kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Christen zwischen zwei Welten 21. Mai 2010

Filed under: Kirche — Knecht Christi @ 23:20

Wie sich Staaten und Kirchen auf die neuen Migrationswellen einstellen müssen

       Wirkungen der Migration sind nachhaltig. Sie mischen religiöse Traditionen und demografische Strukturen auf. Die Südküste Spaniens hat alles, was eine Grenze zwischen zwei Welten ausmacht: eine Million Grenzüberquerungen pro Jahr, viele illegal; sklavenähnliche Arbeitsbedingungen für die Halblegalen von der Feldernte bis zur Prostitution; Abschiebe-Kerker für jene, die erwischt wurden; Strände, an denen die Leichen von Bootsflüchtlingen anlanden; und viele, meist kirchliche Helfer, die den Überlebenden beistehen. An dieser kontinentalen Bruchlinie haben jetzt kirchliche Migrationsexperten aus 22 Ländern Europas eine „Botschaft von Málaga“ verabschiedet, in der sie eine Öffnung der Migrationspolitik fordern. Sie berufen sich auf die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. Die Argumentation ist einfach. Da eine Abschottung Europas gegen die Armen und politischen Flüchtlinge nicht möglich ist, müssen sich Staaten und Kirchen auf die Veränderungen einstellen, die diese gewaltige Wanderungswelle mit sich bringt. Sie sollten die Logik der Barrieren und der Ausgrenzung aufgeben und auf Integration setzen. Mehr noch: Sie sollten diese Integration so gestalten, dass die Einwanderer ihre Identität behalten können und nicht zur Unterordnung unter eine „herrschende Kultur“ des Gastlandes gezwungen werden.

       Die katholische Kirche hat mehr Erfahrung mit Migration als jeder andere. Priester begleiteten schon vor 500 Jahren Auswanderer nach Lateinamerika, im 19. Jahrhundert kamen die Emigrantenwellen der Iren, Italiener und Polen mit ihren Geistlichen in die USA, im 20. Jahrhundert machten es katholische Vietnamesen und Filipinos genauso. Aus dem Erfahrungsschatz schöpfen Kirchenleute, wenn sie eine offene Migrationspolitik fordern und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung der europäischen Regierungen und der meisten christlichen Politiker stellen. Der Konsens der Staatenlenker sieht unkontrollierte Einwanderung als Bedrohung. Ihre Angst: Durch massiven Zuzug von Fremden könnte der kulturelle, religiöse und soziale Zusammenhalt der europäischen Staaten erodieren. Das kann viele Wähler in die Arme fremdenfeindlicher Rechtspopulisten treiben. Diese „Kollateralschäden“ der Migration wollen sie vermeiden. Doch nicht nur die Regierungen sprechen von Kollateralschäden. Auch die kirchlichen Migrantenfreunde können ein Lied davon singen.

Sie beschreiben die Folgen der Ausgrenzung und der Illegalisierung: Millionen von Familien werden auseinandergerissen. Entwurzelte und illegale Einwanderergruppen werden Opfer des organisierten Verbrechens und bilden selbst einen Nährboden für Kriminalität. Milliardensummen werden in Afrika vernichtet, um Schlepper nach Europa zu finanzieren, Tausende verlieren ihr Leben im Mittelmeer. Einig sind beide Seiten darüber, dass die Migration längst zur dramatischsten Facette der Globalisierung geworden ist. Verglichen mit den Fieberkurven der Finanzmärkte, deren Krisen rasch überwunden werden können, sind die Wirkungen der Migration „nachhaltig“. Sie mischen demografische Strukturen und religiöse Traditionen auf, verändern das Gesicht ganzer Gesellschaften. Der neue demografische Faktor wirft Fragen auf, die allein aus der Erfahrung der Kirche mit früheren Migrationswellen nicht beantwortet werden können. Die Demografie führt Christen in ein Dilemma: Wenn die alten Völker Europas weiter schrumpfen und die Immigrantenzahl wächst, werden die Verwerfungen heftiger – vor allem dann, wenn die Migranten keine Christen sind. Müssen also christliche Politiker und Kirchen so weit gehen, dass sie im Extremfall auch eine schrittweise Islamisierung hinnehmen? Kann die Caritas, die ihrem Wesen nach universell ist, jetzt nur noch selektiv angewandt werden? Noch haben sich die kirchlichen Migrationsexperten diesen Fragen nicht gestellt, da drängt in Deutschland schon ein ganz anderes Problem.
 
       Hierzulande hat die christliche Nächstenliebe in ihrer säkularisierten und verrechtlichten Form – den staatlichen Transferleistungen für Bedürftige – ein Ausmaß erreicht, das der Migration eine ganz neue Dynamik verleiht. Wenn die jüngsten Berichte zutreffen sollten, wonach in Deutschland die Mehrzahl der Migranten nicht durch Arbeit zur Mehrung des Wohlstandes beiträgt, sondern am Tropf staatlicher Leistungen hängt, ist selbst die klassische kirchliche Migrantenfreundlichkeit mit ihrem Latein am Ende. Den deutschen Spezialfall eines „Sozialstaats mit eingebauter Wohlfahrtsgarantie“ zu reformieren, bevor er durch Ausnutzung implodiert, ist auch Christen erlaubt – mehr noch: Es ist eine moralische Pflicht.

http://www.merkur.de/2010_18_leiter_zuwanderung.41949.0.html?&no_cache=1

 

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