichten, warnen ausländische Frauen vor Belästigungen auf der Straße und geben Tipps, wie sie sich im einem solchen Falle verhalten sollten. Schon daraus ließe sich ablesen, dass das Phänomen eines ist, das sich nicht ohne Weiteres unter den Tisch kehren lässt. Doch die Angriffe beschränken sich keineswegs nur auf ausländische Frauen; zu den Opfern gehören ägyptische Frauen, egal welcher sozialen oder religiösen Zugehörigkeit, ob verschleiert oder unverschleiert.

Übergriffe zum Ramadan: Und doch wurde das Problem von den meisten offiziellen Stellen und den einflussreichen sozialen Gruppen zumindest solange ignoriert, bis es 2006 zu einem dramatischen Vorfall kam. Während in der Innenstadt das Fest Eid al-Fitr, also das Ramadanfest zum Ende der Fastenzeit, gefeiert wurde, stürzten sich Hunderte sexuell aufgeladene Männer auf Dutzende von Frauen, umringten sie in den Straßen, grapschten nach ihnen und versuchten gar sie zu entkleiden. Die Polizei stand abseits und beobachtete das Geschehen unentschlossen; niemand, weder Mütter noch verschleierte Frauen waren sicher vor dem Mob. Unterstützt von den staatlichen Medien, vor allem den Zeitungen, versuchten einige öffentliche Figuren, den Vorfall herunterzuspielen und beschuldigten gleichzeitig die Opposition, die soziale und politische Dimension des Vorgangs für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Doch so entschlossen das Establishment war, die Sache zu vertuschen, so entschlossen waren andererseits die vielen kritischen Blogger im Land, dagegen anzukämpfen. Sie waren es, die Zeugenberichte veröffentlichten und Videoclips ins Netz stellten, auf denen zu sehen war, wie Frauen auf dem Talaat Harb-Platz und den angrenzenden Straßen angegriffen wurden. Während die Behörden versuchten, der Situation Herr zu werden, indem sie dort, wo alles geschehen war, also in der Innenstadt, Überwachungskameras installierten, wurde dadurch nicht verhindert, dass es an anderen, nicht überwachten Orten, zu ähnlichen Vorfällen kam. Im Gegenteil: Die Übergriffe nahmen zu, so etwa in der Al Haram Straße und im Viertel Al Mohandesseen, wo viele Mädchen im letzten Jahr, wiederum beim Ramadanfest, Belästigungen ausgesetzt waren. Dieses Mal aber griff die Polizei entschlossen ein und nahm viele der Angreifer in Gewahrsam. Unglücklicherweise aber herrscht noch immer bei vielen die Meinung vor, dass die Schuld für derlei Vorkommnisse bei den Frauen selbst zu suchen ist; es steht die unausgesprochene Meinung im Raum, dass die Frauen sich eben zu provokativ kleiden oder in anderer Weise so verhalten, dass sie die Männer dazu bringen, sie gewaltsam anzugreifen. Oder es wird ihnen vorgeworfen, sich nicht zu verschleiern und sich nicht der islamischen Kleiderordnung zu unterwerfen.

Einsetzender Bewusstseinswandel:  Wenn die Vorfälle des Jahres 2006 etwas Gutes hatten, so sehen es zumindest viele verschleierte Frauen unter den damaligen Opfern, dann ist es darin zu sehen, dass endlich die Tür zu einer öffentlichen Debatte über das Phänomen der sexuellen Belästigung in Ägypten aufgestoßen worden war. NGOs und Frauengruppen rührten in der noch frischen Wunde und starteten eine Kampagne, um die Diskussion am Leben zu erhalten. Bei diesen Kampagnen ging es darum, Frauen über ihre Rechte aufzuklären und ihnen, aber auch den Männern, klarzumachen, wie ernst diese Übergriffe zu nehmen sind und dass die Gesellschaft als Ganzes sich dem Problem stellen muss. Auf diese Art stellten sie das Phänomen der sexuellen Belästigung auch in den Kontext anderer drängender gesellschaftlicher Probleme wie der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Marginalisierung sozialer Gruppen, wiesen zugleich aber auch auf die Tatsache hin, dass das durchschnittliche Heiratsalter stark angestiegen ist. Zudem wurde darauf verwiesen, in welcher Weise eine vor allem männlich geprägte, chauvinistische Kultur zu einer immer stärkeren sexuellen Repression geführt hat, wie auch zu einer Aufweichung familiärer Werte und Moralvorstellungen.

