kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Ideologie an der Uni – notfalls mit Gewalt 18. Mai 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 00:32

Angst und Gewalt statt Bildung und Freiheit: An der Punjab-Universität (genau wie an den ägyptischen Universitäten) im pakistanischen Lahore haben sich Islamisten ausgebreitet. Sie gehen gegen alles vor, was sie als sittenwidrig empfinden – notfalls auch mit Schlägen. Studenten und Professoren sind eingeschüchtert.

       Der Campus der Punjab-Universität in Lahore: Die staatliche Hochschule ist eine der renommiertesten Pakistans. Liberal, säkular, ko-edukativ. Doch seit geraumer Zeit treiben hier selbsternannte islamistische Sittenwächter ihr Unwesen. „Die Wirtschaftsfakultät ist eine Hochburg der Studentengruppe Islami Jamiat e Taliba“, erläutert der Student Bilal. „Da werden Studenten und Studentinnen längst getrennt unterrichtet“, weiß sein Freund Achmed. Aus Sicht der Islami Jamiat e Taliba gehört es sich nicht, dass Männer und Frauen gemeinsam lernen oder auch nur unbefangen ein paar Worte miteinander wechseln. Musikunterricht geht der Gruppe ebenso gegen den Strich wie westliche Softdrinks und gemeinsame Speisesäle.

Chauvinistisch und intolerant: Die Rhetorik der Islamisten ist anti-westlich, chauvinistisch und intolerant – und sie setzen sich durch: In vielen Teilen des Campus bestimmen sie, wo es lang geht. „Wenn an der juristischen Fakultät Jungen und Mädchen zusammen sitzen würden“, sagt Bilal, „dann wären innerhalb von Minuten 15 Typen mit Bärten und in Pluderhosen und langen Hemden da und würden die Leute zusammenschlagen oder zumindest warnen“. Rektor Mujahid Kamran beunruhigen die Vorgänge an seiner Universität: „Diese Gruppe hat schon immer Gewalt angewandt. Die schlagen Studenten zusammen und schüchtern Angestellte und Dozenten ein“, sagt Kamram. Zwei Professoren der Punjab-Universität haben die Islamisten in den vergangenen Wochen überfallen: einen Lehrbeauftragten für islamische Studien überwältigten sie, zogen ihn aus und fotografierten den wehrlosen Mann. Mit den Aufnahmen wollten sie ihn erpressen. Seine Auslegung des Islam war ihnen nicht orthodox genug. Ein anderer Dozent hatte Mitglieder von Islami Jamiat e Taliba wegen Gewalttätigkeiten vom Unterricht ausgeschlossen. Kurz darauf drangen Schläger in sein Büro ein und verprügelten ihn.

Eingeschüchtert und machtlos: „Reaktionär, orthodox, faschistisch“ – so beschreibt Professor Shaista Sirajuddin die Studentenorganisation und deren Mutterpartei Jamiat e Islami, die älteste und wichtigste religiöse Partei Pakistans. Nur wenige Studenten und Dozenten würden sich noch gegen die Einschüchterungen zur Wehr setzen, sagt die Leiterin des Fachbereichs Englisch. Ihre beiden Kollegen, die so handgreifliche Erfahrungen mit den Rowdys gemacht haben, haben ihre Telefone abgestellt und empfangen keine Besucher mehr.
Dabei sind die Islamisten nur eine winzige Minderheit unter den 30.000 Studenten der Punjab-Universität: Rektor Kamram schätzt den harten Kern auf nicht mehr als 40, 50 Studenten, ihre Anhänger auf einige hundert. Doch diese sind gut vernetzt: „Viele heutige Dozenten waren selbst mal in der Jamiat e Taliba. Jetzt sind die weit oben in der Hierarchie, manche sind Dekane. Und sie haben gute Verbindungen zu der Partei, der Jamiat e Islami“.

