kopten ohne grenzen

Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Ich war Burka-Frau für einen Tag 10. Mai 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 14:19

Bild-am-Sonntag-Reporterin Katharina Nachtsheim lief einen Tag lang lief mit einer Burka durch Berlin. Ein Selbsterfahrungsbericht zur aktuellen Diskussion.

Ich werde rot, aber niemand sieht es. Ich will nicht mehr, dass die Menschen mich anstarren, ungläubig und geschockt. Ich will eine weite Welt, und nicht mehr nur diesen beengten Blick. Mein Sichtfeld ist eingeschränkt: 4,5 Zentimeter breit und 11 Zentimeter lang, der Blick geht nur geradeaus. Was links und rechts von mir passiert, bekomme ich nicht mehr mit. Die Fläche über meinen Augen ist aufgeteilt in 164 kleine Löcher, dazwischen hellblaue Gitterfäden. Ich spüre, wie die Wut in mir aufsteigt. Wütend. Wut, weil ich jedes Körpergefühl verloren habe und mein Selbstbewusstsein. Weil ich eingesperrt unter einem Stück Stoff bin, unter dem es stickig ist. 

       Die U-Bahn fährt ein, ich bleibe auf der Bank sitzen. Ich kann nicht mehr in den Wagen steigen, will nicht mehr in diesem Gewand durch Berlin fahren. Ich will nur noch raus, raus aus der Burka. Es wurde viel geschrieben und geredet diese Woche über die Vollverschleierung, nachdem Belgien das Tragen von Burkas verboten hatte. Und Silvana Koch-Mehrin (39, FDP), Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, beschrieb die Burka in der vergangenen Ausgabe der BILD am SONNTAG als massiven Angriff auf die Rechte der Frau und als „mobiles Gefängnis“.

Ist sie das wirklich? Ich wollte es wissen, wie es sich anfühlt, unter Stoff gefangen zu sein. Wie die Menschen in Deutschland, auf eine Frau reagieren, die für sich entschieden hat, aus religiösen Gründen, ihr Gesicht und ihren Körper nicht zu zeigen. Im Internetshop finde ich eine hellblaue Burka, asymmetrisch geschnitten, mit eingenähter flacher Kappe. Hinten fast bodenlang, vorne reicht sie bis zu den Handgelenken. Macht 49 Euro, der passende Rock kostet 10 Euro. „Dieses Model wird traditionell in Afghanistan getragen“, schreibt der Verkäufer auf seiner Website. Da eine Burka-Trägerin in der Regel nur in Begleitung eines Mannes das Haus verlässt, wird mein Kollege Ufuc während des Selbstversuches meinen Ehemann spielen. Ufuc ist in Deutschland geboren, seine Eltern sind Türken. Er selbst bezeichnet sich als Berliner und hat ordentlich Bammel: „Für die Menschen bin ich dann der böse Mann, der seine Frau in die Burka zwingt“, glaubt er.
 
       Als ich mich das erste Mal vollverschleiert im Spiegel ansehe, bekomme ich einen Schreck. Eine blaue Säule, denke ich. Nichts mehr von mir ist da. Niemand erkennt mich unter dem Stoff. Mich als Frau gibt es nicht mehr, ich bin nur Schleier. Es kostet mich Überwindung, so auf die Straße zu treten. Ich laufe langsam, immer ein paar Schritte hinter Ufuc, den Kopf gesenkt. Das Sichtfeld ist so stark eingeschränkt, dass ich ständig aufpassen muss, wohin ich trete. Bordsteine werden zu Stolperfallen. Ich bin froh, dass Ufuc mir beim Überqueren der Hauptstraße hilft. Überhaupt bin ich froh, dass Ufuc da ist. Ich möchte nicht alleine sein, fühle mich hilflos.

    Wir gehen die Treppe zur U-Bahn hinunter. Die Menschen, die uns entgegenkommen, zucken zusammen. Schauen uns an, drehen sich fast panisch weg. Ich senke den Kopf, husche auf den Bahnsteig und stelle mich hinter einen Fahrkarten-Automaten. Ufuc kauft die Tickets. Seltsam, denke ich, in meiner Burka wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, mir selbst das Ticket zu ziehen. Völlig klar, dass mein „Mann“ das jetzt für mich erledigt. Die Bahn kommt, die Türen öffnen sich, wir steigen ein. „Oh Gott, guck mal die da an“, flüstert ein Mädchen mit Zahnspange und pinkfarbenen Fingernägeln. Ihre Freundin in bunten Leggins schüttelt den Kopf: „Echt krass“. Ich balle die Fäuste unter meinem Gewand. Beruhige dich, sage ich mir.