Allah möchte, dass Du den Schleier trägst: ‚Entweder Du trägst den Schleier – oder Du wirst von den lüsternen Blicken der Männer verschlungen‘, so der Text des Plakats im Wortlaut. Die Zeitschrift Kalimatina („Unser Wort“) startete die Kampagne „Respektiere dich selbst“ und das Ägyptische Zentrum für die Rechte der Frauen stellte die Aktion „Sichere Straßen für alle“ vor. In Zusammenarbeit mit mehreren Medienkanälen, sowohl aus dem Printbereich wie aus den visuellen Medien und dem Internet, ging es in diesen Aktionen darum, die ägyptische Jugend über die Gefahren dieser Praktiken aufzuklären und um die Forderung nach Gesetzen, um sexuelle Belästigungen stärker zu kriminalisieren. Auch wurden Polizeistationen besser auf solche Vorfälle vorbereitet und Polizisten wurden für den Umgang mit sexuellen Belästigungen geschult.

Im Zuge dieser breit angelegten Kampagne erschien eine Studie unter dem Titel „Wolken am Himmel von Ägypten: Sexuelle Belästigung – Von verbalen Angriffen bis zur Vergewaltigung“. Die Studie untersuchte eine Stichprobe von 2500 Frauen und 2200 anderen Personen (zu gleichen Teilen Frauen und Männer) sowie eine Gruppe von 109 ausländischen Frauen. Die Ergebnisse waren schockierend: 98% der ausländischen Frauen und 83% der ägyptischen waren schon einmal Opfer sexueller Belästigung – fast Zweidrittel der Männer gestanden, Frauen schon einmal belästigt zu haben.

Gegen-Kampagnen: Auf der anderen Seite versuchten konservative und religiöse Gruppen, das Thema für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. In verächtlicher Weise griffen sie dabei die Würde der Frauen an, indem sie die Schuld für die sexuellen Belästigungen eben bei den Frauen suchten. Sie gingen dabei sogar so weit, sich auf die Seite der Angreifer zu schlagen und rechtfertigten deren Taten. Nicht darum, die Opfer und ihre Rechte zu schützen, ging es ihnen, sondern eher um das Gegenteil. Zwei schlagende Beispiele hierfür waren Plakate, die von diesen Gruppen in einigen Straßen aufgehängt und in vielen islamischen Blogs und Websites veröffentlicht wurden. Das erste Poster zeigte zwei gegenübergestellte Bilder. Das Bild auf der rechten Seite ist in grün gehalten und zeigt eine Frau mit einem Schleier, der mit Bildern von Moschee-Minaretten übersät ist.

„Sichere Straßen für Alle!“: Nach den Übergriffen von 2006 gab wurden in Ägypten mehrere Aufklärungskampagnen gegen sexuelle Gewalt auf den Weg gebracht. Am unteren Ende des Bildes ist ein grün eingewickeltes Bonbon zu sehen und darunter steht, dass Gott verschleierten Frauen ihre Sünden vergeben wird. Das Bild auf der linken Seite dagegen, in einem Rotton gehalten, zeigt eine unverschleierte Frau und einen Mann. Unter dem roten Bonbon in zerrissenem Papier ist eine Warnung an Frauen vor moralischen Fehltritten zu lesen. Das zweite Poster nimmt das Thema der Frau als sexuellem Objekt auf, indem sie als Lolli dargestellt wird, der nur dann vor Fliegen (also den Männern) geschützt ist, wenn er mit Einwickelpapier (also dem Schleier) versehen ist. Unter dem Bild zweier Lollis, einer eingewickelt, der andere offen und mit ihn umschwirrenden Fliegen, findet sich eine religiöse Warnung, die feststellt, dass eine unverschleierte Frau sich nicht zu schützen vermag – denn Gott, der Schöpfer, weiß, was zu ihrem Besten sei, weshalb er verlange, dass sie sich verschleiern solle. Diese Botschaften verraten eine verstörende Ideologie und Geisteshaltung, in der Frauen als bloße Objekte männlichen Vergnügens gesehen werden, mit der alleinigen Aufgabe, den körperlichen Bedürfnissen und Fantasien der Männer dienstbar zu sein, und das auch noch im Interesse der Religion. Indem Frauen dazu genötigt werden, sich in der Öffentlichkeit zu verhüllen, wird zugleich ihre Entscheidungsfreiheit in Bezug auf ihre eigene Sexualität in Abrede gestellt. Die Botschaften suggerieren, dass die Ausbreitung der sexuellen Belästigung verknüpft ist mit der Weigerung den Schleier zu tragen, so dass die Frau, die keinen trägt, selbst verantwortlich ist für die sexuelle Belästigung, die ihr widerfährt.