Dozenten beugen sich dem Druck: Die Grundlagen wurden in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gelegt. Der Diktator Zia al Haq durchsetzte das pakistanische Erziehungswesen mit Islamisten, um eine gemeinsame pakistanische Identität zu schaffen. Auch an der Punjab-Universität. Längst beugen sich selbst Dozenten, die nichts mit den Islamisten zu tun haben, deren Druck, sagt Shaista Sirajuddin: „Da werden Gebetssitzungen und Predigten in den Fachbereichen zugelassen und aktiv Studenten gefördert, die Mitglieder dieser Gruppe sind. In manchen Fachbereichen sind die Islamisten federführend bei akademischen Veranstaltungen und die Verwaltung stellt sich blind“. Genauso mächtig wie Gewalt ist nämlich die andere Waffe der Jamiat e Taliba: Wer sich ihr widersetzt, wird als unislamisch gescholten. „Das rührt an Pakistans Gründungsmythos“, erklärt Shaista Sirajuddin. „1947 vom hinduistischen Indien abgespalten als Heimstatt für Muslime, hat die pakistanische Gesellschaft, die sich in weiten Teilen als säkular begreift, es versäumt, das Verhältnis von Staat und Religion zu definieren. Säkulares Denken und säkulare Regierung haben in Pakistan einfach nicht Wurzeln geschlagen. Der Begriff ’säkular‘ wird fälschlicherweise mit ‚unislamisch‘ gleichgesetzt“.

Stipendien als Lockmittel: Viele Studenten sind weder mit dem Denken noch den Methoden der Jamiat e Taliba einverstanden, erzählt Bilal. Trotzdem hat die Organisation Zulauf: Schüchterne Erstsemester vom Lande lockt Jamiat e Taliba mit Stipendien und Vergünstigungen. Jungen Lehrkräften verspricht die Organisation Karriereförderung. Ihre Bollwerke sind die Wohnheime der Universität, dort führt die Gruppe das Regiment. So ist es einer intoleranten, aggressiven Minderheit gelungen, die offenere, friedliche Mehrheit zu terrorisieren – wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen Pakistans.

Die Polizei greift nicht richtig durch: Linksliberale Dozenten wie Shaista Sirajuddin sehen es mit Grausen. Die Punjab-Universität, sagt die Englisch-Professorin, sei längst kein Ort des freien Gedankenaustauschs mehr. „Liberalität, echtes Engagement für akademische Arbeit gibt es hier nur noch in Nischen“, sagt sie. Der Universitätsverwaltung wirft sie Lethargie vor, Rektor Kamram verweist dagegen auf sein geringes Budget und auf die Zurückhaltung der Polizei: Nach den Übergriffen auf Dozenten wurden mehrere Islamisten festgenommen. Nicht jedoch der Rädelsführer, dessen Vater ein einflussreicher Politiker ist.
Trotzdem will Kamram sich der Islami Jamiat e Taliba entgegenstemmen, wo es geht. Denn er ist sich sicher: „Den Islamisten geht es um die Macht – an dieser Universität, in Pakistan und anderswo“.

[Bildunterschrift: Bärte, lange Hemden, gewaltbereit – vor solchen Kommilitonen haben Studenten in Pakistan Angst. Das Archivbild zeigt Islamisten bei einer Kundgebung in Lahore im Jahr 2005]
Von Sabina Matthay, ARD-Hörfunkstudio Südasien

 

2 Responses to “Ideologie an der Uni – notfalls mit Gewalt”

  1. Bazillus Says:

    Dieses Verhalten hat System. Und genau diese Taktik macht den Islam so gefährlich. Einige Brandstifter halten das Feuer durch Erpressung und Gewalt am lodern, so dass sich die breite muslimische Masse mehr und mehr peu à peu diesen Radikalen Irregeleiteten beugt und diesen letztlich folgt, nur um Ruhe zu haben und keine Diskriminierungen erleiden zu müssen. Als Spähtrupp kommen gemäßigte Muslime, die in Form von Vertretern gut Wetter machen, hinter ihnen reisen die Hardliner ein, die die moderaten mehr und mehr in den Bann deren Hardliner-Ideologie ziehen.

    Dieses Modell wird auch in Europa von den Fundis verfolgt, denn die haben einen langen Atem und unsere Politikerelite denkt nur an eigenen Machterhalt bis zur nächsten Wahl. Das ist der gravierende aber letztlich entscheidende Unterschied.

  2. Jonny Says:

    Vielen Dank für den spitzen Post. Ich war letzte Woche bereits mal auf dem Blog hier. Mal sehen, unter umständen weist mich die große Suchmaschine ja noch mal hier her.


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