       Beim nächsten Halt wird ein Platz zwischen zwei Frauen frei. Normalerweise hätte ich mich gleich hingesetzt, heute traue ich mich nicht. Die wollen vielleicht nicht neben mir sitzen, was soll ich machen, wenn eine aufsteht oder – noch schlimmer – mich anspricht? Von meinem Selbstbewusstsein ist kaum mehr was übrig. Bevor wir losgegangen sind, habe ich noch damit geprahlt, dass mir die Blicke egal sein werden. Mich erkennt man ja nicht, ich kann cool sein. Jetzt stehe ich an die Wand der U-Bahn gepresst. Total isoliert, niemand hier ist so wie ich. Mein Atem geht schneller, ich kriege keine Frischluft, der Stoff, schreckliches Polyester, ist im Weg. Das Kopfteil der Burka juckt an der Stirn, ich fange an zu schwitzen, fühle mich körperlich unwohl, will mich in Luft auflösen. „Ich muss hier raus“, sage ich zu Ufuc und steige beim nächsten Halt aus, lasse mich auf die Bank fallen. Eine Gruppe Jugendlicher, männlich und angetrunken, sieht mich und ruft: „Ausziehen, ausziehen“. Und einer grölt, es überrascht mich schon nicht mehr: „Die soll zurück in ihr Land“. Ufuc und ich brauchen Pause von der Burka. Ich packe das Stück Stoff in die Handtasche, plötzlich gehören wir wieder dazu; bestellen Kaffee, wie alle anderen Jeansträger auch. „Ich könnte nie eine verschleierte Freundin haben“, sagt Ufuc.

„Was bist du denn für eine blaue Mumie“, sagt eine Frau!

Ich könnte auch die Blicke der Menschen nicht aushalten. Ich denke über die Reaktionen nach: Vor allem junge Frauen zeigen deutlich, was sie von der Vollverschleierung halten. Wie kannst du nur so ein Leben leben, fragen ihre Augen. Wie kannst du es ertragen, geduckt hinter deinem Mann zu laufen? Dein Gesicht nie in die Sonne zu halten, nie den Wind im Haar zu spüren? Ich weiß, was sie denken, weil ich selbst so gedacht habe. Sackähnliches Gewand, das den Körper und das Gesicht vollständig verhüllt. Vor den Augen ist ein schmales Netz. Die meist blauen Burkas werden traditionell in Nord-Afghanistan getragen. Unter den radikalislamischen Tailban mussten alle Frauen Burka tragen. Ich bin mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen, habe schnell gelernt, wie man sich gegen Jungs durchsetzt: Nicht klein beigeben, seinen eigenen Willen entwickeln und nie denken, man könne etwas nie erreichen, hat meine Mutter meiner Schwester und mir gepredigt: „Und lass dir nie von jemandem sagen, wie du dein Leben zu leben hast“.

       Ich ziehe die Burka wieder an, wir fahren zum Brandenburger Tor. Hinein in die Gaffer-Masse. „Was bist du denn für eine blaue Mumie“, sagt eine Frau zu mir und guckt mir direkt in die Augen. Schnell wende ich mich ab, bloß keine Konfrontation. In diesem Aufzug kann ich kein Kontra geben. Touristen machen Fotos von mir. Burka vor Brandenburger Tor – tolle Erinnerung fürs heimische Album. Erniedrigend für mich.
 
Was macht dieser Stoff bloß aus mir und den anderen? Die Menschrechtlerin Serap Cileli hat eine klare Meinung dazu: „Die Burka nimmt den Frauen alle Rechte und Möglichkeiten, am Alltag teilzunehmen“. Das Verhüllen sei praktizierter Sexismus und eine Straftat an den Frauen. „Die Burka ist ein Unterdrückungsmechanismus der Männer und kein religiöses Symbol“. Was steht über die Verschleierung im Koran? In Koransure 33, 59. Vers heißt es: „Oh Prophet, sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunter ziehen“. Wie weit dieser Überwurf herunter gezogen werden soll, ist allerdings Interpretationssache.
 
       Ufuc und ich gehen in einen Supermarkt, die Kassiererin redet nur mit Ufuc, würdigt mich keines Blickes. Auch eine Art, mit dem Unbekannten umzugehen. „Die Frauen in den Ländern kennen es ja gar nicht anders. Die sind das seit ihrer Kindheit gewohnt“, sagte ein Freund von mir, als ich ihm von dieser Geschichte erzähle. Er hat natürlich recht, dass meine Empfindungen während des Experimentes nicht auf alle Burka-Frauen übertragbar sind. Dass es anmaßend wäre, das Leben einer Muslimin, die Burka trägt, an einem einzigen Tag nachempfinden zu wollen. Aber dieser Tag hat mir gezeigt, wie abhängig mein Glück von meiner Freiheit ist. Die Freiheit, dass ich mich zeigen kann und darf, wie ich bin. Und dass ich wahrgenommen werde, als Mensch, und als Frau.
 
       Mit Schwung ziehe ich mir die Burka über den Kopf, diesmal für immer. Ich werde sie niemals wieder tragen. Aber vielleicht behalte ich sie. Denn Burka zu tragen, hat mich auch etwas gelehrt: Dankbarkeit, dass meine Welt keinen Schleier hat.

 BILD-am-SONNTAG-Reporterin Katharina Nachtsheim hockt in ihrer Burka in Berlin am U-Bahn-Steig – Foto: Niels Starnick

 

4 Responses to “Ich war Burka-Frau für einen Tag”

  1. Ingo Says:

    Ich finde als Mann, dass jeder das tragen sollte, was er möchte.

    Wenn Männer gerne Röcke tragen und Frauen Hosen sagt ja auch keiner was, obwohl die erste Variante auch zum Diskriminieren einläd.

  2. Felix Schmidt Says:

    Burka gehört nicht zu Europa. Daher ist dies abzulehnen.
    Ebenso wie Typen die Röcke tragen, wie mein Vorredner uns weißmachen will.

  3. einwohner Says:

    …dann müssen wir aber gut aufpassen, daß die Burka nicht hier eines Tages „ganz normal“ wird!


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