Eingreifen der Justiz: Die öffentliche Diskussion über die sexuelle Belästigung wäre aber auf die Medien beschränkt geblieben, auf die Kampagnen und die Gegen-Kampagnen, hätte es nicht den Mut der jungen Filmregisseurin Noha Rushdi Saleh gegeben. Ein Lastwagenfahrer griff sie an und belästigte sie, als sie gerade vom Flughafen kam, und das, obwohl sie sogar in Begleitung war. Der Übergriff fand in einer Straße in der Nähe ihrer Wohnung im Al Karba-Viertel statt. Der Fahrer näherte sich ihr mit seinem Wagen, streckte seine Hand nach draußen, riss sie gewaltsam an sich und berührte ihre Brüste, bis sie schließlich hinfiel und er schnell davonfuhr, wobei er noch spöttisch auf sie zurückblickte.

Laut Saleh war gerade dieser Blick zurück ein wichtiger Grund, der sie zur Entscheidung brachte, sich an das Gericht zu wenden, um ihre Rechte einzuklagen. Sie schrie und war so wütend, dass sie dem Fahrer hinterherrannte. Dank des starken Verkehrs gelang es ihr, ihn einzuholen, sich dem Lastwagen in den Weg zu stellen und um Hilfe zu rufen. Den dabeistehenden Fußgängern erklärte sie, was passiert war. „Ich konnte nicht glauben, dass einige von ihnen bereit waren, dem Fahrer zu helfen davonzukommen. Andere boten ihre Hilfe an und sagten, dass sie den Fahrer dazu bringen wollten, sich bei mir zu entschuldigen. Ich fragte sie, warum ich mit einer Entschuldigung zufrieden sein sollte, schließlich sei er mir nicht einfach nur über den Fuß gefahren. Einige fragten mich, was ich denn wolle und ich antwortete, dass ich ihn der Polizei melden würde. Ein anderer wollte daraufhin von mir wissen, was ich dort überhaupt inmitten einer Gruppe von Männern zu suchen habe. Auf den umliegenden Balkonen standen Menschen, die auf mich sahen, als wäre alles eine Szene in einem Film. Eine Frau sagte zu mir ‚Genug, Mädchen, vergebe ihm.‘ Das lehnte ich aber ab und beharrte auf meiner Absicht“. Ihr juristischer Hintergrund gab Noha die Kraft, auf ihrem Recht zu bestehen und es gelang ihr nicht nur, einen Polizeibericht erstellen zu lassen, sondern den Täter auch vor Gericht zu bringen. Mit Unterstützung ihres Vaters erreichte sie es, dass die Gerichtsverhandlung öffentlich stattfinden konnte, was ihr wichtig war, um die ägyptische Öffentlichkeit und das Justizsystem wachzurütteln und sensibler für das Thema der sexuellen Belästigung zu machen.

Nagel im Sarg der sexuellen Belästigung: Am 21. Oktober 2008 verurteilte der Strafgerichtshof für den nördlichen Teil Kairos unter dem Vorsitz des Richters Shawqi al-Shalqani den Angeklagten Sharif Jouma Jebril zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zu einer Geldstrafe von 5001 ägyptischen Pfund. Noha stellte sich den Fernsehkameras und erklärte, dass das Gerichtsurteil ihre Selbstachtung wiederhergestellt hätte. Die Justiz sei ihrer Verantwortung nachgekommen und hätte allen Töchtern des Landes den Weg geebnet, um auch ihnen zu ermöglichen, auf ihren Rechten zu bestehen und gleichzeitig hätte die Justiz damit den ersten Nagel in den Sarg der sexuellen Belästigung geschlagen. Und doch konnte das Urteil nicht verhindern, dass es in der Folge zu einer bösartigen Kampagne gegen Noha Rushdi Saleh kam, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellte. Ihre Kritiker beschuldigten sie, den Ruf Ägyptens zu beschmutzen und wiesen auf ihre israelische Staatsbürgerschaft hin, die sie besitzt, da ihr Großvater zu den palästinensischen Flüchtlingen gehörte, die nach Ägypten auswandern mussten. Doch ihr Mut hat deutliche Spuren in der ägyptischen Gesellschaft hinterlassen. Noha wollte ihre Sache unbedingt bis zum Ende führen und ein Urteil in ihrem Sinne erreichen. Sie wird dafür in Erinnerung bleiben, dass sie sich an die Spitze eines langen und schwierigen Kampfes stellte: den Kampf für eine Zivilgesellschaft, für die die Würde und die Rechte der Frauen immer ein unverbrüchlicher Teil ihrer gesamten Ziele und Hoffnungen sind.

 

6 Responses to “Sexuelle Belästigung in Ägypten – Der Schleier des Schweigens”

  1. Bazillus Says:

    „Als ich diese Bilder im Netz sah, weinte ich“, sagt Angie Ghozlan.„Ich fühlte mich, als würde etwas in mir explodieren. Ich dachte, dass wir Frauen keinen Wert haben und ich das nicht mehr ertragen kann“. Sie sollte den Koran lesen und mal gezielt nach den rechtlichen Ungleichstellungen der Frau dort blättern. Dann wird sie auch den Grund der Geringschätzung der Frau in der Gesellschaft erkennen.

    Solange Frauenorganisationen nicht strikt gegen urkoranische Regeln ankämpfen und den Islam selbst nicht kritisch hinterfragen, wird das alles im Sande verlaufen. Diese koranischen Inhalte sind der Ursprung allen islamischen Übels.

    Ich behaupte nun wirklich nicht, dass bezüglich der Frauen hier in Europa alles zum Besten läuft. Wirklich nicht. Aber hier wird wenigstens Kritikwürdiges auf den Tisch gebracht.

    Tja, genau da ist das Problem. Der Wert der Frau im Islam. Alle Islamvertreter vertreten die Meinung, die Frau sei im Islam besonders geschützt durch ihre Kleidung, durch die Umma usw. Leider ist das nur ein Teil der Wahrheit. Genau diese Umma ist es, die der Frau Fesseln anlegt, die der Frau vorgaukelt, dass sie angesehen sei. Letztlich ist sie rechtlich minderwertig.

    Wer Unrecht, sprich die rechtliche Ungleichstellung von Frauen, von Religions wegen, zu Recht erklärt, wer also Frauen auf göttliches Geheiß bei „religiösen“ Vergehen schlagen darf, wer der Frau Intelligenz abspricht, da sie ja nicht einmal allein eine Zeugenaussage vor Gericht in der Lage ist zu machen, ja, wer sogar die Frauen in der Mehrheit in der Hölle sieht, wer die Frauen in der Moschee nicht gleichberechtigt beten lässt, wer der Frau sogar unterstellt, „männliche Gebete ungültig zu machen, wenn sie die Quibla (Gebetsrichtung Mekka) durchkreuzt, wer die Frau kaufen (Morgengabe!!!) und zwangsverheiraten (Nichtssagen der Braut wird als Zustimmung zur Ehe gedeutet = für mich ist das Zwangsheirat = gekaufte Dauervergewaltigung) darf, wer die Frau unter Schleier und Kopftuch zwingen darf, der kann keinen Respekt vor Frauen haben. Er kann sie nicht einmal lieben lernen, da sie letztlich rechtlich minderwertige Wesen sind und elendige Männer sich grundsätzlich „überlegen“ fühlen.

    Die Auswirkungen solchen Denkens sehen wir in diesem Artikel vorzüglich schriftlich niedergelegt. Wie wahr.

  2. Gerhard Katz Says:

    Tja, zwei Ziegelsteine an der richtigen Stelle zusammenklappen! Das hilft…

  3. halil Says:

    Hier ein guter Bericht vom ZDF.Jede frau wird belästigt egal ob Kopftuch oder Burka!

  4. anne Says:

    richtig, eine männlich geprägte, chauvinistische kultur zeigt sich als eine `kultur der belästigung` gegenüber frauen. eine mind. 4ooo jahre patriarchalische propaganda wird heute weiter versucht mit macht durchzusetzen. es spricht nicht gerade für das `männliche` geschlecht, wenn behauptet wird, frauen , die nicht ins patriarchalische weltbild passen, könnten freiwild sein – das transportiert ebenso ein negatives weibliches wie männliches bild – ich empfinde das als eine menschenverachtende einstellung, ein misogynes weltbild derjenigen, die kopftuch, burka, schleier etc. fordern. aufklärung über das tabuthema `sexualität` tut not, wie es seyran ates in ihrem buch `die sexuelle revolution` angesprochen hat.
    bisher haben überwiegend frauen/organisationen gegen die unsichtbarmachung der frau gekämpft – es spricht nicht für die männer, dass diese sich passiv verhalten, frauen nicht oder nur selten gegen diskriminierung, stigmatisierung mit unterstützen – wollen sie weiter als sog. `sex-monster` stigmatisiert, eingeschätzt werden, die beim anblick einer weiblichen haarpracht meinen über frauen herfallen zu können?
    religion sollte eine privatsache sein . es heisst, der `koran wurde von fanatischen alten männern interpretiert. hatten wir das nicht auch im christentum? haben nicht auch hier fanatische (alte) männer zig beweise geliefert hinsichtlich ihrer frauenfeindlichkeit? der islam nimmt konvertiten aus anderen religionen gerne in seine reihen auf – nur im umgekehrten fall können muslimInnen mit schlimmen repressalien rechnen. auch das entspricht nicht einem menschenrecht .sondern verstösst dagegen..

    http://dastandard.at/1297818369788/daStandardat-Diskussion-Der-Koran-wurde-von-fanatischen-alten-Maennern-interpretiert

  5. Rojas Says:

    Es gibt ein Recht auf Sex auch für Unverheiratete.


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